Berichte

Türchen 5

  •  

    In welchen Zeiten leben wir eigentlich? Man sagt, Menschen heutzutage sind gesünder, satter und freier als jemals zuvor. Aber diese Gesundheit, diese Sättigung und diese Freiheit sind ungerecht verteilt. Gleichzeitig leben wir in einer Klima- und Biodiversitätskrise. Deshalb gehen Menschen millionenfach auf die Straße, organisieren sich und schaffen gemeinsam Großes. Dieses gemeinsam Organisierte, diese Bewegungen und dieses Gemeinwohl haben riesiges Potantial. Zeiten ändern sich. Zum Ende dieses Jahres fragen wir uns uns: Wie? Wie kommt der Wandel in die Welt?

     

    Wandel in Ungersheim – davon möchte ich euch in diesem Türchen erzählen.

    Ungersheim ist ein Dorf in Frankreich. Es liegt im Elsass und hat etwa 2.400 Einwohner.

    Und – Ungersheim befindet sich im Wandel.

     

    Kutschen, Solarenergie und keine Pestizide – das und noch viel mehr gehört zu Ungersheim. Im Jahr 2009 hat sich die Gemeinde auf den Weg ins Post-Öl-Zeitalter gemacht. Seitdem wurden viele Projekte und Ideen umgesetzt, mit denen Ungersheim die Abhängigkeit von fossilen Stoffen sowie die Nutzung von Rohstoffen deutlich verringern konnte.
    Alle Maßnahmen zielen darauf ab, umweltbewusster und emissionsärmer zu leben, lokaler und ressourcenschonender zu produzieren und die Lebensqualität und Verbundenheit mit dem Ort zu stärken.

    2011 hat sich Ungersheim daher folgerichtig der Transition Town-Bewegung angeschlossen.

     

     

    So gibt es in Ungersheim z.B.

    … Pferdekutschen, welche die Kinder zur Schule bringen und wieder abholen – neben Spaß und Gesellschaft ist eine deutliche CO2-Einsparung gegenüber Schulbussen oder Eltern-Taxis garantiert
    … eine Sporthalle, die mit regionalem Holz beheizt wird
    … viele Solaranlagen, die in einem gemeindeeigenen Elektrizitätswerk für erneuerbare Energien zusammengeschlossen sind und sich gegenseitig unterstützen
    … eine eigene Währung, den „Radis“ („Rettich“) zur Stärkung der lokalen Wirtschaft
    … eine Schulkantine, welche von einem örtlichen Biohof beliefert wird
    … einen gemeindeeigenen Biohof, der zur Ernährungssouveranität beiträgt und auf dem ressourcenschonende Anbaumethoden erprobt werden (z.B. Kartoffelsetzen mit dem Pferd)
    … Permakultur auf den Flächen des gemeindeeigenen Biobetriebs mit Gemüseanbau, Obst, Getreideanbau, Viehhaltung, Imkerei
    … Felder, die frei sind von Pestiziden – das führte dazu, dass mehr Wildtiere zurückkamen
    … den gezielten Anbau alter Sorten und Versuche, welche Sorten am besten auf den Böden wachsen
    … frisches Brot aus Getreide, das auf den Feldern der Gemeinde gewachsen ist
    … landwirtschaftliche Flächen, die dazu genutzt werden, die Bevölkerung Ungersheim zu ernähren, statt Mais und Getreide zu exportieren
    … eine Biogärtnerei – hier arbeiten in einem sozialen Projekt Menschen mit Behinderungen, Arbeitslose, ehemalige Empfänger von Sozialhilfe etc. und sind für den Anbau des Gemüses verantwortlich
    … gut geplante Vorratshaltung und Haltbarmachung: Gemüse aus der Gärtnerei und dem Biohof, das nicht direkt genutzt wird, wird eingelegt oder zu Suppen verarbeitet
    … jede Woche frische Gemüsekörbe für die Dorfbewohner – frisch aus der Biogärtnerei
    … eine Suppenküche, in der frische Mahlzeiten aus regionalen, biologischen Lebensmitteln angeboten werden
    … schonende Waldbewirtschaftung, u.a. durch den Einsatz der gemeindeeigenen Pferde
    … eine gemeindeeigene Werkstatt, die z.B. alte Maschinen für den heutigen Einsatz umbaut und wieder fit macht (z.B. vom Pferd gezogene Sähmaschinen)
    … Passivhäuser, gebaut mit Holz, einer Isolierung aus Stroh, Lehm – alles regional bezogen. Hinzu kommen Solarkollektoren für Warmwasser, Photovoltaik, Regenwasserreservoir u.a. für den Betrieb der Waschmaschine

     



    Was bisher erreicht wurde?

    - Es wurden gut 100 Arbeitsplätze geschaffen, wobei ein besonderes Augenmerk auf die Integration von arbeitslosen bzw. Menschen mit geringer beruflicher Perspektive gelegt wurde.
    - Es wurden über 120.000 € eingespart.
    - Es konnten bisher über 600 Tonnen Treibhausgase vermieden werden, Tendenz steigend.


    Treibende Kraft dieses Wandels sind engagierte Bürger:innen sowie der Bürgermeister Jean-Claude Mensch. Ihr Ziel ist es, Ungersheim weitestgehend autark, also unabhängig, zu machen.
    21 Projekte für das 21. Jahrhundert – das ist das Motto.

    Ungersheim lebt den Wandel.

    Ungersheim wird die Welt nicht alleine verändern – aber dieses Dorf ist ein tolles Beispiel, was alles möglich ist.

     

     

     

    Über Ungersheim gibt es eine sehr sehenswerte Dokumentation mit dem Titel „Worauf warten wir noch?“ (französisch, deutsche Untertitel). Sie ist auf Filmfriends kostenfrei zu sehen (ihr braucht dazu einen Büchereiausweis einer teilnehmenden Bücherei).
    Den Trailer des Films könnt ihr hier ansehen

     

    Welche Orte des Wandels kennt ihr? Was ist in eurer Stadt, eurem Dorf im Wandel?

    Mein Wunsch für die Zukunft ist, dass wir noch viele Orte so wie Ungersheim in Bewegung bringen, dass wir den Wandel vor Ort gestalten und voran bringen.

     

    ------------------------------------------------------------

    Quellenangaben:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Ungersheim (Zugriff am 5.12.2021)
    https://www.travelbook.de/ziele/staedte/transit-town-ungersheim-frankreich-was-die-welt-von-diesem-dorf-lernen-kann (Zugriff am 5.12.2021)
    Film "Worauf warten wir noch?" von Marie-Monique Robin (2016)

    Bildquellen (Zugriff jeweils am 5.12.2021):

    https://pixabay.com/de/photos/ecomus%c3%a9e-ungersheim-elsa%c3%9f-fachwerk-525689/ (Zugriff am 5.12.2021)
    https://pixabay.com/de/photos/pferd-kutsche-pferdekutsche-4549773/
    https://pixabay.com/de/photos/kindergarten-gew%c3%a4chshaus-pflanzen-5028115/
    https://pixabay.com/de/photos/ecomus%c3%a9e-ungersheim-fachwerk-662385/

Kommentare

1 Kommentar