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Artenvielfalt - warum sterben immer mehr Arten aus? (Teil 2)

  • Tropical Rainforest Parrot | Jaime Olmo | Flickr

    Immer wieder wird über das Artensterben berichtet, das so viel schneller fortschreitet als alle vorherigen in der Erdgeschichte. Aktuell befinden wir uns im 6. Massenaussterben. Breitmaulnashorn, Goldkröte, Pinta-Riesenschildkröte - das sind nur drei der Arten, die es auf unserem Planeten nicht mehr gibt.

    Das Massenaussterben ist genauso schwerwiegend und bedrohlich für den Planeten wie die Klimakrise. Und auch das Überlegen der Menschheit hängt davon ab. Unsere Luft, Wasser, die Nahrung die wir essen - für all das brauchen wir die Artenvielfalt.

     

    Doch warum ist das so? Welche Gründe hat das rasante Aussterben verschiedener Arten?

    HIPPO, sagt der Entomologe und Biodiversitätsforscher Edward O. Wilson. Wie, Hippopotamus, das Nilpferd?
    Nein - HIPPO steht für

    - Habitatzerstörung (Teil 1)
    - Invasive Arten
    - Pollution (Verschmutzung)
    - Population (Bevölkerung)
    - Overharvesting (Übernutzung)

    In dieser Berichtsreihe werden wir uns diese Punkte genauer anschauen.

    Hirtenmaina, Acridotheres Tristis, Beo, Indian Myna


    2) Invasive Arten

    Invasive Arten breiten sich meist durch menschliche Aktivitäten aus und sind eine der fünf Hauptursachen für das Artensterben und den Verlust der biologischen Vielfalt.

    Tourismus und globale Handelsnetzwerke/Globalisierung fördern die Ausbreitung von Arten in Regionen, in denen sie natürlicherweise nicht vorkommen würden.

    Selbst wenn ein Ökosystem relativ stabil und gesund ist, können invasive Arten erhebliche Schäden verursachen.
    Zwar sind viele eingeschleppte Arten harmlos oder verschwinden nach einiger Zeit wieder. Doch nicht bei allen ist das der Fall.

    Bei diesen Arten gibt es folgendes Problem: wird eine fremde Art in ein Ökosystem eingeschleppt, hat sie dort keine natürlichen Feinde (Fressfeinde, Krankheiten). D.h., sie kann sich ungebremst ausbreiten. Das ist zum Nachteil der heimischen Arten.
    Es entsteht eine neue Konkurrenz um Nahrung/Nährstoffe, Platz, die Hierarchien im Ökosystem geraten durcheinander und die biologische Vielfalt ist gefährdet.

    Götterbäume Altissima, Invasive, Pflanze, Botanik


    Invasive Arten können sowohl Pflanzen als auch Tiere sein. Für Deutschland betrifft das 168 Arten, die negative Auswirkungen auf das heimische Ökosystem haben. Die EU veröffentlicht dazu eine regelmäßig überarbeitete Liste.

    Nun gibt es die berechtigte Frage: kann und soll man invasive Arten kontrollieren und - wenn möglich - ausrotten?
    Hier spielt die Tier- und Umweltethik mit rein. Man sollte nicht die einzelnen Arten, fremd vs. einheimisch, gegeneinander ausspielen, sondern das Ökosystem als Gesamtes betrachten. Welche Auswirkungen hat die neue Art auf andere Pflanzen, auf Tiere, die Nahrungskette, ggf. auch auf den Menschen?

    Eine besondere Form der "Invasion" sind Massensterben: Sie scheinen aus dem Nichts zu kommen und werden auch als Mass Mortality Events bezeichnet (MMEs). Ein einzelner, katastrophaler Vorfall, der viele Tiere einer Art in sehr kurzer Zeit vernichtet. Einzelne Arten können so an den Rand des Aussterbens gebracht werden.
    So grasten z.B. im Frühling 2015 mehrere Hunderttausend Antilopen in der kasachischen Steppe. Innerhalb von 2-3 Tagen wurden all diese Antilopen krank und nach einer Woche waren sie tot. Es konnte sich nicht um eine Krankheit handeln, die von Tier zu Tier übertragen wurde - dafür war gar keine Zeit. Bei Obduktionen wurde schließlich der Grund herausgefunden: Ein Bakterium, das ganz natürlich in den Antilopen lebt. Pasteurella multicoda. Nun gab es aber zuvor eine Hitzewellemit 37°C und die Luftfeuchtigkeit stieg auf über 80% an. Das hatte die Bakterien dazu gebracht, sich stark zu vermehren. Die Antilopen bekamen dadurch alle innerhalb kurzer Zeit eine Blutvergiftung, an der sie kurz darauf verstarben.

    Antilopen, Wasserböcke, Chobe, Afrika, Herde, Gruppe


    Ähnlich war es 2013 an der amerikanischen Westküste: Innerhalb kurzer Zeit verfielen Millionen von Seesterne zu weißem Brei. Auch hier war die Ursache ein Virus, das natürlicherweise in den Seesternen vorkommt. Die Klimaerwärmung hatte die Tiere geschwächt und gleichzeitig zur Vermehrung des Virus beigetragen.
    Gefahr lauert auch im Permafrostboden: Lange sind dort Sporen oder Erreger eingefroren gewesen (z.B. im Kadaver infizierter Tiere). Taut der Boden nun aber auf, können sie wieder aktiv werden und Menschen wie Tiere infizieren.

    Durch den Klimawandel werden solche Mass Mortality Events voraussichtlich immer häufiger auftreten.

     

    Zwei Beispiele für invasive Arten:

    a) In Europa ist eigentlich das rote Eichhörnchen heimisch. Ende des 19. Jahrhunderts wurde auf den Britischen Inseln jedoch das Amerikanische Grauhörnchen eingeführt. Das hat das rote Eichhörnchen weitestgehend zurückgedrängt. Denn das Grauhörnchen ist gegen ein Virus immun (Squirrelpox-Virus). Das rote Eichhörnchen nicht.
    Der "Wechsel" von roten Eichhörnchen zu Grauhörnchen betrifft nun aber das gesamte Ökosystem: In den Bereichen der Grauhörnchen sinkt die Zahl der Singgvögel - Grund sind Nahrungskonkurrenz (Insekten, Frösche) und weil die Grauhörnchen teilweise Vogelnester ausrauben. Zudem fressen Grauhörnchen die Rinde von Baumarten mit dünner Rinde (Buche, Birke, Eibe, Ahorn, einige Obstbäume)-  also Bäumen, die in Europa weit verbreitet und besonders anfällig für Angriffe sind.
    Die Frage "rotes Eichhörnchen" oder "graues Eichhörnchen" betrifft also nicht nur die beiden Eichhörnchen-Arten, sondern auch den Menschen, die Vögel, Frösche und Bäume. Und die würden sich auf die Seite des roten Eichhörnchens stellen.

    Eichhörnchen, Tier, Tierwelt, Park, Fütterung, Nagetier


    b) Obama Nungara, ein Plattwurm: Eigentlich ist er in Südamerika zu Hause. Er ernährt sich von Kleintieren, Schnecken, Insekten, ist demzufolge fleischfressend. In Europa hat er keine natürlichen Fressfeinde und breitet sich aus. Besonders in Frankreich kommt er gehäuft vor. Angenommen wird, dass er in der Erde aus Pflanzen aus Südamerika nach Europa gelangen konnte.

     

     

    Was wird getan?

    Es bestehen Programme, um invasive Arten zu überwachen und zu kontrollieren. Die EU führt eine Liste über invasive Arten, die regelmäßig angepasst wird (siehe oben).
    Tiere gezielt zu töten ist nur eine Möglichkeit, es kann auch Einfluss auf die Fortpflanzung genommen werden oder es werden natürliche Raubtiere eingesetzt. Beim Beispiel des Eichhörnchen kann das z.B. der Baummarder sein (die Grauhörnchen sind größer und nicht so schnell als ihre heimischen roten Kollegen, so dass der Baummarder für die Grauhörnchen eine natürliche Bedrohung darstellt).

     

    Was können wir tun?

    - Bitte keine Tiere aussetzen! Eigentlich selbstverständlich, oder?
    - Bringt keine Garten- und Kompostabfälle in den Wald. Sonst könnten sich Arten vermehren, die dort nicht natürlich vorkommen.
    - Es gibt bei euch eine Nautrschutzaktion, bei der problematische, invasive Pflanzen entfernt werden? Super - unterstützt die Aktion durch eure Mithilfe. (Erkundigt euch z.B. beim örtlichen BUND, NABU etc. nach Einsätzen)
    - Wenn ihr im Ausland wart: Bringt bitte keine Tiere und/oder Pflanzen mit. Auch keine Samen. Ein tolles Gewürz oder ein Foto, das man man vergrößert und aufhängt, ist doch auch eine klasse Erinnerung an den Urlaub, oder?
    - Achtet die Prozesse und das Gleichgewicht der Natur.

     

    -- Fortsetzung folgt --

     

    Quellen:

    Fred Hageneder: "Happy Planet - Jetzt handeln für eine glückliche Erde", Neue Erde GmbH, 1. Auflage 2019 (S. 65-68)

    Titelbild: © Jaime Olmo, Tropical Rainforest Parrot, CC BY 2.0

    Weitere Bilder: (Zugriff jeweils 13.3.2020)
    https://pixabay.com/de/photos/hirtenmaina-acridotheres-tristis-beo-1367119/
    https://pixabay.com/de/photos/g%C3%B6tterb%C3%A4ume-altissima-invasive-844410/
    https://pixabay.com/de/photos/antilopen-wasserb%C3%B6cke-chobe-afrika-1712228/
    https://pixabay.com/de/photos/eichh%C3%B6rnchen-tier-tierwelt-park-2371509/

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