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Artenvielfalt - warum sterben immer mehr Arten aus? (Teil 5)

  • Tropical Rainforest Parrot | Jaime Olmo | Flickr


    Immer wieder wird über das Artensterben berichtet, das so viel schneller fortschreitet als alle vorherigen in der Erdgeschichte. Aktuell befinden wir uns im 6. Massenaussterben. Breitmaulnashorn, Goldkröte, Pinta-Riesenschildkröte - das sind nur drei der Arten, die es auf unserem Planeten nicht mehr gibt.

    Das Massenaussterben ist genauso schwerwiegend und bedrohlich für den Planeten wie die Klimakrise. Und auch das Überlegen der Menschheit hängt davon ab. Unsere Luft, Wasser, die Nahrung die wir essen - für all das brauchen wir die Artenvielfalt.

     

    Doch warum ist das so? Welche Gründe hat das rasante Aussterben verschiedener Arten?

    HIPPO, sagt der Entomologe und Biodiversitätsforscher Edward O. Wilson. Wie, Hippopotamus, das Nilpferd?
    Nein - HIPPO steht für

    - Habitatzerstörung (Teil 1)
    - Invasive Arten (Teil 2)
    - Pollution (Verschmutzung) (Teil 3), (Teil 3b), (Teil 3c) und (Teil 3d)
    - Population (Bevölkerung) (Teil 4)
    - Overharvesting (Übernutzung/Überkonsum)

    In dieser Berichtsreihe werden wir uns diese Punkte genauer anschauen.

    Einkaufen, Einkaufszentrum, Shopping Mall, Einzelhandel

     

    5) Overharvesting (Übernutzung, Überkonsum)

    Die Übernutzung bzw. der Überkonsum der Erde hängt sehr eng mit der Anzahl an Menschen weltweit zusammen (siehe letzter Bericht). Die Ernährung, der sonstige Konsum sowie der Energieverbrauch erfordern oft mehr, als die Erde nachhaltig bereitstellen kann.

    Besonders unsere westliche Ernährung bringt eine Massenproduktion inklusive Massentierhaltung mit sich. Die Fleischindustrie ist zu einem großen Industriezweig geworden.
    300 Säugetierarten werden bis zu ihrem Aussterben gejagt und vertilgt, die Ozeane werden stark überfischt und die Agroindustrie verbraucht immer mehr Land, das bisher unberührt war.
    Das gefährdet die Arten direkt (z.B. Überfischung, Beifang, Jagd) oder indirekt (Verlust von Lebensräumen durch Abholzung, Landnutzungsänderungen und industrielle Landwirtschaft).
    Betrachtet man die Arten auf der Roten Liste, so sind 72% der erheblich bedrohten Arten auf Grund der Übernutzung durch Menschen bedroht: durch Überfischung, direkte Bejagung, Abholzung und deren Folgen.
    Es würde sich also unmittelbar auf den Artenbestand auswirken, wenn es keine oder weniger Übernutzung mehr geben würde.

    Kommerzielle Fischernetze, Garnelen Netze, Fisch


    Für die Artenvielfalt sind die Landwirtschaft und Überkonsum eine der größten Bedrohungen, noch vor dem Klimawandel.

    Fisch ist in vielen Ländern die wichtigste Proteinquelle und wichtiger Bestandteil der Ernährung. Die Nachfrage steigt weltweit. Gerade in den entwickelten Ländern ist der Bedarf so weit gestiegen, dass die Nachfrage nicht mehr durch Fisch aus den eigenen Gewässern gedeckt werden kann. Große Fischereiflotten durchkämmen nun die Gewässer vor Entwicklungsländern, und industriell gefangener Fisch ist eine globale Handelsware mit entsprechendem CO2-Budget geworden.

    Die großen Flotten setzen oft schädliche Fangmethoden ein, die ganze Meeresabschnitte beeinträchtigen und auch weitere Fischarten fangen - als "Beifang" gehen z.B. Delfine, Haie, Wale oder Schildkröten ins Netz. Geschätzt wird, dass alleine 40-50 Millionen Haie pro Jahr als Beifang in die Netze gelangen und dabei sterben oder schwer verletzt zurück ins Meer geworfen werden. Es werden riesige Netze eingesetzt. Beobachter gehen davon aus, dass pro Kilogramm Fisch bis zu 5 Kilogramm Beifang ins Netz gehen.

    Fisch, Frisch, Markt, Lebensmittel, Meeresfrüchte


    Je nach Fangmethode werden durch den industriellen Fischfang ganze Meeresabschnitte regelrecht umgepflügt, bis auf den Grund. Das zerstört marine Lebensräume und durch den zusätzlichen Beifang werden die Arten weiter in ihrem Bestand minimiert.

    93% der Fischbestände sind "voll befischt" oder bereits überfischt. Die realen Fänge sind bis zu 53% höher als die gemeldeten Daten an die FAO (Food and Agriculture Organization of the United Nations - sie soll die Befischung der Meere regulieren und so die Fischbestände schützen). Die Beifänge werden von der FAO gar nicht einmal mitgezählt.

    Schmutz, Boden, Blumenerde, Mix, Schlamm, Pflanzen


    Durch unsere Landwirtschaft ist insbesondere der Boden von der Übernutzung betroffen. Neben der Verschmutzung durch chemische Gifte usw. wird von landwirtschaftlich genutzten Böden sehr viel gefordert. Die Böden müssen mit Monokulturen zurecht kommen, die das Bodenklima einseitig beanspruchen. Und durch die vielen, sehr großen und sehr schweren Maschinen wird der Boden stark verdichtet. Das schadet allen Mikroorganismen und Lebewesen im Boden wie Würmern, Pilzen, Käfern usw. Die Verdichtung durch die schweren Maschinen drückt den Sauerstoff regelrecht aus dem Boden und verändert seine Chemie.
    Da im Winter oftmals keine schützende Bedeckung mehr ausgesäät wird, ist der Boden schutzlos den Winterstürmen und den Niederschlägen ausgesetzt. Der Oberboden wird dadurch abgetragen, es kommt zur Erosion auf den Feldern, der Schlamm lagert sich stattdessen in den Flussbetten ab.
    Besonders stark ist dies bei Böden ausgepägt, auf denen Mai angebaut wird (und in Europa sind das bis zu 70%): Ein einzelnes Maisfeld kann bis zu 10-20 Tonnen Boden pro Jahr verlieren.

    In den letzten 100 Jahren hat sich die Bodenerosion durch die industrielle Landwirtschaft um das 60fache erhöht. 2014 gab die UN bekannt, dass weltweit ein Drittel der Böden tot und für die Landwirtschaft unbrauchbar geworden sind. Die Tendenz steigt.
    Auf der ganzen Welt wird der Boden übernutzt und dadurch zerstört. - Laut FAO kann die Menschheit nur noch 60 Jahre lang Kulturpflanzen anbauen, dann sind die Böden derart zerstört, dass kein Anbau mehr möglich ist.

    Hinzu kommt, dass die Böden riesige Kohlenstoffspeicher sind. Weltweit enthalten sie davon ca. 150 Milliarden Tonnen. Das ist etwa doppelt so viel wie in der Atmosphäre und dreimal so viel, wie in der Vegetation gespeichert ist. Durch die intensive Nutzung verlieren die Böden jedoch den Gehalt an Kohlenstoff und geben ihn frei. Es wird geschätzt, dass bereits 78 Milliarden Tonnen des früher im Boden gebundenen Kohlenstoffs freigesetzt wurde.

    Drehpflug, Pflug, Gepflügt, Ackerfurchen, Acker


    Der Abbau von Mineralien und Metallerzen hat ebenfalls verheerende Folgen auf die Lebenräume der Tier- und Pflanzenwelt und gefährdet den Artenreichtum und ganze Ökosysteme.
    Gerade auch durch den zunehmenden Konsum von Technikprodukten inklusive ständiger Neuentwicklungen steigt der Bedarf an Rohstoffen weltweit, und damit die verheerenden Auswirkungen auf die Umwelt und die Übernutzung der natürlichen Ressourcen.
    Beim Abbau bestimmter Stoffe bleiben oft sehr giftige Substanzen zurück, die ganze Regionen belasten können (z.B. Quecksilber). Darunter leiden Menschen wie Tier- und Pflanzenwelt.

    Extraktion, Bergwerk, Maschine, Kohle, Bagger


    Auch Wasser ist von Übernutzung bedroht: Alle Lebewesen zusammen haben etwas weniger als 1% des gesamten Wassers der Erde zur Verfügung. 97% des Wassers sind Salzwasser und gut 2% sind in Gletschern und Eis gebunden. Das verbleibende 1% kann von Tieren, Menschen und Pflanzen genutzt werden. Wasser ist also überaus kostbar.

    Über Jahrtausende war der Wasserverbrauch der Menschen im Einklang mit dem natürlichen Zyklus von Verdunstung und Regen.
    Seit Beginn der Industrialisierung und der weltweit steigenden Bevölkerungsanzahl verbrauchen insbesondere Fabriken und die Agroindustrie sehr viel Wasser. Dieser Wasserbedarf ist in vielen Teilen der Welt zu groß für den natürlichen Wasserkreislauf.
    Die Verschmutzung des Wassers mit Pestiziden, Giften, Nitratdünger, Radioaktivität, Chemikalien, Kunststoffen, Benzin, Ölleckagen und vieles mehr kommen noch hinzu.
    In ärmeren Ländern kaufen große Konzerne sogar Trinkwasserrechte zur Herstellung von SoftDrinks auf.

    Bereits jetzt leben rund 1,4 Milliarden Menschen in Gebieten, in denen das Grundwasser schneller entnommen wird, als es sich wieder regenerieren kann.
    Das hat nicht nur für die Menschen weitreichende Folgen, sondern auch für die dort beheimatete Tier- und Pflanzenwelt: ganze Flüssläufe fallen trocken, Seen schrumpfen, das Grundwasser ist in immer größerer Tiefe zu finden, die Oberflächen trocknen aus, die Vegetation verändert sich, usw.

    Trockenheit, Dürre, Risse, Trocken, Landschaft, Schlamm

    Eine große Rolle spielt auch hier wieder die industrielle Landwirtschaft und insbesondere die industrielle Tierhaltung.
    Die Fleischproduktion hat einen enormen Wasserbedarf. Während für ein kg Gemüse im Durchschnitt ca. 322 Liter Wasser benötigt werden, braucht die Produktion von einem kg Schweinefleisch 5.988 Liter, bei Rindfleisch sogar 15.415 Liter pro kg.
    Die Agroindustrie ist für über 70% des weltweiten Wasserverbrauchs verantwortlich. Andere Studien sprechen sogar von bis zu 92%. Es geht hierbei nicht um den Wasserbedarf von Nutztieren von Kleinbauern in ärmeren Ländern, Hauptverursacher sind die großen Industriebetriebe, insbesondere in der industriellen Tierhaltung, die einen massiven Wasserverbrauch haben.
    Der Konsum von Fleisch und Milchprodukten sowie Eiern nimmt weltweit zu. 2018 hat jeder Deutsche im Durchschnitt 60kg Fleisch/Jahr gegessen, in den USA wird noch mehr Fleisch gegessen. Mit dem Konsum von immer mehr Fleisch- und Milchprodukten nehmen die starken Umweltauswirkungen dieser Industrie und die Übernutzung von Wasser, Land und anderen Ressourcen zu.

    Essen, Schwein, Zucht, Käfig, Nase, Maulkorb, Zaun


    Bei der Vieh-/Landwirtschaft darf die massive Abholzung der Regenwälder nicht vergessen werden. Für Viehweiden und Futtermittelanbau werden gigantische Flächen gerodet. Und es werden Stunde für Stunde mehr. Die Wälder in Brasilien sind davon in großem Ausmaß betroffen.
    Da die Artenvielfalt in den Regenwäldern deutlich höher ist als in anderen Ökosystemen, sind die Verluste hier besonders schlimm. Durch den Verlust von Regenwäldern werden also besonders viele Arten bedroht bzw. an den Rand des Aussterbens gebracht. Durch Abholzung der Regenwälder sterben bis zu 100 Arten aus - pro Tag.

    Die Abholzung für Bergbau, gigantische Bauprojekte (z.B. Staudämme) oder zur Öl- und Erdgasgewinnung ist ebenfalls groß, spielt im Vergleich zur Abholzung für die Viehwirtschaft jedoch eine untergeordnete Rolle.
     

    Belo Monte-Staudamm Im Bau, Abs, Amazonas

     

    Was wird getan?

    Viele Regierungen halten an Fangprämien für die Fischerei und/oder Subventionen fest (Kraftstoffzuschüsse, Steuerbefreiungen). Diese kommen jedoch überwiegend großen Flotten zugute, obwohl gerade diese die größten ökologischen Schäden verursachen.

    Es gibt Methoden, um Kohlenstoff wieder in die Böden zu bringen. Beim "managed grazing" weiden Kühe auf wechselnden Flächen, so kann sich die Grasdecke und ihre Wurzelmasse tiefgreifender erholen und es wird Kohlenstoff aus der Luft im Boden gebunden. Für Plantagen wird mitunter Pyrolyse eingesetzt, eine Methode, bei der biologischer Kohlenstoff in eine mineralische Form umgewandelt wird, die nicht verrottet und im Boden bleibt. Die Holzkohle ergänzt den Nährstoffgehalt und verbessert die Bodenflora.
    Durch Permakultur und gezielten Humusaufbau wird der Kohlenstoffgehalt im Boden ebenfalls gefördert. Dies insbesondere von kleineren Initiativen und/oder im Bereich der biologischen Landwirtschaft.

     

     

    Was können wir tun?

    -Wenn du Fisch kaufst/isst: orientere dich z.B. am Fischratgeber des WWF oder den Tipps anderer Organisationen. Orientiere dich an Siegeln wie z.B. MSC. Überzeuge auch deine Eltern, Mitbewohner etc. davon.
    - Kaufe Bio-Produkte - Lebensmittel, Kleidung, etc. In der biologischen Landwirtschaft wird der Boden weniger geschädigt, es wird z.B. auf Fruchtfolgen geachtet. Unterstütze Bio-Landwirte aus der Region.
    - Mache andere auf den schlechten Zustand unserer Böden aufmerksam.
    - Engagiere dich für Initiativen, die Bodenverbesserung zum Ziel haben (solidarische Landwirtschaft, Permakultur, biologischer Anbau, Projekte in anderen Ländern etc.)
    - Technische Geräte, Handy, Laptop etc.: Nutze es so lange wie möglich, repariere statt neu zu kaufen. Frage dich vor einem (Neu-)Kauf: brauche ich das wirklich? Kann ein anderes Gerät die Funktion übernehmen? Kann ich es leihen? Gebraucht bekommen? So werden weniger seltene Erden und andere Rohstoffe benötigt.
    - Informiere dich mit Freunden, deiner Klasse etc. darüber, welche Rohstoffe in einem Handy, Laptop etc. stecken und unter welchen Bedingungen sie gewonnen werden. Welche Folgen hat das für die Umwelt und die Artenvielfalt und welche sozialen Folgen gibt es? Vielleicht könnt ihr einen Infostand organisieren.
    - Informiere dich über den Wasserfußabdruck deiner Produkte. Vermeide Produkte mit einem hohen Wasserfußabdruck, Produkte die einen hohen Wasserbedarf in der Herstellung haben oder große Mengen an Wasser mit Giften etc. belasten. Vielleicht ist euer Lehrer/in auch bereit, das Thema mal im Unterricht zu behandeln?
    - Falls du mit Kindern arbeitest: Macht z.B. einmal ein Projekt zur Bedeutung des Wassers und dem Wasserfußabdruck. Arbeitet zur Wasserverschmutzung bei uns und weltweit, durch den Konsum unserer Produkte. Oder organisiert z.B. eine kleine Ausstellung in der Schule zu diesem Thema.
    - Wie wäre es mit regelmäßigen vegetarischen oder veganen Tagen? Wer nicht den ganzen Tag umstellen möchte, kann auch mit einer Mahlzeit pro Tag beginnen. Oder trefft euch im Freundeskreis, um regelmäßig ein neues vegetarisches oder veganes Rezept aus möglichst regionalen, saisonalen Zutaten auszuprobieren - das ist lecker und macht Spaß.
    - Fordert an der Uni mehr vegane/vegetarische Alternativen. In vielen Städten gibt es bereits Initiativen, unterstütze sie und motiviere auch Unifreunde dazu. Oder rege in deiner Schulmensa an, mehr vegetarische/vegane Angebote einzuführen.
    - Setze dich für den Schutz des Regenwaldes ein. Unterschreibe Petitionen, teile sie mit Freunden, Familie, deiner Klasse/Unikollegen.
    - Unterstütze Umweltorganisationen bei ihrer Arbeit für den Regenwaldschutz. Verzichte auf Produkte, für die Regenwald gerodet wird.

    Gemüsespieß, Gemüse, Lebensmittel, Genießer, Abendessen

     

    -- Fortsetzung folgt --

     

    Quellen:

    Fred Hageneder: "Happy Planet - Jetzt handeln für eine glückliche Erde", Neue Erde GmbH, 1. Auflage 2019 (S. 104-115)



    Titelbild
    : © Jaime Olmo, Tropical Rainforest Parrot, CC BY 2.0

    Weitere Bilder: (Zugriff jeweils 3.5.2020)

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