Berichte

Die Verantwortung eines/r Abiturienten/in

  • Bei meiner Abiturfeier habe ich mit einem Freund eine Rede über die Verantwortung eines/er Abiturienten/in in der heutigen Zeit gehalten. Herausgekommen ist ein aufrüttelnder Appell zum vernunftgeleiteten gesellschaftlichen Engagement!

    Wir durften im Nachhinein eine sehr positive Reaktion entgegennehmen, was Hoffnung macht, dass für relevante Themen unserer Zeit doch mehr Menschen ein offenes Ohr haben, als man bei einem Stadtspaziergang zu glauben denkt... Ich wünsche Euch viel Freude beim Lesen des entsprechenden Abschnitts. :-)

     

    (Bildquelle: Thaller - Abiturfotos Leopoldinum)

    Man darf gespannt sein, wie in diesen bewegten Zeiten die  Lebenswege unserer Mitschüler verlaufen werden – und auch wenn wir nicht alle, wie es sich unser Oberstufenkoordinator vielleicht wünscht, wahlweise militante Umweltschützer oder Bundeskanzler werden, so prägt uns doch alle der Wunsch, uns für eine bessere Welt einzusetzen. Was derzeit politisch und wirtschaftlich alles schief läuft, müssen wir hier wohl nicht extra aufzählen. Wie sich die Welt in Zukunft entwickeln wird, liegt nun auch in unseren Händen – es ist offensichtlich, dass wir diese also nicht in den Schoß legen dürfen.

    Deshalb muss man zwar nicht gleich die eigene Lebensweise und das Konsumverhalten komplett umstellen, aber die Bildung einer unabhängigen, eigenen und durchdachten Meinung ist unabdingbar – vor allem in dieser von Massenmedien geprägten Gesellschaft. Man wird von allen Seiten mit verschiedensten Informationen überflutet, und es fällt immer schwerer, aus dieser Flut das wirklich Richtige und Wesentliche  herauszufiltern. Umso wichtiger ist es, mit Besonnenheit und kritischem Geist  eine persönliche Weltsicht aufzubauen und dabei wieder mehr auf den gesunden Menschenverstand zu vertrauen.

    Jedem vernünftig denkenden Menschen muss klar sein, dass durch die tiefgreifende, schnelle Entwicklung der Menschheit in letzter Zeit gezwungenermaßen schwer kalkulierbare Risiken entstehen müssen, sei es für die Umwelt oder die Gesellschaft selbst. Hier ist etwas Demut vor den sich über Äonen eingependelten Abläufen in der Natur gefragt und dass die vom Menschen gemachten Strukturen keine solche Balance aufweisen können, steht außer Frage.

    Nach dem Aufbau einer persönlichen Weltsicht ist eine Analyse und Einschätzung der aktuellen Situation ebenso vonnöten wie das Nachdenken über die daraus folgende Zukunft. Und wenn man dem logischen Denken treu bleibt, knallharten Fakten Beachtung schenkt und sich dabei darüber im Klaren ist, dass wir sicherlich nicht Alles wissen und nicht unfehlbar sind, dann wird sich ein großer gemeinsamer Nenner bilden. Eine Schlussfolgerung wird sein, dass wir so ganz sicher nicht weitermachen können.

    Es ist den meisten bewusst, dass die Benutzung eines eigenen Autos umweltschädlich ist, und dass umweltschädliches Verhalten schlechte Folgen für uns alle hat. Dennoch kann von niemandem erwartet werden, dass er auf sein Auto verzichtet, da das erhebliche Einbußen in der Mobilität mit sich bringt und die ganze Gesellschaft bereits auf eben jene Mobilität ausgerichtet ist. Im Übrigen können viele von uns bestätigen, dass Autofahren auch einfach Spaß machen kann und eine gewisse Faszination von derartigen technologischen Errungenschaften ausgeht. Sogar unser Bergradler fährt einen VW-Bus, auch wenn er deswegen manchmal Schuldgefühle hat.

    Das Problem liegt also grundsätzlich nicht in der Einstellung der Menschen, sondern vielmehr in der Struktur des Systems. Hinzu kommt, dass man sich selbst zu sehr von der Masse leiten lässt und sein Handeln nicht an die eigenen Überzeugungen bindet. Dabei bin Ich überzeugt, dass es die Mehrheit gut finden würde, wenn keine Autos mehr in den Städten sind, natürlich nur, wenn ein entsprechendes öffentliches und kostenloses Verkehrsnetz aufgebaut wird. Ein solches Verkehrsnetz würde allen Vorteile bringen, sei es weniger Lärm, Abgase oder Staus. Warum geschieht also nichts, in den skandinavischen Ländern geht es doch auch! Ich sage es Ihnen, weil wir nur wollen, aber nicht tun.

    Der einzige Weg zur Lösung liegt nicht darin, sich selbst durch Einzelhandlungen ins eigene Fleisch zu schneiden und sich Nachteile zu verschaffen, indem man versucht, dem System nicht zu entsprechen. Jemand mit einem Monatseinkommen von 400 € kann freilich nicht verurteilt werden, wenn er nicht die teure Bio-Milch kauft. Viel mehr bringt es, wenn er konstruktiv an einer Verbesserung der Situation mitarbeitet, damit einerseits er selbst bessere wirtschaftliche Möglichkeiten hat und andererseits die Bio-Milch billiger wird. Eine Veränderung des Systems durch politisches, wirtschaftliches und gesellschaftliches Engagement mit begleitenden Umstellungen im eigenen Verhalten sollte also das Mittel der Wahl sein.

    Am Ende einer solchen Rede mag man hoffen, dass die Botschaft angekommen ist und Früchte trägt, auch wenn wir in erster Linie hier sind, um unser Abitur ordentlich zu Feiern. Bei unserem Jahgang habe Ich aber keine Zweifel, dass dies noch nach allen Regeln der Kunst geschehen wird. Aber da man in so kurzer Zeit nur an der Oberfläche kratzen kann, würden wir gerne drei Bücher empfehlen:

    "Selbstverbrennung" von Hans Joachim Schellnhuber, dem weltweit führenden Klimaexperten und gebürtigen Ortenburger. Allein wegen dieser Tatsache ist das Buch lesenswert und jeder ehrliche Mensch muss nach dieser Lektüre überzeugt sein, dass der menschgemachte Klimawandel existiert und die gewaltigste Bedrohung unserer Zeit ist.

    "Die Erde im Griff des Anthropozän" von Harald Lesch. Der münchner Professor für Physik und Philosophie nimmt eine Bestandaufnahme über den Zustand der Gesellschaft und der Erde vor.

    "Homo deus" von Yuval Noah Harari. In diesem Buch wird der moderne Mensch charakterisiert und die Möglichkeiten und Gefahren, die aus unserer jetzigen Machtposition entstehen können, aufgezeigt.

    Nach dieser Lektüre wird sich ein Jeder zum Handeln aufgerufen fühlen und sich nicht mit dem eigenen guten Willen zufrieden geben. Wir als deutsche Abiturienten haben nun wirklich erstklassige Rahmenbedingungen für ein Handeln, das mehr als nur den eigenen Geldbeutel im Sinn hat.

    Fundamental wichtig für ein solches Engagement sind ein gutes soziales Umfeld und ein angemessenes Bildungsangebot. Wir danken an dieser Stelle unseren Familien, Freunden und Lehrern für die Begleitung in den letzten Jahren. Wir wünschen allen unseren Mitschülerinnen und Mitschülern in diesem Sinne viel Glück und Erfolg für die Zukunft und Ihnen allen noch eine schöne Abiturfeier.

    Wir schließen mit einem Zitat des französischen Philosophen Albert Camus:

    „Der Mensch ist nichts an sich.

    Er ist eine grenzenlose Chance.

    Aber er ist der grenzenlos Verantwortliche für diese Chance.“

     

    Diesem Abschnitt ging ein Teil voraus, der der Schule und den Schülern selbst gewidmet war. Außerdem wurde die Rede nicht streng in dieser Form gehalten, sondern einige spontane Improvisationen wurden eingebaut.

     

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