Berichte

Ein Festival voller Beats und Bohnen

  • Mit dreckigen Füßen, Sonnenbrand auf der Nase und vielen neuen eingespeicherten Telefonnummern im Handy sitze ich im Zug von Bad Vilbel nach Hause. Das beats + Bohne Festival der „Wir haben es satt!“ Initiative liegt hinter mir. Vom 20. bis zum 23. Juni wurde auf dem Dottenfelder Hof bei Frankfurt Main getanzt bis der Acker staubig und diskutiert bis die Wolken wieder lila waren.

    Ich bin schon am Dienstag angereist, um der Festival-Crew beim Aufbau zu helfen. 48h vor offiziellem Festivalstart stehen und hängen die größten Sachen bereits. Um 500 Menschen aber durchs Wochenende zu bringen, fehlt noch so einiges. Folglich werden bis spät in die Nacht Pfähle in die Erde geschlagen, Schilder gemalt und Lichterketten aufgehangen.

    © Lena Chiari / WWF
    „Also so etwas hat der Dotti noch nie gesehen.“, sagt Maggi mit einem Lachen, als sie die große Bühne mit dem schönen Namen „3 Morgen“ zum ersten Mal sieht. Maggi arbeitet schon viele, viele Jahre auf dem Dotti und ist so etwas wie die gute Seele des Hofes. Ihr haben wir es auch zu verdanken, dass wir während des Aufbaus nicht an der ein oder anderen Aufgabe verzweifeln, in den genau den richtigen Momenten kommt sie nämlich mit guter Laune und frisch gepflückten Erdbeeren vorbei.

    © Lena Chiari / WWF
     
    Was auf dem Dottenfelder Hof produziert wird, wird zu großen Teilen auch dort weiterverarbeitet. Es gibt eine hofeigene Bäckerei und Konditorei, eine Käserei und Ölpresse und einen Hofladen. In der Überlegung ist auch, eine eigene Schlachterei zu bauen, damit den Tieren und Landwirten der Weg zum 30 km entferntem Metzger erspart wird. Der Hof ist ein Demeter-Betrieb. Seit 1946 wird dort biologisch-dynamisch gewirtschaftet.

    Der Dottenfelder Hof wird 976 erstmals urkundlich erwähnt. Dieses Foto von 1900 zeigt die Hofeinfahrt. Quelle: www.dottenfelder-hof.de
    Somit bietet der Hof den perfekten Ort, um Visionen zu leben. Das Wir haben es satt! – Bündnis setzt sich für eine Agrarreform ein. Denn die Agrarindustrie ist mit dem Ziel, Bürger*innen mit preiswerten Nahrungsmitteln zu versorgen, auf ständige Expansion ausgerichtet. Höfe werden gezwungen, schneller und billiger mehr zu produzieren. Das derzeitige Motto lautet: Wachsen oder Weichen. Klein- und Jungbauern und -bäuerinnen werden in die Knie gezwungen und faire, ökologische Landwirtschaft erhält nicht die Förderung, die sie in diesen Zeiten so dringend braucht. Das wollen wir ändern! Das Wachsen einer Pflanze oder auch die Geschlechtsreife eines Tieres können nicht künstlich beschleunigt werden, ohne dass die Auswirkungen irgendwann zu spüren sind. Die Antwort der Natur auf Monokulturen, Pestizide und Massentierhaltung sind Insektensterben, verschmutztes Grundwasser, ungesunde Böden und ein sich erwärmendes Klima. Wollen wir in Zukunft Artenvielfalt, ein intaktes Klima und gutes Essen, muss sich die Poltik für eine zukunftsfähige Landwirtschaft einsetzen. Mehr zur Gemeinsamen Europäischen Agrarpolitik lässt sich hier nachlesen.
     
    Mit der Eröffnung jeder neuen McDonald`s Filiale, mit der Insolvenz eines weiteren Hofes, mit jeder Werbung für Billig-Preise beim Discounter geht ein Körnchen Hoffnung auf eine baldige Ernährungswende verloren. Denn nicht nur die Landwirtschaft muss sich ändern, wir brauchen auch ein neues bzw. eher ursprüngliches Verhältnis zu Nahrungsmittel zurück. Unsere Beziehung zu Essen ist genauso verkappt wie unser Verhältnis zu denen, die es produzieren.

    Mit jedem Menschen, der sich bei uns am Donnerstag mit einem Lächeln im Gesicht und einem Wanderrucksack auf dem Rücken sein Festivalbändchen abholt, gewinnen wir riesige Brocken Hoffnungen zurück.

    © Lena Chiari / WWF
    Am Samstag geht das Workshop-Programm los. Jonas und Kerstin aus dem Landwirtschaftsteam des WWF bieten den Workshop „Schweinische Fußabdrücke?“ an. In einer kleinen Gruppe haben wir uns dort mit den Umweltauswirkungen unserer heutigen Ernährung beschäftigt – Welche Fläche brauchen wir eigentlich für Gemüse, wie viel Fläche Soja verputzen unserer Kühe, wie läuft das eigentlich mit Fischfutter und wie viele Treibhausgase produzieren wir mit unserem morgendlichen Tee?

    © Lena Chiari / WWF

    Die Mahlzeiten während des Festivals werden von Fläming Kitchen zubereitet. Die mobile Aktionsküche kocht mit regionalen, natürlichen und fair vertriebenen Lebensmitteln, häufig auch mit Essem, das vor der Tonne gerettet wurde. Beim Schnippeln, Ausgeben und Spülen hilft jede*r mal mit.

    Voll vollem Magen geht es in die Aktivwerkstätten im Nachmittag. Lea und ich bieten Korbflechten an, eines der ältesten Handwerke überhaupt. Der Workshop findet so viel Anklang, dass wir am Ende zu wenig Material dabeihaben, sodass sich Leute mit dem Flechten der Körbe abwechseln.

    © Lena Chiari / WWF

    Wie die selbstgeflochtenen Behälter schließlich Verwendung finden, passt zur ausgelassenen Stimmung während des Workshops.
     
    Parallel zum Korbflechten findet der Markt der Initiativen statt. Bei der Vorbereitung des Programms haben wir uns im Trägerkreis überlegt, wie wir Menschen für unsere Verbände, Initiativen und Organisationen begeistern können. Heraus kam der Markt der Initiativen, bei dem zuerst die Organisationen in Kurzvorträgen vorgestellt werden. Anschließend präsentiert sich jede an einer Stellwand im Raum, an der die Ansprechpersonen mit den Interessierten ins Gespräch kommen. Beim Markt der Initiativen hat Anne die WWF Jugend vorgestellt. Außerdem dabei waren die BUNDjugend, die Slow Food Youth, die AöL, die jAbL, KLJB und das Ökojunglandwirte Netzwerk

    © Lena Chiari / WWF

    Kultur ist jeden Abend. Live-Bands finden Einzug bei „3 Morgen“ und spielen in den Sonnenuntergang hinein. Besonders empfehlen kann ich euch, mal bei Die Vagari und Chanson Trottoir vorbeizugucken.

    © Lena Chiari / WWF

    In der Dämmerung werden auf großen Leinwänden inspirierende Filme wie Thank You For The Rain gezeigt und bis in den Morgengauen gibt es im Felsenkeller Techno. Am Freitagabend legt eine DJ auf, die mir wahnsinnig gut gefällt. Einige Zeit später merke ich, dass sie zwar wie die meisten DJs Kopfhöher auf dem Kopf und eine Hand auf dem DJ-Controller hat, vor ihrem Bauch aber ein schlafendes Baby gespannt ist. Dieses Bild macht die Musik komplett. Als meine Waden langsam anfangen zu krampfen, mache ich eine kleine Pause und spaziere über das Gelände. Kleinigkeiten wie Origami-Kraniche schmücken die Wege, Tassen, Töpfe und Kochlöffel hängen von den Ästen und an jeder Ecke findet man Demo-Banner. Mich überkommt eine nächtliche Hungerattacke und ich mache mich auf den Weg zur Essensausgabe. Einigen anderen Festivalgängern geht es wie mir und die nette Dame von Fläming Kitchen belächelt uns mütterlich und macht den Bohneneintopf vom Abend nochmal warm. Und da sitze ich: Auf einem Hof, der zeigt, dass es geht. Umgeben von Menschen, die zeigen, dass es geht. Ich löffle meine Bohnen und lausche dem Bass der DJ, dessen Baby vermutlich immer noch schläft. Das ist also beats + Bohne.
     
    Am Samstag findet im Nachmittag ein Austauschformat statt, das sich als mein persönliches Highlight herauskristallisiert. Zusammen mit Lasse vom Ökojunglandwirte Netzwerk, Nelia von der Slow Food Youth, Saskia von Meine Landwirtschaft, Johanna von der AöL und mir von der WWF Jugend, diskutieren wir im Format des World Cafes zu Entscheidungskonflikten: Lieber die Bio-Gurke aus Venezuela und eingeschweißt oder die konventionelle Gurke aus der Region, die evtl. gespritzt ist? Biologische Kreisläufe – was ist die Kehrseite des Veganismus? Lieber Biomärkte ausbauen oder auf Lidl & Co zugehen? Ist ziviler Ungehorsam wichtig, um Veränderung zu bewirken oder gefährdet es den Rechtsstaat? In wirklich spannenden Diskussionen tauschen wir Geschichten, Meinungen und Wissen aus. Besonderen Dank gilt hierbei der Slow Food Youth, von denen die Grundidee stammt.

    Genau diese Kollaborationen, die zwischen den Jugendverbänden in Vorbereitung und während des Festivals stattfanden, ist so bereichernd für uns alle. Durch gemeinsame Projekte wachsen wir zusammen, können Netzwerke gegenseitig nutzen und Kräfte bündeln.

    Das Banner hat Wort gehalten: Zwischen springenden, stapfenden Beinen ließ sich ab zu ein Huhn auf der Tanzfläche erblicken Quelle: www.wir-haben-es-satt.de

    Während wir auf dem Dottenfelder Hof für eine Agrarwende geackert haben, wurde sich in Aachen und im rheinischen Tagebaugebiet für Klimaschutz und den Erhalt von Landschaften und Dörfern stark gemacht. Über die Sozialen Netzwerke gingen Solidaritätsgrüße raus. 

    Twitter: @WirHabenEsSatt2

    Noch nie war Essen so politisch, noch nie wurde eine faire und ökologische Landwirtschaft so gelebt wie in diesen Tagen. Die Art von Grinsen, mit der ich nach Tagen des (Kennen-)Lernen, Nächten des Tanzen und Stunden des Begeistern schließlich meine Mitreisenden im ICE anstecke, werde ich sobald nicht vergessen.

    Wenn ihr jetzt Bock auf Festivallaune habt und euch ärgert, beim beats + Bohne nicht dabei gewesen zu sein, hätten wir da was für euch. Im Sommer feiern wir die Change Days, bei denen es vier Tage lang um Veränderung, Aktivismus und Naturverbundenheit geht. Hol dir jetzt ein Ticket und freu dich auf Workshops, DJs, Live-Bands, Kino und Theater.

Kommentare

3 Kommentare
  • LeaJosepha
    LeaJosepha Vielen Dank für den tollen Bericht! Da war ja richtig viel los im kleinen Bad Vilbel!
    25. Juni 2019 - 2 gefällt das
  • Wallflower
    Wallflower Klingt wirklich richtig super! Danke für den Bericht
    26. Juni 2019
  • Cookie
    Cookie Danke für den wunderschönen Bericht! Die Stimmung auf dem Hof war echt super schön, total schade, dass ich es nur für einen kurzen Besuch geschafft habe.
    26. Juni 2019