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statt nur dabei


© WWF
Einblick in mein FÖJ - Wie eine echte Vogelzählung aussieht


von Anne95
21.09.2013
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Seit Juli bin ich nun FÖJlerin beim WWF in Husum – direkt am Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer. Der WWF arbeitet hier mit der Schutzstation Wattenmeer zusammen, insgesamt sind wir 6 Freiwillige (FÖJ und BFD). Wir machen Wattwanderungen, Vogelkieks, Nachtwanderungen, betreuen die Ausstellung im Nationalparkhaus und und und.
Heute möchte ich euch von einer unserer spannendsten, aber auch stressigsten Aufgaben erzählen – die STZ.

Was ist STZ?

STZ bedeutet SpringTidenZählung. Springtide ist alle zwei Wochen bei Voll- bzw. Neumond, wenn das Wasser bei Flut besonders hoch aufläuft und die Vögel besonders nah an die Deiche kommen. Dann kann man sie mit dem Spektiv gut erkennen.

Was zählt man überhaupt?

Wir zählen alle Watvögel, Möwen, Enten und Seeschwalben, die in den Salzwiesen vor dem Deich bzw. an Speicherbecken im Binnenland sitzen. (Wichtig: nur sitzende Vögel werden gezählt, die meisten Leute denken, wir zählen die Vögel im Flug, eine ziemlich krasse Vorstellung... ;-) )

Warum das ganze?

Das Wattenmeer ist ein sehr wichtiges Gebiet für Brut- und Zugvögel. Millionen Vögel, die in der Arktis brüten und in Afrika überwintern, machen hier Pause, um Kraft zu tanken für ihren Weiterflug. Für die vielen verschiedenen Vogelarten gibt es hier im Wattenmeer ein enormes Nahrungsangebot. Mit Hilfe der Vogelzählungen wollen Ornithologen die Entwicklung der Vogelbestände überwachen („Trilaterales Monitoring- und Bewertungsprogramm“). Dazu brauchen sie unsere Daten.

Was braucht man für eine STZ?

Ein Fahrrad
Satteltaschen
Spektiv
Stativ
Fernglas
Zählbuch und Stift
Zähluhren
den Vogelführer (wenn man sich nicht sicher ist, welcher Vogel vor einem sitzt)
wetterfeste Kleidung
Essen und Trinken, da es lange dauern kann
viel Geduld und starke Nerven... ;-)

Die Zählung und ihre Komplikationen

Ich fahre also los in mein Zählgebiet. In Husum haben wir drei: eins im Norden Richtung Nordstrand und zwei im Süden Richtung Simonsberg. Diesmal habe ich das Gebiet VE11, also das erste im Süden. Ich fahre am Deich entlang und wenn ich einen sitzenden Vogelschwarm erblicke, bleibe ich stehen, lege mein Fahrrad ins Gras (hinstellen bringt nichts, die Schafe treten es um) und baue die Optik auf. Es kann losgehen.

Ein erster Schwenk mit dem Spektiv zeigt mir: Es sind unglaublich viele. Noch viel mehr als vor zwei Wochen. Und die Zusammensetzung ist teilweise ganz anders. Ich verschaffe mir einen Überblick und lege eine Liste an. Dann zähle ich jede Art mit der Zähluhr durch. Meistens beginne ich mit der Art, von der die meisten Vögel da sind. In diesem Fall Lachmöwen.

Vor kurzem sind sie ins Schlichtkleid gemausert und haben nun einen hellen Kopf mit schwarzem Fleck hinterm Auge. Im Sommer bekommen sie wieder einen schokoladenbraunen Kopf.

Klick, Klick, Klick...

Ich höre auf einmal laute Stimmen. Und sehe zu meiner Verärgerung, wie drei Kajakfahrer direkt aus der Hafenschleuse gefahren kommen, in Richtung der Lachmöwen. „Supertoll“, denke ich mir, als die Vögel reißaus nehmen. „Vielen Dank.“ Doch zu meinem Glück dauert es nicht lange und sie setzen sich wieder. Ich kann weitermachen.

Es sind mehrere hundert. Um keinen Krampf zu bekommen, klicke ich in Zehnerschritten (ist bei großen Schwärmen empfehlenswert). Dazwischen sitzen ein paar Silbermöwen, Mantelmöwen und Sturmmöwen.


 

 Eine Silbermöwe

Fertig. Als nächstes kommen die Kiebitze. Das sind wunderschöne Vögel mit grünlich schimmernden Flügeldecken und einem lustigen Schopf. Ihr Ruf ist unverwechselbar und zur Balzzeit haben sie die coolsten Flugmanöver drauf.

Klick, Klick, Klick, Klick...

Der Trupp Goldregenpfeifer ist gigantisch. Ich glaube fast, dass ich es nicht schaffe, sie alle zu zählen, so viele sind es. Bestimmt über tausend.

  Ein Goldregenpfeifer im Prachtkleid (der Schwarm ist leider weggeflogen, als ich ein Foto machen wollte...)

Auch hier macht mir jemand einen Strich durch die Rechnung. Ich höre das lärmende Geräusch eines Flugzeugs, kann es aber unter der dichten Wolkendecke nicht ausmachen. Ich hasse Flugzeuge, die meine Vögel aufschrecken. In solchen Momenten würde ich am liebsten die Zähluhren wegschmeißen. Aber es hilft alles nichts, ich muss von vorne anfangen.
Was bei den Massen von Vögeln nicht sonderlich einfach ist. Es sind fast eineinhalb tausend Pfeifenten. Letztes Mal habe ich fast keine gezählt.

Vorne im Bild die vielen Pfeifenten...

Klick, Klick, Klick...

Als nächstes zähle ich Alpenstrandläufer, Brandgänse, Sandregenpfeifer, Kormorane, Stockenten, Bekassinen, Graureiher, Dunkle Wasserläufer, Rotschenkel, Austernfischer, Eiderenten, Mantelmöwenund Große Brachvögel. Und merke gar nicht, wie die Zeit verfliegt. Ich muss mich beeilen, damit ich fertig werde, bevor das Wasser zu weit abläuft. Dann stürzen sich die Vögel nämlich wieder auf die freien Wattflächen, um nach Nahrung zu stochern.


Alpenstrandläufer – mittlerweile mausert er ins Schlichtkleid (Bild), der häufigste Watvogel im Wattenmeer


Brandgans – (schwarz-weiße Vögel im Bild) hat vor kurzem gemausert und ihr komplettes Gefieder gewechselt


Sandregenpfeifer – ultraniedlich, rennen ziemlich hektisch durch die Gegend

Kormorane – sitzen oft mit ausgebreiteten Flügeln um ihr Gefieder zu trocknen


Rotschenkel – woher der Name kommt, kann sich wohl jeder denken...


Austernfischer – der charakteristische Vogel des Wattenmeeres, fast überall zu sehen, trillernder Ruf 


Großer Brachvogel – hat im Verhältnis zu seiner Körpergröße den längsten Schnabel

Zwischendurch muss ich auch mal meinen Vogelführer aufschlagen. Aber es wird von Zählung zu Zählung seltener. Etwas schwierig finde ich noch die Bestimmung der Enten. Aber auch Watvögel sind nicht immer einfach zu bestimmen. Momentan mausern die meisten ins Schlichtkleid und sehen auf den ersten Blick alle grau aus. Im Prachtkleid sind sie viel auffälliger und unterschiedlicher.

Endstand
Ergebnis der aktuellsten Zählung vom 21.9.13:

1288 Lachmöwen
12 Silbermöwen
3 Mantelmöwen
2 Sturmmöwen
781 Kiebitze
1 Austernfischer
1128 Goldregenpfeifer
6 Kiebitzregenpfeifer
60 Sandregenpfeifer
86 Rotschenkel
3 Dunkle Wasserläufer
188 Große Brachvögel
7 Graureiher
17 Kormorane
642 Brandgänse
447 Alpenstrandläufer
2 Uferschnepfen
8 Bekassinen
21 Eiderenten
345 Stockenten
1455 Pfeifenten
3 Knäkenten
4 Löffelenten
1 Brandseeschwalbe
1 Bachstelze

Vor zwei Wochen sah alles noch anders aus. Da waren es viel mehr Regenpfeifer und Möwen und weniger Enten. Da sieht man, schnell sich alles verändert... Auf einmal sind Schwärme von Vögeln da, die vorher nicht da waren. Oder Vögel sind auf einmal weg.
Aber insgesamt ist es schon eine beträchtliche Anzahl. Und das alles nur in einem kleinen Gebiet. Alle Gebiete in diesem Nationalpark zusammen beherbergen so unglaublich viele Vögel. Ich finde es jedes Mal aufs Neue erstaunlich, wie viel man hier sehen kann und wie schnell es sich verändert.

Bei den Vogelführungen werde ich oft ganz ungläubig gefragt: Wie kann man denn Vögel zählen? Die fliegen doch weg?!
Dann erkläre ich es ihnen und sie finden es toll und sagen mir immer wieder, dass sie unsere Arbeit schätzen, was mich ziemlich glücklich macht. Auch wenn es manchmal ziemlich anstrengend ist, die Vogelzählungen gehören zu meinen Lieblingsaufgaben bei meinem FÖJ. :-)

Euch allen sonnige Grüße aus der bunten Stadt am Meer :-)

 

Bilder: teils © Schutzstation Wattenmeer, teils © Anne95

Bild vom Kiebitz:

© Dr. Heinz Klöser / WWF.

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Kommentare (14)
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04.10.2013
Chamaeleonmuetze hat geschrieben:
Toller Bericht :) Ich stell mir das echt anstrengend vor :D
24.09.2013
Anne95 hat geschrieben:
Danke an alle für die tollen Kommentare :-)

@Ronja: Viereinhalb Stunden habe ich gebraucht ;-)
23.09.2013
vince hat geschrieben:
Ach du ahnst es nicht... Vögel zählen! Du musst ja wirklich eine Wahnsinnsgeduld haben, Anne95! Erstmal muss man die vielen unterschiedlichen Vögel ja auseinanderhalten, und dann auch noch jeden einzelnen Vogel zählen! Mir fällt ja schon das Zählen von Schritten schwer, aber das ist ja nochmal ne ganz andere Nummer. Also großen Respekt!
Der Bericht ist auch gut gemacht, ausführllich beschrieben mit vielen Bildern!
23.09.2013
Ronja96 hat geschrieben:
Das hört sich wirklich super interessiert an. Wie lange hast du gebraucht um diese vielen Vögel zu zählen?
Ich wünsche dir auf jeden Fall noch viel Spaß
23.09.2013
anne.toni hat geschrieben:
Schöner Bericht mit tollen Aufnahmen!
Die Aufgaben am Wattenmeer während eines FÖJs klingen immer so vielfältig und abwechslungsreich! Es klingt nach einer großartigen Zeit und ich finde es unglaublich, wie viel du über so viele verschiedene Tierarten weißt oder dir eben in der Zeit an Wissen angeeignet hast, das ist sehr beeindruckend und man merkt, dass dir die Arbeit am Herzen liegt! Ich hoffe, bei mir klappt es mit einem Praktikum im nächsten Sommer, denn zum Wattenmeer zieht es mich auch schon lange wieder zurück! :)
23.09.2013
midori hat geschrieben:
WOW! Ein toller Bericht und eine wunderbare Arbeit. Die Redaktion durfte das Wattenmeerbüro schon kennenlernen und ein paar Piepmätze haben wir bei unserer Wattwanderung auch entdeckt - aber so viele und dann auch noch alle zählen ... Hut ab! :o)
23.09.2013
Anne95 hat geschrieben:
Ich mache Wattwanderungen u.a. mit Schulklassen, (lyrische) Nachtwanderungen, Vogelführungen, Dia- und Klimavorträge, sitze in der Ausstellung und informiere Besucher, betreue ein Gebiet rund um Husum und kontrolliere ob Störungen vorhanden sind, zähle Vögel, im Frühjahr und Herbst kartieren wir das Watt und wir machen Büroarbeit (Flyer und Plakate, Organisationskram, Bestellungen bearbeiten). Und Infostände vom WWF bzw. der Schutzstation vorbereiten und betreuen. :-)
22.09.2013
Stoffie hat geschrieben:
Das hört sich wahnsinnig beneidenswert an ;)
Vögel zählen finde ich echt super, ich glaube ich sollte doch noch ein FÖJ machen! :)
Was hast du denn sonst noch alles für Aufgaben?
22.09.2013
Rhino hat geschrieben:
Danke für die ausführlichen Informationen und die schönen Fotos! :)

Ich möchte nächstes Jahr auch ein FÖJ machen und schau gerade, welche Angebote und Tätigkeiten da interessant wären!
22.09.2013
Anne95 hat geschrieben:
Danke :-)
Wer an einem FÖJ interessiert ist, ihr könnt euch ab Oktober für den nächsten Jahrgang im Wattenmeer bewerben. Es gibt 2 FÖJ Stellen vom WWF. Ich fände es mega cool, wenn jemand aus der Community meine Stelle übernehmen würde, also wenn ihr Lust habt: Bewerben, bewerben, bewerben! :-D
22.09.2013
SarahU hat geschrieben:
Danke für die interessanten Bericht! Die Bilder sind auch toll!!!
Den Kiebitz finde ich besonders witzig, aber auch sehr schön ;)
Viel Spaß noch!!! :)
Ich finde es echt toll, dass du ein FÖJ machst!
Ich möchte auch mal eins nach dem Abitur machen (am liebsten im Regenwald) :)
22.09.2013
Sandsturm hat geschrieben:
Das hört sich ja richtig interessant an. Vielen Dank für den gelungenen Bericht!
22.09.2013
Jayfeather hat geschrieben:
toller bericht!
ich glaube ich würde tausend mal von vorn anfangen müssen, weil ich nicht mehr wüsste welche vögel ich schon gezählt hatte :D
und mit der bestimmung würde das nochmal ein paar stunden dauern^^
ich kann mir richtig gut vorstellen, wie man ausrasten könnte, wenn mal wieder jemand kommt, der die ganzen vögel verscheucht^^
22.09.2013
Cookie hat geschrieben:
Danke für diesen superschön geschriebenen Bericht! Es ist total interessant, zu lesen, was du bei deinem FÖJ so machst und nebenbei hab ich eine Menge über Vögel gelernt. Die Bilder sind wirklich toll! Ich bewundere dich dafür, dass du so viel Geduld hast, tausende Vögel zu zählen, ich glaub, ich würde das nicht durchhalten! :D Ich wünsch dir noch ganz viel Spaß bei deinem FÖJ! :)
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