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Artenvielfalt - warum sterben immer mehr Arten aus? (Teil 4)

  • Tropical Rainforest Parrot | Jaime Olmo | Flickr


    Immer wieder wird über das Artensterben berichtet, das so viel schneller fortschreitet als alle vorherigen in der Erdgeschichte. Aktuell befinden wir uns im 6. Massenaussterben. Breitmaulnashorn, Goldkröte, Pinta-Riesenschildkröte - das sind nur drei der Arten, die es auf unserem Planeten nicht mehr gibt.

    Das Massenaussterben ist genauso schwerwiegend und bedrohlich für den Planeten wie die Klimakrise. Und auch das Überlegen der Menschheit hängt davon ab. Unsere Luft, Wasser, die Nahrung die wir essen - für all das brauchen wir die Artenvielfalt.

     

    Doch warum ist das so? Welche Gründe hat das rasante Aussterben verschiedener Arten?

    HIPPO, sagt der Entomologe und Biodiversitätsforscher Edward O. Wilson. Wie, Hippopotamus, das Nilpferd?
    Nein - HIPPO steht für

    - Habitatzerstörung (Teil 1)
    - Invasive Arten (Teil 2)
    - Pollution (Verschmutzung) (Teil 3), (Teil 3b), (Teil 3c) und (Teil 3d)
    - Population (Bevölkerung)
    - Overharvesting (Übernutzung)

    In dieser Berichtsreihe werden wir uns diese Punkte genauer anschauen.

     

    Menschenmasse, Veranstaltung, Personengruppe


    4) Population (Bevölkerung)

    Die Anzahl an Menschen weltweit und die steigende Wachstumsrate tragen wesentlich zum Verlust von Lebensräumen und Artenvielfalt bei.
    Die (Über-)Bevölkerung ist dabei nicht eine Ursache wie die anderen HIPPO-Faktoren, sondern sie treibt die anderen Probleme an und verstärkt sie. Die (Über-)Bevölkerung steht in enger Wechselbeziehung mit den anderen Faktoren.

    Mehr Menschen brauchen mehr Nahrung, mehr Lebensraum (Wohnungen, Städte, Häuser, Infrastruktur etc.), dadurch wird mehr Land verändert (bisher unbebautes Land wird bebaut oder für den Anbau von Nahrung genutzt), es werden mehr Nutztiere gehalten, mehr Ressourcen abgebaut, mehr konsumiert, mehr CO2 ausgestoßen, mehr Abfall produziert, es gibt mehr Umweltverschmutzung usw. - Und da schließt sich der Kreis von der Bevölkerung und den anderen Faktoren, die das Artensterben begünstigen: Habitatzerstörung/-verlust, Förderung von invasiven Arten durch zunehmende Globalisierung, Handels- und Reisebewegungen, eine weitere Verschmutzung von Lebensräumen durch Plastik, mehr Pestizide etc. der industriellen Landwirtschaft zur weltweiten Nahrungsversorgung. Aber auch eine Zunahme der Mobilfunkstrahlung durch mehr Handys und einen verstärkten Ausbau der Netze weltweit, ein größerer Bedarf an Energie und somit ggf. ein Ausbau der Atomenergie mit ihren Risiken. In Meeresgebieten insbesondere die steigende Gefährung der Lebewesen durch Lärm von immer mehr Handelsschiffen sowie Öl-/Bohrplattformen zur Deckung des Energiebedarfs. Und an Land zudem die Folgen durch erhöhten Konsum und Übernutzung aller Lebensbereiche durch eine steigende Anzahl von Menschen und steigende wirtschaftliche Entwicklung weltweit.

    Stadt, Gebäude, Architektur, Städtischen, Modern

     

    Wir Menschen dringen immer in weiter entlegene und in der Regel fragile Lebensräume vor und nehmen durch den Besiedlungsdruck ökologische Risiken in Kauf.
    Der Mensch spielt in unserem Zeitalter also die entscheidende Rolle bei der Gestaltung der Welt und setzt die Lebensräume der Tiere und Pflanzen durch viele Faktoren stark unter Druck.

    Verändert sich z.B. das Klima einer Region durch Erwärmung und/oder Veränderungen der Niederschläge, können Tiere und Pflanzen nur sehr beschränkt ausweichen, wenn sie durch menschliche Siedlungen, Straßen, landwirtschaftliche und andere Aktivitäten daran gehindert werden.
    Abwandern von Arten funktioniert nur, wenn die Art beweglich ist - und wenn es auch Platz mit besseren Bedingungen zum Ausweichen gibt.

    Durch Landnutzung und Klimawandel verändert sich z.B. die Savannenregion in Afrika. Große Säugetiere wie Elefanten, Löwen, Flusspferde müssten dort eigentlich abwandern und sich in klimatisch besseren Gebieten ansiedeln. Aber außerhalb von Schutzgebieten gibt es keine unberührten Naturräume mehr, so dass die Tiere in den angestammten Regionen bleiben müssen und es beim Versuch auszuweichen, gehäuft zu Mensch-Tier-Konflikten kommt. Dies schadet den ohnehin bereits gefährdeten Arten.
    In den seltensten Fällen kann man Nationalparks oder Schutzgebiete verschieben, wenn bedrohte Arten im jeweiligen Bereich keine geeigneten Lebensbedingungen mehr vorfinden, wohl aber außerhalb.
    Ähnlich ist es bei Lebewesen in Küstenregionen: Verschieben sich die Küstenlinien durch den Anstieg des Meeresspiegels, können die Arten nicht weiter ins Landesinnere ausweichen, wenn die Flächen dort von Siedlungsgebieten und Infrastruktur beherrscht sind.

    Afrika, Afrikanischer Elefant, Amboseli, Big Five


    Zwischen der Bevölkerung und den (Umwelt-)Auswirkungen gibt es einen Zusammenhang, den Professor Paul Ehrlich von der Stanford-Universität in der IPAT-Formel zusammengefasst hat: Impact = Population x Affluence x Technology (Auswirkung = Bevölkerung x Wohlstand x Technologie).
    Damit wird deutlich: Es kommt nicht primär auf die Anzahl an Menschen an, sondern ebenso, welchen Lebensstil/Lebensstandard sie haben bzw. anstreben und welche Technologien sie nutzen. Ein Feuer als Wärmequelle hat andere Umweltauswirkungen als eine Ölheizung und die Nutzung von Wasser oder Sonne wiederum andere.

    Die Auswirkungen der Weltbevölkerung auf die Biosphäre lassen sich also insbesondere auf drei Schlüsselfaktoren zurückführen: der (Über-)Konsum und Abfallproduktion steigen mit dem Wohlstand einer Gesellschaft, es kommt auf die Stufe der verwendeten Technik und die Bevölkerungsgröße an.

    Afrika, Zimbabwe, Simbabwe, Mensch, Frau, Kochen


    "Technik"
    kann auf sehr vielfältige Weise einen Einfluss haben. Sie kann die Nutzung von Energie und Rohstoffen effizienter machen und neue, nachhaltigere Technologien (z.B. Solarenergie) schaffen. Technik führt aber gleichzeitig auch dazu, dass die Schätze der Erde schneller und billiger gewonnen werden können. Dadurch wird die Nachfrage erhöht und die Überbeanspruchung der natürlichen Ressourcen verschärft - bis hin zur Erschöpfung der Ressourcen.

    Kiesgrube, Aggregate, Maschinen, Ausbeutung


    In den letzten 200 Jahren ist die Weltbevölkerung besonders stark angestiegen: Die erste Milliarde Menschen gab es um 1804, die zweite Milliarde Menschen 1927 und wiederum doppelt so viele, also vier Milliarden Menschen, lebten etwa 1974. Bis 2023 wird sich die Weltbevölkerung voraussichtlich abermals verdoppeln, auf dann 8 Milliarden Menschen.
    Pro Jahr kommen etwa 80 Millionen Menschen hinzu.
    Die aktuelle Zahl an Menschen, Geburten, Todesfällen etc. zählt die Weltbevölkerungsuhr.

    Wenn laut UN-Prognosen im Jahr 2050 etwa 9,7 Milliarden Menschen und 2100 etwa 11 Milliarden auf der Erde leben werden, muss die Nahrungsmittelproduktion bis 2050 um 70% ansteigen. Bei unserem derzeitigen globalen Ernährungssystem ist das aber ökologisch nicht haltbar (Folgen durch Massentierhaltung, Landnutzungsänderungen, Monokulturen usw.). Hinzu kommt die globale Erwärmung durch den Klimawandel, welche Dürren und Ernteausfälle mit sich bringen wird.
    Enorme Trinkwasserprobleme kommen noch hinzu. Durch Wasserstress könnten bis zu 700 Millionen Menschen heimatlos werden. Wasserknappheit wird hauptsächlich durch Bevölkerungswachstum und Wirtschaftswachstum verursacht und durch den Klimawandel weiter verschärft. Wasserknappheit gilt als ein Haupttreiber für bewaffnete Konflikte, besonders in Afrika.

    Frau, Afrika, Wasser, Madagaskar, Gold, Fluss


    Der Schlüssel, die Weltbevölkerung zu stabilisieren, liegt in der gezielten Bildung und Stärkung von Frauen: Mädchen und junge Frauen ausbilden, Familienplanungsinformationen allgemein und für alle zugänglich machen. Durch diese Maßnahmen werden nicht nur die Menschenrechte gefördert (in sehr vielen Ländern sind Mädchen und Frauen benachteiligt und haben wenig(er) Chancen auf Bildung), sondern die Geburtenraten sinken innerhalb von ein oder zwei Generationen.

    Studien haben gezeigt: Wenn Frauen/Mädchen erzieherisch, kulturell, wirtschaftlich, politisch und rechtlich befähigt werden, sinken die Geburtenraten. Je mehr Schuljahre ein Mädchen/Frau besuchen konnte, desto geringer ist die Zahl an Kinder, die sie haben wird. Wird zudem die Gleichberechtigung und die Verwirklichung allgemeiner Menschenrechte weiter gefördert, sinkt die Geburtenrate weiter.
    Durch mehr und bessere Bildungsmöglichkeiten verbessern sich auch die Chancen auf dem Arbeitsmarkt, es werden frühe Ehen und ein schlechter Gesundheitszustand/Gesundheitsversorgung gesenkt.

    Mädchen, Kinder, Schüler, Bebel, Irak, Schule, Bildung


    Im Fachmagazin Science wurden im April 2017 diese menschenrechtsfördernden Maßnahmen genannt:

    - allgemeine Bildung von Mädchen und Frauen priorisieren
    - öffentlicher Diskurs zum Thema Bildung, Stärkung, Gleichberechtigung von Mädchen und Frauen
    - allgemein zugängliche, erschwingliche Familienplanungsdienste einrichten (zur Beratung - die Entscheidung über die Familienplanung liegt bei den Frauen/Paaren)
    - moderne Verhütungsmethoden bereitstellen sowie einer Beratung für Frauen und Paare
    - staatliche Anreize für Großfamilien beseitigen
    - Sexualerziehung in die Lehrpläne der Schulen aufnehmen
    - sowie eine breite Gesundheitsversorgung der Bevölkerung gewährleisten, inbesondere für Frauen, Babys, Kinder und bei der Geburt.

     

    Was wird getan?

    Die Bildung von Mädchen wurde 2015 in die SDGs (Sustainable Development Goals - Ziele für nachhaltige Entwicklung) aufgenommen. Allerdings hat noch kein Land - auch nicht in den Industrienationen - eine Geschlechtergleichheit in der Bildung erreicht. Es gibt jedoch laufend Verbesserungen in den unterschiedlichsten Bereichen. So konnte in Grundschulen weltweit festgestellt werden, dass sich die Geschlechterverhältnisse immer mehr angleichen. In den weiterführenden Schulen sind Mädchen jedoch weiterhin stark im Nachteil.
    Burundi, Indien oder Uganda haben z.B. Mädchen finanziell unterstützt und Gemeinden für das Thema der Mädchenbildung sensibilisiert. Es wurden auch Lehrmaterialien und Methoden unterstützt, in denen Mädchen/Frauen nicht auf ihre Rolle als Mutter reduziert werden.
    Krieg und Armut sind jedoch weltweit ein großes Hindernis für die Bildung von Mädchen.

    Mädchen, Schulmädchen, Schulem Lernen, Afghanistan

     

    Was können wir tun?

    - Freut euch über Kinder, Mütter, Familien, begegnet jeder Person mit Respekt. Jede Person auf der Erde hat das gleiche Recht, hier zu sein.
    - Informiert euch über den Stand der Mädchenbildung weltweit.
    - Um die Bildung von Mädchen zu unterstützen: Vielleicht gibt es die Möglichkeit, ein Referat zu diesem Thema zu halten und es so ins Bewusstsein eurer Mitschüler/Mitstudierenden zu bringen?
    - Oder ihr unterstützt Organisationen, die sich für Gleichberechtigung und Bildung von Mädchen/Frauen einsetzen, indem ihr Infomaterial auslegt, vielleicht einen Infostand auf dem Schulfest etc. organisiert und/oder Kuchen gegen Spende für ein Projekt verkauft.
    - Auch bei uns gibt es benachteiligte Mädchen, die weniger Chancen im Bildungssystem haben: Vielleicht habt ihr Zeit und Interesse, ein Mädchen aus eurer Stadt/Umgebung direkt zu unterstützen. Z.B. als Pate/Patin mit gemeinsamer Freizeitgestaltung und/oder beim Lernen. Für Infos wendet euch an eure Stadt, gemeinnützige Vereine/Organisationen. Vielleicht hat auch eure Uni ein Patenprojekt.
    - Oder gibt es Kurse, die das Selbstbewusstsein von Mädchen stärken, Gruppen, in denen Mädchen unter sich sein können? Vielleicht könnt ihr hier mithelfen oder die Infos weitergeben, z.B. an Mädchen aus der Nachbarschaft.

     

    Mädchen, Frau, Jugendliche, Lernen, Lesen, Bücher

     

    -- Fortsetzung folgt --

     

    Quellen:

    Fred Hageneder: "Happy Planet - Jetzt handeln für eine glückliche Erde", Neue Erde GmbH, 1. Auflage 2019 (S. 93-101)

    "Mädchen wird weltweit Zugang zu Bildung verwehrt" von Franziska Grillmeier, online unter https://www.welt.de/politik/ausland/article117966769/Maedchen-wird-weltweit-Zugang-zu-Bildung-verwehrt.html (Zugriff am 1.5.2020)



    Titelbild
    : © Jaime Olmo, Tropical Rainforest Parrot, CC BY 2.0

    Weitere Bilder: (Zugriff jeweils 1.5.2020)

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