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Artenvielfalt - warum sterben immer mehr Arten aus? (Teil 3b)

  • Tropical Rainforest Parrot | Jaime Olmo | Flickr


    Immer wieder wird über das Artensterben berichtet, das so viel schneller fortschreitet als alle vorherigen in der Erdgeschichte. Aktuell befinden wir uns im 6. Massenaussterben. Breitmaulnashorn, Goldkröte, Pinta-Riesenschildkröte - das sind nur drei der Arten, die es auf unserem Planeten nicht mehr gibt.

    Das Massenaussterben ist genauso schwerwiegend und bedrohlich für den Planeten wie die Klimakrise. Und auch das Überlegen der Menschheit hängt davon ab. Unsere Luft, Wasser, die Nahrung die wir essen - für all das brauchen wir die Artenvielfalt.

     

    Doch warum ist das so? Welche Gründe hat das rasante Aussterben verschiedener Arten?

    HIPPO, sagt der Entomologe und Biodiversitätsforscher Edward O. Wilson. Wie, Hippopotamus, das Nilpferd?
    Nein - HIPPO steht für

    - Habitatzerstörung (Teil 1)
    - Invasive Arten (Teil 2)
    - Pollution (Verschmutzung) (Teil 3)
    - Population (Bevölkerung)
    - Overharvesting (Übernutzung)

    In dieser Berichtsreihe werden wir uns diese Punkte genauer anschauen.

    Ackerbau, Pflanzenschutz, Sprühnebel, Ausleger


    3b) Pollution (Verschmutzung) - Pestizide, Dünger, Arzneimittel

    Im letzten Teil der Berichtsreihe ging es um die Verschmutzung der Lebensräume durch Plastik.
    Plastik, Mikroplastik, Weichmacher usw. sind aber nicht die einzigen Faktoren, wie Lebensräume verschmutzt und Tiere gefährdet und an den Rand des Aussterbens gebracht werden.

    Die Agroindustrie setzt weltweit extrem große Mengen an Pestiziden ein. Ca. 80% dieser Gifte sind Herbizide (giftig für Pflanzen: alles "Unkraut" soll absterben, Monokulturen dagegen gut wachsen), die restlichen 20% sind Insektizide (giftig für Insekten), Fungizide (giftig für Pilze) und weitere spezielle Stoffe.
    Mit all diesen Stoffen ist die Agroindustrie der weltweit größte chemische Verschmutzer für Lebensräume.

    Der Ausstieg aus besonders schädlichen Pestiziden wie Glyphosat oder Neonikotinoiden wurde und wird lange verzögert und in den Ländern unterschiedlich geregelt. In der Zwischenzeit werden die Lebensräume weiter zerstört und Tiere, insbesondere Insekten, stark in ihrem Bestand gefährdet.

    Etwa 1/3 von allem was wir essen, kann nur wachsen, weil Bienen die jeweiligen Blüten bestäuben. Die Bienen leiden besonders unter dem starken Einsatz von Insektiziden: bereits 3/4 der Bienen und anderen Insekten ist ausgestorben, und eine große Rolle bei diesem Aussterben spielen die eingesetzten Ackergifte.

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    Und auch wenn Herbizide theoretisch auf Pflanzen ausgerichtet sind, so töten auch sie Laufkäfer, Sägefliegen und Wespen. Da die Gifte über den Wind weiter transportiert werden, ist nicht nur das jeweilige Feld betroffen, sondern auch Flächen weit entfernt davon. Die Schadwirkung auf Insekten vervielfacht sich somit.

    Und egal, ob die Insekten durch Herbizide oder Insektizide getötet oder geschwächt werden - Spinnen, Vögel, Fledermäuse, also Tiere in der weiteren Nahrungskette, sind durch die Gifte dann ebenfalls bedroht. Das Gift reichert sich in den Körpern an und führt zu Krankheiten bis hin zum Tod.

    Landwirtschaft, Düngung, Gülle, Güllefass, Güllefaß


    Die eingebrachten Pestizide sind aber nicht das einzige Problem durch die Agrarindustrie. Hinzu kommt der häufige Einsatz von Phosphatdüngern. Wie bei den Pestiziden bleibt auch Phosphat nur zum Teil auf dem Feld. Ein großer Teil wird ausgewaschen und gelangt in die Gewässer. Hier bringt das Phopshat die Chemie der Flüsse und Meere durcheinander. Es kommt zur sogenannten Eutrophierung, einem Überschuss an bestimmten Nährstoffen und ungebremsten Wachstum der Pflanzen.
    In der Folge kommt es z.B. zu Algenblüten und dead zones, Zonen mit sehr geringem Sauerstoffanteil, in denen kaum Leben möglich ist. Leider dehnen sich diese dead zones aus und gefährden immer mehr Wasserlebewesen und maritime Lebensräume.

    Kunst-/Mineraldünger mit Nitrat und übermäßiger Einsatz von Gülle aus der industriellen Tierhaltung führen zu ähnlichen Problemen. Durch das Nitrat wird insbesondere auch das Grund- und Oberflächenwasser gefährdet. In Deutschland werden die zulässigen Werte z.B. häufig überschritten.

    Das Gift auf den Feldern der industriellen Landwirtschaft tötet nicht nur Insekten, sondern auch Mikroorganismen. Diese sind für einen gesunden Bodenaufbau äußerst wichtig und gewährleisten die Fruchtbarkeit. Ohne Mikroorganismen kann kein Humus aufgebaut werden, und durch Erosion werden Böden abgetragen.
    Hinzu kommt die Verdichtung des Bodens durch die schweren Maschinen. In stark verdichtetem Boden gibt es deutlich weniger Sauerstoff und die Chemie verändert sich. Die Mikroorganismen nehmen dadurch noch weiter ab - ein Teufelskreis.

    Bis 2014 hat die Welt bereits ein Drittel der Böden durch die Praktiken der industriellen Landwirtschaft verloren. Inzwischen nähern wir uns 50%. Wenn wir so weiter machen, wird fruchtbarer Boden in wenigen Jahrzehnten komplett verschwunden sein.

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    Neben den Giftstoffen aus der Agrarindustrie gelangen überall auf der Welt Arzneimittel in den Boden. Bisher wurden etwa 150 verschiedene Wirkstoffe in Böden und Gewässern gefunden. Schmerzmittel, Antibiotika, Betablocker, psychoaktive Substanzen, Antidiabetika gefährden Frösche und andere Tiere. Kaulquappen bekommen verformte Skelette, hormonaktive Substanzen führen bei Seesternen, Schnecken, Fischen, aber auch Amphibien, Reptilien, Vögeln, Säugetieren zu Unfruchtbarkeit und Missbildungen, veränderter Geschlechtsentwicklung usw.

    Betrachtet man Antibiotika, so werden alleine in den USA und Europa jährlich rund 20.000 Tonnen verbraucht. Die Hälfte davon wird in der industriellen Tierhaltung eingesetzt, die andere Hälfte bei Menschen. MIt der Gülle gelangen Antibiotikarückstände aus der Tierhaltung in den Boden und den Wasserkreislauf. In der Schweiz liegt die Konzentration von Antibiotika z.B. bei 1kg pro Hektar, trotz der vergleichsweisen geringeren Tierhaltung/Fleischproduktion.
    Das tötet unzählige Bakterien im Boden ab und fördert resistente Bakterienstämme.

     

    Was wird getan?

    So langsam begreifen wir, dass sich die industrielle Landwirtschaft verändern muss. Eine Alternative bieten biologische Bewirtschaftung, ebenso biologische Schädlingsbekämpfung, der Anbau verschiedener Pflanzenarten (Polykultur statt Monokultur), Permakultur und Fruchtfolgewechsel.
    Zwei Drittel der weltweiten menschlichen Nahrung werden ohnehin von Kleinbauern produziert. Die große Agrarindustrie produziert hauptsächlich Massengetreide, Mais (auch für Biogasanlagen) und Viehfutter.

     

    Was können wir tun?

    - Unterstütze den ökologischen Landbau vor Ort. Neben Wochenmärkten kann auch eine Gemüsekiste oder Mitgliedschaft bei einer solidarischen Landwirtschaft in Frage kommen.
    - Achte auch bei nicht-regionalen Produkten auf biologischen Anbau. Bei Lebensmitteln, aber z.B. auch bei Kleidung, Bettwäsche usw. (im Baumwoll-Anbau werden sehr viele Pestizide eingesetzt)
    - Wenn du einen Garten hast: informiere dich über Permakultur, nutze - wenn überhaupt - biologische Mittel zur Schädlingsbekämpfung (z.B. andere Insekten, bestimmte Kräuter/Pflanzen zur Abwehr). Dünge, falls nötig, mit Kompost und anderen natürlichen Materialien wie Tee usw.
    - Engagiere dich für Permakultur, arbeite z.B. in einem Gemeinschaftsgarten mit, der nach Permakultur anbaut. Oder eigne dir Wissen dazu an.
    - Entsorge Medikamente nicht über die Toilette oder das Spülbecken. Gib sie in der Apotheke ab, beim Schadstoffmobil/Recyclinghof, oder über den Restmüll (je nach örtlichen Bedingungen). Informiere auch andere darüber, besonders ältere Menschen. Biete z.B. Oma/Opa an, Altmedikamente korrekt zu entsorgen.
    - Wenn du Fleisch isst: Verzichte auf Fleisch aus industrieller Tierhaltung. Auch für Eier, Milch aus konventioneller Haltung werden viele Antibiotika eingesetzt. Nimm besser Bio-Produkte. Aber auch hier in Maßen.
    - Engagiere dich bei Kampagnen und Petitionen für sauberes Trink-/Grundwasser, Verbot von Pestiziden, weniger Gülle auf Feldern u.ä. Informiere auch andere und bewege sie zum Mitmachen. Nimm z.B. Unterschriftenlisten mit zur Schule, Uni, frage Nachbarn, Verwandte, Freunde, Leute im Verein.

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    Im nächsten Teil wird es darum gehen, welche nicht-chemischen Verschmutzungen die Artenvielfalt gefährden.

     

    -- Fortsetzung folgt --

     

    Quellen:

    Fred Hageneder: "Happy Planet - Jetzt handeln für eine glückliche Erde", Neue Erde GmbH, 1. Auflage 2019 (S. 77-80)


    Titelbild
    : © Jaime Olmo, Tropical Rainforest Parrot, CC BY 2.0

    Weitere Bilder: (Zugriff jeweils 29.3.2020)
    https://pixabay.com/de/photos/ackerbau-pflanzenschutz-spr%C3%BChnebel-1359862/
    https://pixabay.com/de/photos/bienen-bienensterben-pestizide-4161580/
    https://pixabay.com/de/photos/landwirtschaft-d%C3%BCngung-g%C3%BClle-4974615/
    https://pixabay.com/de/photos/abstrakt-landwirtschaft-hintergrund-21769/
    https://pixabay.com/de/photos/garten-permakultur-hotel-insekten-2628735/

Kommentare

1 Kommentar
  • viviberlin, Luise, und lenalotta gefällt das
  • lenalotta
    lenalotta Danke für diese wirklich gute Berichtereihe, Steffi! Vor allem in diesem Zeiten ist es immens wichtig, mehr Augenmerk aufs Artensterben und den Artenschutz zu legen!
    2. Apr.