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Ein Dorf


namens Erde


© WWF
Workaway – Zwischen Kulturen in Costa Rica


von Madamsel
07.02.2015
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100 P

Costa Rica – schon der Name dieses kleinen Landes in Mittelamerika klingt exotisch und lässt einen an Regenwälder, Strände und Vulkane denken, an tropisches Klima, nie gesehene Tiere und Pflanzen, an Kultur, Lebensfreude und Intensität. Das waren zumindest meine Vorstellungen. Doch als ich Ende Februar in San Jose landete, waren meine ersten Eindrücke ein wenig anders: Am Flughafen verteilte ein Polizist unter einem Banner mit der Aufschrift „Pura Vida – Welcome in the happiest country of the world“ Karteikärtchen mit Notrufnummern. Der Verkehr war wild und laut, Anschnallen dabei unüblich. Gebäude waren mit Stacheldraht und Gitterstäben versehen. In der Fußgängerzone standen Händler mit Obst, Gemüse und diversem Krimskrams, von Gürteln über DVDs bis Hautcremes. In den Nebenstraßen türmten sich die Müllsäcke. In den Rinnsteinen floss das Waschwasser. Doch all dies spiegelte nur eines von vielen Gesichtern Costa Ricas wider. Und im Laufe meines dreimonatigen Aufenthalts konnte ich ein paar von ihnen kennenlernen, gute und weniger gute, von denen ich euch erzählen möchte.


Eine meiner besten Workaway-Erfahrungen machte ich auf der Finca (Farm) einer Costa-ricanischen Familie. Insgesamt einen Monat lebte und arbeitete ich mit der Familie zusammen und in dieser Zeit lernte ich viel über das Leben auf dem Land und über die Kultur Costa Ricas.
Zwischen Bergen, Rinderweiden und Feldern versteckt lag das türkise, einstöckige Haus, dessen offizielle Adresse “800 Meter nordöstlich der Brücke” lautete. Neben Mutter, Vater, vier Kindern und einem Enkelkind beherbergte die Finca außerdem Kühe, Kälber, Ochsen, Pferde, 400 Hühner, Schweine, Hunde und Katzen. Die Familie nahm mich sehr herzlich bei ihnen auf, obwohl meine Spanischkenntnisse zu wünschen übrig ließen. Jedoch war es eine interessante Erfahrung mit Menschen zusammen zu leben und zu arbeiten, deren Sprache ich, zumindest zu Anfang, fast überhaupt nicht verstand.

Blick auf das Tal, in dem die Finca liegt.

 

Tiere füttern und Eier holen gehörten zu den täglichen Aufgaben.


Auf der Farm zu leben, das hieß bei allem mit anzupacken, was zu erledigen war. Während die Männer morgens zu einem der Bananen- oder Orangenfelder fuhren, hielten die Frauen Haus und Hof in Schuss. Im Einzelnen hieß das Putzen, Kochen, Ernten und Unkraut zupfen im Gemüsegarten, die Tiere versorgen, täglich etwa 350 Eier holen und säubern, Bohnen auslesen und Kisten packen für die wöchentlichen Marktbesuche. An diesen Markttagen fuhren wir dann vollbeladen um 3:00 Uhr morgens ins 15 Kilometer entfernte Perez Zeledon, wo wir von 5:00 bis 20:00 Uhr verkauften. Dabei durfte ich bereits nachmittags den Bus zurück zur Finca nehmen, doch meine Gastmutter blieb stets den gesamten Tag beim Stand.
Ich genoss die Atmosphäre auf dem Markt, besonders die Tatsache, dass wir mit den Verkäufern an den Nachbarständen häufig unsere Waren tauschten. Es war klasse sich durch so viele Obstsorten durchzuprobieren, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Meine Favoriten waren zum einen eine grüne Schote von der Länge eines Unterarms, deren Bohnen von einem weißen Pelz überzogen waren, welcher sowohl vom Geschmack als von der Konsistenz her an Zuckerwatte erinnerte und im Mund zerging. An den langen Tagen besonders sättigend waren zum anderen frisch gekochte, tennisballgroße Palmfrüchte, die überraschend salzig schmeckten, etwa wie eine Mischung aus Süßkartoffel und Kürbis.
Doch es käme mir unangebracht vor, nur von dem guten Essen auf dem Markt zu berichten, denn die Kochkünste meiner Gastmutter Luz waren wirklich gut. Obwohl die Basis aller Gericht morgens, mittags und abends der für Costa Rica typische Reis mit Bohnen war, verstand sich Luz darauf, durch diverse Soßen, Gemüsesorten, Fladen, Eier, Gewürze und Suppen die Speisen zu variieren.
Insbesondere bei Tisch wurde deutlich, wie unterschiedlich die Rollen von Männern und Frauen in dieser Familie waren: Sobald Vater und Sohn von der Feldarbeit nach Hause kamen, setzten sie sich an den Tisch und die Mütter und Töchter reichten ihnen das Essen. Oft verließen sie den Tisch wortlos, sobald sie fertig waren, wobei das Geschirr auf ihren Plätzen stehen blieb. Sogar als meine Gastmutter einmal krank war, rührte kein männliches Familienmitglied einen Finger in der Küche.

Verkauf auf dem Markt in Perez Zeledon.

Bald fiel mir auf, wie nachhaltig es teilweise auf der Finca zuging. Zum Beispiel wurden die 7 Schweine nicht wegen ihres Fleisches gehalten, sondern weil sie die Gasversorgung des Hauses sicherstellten. Beim Ausmisten der Ställe spülten wir Kot und Urin der Tiere in einen großen Gummibehälter, der Luftdicht verschlossen war. Das entstehende Methangas wurde über Leitungen zum Haus transportiert und zum Kochen benutzt.
Doch es gab auch einige Vorgänge, die weit weniger ökologisch abliefen. Das Abwassersystem beispielsweise ließ sehr zu wünschen übrig, wurde doch das gesamte Waschwasser inklusive, Duschgel, Shampoo, Wasch- und Spülmittel direkt in den Boden oder in den Fluss am Haus geleitet.

Einmal lud mich die Familie zu einem traditionelles Fest ein,wobei ich jedoch wegen der Sprachschwierigkeiten nicht richtig verstand, worum es sich dabei handelte. Erst vor Ort wurde mir klar, dass ich drauf und dran war bei einem Stierkampf zuzusehen und ich setzte mich mit einem sehr mulmigen Gefühl in das kleine, provisorisch aufgebaute Stadion.
Im Laufe des Abends wurden in verschiedenen Akten Stiere auf Rodeo-Art geritten, Kühe mit dem Lasso gefangen, zu Boden gestoßen und unter dem Gewicht mehrerer Männer zum ersten Mal gemolken und Toreros versuchten einen Bullen mit Rufen und Herumfuchteln zu reizen, möglichst nahe an ihn heran zu gelangen und dann seiner Attacke zu entkommen. Es wurden Ziegenböcke zum Kampf aufeinander losgelassen und sogar Kälber wurden für die Kinder aus dem Publikum zum Jagen und Einfangen zur Verfügung gestellt.
Kurz um, ich fand es scheußlich zuzuschauen. Kühe bäumten sich beim Kampf gegen das Lasso so sehr auf, dass sie auf auf den Rücken krachten und für einige Minuten liegen blieben und das panische Muhen der Stiere, wenn sie mit angespitzten Stöcken aus den Transportwägen in die Arena getrieben wurden, trieb mir die Tränen in die Augen.
Auf der anderen Seite muss gesagt werden, dass das Event im Vergleich zu dem, was ich von spanischen Stierkämpfen gehört habe, noch harmlos war. Zumindest wurden den Tieren keine dauerhaften äußerlichen Verletzungen zugefügt, sie wurden nicht am Ende erschossen und ein Akt dauerte allerhöchstens 15 Minuten.
Auch kann ich es bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen, dass das Spektakel durch die Tradition, den Adrenalinkick der Torreros und das Ansehen, welches die besonders Mutigen oder Geschickten unter ihnen bekommen für die Costa Ricaner zu einer spannenden Unterhaltungsshow für die ganze Familie wird.
Dennoch empfinde ich die Stresssituationen, in die die Tiere gebracht werden, als absolut unnötig und hatte ein schlechtes Gewissen, mit dem wenn auch geringen Eintrittsgeld die Aufrechterhaltung dieser Tradition zu unterstützen.

Bei all den täglichen Aufgaben und vielen weiteren Ereignissen wie Familienfeiern über Ostern, Salsafesten im Dorf, zwei Krankenhausbesuchen (man möchte nur ungern krank werden in Costa Rica…), einem ungewollten Ausflug zur Deutschen Botschaft nach San Jose, weil alle Wertsachen und Ausweise meiner Freundin während einer Busfahrt gestohlen wurden (möchte man auch nicht in Costa Rica…), verging der Monat auf der Finca rasend schnell.
Bevor ich mich aufmachte zur nächsten Farm, reiste ich eine Zeitlang zu verschiedenen Nationalparks, um dort zu wandern. Der Nebelwald vom Nationalpark Volcán Poás machte seinem Namen alle Ehre, denn auf 2700 Metern Höhe zog plötzlich der Nebel zwischen den Bäumen auf und am Rand des Kraters hatte man das Gefühl mitten ins Nirwana zu schauen, ins weiße Nichts. Doch während mir die Aussicht auf den Krater leider verborgen blieb, verzauberte mich der Anblick der Kolibris, die scheinbare schwerelos in der Luft stehen konnten oder aber mit unglaublicher Geschwindigkeit und einem Geräusch irgendwo zwischen großer Hummel und Katzenschnurren über meinen Kopf hinweg flogen.
Ich besuchte den Regenwald von Corcovado, auf dessen 424 Quadratkilometer großen Fläche 5 Prozent der weltweiten Biodiversität vertreten sind. Dort entdeckte ich gigantische Spinnennetze, bei denen es sich um wahre 3D Kunstwerke handelte, rote Aras und einige sogenannte Jesus Christ Lizards, kleine Eidechsen, die übers Wasser laufen konnten.

 

Costa Rica ist eine Schatzkammer an Biodiversität. Leider waren Kolibirs und Tucane zu schnell und Affen und Faultieren zu weit weg für meine Kamera.


Über den Baumwipfeln vom Nationalpark Monteverde.

Am kilometerlangen Strand des Corcovado Nationalparks.

In den entlegenen Tortuguero Nationalpark an der nördlichen Karibikküste, zog mich die Aussicht, auf Meeresschildkröten treffen zu können. Vor Ort in Parismina machte ich mich mit einer kleinen Organisation vertraut, die sich dem Schutz der drei hier Eier legenden Arten schrieben hatte. Nachts patrouillieren die Freiwilligen gemeinsam mit einheimischen Guides die Strände auf der Suche nach Schildkröten. Auch meine Freundin und ich gingen in einer Nacht gemeinsam mit einem Guide am Strand entlang, in der Hoffnung tatsächlich eine der bis zu zwei Meter groß werdenden Lederrückenschildkröten zu entdecken, was leider nicht der Fall war.
Fand man als Freiwilliger jedoch ein Tier, so sammelte man die Eier ein und brachte sie in ein abgezäuntes und überwachtes Gebiet, in dem die Eier schließlich schlüpften. Dies sei wichtig, da Schildkröteneier leider mancherorts noch immer als Delikatessen verkauft werden, was neben Klimawandel, Meeresverschmutzung durch vor allem Plastiktüten, Beifang und mehr, eine Bedrohung für die wenig übriggebliebenen Tiere darstelle.
Mir wurde außerdem berichtet, dass auch die Dorfbewohner vom Schutz der Schildkröten profitieren würden, da sie als Guides arbeiten konnten oder finanziell unterstützt wurden, wenn sie Freiwillige bei sich aufnahmen. Auch lockten die Tiere Touristen in das Dorf, weshalb ein paar Hotels und Restaurants eröffnet hatten und handgemachte Souvenirs verkauft wurden. Dennoch schien Parismina eine recht arme Gegend zu sein, sah ich in diesem und den umliegenden Dörfern doch viele Wellblechhütten, heruntergekommene Häuser und unbewohnte Ruinen. Wie auch in größeren Städten war die Müllentsorgung scheinbar ein Problem, denn überall lagen weggeworfenes Plastik, Papier und Glas herum und Hausmüll wurde in den Gärten oder am Wegesrand verbrannt.

Unter jedem der grünen Umzäunungen befinden sich im Sand eingebuddelte Schildkröteneier.

Meine letzten zwei Wochen verbrachte ich gemeinsam mit sechs anderen Volontären auf der Pferdefarm einer nach Costa Rica ausgewanderten US-Amerikanerin, auf der Pferde nach dem Prinzip des sogenannten Parelli Programs ausgebildet werden, das eine Form vom Natural Horsemanship ist. Für diejenigen unter euch, die diese Begriffe genauso wenige sagen wie mir zu Anfang, kommt hier eine kurze Erläuterung: Das Programm lehrt allen voran den Menschen, ein Pferd, seine Bedürfnisse und Denkweise (soweit wir dazu in der Lage sind) zu verstehen, damit man eine Kommunikation zwischen Mensch und Pferd entwickeln und dadurch eine bessere Bindung aufbauen kann. Während meines zweiwöchigen Aufenthalts habe ich als streng genommener Pferdeneuling zwar nur die Oberfläche von Natural Horsemanship ankratzen können, jedoch habe ich allein dadurch so viel gelernt, dass ich ein Pferd nun mit ganz anderen Augen betrachte. Alle Interessierten unter euch, können hier mehr zum Parelli Program erfahren.

Im gemütlichen Wohnzimmer der Pferdefarm.

Hoch in den Bergen auf der Pferdekoppel.

Nun bin ich am Ende meiner kleinen Berichtreihe über meine Erfahrungen in Australien, Neuseeland und Costa Rica angelangt. Ich hoffe, ihr fandet sie interessant und vielleicht auch ein bisschen inspirierend. Jedenfalls kann ich jedem nur ans Herz legen, zwischendurch immer wieder die Perspektive zu wechseln, Eindrücke in andere Familien, Kulturen und Länder zu bekommen und sich auf etwas einzulassen, das anders ist, als das Gewohnte. Manche Leute sagen über Auslandsjahre nach der Schule: „Mach es, später machst du es wahrscheinlich nie wieder.“ Ich persönlich würde eher meinen: „Mach es, und es lässt dich nicht mehr los.“

 

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Kommentare (8)
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12.02.2015
Madamsel hat geschrieben:
@vince: Ja, die Guanabana durfte natürlich nicht fehlen! Allerdings musste ich drei mal nach dem Namen nachfragen, ehe ich ihn behalten konnte :D
09.02.2015
MaRyLoU hat geschrieben:
Ein echt toller Bereicht :D Ich bin auch gerade dabei mit der Planung für ein Jahr Work and Travel anzufangen und da hat mir dein Tipp mit workaway schon geholfen, danke ;) Außerdem kann ich es jz kaum noch erwarten :D
09.02.2015
vince hat geschrieben:
Toller Bericht! Ich war auch mal in Costa Rica mit meiner Familie, das war der schönste Urlaub überhaupt! :)
Hat du dir auch mal ne Guanabana gegönnt? :D ist einfach die beste Frucht!!
09.02.2015
Cookie hat geschrieben:
Ein wunderschöner Bericht! Bei deiner tollen Erzählweise und den fantastischen Bildern bekommt man sofort Fernweh!
08.02.2015
Franzichen hat geschrieben:
Vielen Dank, dass du uns einen Einblick in deine tollen Erlebnisse und Erfahrungen gibst!:) Da bekomme ich schon wieder Fernweh..:)
07.02.2015
Ju_dith hat geschrieben:
Vielen Dank dafür, dass du all deine Erfahrungen, die du in diesen drei unterschiedlichen und total bezaubernden Ländern gesammelt hast hier mit uns teilst! Ich hab auch echt ein paar neue Dinge erfahren, die ich vorher noch nicht wusste. Außerdem hat mich jetzt endgültig das Fernweh gepackt:D
07.02.2015
EvaUll hat geschrieben:
Tolle berichtreihe, danke! Ich will nach dem abi auch ins Ausland, am liebsten nach Südamerika! :)
07.02.2015
Ronja96 hat geschrieben:
Danke für deinen tollen Bericht! Ich hätte nicht gedacht, dass Costa Rica so viel Verschiedenes zu bieten hat. Das hört sich auf jeden Fall nach tollen Erfahrungen an. =)
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