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Gespräch mit dem Mitglied der Kohlekommission Andreas Scheidt

  • Ein zweites Gespräch mit einem Kohlekommissions-Mitglied

    Nach dem Treffen mit Reiner Priggen, bei dem TobiS und FranziL stellvertretend für die WWF Jugend zusammen mit weiteren Vertretern anderer jugendlichen Naturschutzverbänden waren, erfolgte am vergangenen Donnerstag, dem 7. März, ein Treffen mit dem Mitglied des ver.di-Bundesvorstands und dem Kohlekommissionsmitglied Andreas Scheidt.

    Den Bericht des Gespräches mit Reiner Priggen von TobiS und FranziL könnt ihr hier lesen.

    Portrait von Andreas Scheidt, Mitglied der Kohlekommission und Mitglied im ver.di-Bundesvorstand, Leiter des Fachbereichs 2 Ver- und Entsorgung @ Kay Herschelmann

    Andreas Scheidt

    Wichtig für den Kohleausstieg ist natürlich nicht nur, dass dieser schnellstmöglich und effektiv geschieht, sondern auch, dass das Ganze auch sozialverträglich abläuft, sprich, dass die Menschen, die z.B. in der Kohlebranche arbeiten, nicht vernachlässigt werden.

    Andreas Scheidt von ver.di, der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft, war in diesem Sinne auch in der Kohlekommission mit dabei und meint über sich selbst er "war einer der Wenigen, die Ahnung davon hatten".

    Seit 4½ Jahren ist er hauptamtlich bei ver.di dabei, früher hat er selber in einem Steinkohlekraftwerk in Wuppertal gearbeitet, weshalb er auch einen besonderen, persönlichen Bezug dazu hat.

    Überraschend für uns war, dass ver.di Teil der Deutschen Klimaallianz ist und schon seit vielen Jahren an COPs teilnimmt. Seit den 90er Jahren in Bonn sind sie dabei, auch in Paris waren sie anwesend.

    Ins Gespräch kamen wir durch einen Brief, den wir an ihn sandten, wodurch er von uns erfahren hatte. An einem Austausch war er sehr interessiert, da gerade auf einer persönlichen Ebene Probleme und Ansichten besser zu verstehen sind und man kompromissbereiter ist. Missverständnisse können so vermieden werden, weshalb er auch viel lieber auf persönliches "menscheln" zurückgreift als reinen E-Mail-Austausch.

    Ver.di's Einfluss auf den Kohlekommissions-Bericht

    ver.di hatte auf der KoKo einen besonderen Schwerpunkt auf ihre vier Kriterien gelegt, nämlich die Klimaschutzziele der Bundesregierung durchzusetzen, aber auch auf die Versorgungssicherheit, Sozialverträglichkeit und Bezahlbarkeit zu achten. Die Klimaziele der Regierung bis 2050 unterstützen sie, aber sie kritisieren den gesellschaftlichen Konflikt zwischen der Energiewende und Windrädern, wobei mögliche Lösungsansätze beim Monitoring liegen könnten.

    Insgesamt sind sie zufrieden mit dem Bericht, aber die Steinkohleproblematik hätte mehr Potential. Für Andreas Scheidt ist Steinkohle durch den persönlichen Bezug insbesondere wichtig, da der allgemeine Kohleausstieg eben auch die Steinkohle betrifft, diese aber nicht einmal erwähnt wurde.

    Seiner Meinung nach sind die wichtigsten Jahre der Entscheidung bzw. Umwandlung die zwischen 2025 und 2030, da erst danach erkennbar ist, wie effektiv der Ausstieg zwischen 2030 und 2038 wird. Er ist jedoch für die 100%-ige Umsetzung des KoKo-Beschlusses und sieht diesen auch größtenteils sehr positiv.

    Wie erreichen wir mehr Jugendbeteiligung?

    Einen Punkt, den wir als sehr kritisch empfinden, ist, dass - egal welche Position, diese vertreten - keine jungen Menschen mit bei der Kohlekommission dabei waren. Natürlich ist Scheidt nicht bei dem Kommittee dabei gewesen, dass entschieden hat, wer bei der KoKo mit dabei ist, doch wir wollten erfahren, wie denn bei ver.di selbst für mehr Jugendbeteiligung gesorgt wird. Wir erhielten positive Nachrichten: ver.di hat viele junge MitarbeiterInnen und vorallem haben alle Gruppen Quoten für die Gremien, sodass alle Generationen vertreten sind. Zudem gibt es auch eine ver.di Jugend, mit dem wir in Zukunft ein Treffen organisieren wollen.

    Kohleausstieg bis 2038 - Ist das nicht zu spät?

    Auf diese Frage bekamen wir leider keine sehr konkrete Antwort, aber das Gespräch führte so zum Thema vom Wert des Markt. Da nicht über soziale Marktwirtschaft geredet wird, sondern eben viel über den Wert des Marktes, so Scheidt, ist es schwierig, innovative Ideen auf den Markt zu bringen. Das betrifft z.B. Brennstoffzellen. In seiner Heimat in Wuppertal gibt es schon seit mitte der 90er einmal im Jahr eine Veranstaltung dazu, dennoch schaffen es Brennstoffzelllen nicht weit im Markt, da die Forschung zurückhängt. Aber die Autoindustrie soll ein wichtiger Wendepunkt sein.

    Andererseits ist das Auto längst nicht mehr so ein Statussymbol wie es das einst war, sodass viele Jugendliche heutzutage nicht einmal mehr den Führerschein machen, wie es früher der Standard war.

    Ein sozialer Ausstieg - Wie kann dieser gestaltet werden?

    Gerade der Umbau der Autoindusrie setzt Dekaden voraus, zum Einen für die Umsetzung neuer Technologien, aber auch - wie schon eben genannt - um die Denkweise zu ändern, dass ein Auto ein Statussymbol ist.

    ver.di selbst versucht auch ökologische Alternativen in eigene Abläufe zu integrieren, also etwa klimafreundliche Hotels und fairtrade Essen zu buchen und Gremien für Nachhaltigkeit zu organisieren. Dass sie nicht perfekt in Sachen Nachhaltigkeit sind (z.B. produzieren sie billige, wegwerf-Kullis und ähnliche Werbeprodukte), wissen sie auch, doch sie bemühen sich, ihre nachhaltigen Rahmenbedingungen auszubauen.

    Bei der Frage, jedoch, welchen Stromanbieter ver.di bezieht, war sich Scheidt unsicher. Bloß kritisierte er stark Firmen wie Lichtblick und GreenpeaceEnergy, da diese Tarifverträge nutzen und nicht mit den Arbeiterwerten ver.dis verträglich sind. Besser sind seiner Meinung nach Stadtwerke der einzelnen Regionen, er selbst bekommt seinen Ökostrom daheim aus dem Stadtwerk Wuppertal. Allerdings meinte er auch, dass dank ver.di, welche Gespräche mit u.a. Greenpeace geführt haben, der "Mensch" in Umweltverbänden eine viel wichtigere Rolle spielt.

    Ein sozialer Ausstieg darf nicht allzu utopisch sein, meint er, sondern man muss realistisch und pragmatisch bleiben. Wichtig ist, dass man nicht am Mainstream vorbeigeht, sonst wird man abgestempelt. Ein Kohleausstieg muss gemeinsam passieren, ohne andere zu vernachlässigen.

    Das neue Klimaschutzgesetz

    Im Moment liest man ja gefühlt überall von dem neuen Klimaschutzgesetz, Scheidt selbst ist nicht überzeugt, dass man all diese Sektoren in einem Gesetz zusammenfassen kann. Man braucht viele verschiedene, die sich mit bestimmten Problematiken befassen. Mit dem Kohleausstiegbeschluss haben wir ein Sektorziel erreicht, aber andere Bereiche wie etwa Landwirtschaft müssen immer noch angegangen werden.

    Fridays For Future

    Durch sein eigenes, sehr großes Interesse an dem Thema, machten wir auch einen kleinen Schlenker zu den wöchentlichen Schülerstreiks. Er selbst ist diesen schon seit Anfang sehr positiv gegenübergestellt, bis er vor einiger Zeit mit Eltern geredet haben, welche eine andere Perspektive bieten. "Nachmittags tut es weh, während der Schulzeit nicht." Er stellt sich die Frage, ob die SchülerInnen auch bereit wären, Freizeit zu opfern. Er hinterfragte zudem auch, ob FFF eine wirkliche Bewegung sei und wo diese hingehen soll. An sich findet er die Demos dennoch gut und erhofft mehr Engagement, das geweckte politische Interesse von Schülern hat auch Potential, die Wahlbeteiligung zu erhöhen.

    Gesetzte zur Regelung? Oder reines Umdenken?

    Bewusster Konsum ist wichtig, aber es ist klar, dass man selbst nach dem Preis schaut. Vorallem finanziell schwächergestellte Menschen greifen natürlich zu Billigprodukten, wo man eben nicht ankommen kann, und ihnen etwas vorschreiben sollte - manche können es sich schlichtweg anders nicht leisten. Ansätze wären hingegen sozialökologische Stueren, Reichensteuer, Erbschaftsteuer... Mit Gesetzen ist der Wandel effektiver, weshalb diese auch gefordert sind, also wie z.B. Glas statt Plastikflaschen, Netze statt Plastiktüten im Supermarkt. Die Müllversorgungsproblematik soll auch nicht in andere Länder verschoben werden. Klar nötigt der Umstieg auf nachhaltigere Lösungen einen gesellschaftlichen Wandel, aber unterstützt werden muss er dennoch gesetzlich.

    Fazit

    Insgesamt fanden wir alle (das sind Vera von der NAJU, Helix von der BUNDjugend, Frauke und Jannis von der Naturfreundejugend und ich), dass das Gespräch sehr positiv ausgefallen ist und wir uns auf Augenhöhe begegnen konnten. Manche Fragen wurden nicht so direkt und klar beantwortet, wie wir es uns erhofft hatten, doch insgesamt schien es uns transparent und nicht wie eine Marketing-Aktion von ver.di, obwohl wir dennoch Mitgliedsanträge für ver.di mitbekommen haben. Dafür senden wir Scheidt auch Mitgliedsanträge für unsere jeweiligen Organisationen.

    @ Frauke

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    Der Bericht basiert auf dem Protokoll, das Vera Kaunath von der NAJU und ich geführt haben.

Kommentare

2 Kommentare
  • TobiS
    TobiS Danke für die gelungene Zusammenfassung ☺️

    Ich finde es sehr spannend, die Ansichten eines Arbeitnehmer-Vertreters den Ansichten eines Lobbyisten für Erneuerbare Energien gegenüberzustellen. Herr Priggen meinte z. B., dass das Strukturwandel-Problem im S...  mehr
  • lenalotta
    lenalotta Danke für diese Zusammenfassung :)