Berichte

Ein halbes Leben mit dem Waldrapp: Johannes Fritz #interview

  • Ein Leben für den Waldrapp - Johannes Fritz ist der Mann hinter der Idee, die Idee Waldrappe mit einem Ultraleichtflugzeug über die Alpen zu führen. Er hat damals maßgeblich die Projektidee mitentwickelt und arbeitet seit 2002 mit diesem einen Vogel mit dem langen Schnabel. Heute ist er Projektmanager.

    »Ich hab mir nicht den Waldrapp ausgesucht und wollte mit ihm ein Wiederansiedlungsprojekt machen. Irgendwie ist der Waldrapp zu mir gekommen.«

    ----------------------------------------------------------------------------------------------------------------

    Johannes: Ich bin Johannes Fritz, komme aus Tirol, bin 50 Jahre alt Biologe und seit 2002 mit diesem Waldrappprojekt beschäftigt. Fast die ganze Zeit mit dieser einen Vogelart.

    Du bist ja Projektleiter – kann man so sagen oder?

    Johannes: Ich bin seit 2002 selbstständig als Biologe tätig im Bereich des Artenschutzes mit dem Waldrapp und hab eben den Auftrag dieses LIFE+ Projekt mit meinen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen zusammen zu managen.

    Was sind denn deine Tätigkeiten.

    Johannes: Die Gesamtkoordination des Projektes. Wir sind acht Partner, die das Projekt gemeinsam durchführen, aus Deutschland, aus Österreich und aus Italien. Es ist eine große Anzahl an Personen und Institutionen, auch räumlich groß, und das erfordert doch viel Koordination. Das ist meine Haupttätigkeit. Aber zum Glück bin ich auch noch aktiv mit den Vögeln tätig, weil ich einer der Piloten bin.

    Was war einer der besten Momente/Erlebnisse im Projekt?

    Johannes: Ein großes Highlight war als 2011 am 27.Juli der erste Waldrapp selbstständig zurück aus dem Winterquartier in sein angestammtes Brutgebiet, nach Burghausen in Bayern geflogen ist. Das war erstmals der direkte Beweis, für uns selber auch aber auch in der Kommunikation, dass das funktionieren kann, dass Waldrappe, die man mit den Fluggeräten in das Wintergebiet führt, tatsächlich dann als geschlechtsreife Vögel, drei Jahre später wieder zurückkommen um dann auch zu brüten. Das war der Vogel Goja, ein Weibchen. Das war so der Moment, dass wir gedacht haben: „Vielleicht kann das wirklich Realität werden, den Waldrapp hier in Europa wieder in die freie Wildbahn zu bringen.“
    Für uns alle ist es eine fantastische Chance, mit unserer Arbeit eine vor 400 Jahren ausgestorbene Vogelart wieder heimisch zu machen.

    Es gibt ja auch Gefahren für den Waldrapp – was muss noch geändert werden, dass Gefährdungen ausgeschalten bzw. minimiert werden?

    Johannes: Eine gewisse Mortalität gibt es immer, aber im Vergleich haben wir eine relativ geringe Verlustrate. In unserem LIFE+-Pojekt überleben ca. 65% der Jungvögel das erste Jahr. Im Vergleich überleben bei wilden Jungstörchen nur ca. 35% das erste Jahr. Wir haben also eine fast doppelt so hohe Überlebensrate. Das ist nicht so schlecht, aber jeder Vogel ist zu viel, zumal ein Großteil des Verlustes vom Menschen verschuldet ist. Wir verlieren unsere Vögel insbesondere durch illegale Vogeljagd in Italien und durch Stromschlag, wenn die Vögel auf ungesicherten Mittelstrommasten rasten.

    Das Positive daran ist, gegen diese Todesursachen können wir etwas unternehmen. Könnte der Waldrapp sich nicht gegen Greifvögel wehren, könnte man daran kaum etwas ändern und damit würde die Wiederansiedlung wenig Sinn machen. Aber das ist ja nicht der Fall, die Waldrappe kommen mit diesen natürlichen Gefahren gut zurecht. 
    Gegen illegale Vogeljagd in Italien sind wir sehr engagiert und das auch zunehmend mit Erfolg. Die Verlustrate durch illegale Jagd in Italien hat sich verringert. Aber es kommt immer noch zu Abschüssen und wir sind da weiter sehr aktiv.
    Seit diesem Jahr unternehmen wir auch etwas gegen den Stromtod. Man kann die Stromleitungen im Bereich
    der Masten isolieren dann sind diese gesichert. In Deutschland gibt es da ein gewisses Gesetz und über 90% sind gesichert. Dort ist das weitgehend kein Problem mehr. Aber in Österreich und Italien ist das noch ein großes Problem und wir versuchen nun gemeinsam mit den Stromnetzbetreibern Sicherungsmaßnahmen umzusetzen.

    Kann der Einzelne auch etwas für den Waldrapp oder das Projekt etwas tun kann?

    Johannes: Grundsätzlich kann eine Wiederansiedlung nur nachhaltig sein, wenn die Bevölkerung mitmacht und positiv eingestellt ist. Jeder der diesen Vogel sympathisch findet und das auch in seinem Umfeld kommuniziert, hilft dem Projekt. Natürlich gibt es auch konkretere Möglichkeiten. Zum Beispiel Patenschaften für die Vögel, diese Beiträge helfen uns das Projekt umzusetzen, das ist eine durchaus erfolgreiche Kampagne. Es gibt auch die Möglichkeit bei uns mitzuarbeiten. Wir haben jedes Jahr Mittelschüler, die uns in den Trainingscamps helfen, Öffentlichkeitsarbeit machen und dergleichen. Es gibt  auch eine sogenannte Taskforce, das sind Freiwillige, die in einem Kommunikationsnetz sind und uns darüber informieren, wenn Vögel in der Nähe sind oder auch zu einem Vogel hinfahren und nachsehen, wenn etwas unklar ist, also einfach helfen bei der Projektumsetzung. Es sind ja räumlich große Dimensionen, da können wir nicht überall sein.

    Ist ja kein 8/15-Job. Was gibt das Projekt und die Vögel zurück, die die Herausforderungen wett machen?

    Johannes: Ich denke für uns alle, die in diesem Projekt arbeiten, ist die primäre Motivation, dass diese Waldrappe wieder in freier Wildbahn leben können und wir so konkret etwas tun können gegen diesen Schwund der Artenvielfalt, der ja ein Hauptproblem unserer Zeit ist. Das inspiriert uns sehr stark. Unmittelbarer: der Vogel ist auf den ersten Anblick hin vielleicht ein wenig gewöhnungsbedürftig von seiner Optik her. Wenn man sich mehr mit ihm auseinandersetzt, ist er eine überaus faszinierende Tierart.

    Das können wir so unmittelbar erleben: sei es im Rahmen der Handaufzucht, bei den Flügen mit den Vögeln aber auch später, wenn sie in freier Wildbahn leben. Das gibt natürlich viel zurück. Motivation gibt uns auch die Begeisterung von so vielen Leuten, die das Projekt besuchen, die sich informieren, ins Trainingscamp kommen und mithelfen. Das gibt uns das Gefühlt, wir machen da nicht nur unseren Job, sondern wirklich etwas, das in unserer Gesellschaft wahrgenommen und auch wertgeschätzt wird und hoffentlich auch nachhaltig einen Effekt hat in Form einer wildlebenden Waldrapppopulation.

    ------------------------------------------------------------------------------------------------------------

     

    Könnt ihr euch vorstellen, was es bedeutet sein gesamtes Leben einer einzigen Vogelart zu verschreiben? Habt ihr noch Fragen an Johannes Fritz oder zum Projekt im gesamten - dann schreibt einfach!

Kommentare

1 Kommentar
  • Marcel
    Marcel Ein echt interessantes Interview! Johannes ist wirklich ein außergewöhnlicher Mensch. Als ich ihn kennenlernte, merkte ich sofort: Dieser Mann folgt seiner Leidenschaft. Das finde ich bewundernswert.
    6. Juni 2018 - 1 gefällt das