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Ein Dorf


namens Erde


© WWF
Weltwärts in die Dom. Rep. – Vom Zwiespalt zwischen Entwicklungsland und Moderne


von LaLoba
16.02.2015
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75 P

Schon vor Ewigkeiten habe ich verschiedenen Leuten versprochen, endlich mal einen Bericht über mein weltwärts-Jahr in der Dominikanischen Republik zu schreiben. Ich dachte, ich warte, bis mir klarer ist, was meine Aufgaben in meinen Projekt hier eigentlich sind. Nun, als ich gerade gedacht habe, jetzt hat sich alles eingearbeitet, hat sich wieder alles geändert. Und so wie ich die Sache im Moment einschätze, wird es wohl auch so weiter gehen. Wenn ich nämlich eines inzwischen über die Dominikanische Republik sagen kann, dann wohl, dass es hier sehr chaotisch ist. Also, genug gewartet, hier ist endlich der Bericht! Da es nach über fünf Monaten schon sehr viel zu erzählen gibt, wird es wohl eine Berichtreihe werden. In diesem Teil geht es erst mal allgemein um weltwärts und meine ersten Erfahrungen mit Land und Leuten.

Als ich an diesem Morgen aufstehe, regnet es. Zum ersten Mal seit ich hier bin, entschließe ich mich dazu, meine Regenjacke über die Strickjacke anzuziehen. Es ist kühl. Kalt, würde ich eigentlich sagen, aber im Vergleich zu den Temperaturen in Deutschland wirkt das schon fast wie Hohn. Hier in Jarabacoa, einer Kleinstadt nur wenige Stunden vom höchsten Berg der Karibik entfernt, wird es im Winter schon mal bis zu zehn Grad „kalt“. Da schaut man ganz schön dumm aus der Wäsche, wenn man selbstverständlich KEINEN warmen Pulli eingepackt hat, als es für ein Jahr in die KARIBIK ging. Aber auch die Karibik ist eben nicht immer Sommer, Sonne, Strand. Das ist sie auch. Aber eben auch Gebirge mit über 2000 Metern hohen Gipfeln und tropischem Regenwald. Gut, dass die Insel nicht so groß ist. Da kann ich mich schon mal eben am Wochenende in einen Bus setzen, um mich dann fünf Stunden später am heißen Strand unter Palmen wieder aufzuwärmen. Allein dafür lohnt sich schon das weltwärts-Jahr ;-)


Ein Surfstrand im Norden – so kennt man die Dominikanische Republik aus den Reisekatalogen.

Ein großer Teil der Insel sieht aber auch so aus wie auf dem Titelbild – endlose, bewaldete Bergketten. Nicht weit von hier fühlen sich sogar (importierte) Apfelbäume wohl.

Aber weltwärts, was ist das eigentlich? Einige von euch haben wahrscheinlich schon davon gehört, zum Beispiel durch diesen Bericht von Sarah. Es handelt sich dabei um ein Programm vom deutschen Staat, genauer vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Mit deren Unterstützung entsenden verschiedene deutsche Organisationen seit 2008 junge Freiwillige zu Partnerorganisationen in Entwicklungsländern. Da die meisten Freiwilligen gerade erst ihr Abitur gemacht haben, geht es dabei auch gar nicht vordergründig um die Entwicklungsarbeit, die sie leisten sollen, sondern eher um den kulturellen Austausch und das gegenseitige voneinander Lernen. Das weltwärts-Programm kommt für dreiviertel der Kosten auf, für den Rest müssen die Freiwilligen über Spenden aufkommen.

Vor einem Jahr hatte ich noch keine Ahnung davon, dass mich mein Auslandsjahr nach dem Abitur in die Dominikanische Republik verschlagen würde. Genau genommen wusste ich noch nicht einmal, wo die Dominikanische Republik eigentlich liegt. Dann bewarb ich mich bei einer Umweltschutzorganisation, die sowohl Projektplätze in Peru als auch in der Dom. Rep. vergab. Als ich meiner Mutter davon erzählte (und vorsichtig nachfragte, wo die Dom. Rep. eigentlich liegt), meinte sie, die Dominikanische Republik sei doch auch nicht schlecht, das sei eine schöne Insel in der Karibik und dort würden viele Leute immer Urlaub machen. Ach, klingt doch ganz gut. Nach einem Auswahlseminar bekam ich tatsächlich ein Zusage – für die Dominikanische Republik. Natürlich war mir klar, dass ich nicht zum Urlaub machen in die Karibik fliege, sondern dass ein wenn auch tolles, so doch sicher auch anstrengendes Jahr auf mich warten würde. Nach einem Vorbereitungsseminar fühlte ich mich schon etwas besser informiert und vorbereitet. Nur die Informationen über meinen Projektplatz waren so spärlich wie verwirrend: Ich würde in einer Organisation namens Fourth Water arbeiten, die irgendwie beim Aufbau von Unternehmen helfen wollte, aber gleichzeitig auch irgendetwas mit Kaffee und Schildern und Taschen aus Kaffeesäcken zu tun hatte. Häh? Der Projektplatz wurde dieses Jahr von meiner Organisation zum ersten Mal vergeben, wie viele andere auch. Relativ planlos bestieg ich also Ende August den Flieger für ein Jahr am anderen Ende der Welt.

Ein Entwicklungsland – ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber ich musste bei diesem Wort immer gleich an verhungernde Kinder, arme Holzhütten und ein Leben ohne Strom und Wasser denken. Auf einige Länder mag das wohl auch zutreffen, aber wohl kaum auf die Dominikanische Republik. Sicher, auch hier gibt es arme, abgelegene Dörfer ohne Strom und fließendes Wasser, aber das kommt nur noch eher selten vor. Die Dom. Rep. ist schon längst dabei, das „Entwicklungsland“ hinter sich zu lassen. Während ich noch auf alles gefasst hierher kam, konnte ich mich schon sehr bald entspannter zurücklehnen – in meiner Gastfamilie gab es sowohl Internet, als auch warmes Wasser, und Strom und eine Wasserleitung sind sowieso fast überall Standard. Dennoch ist es natürlich nicht mal annähernd ein Leben nach europäischen Standards. Entwicklungsland – das verbinde ich hier in der Dominikanischen Republik inzwischen mit etwas anderem: Korruption, ein wahrhaft chaotisches Durcheinander wo man auch hinblickt und Menschen die irgendwo zwischen alten Traditionen und Gewohnheiten und der rasanten Entwicklung in die Zeit der Moderne stehen.


Diese Hotel wirbt mit „Komfort, Sicherheit, Wasser und durchgängigem Stromanschluss“. Was braucht man auch mehr? Tatsächlich muss man aber heutzutage außerhalb des dominikanischen Hinterlandes schon schwer suchen, um ein Hotel ohne WiFi zu finden …

Dieser Zwiespalt wird mir hier immer wieder bewusst. Man schaue sich zum Beispiel einmal das Verkehrssystem an. Als ich im August zusammen mit den anderen Freiwilligen meiner Organisation in der Hauptstadt Santo Domingo ankam, war eines der ersten Dinge, die uns auffiel, der beängstigende Fahrstil der Dominikaner. Gerade in der Hauptstadt möchte ich nie in die Situation kommen, hier Auto fahren zu müssen. Nach einer Statistik der WHO steht die Dominikanische Republik bei den Ländern mit den meisten Verkehrstoten auf der ganzen Welt auf Platz 2 (Stand: 2013). Die ganze Insel hat zwar ein gutes Straßennetz, aber der Zustand der Straßen könnte häufig deutlich besser sein. Da muss man immer die Augen offen halten, damit man nicht in irgendein Loch fällt, weil mal eben ein Gullideckel fehlt. Gerade auf dem Motorrad könnte das tödlich enden. Gleichzeitig gibt es aber auch ein wunderbar funktionierendes öffentliches Verkehrsnetz. Es gibt ein Busunternehmen, mit dem man fast alle Teile der Insel bereisen kann, das zudem auch pünktlich (was für dieses Land wirklich eine kleine Sensation ist), bequem und relativ billig ist. Man braucht zwar für eine Strecke von unter 150 km auch schon mal fünf Stunden, aber immerhin kommt man an. Und hier will ich doch mal darauf hinweisen, dass es im Industriestaat USA kein öffentliches Verkehrsmittel gibt, das dich überall hinbringt. Dort ist man ohne Auto häufig völlig aufgeschmissen …


Unterwegs mit Caribe Tours. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite kommt einer der gelben Reisebusse entgegen. Selbst in die entlegensten Dörfern gibt es öffentliche Verkehrsmittel – notfalls so einfach wie die Ladefläche eines Pickup-Trucks, aber immerhin.

Ein Aspekt der dominikanischen Kultur, an den ich mich wohl nie gewöhnen werde, ist der tief in den Menschen verwurzelte Rassismus, der wohl geschichtlich begründet ist. Die Dominikanische Republik liegt auf der östlichen Seite der zweitgrößten, karibischen Insel Hispaniola, die sie sich mit Haiti teilt. Während die Menschen hier hauptsächlich spanische Vorfahren haben, waren es in Haiti hauptsächlich afrikanische Sklaven. Im Laufe der Geschichte gab es viele Konflikte zwischen den Nachbarländern, auch war die Insel mal von Frankreich und mal von den USA besetzt. Was davon heute geblieben ist, ist die Abneigung vieler Dominikaner gegen Haitianer, die aufgrund der armen Situation Haitis hier häufig als Hilfsarbeiter arbeiten und das auch häufig illegal.

Diese Abneigung zeigt sich nicht nur in direkten Konflikten mit Haitianern und rassistischen Äußerungen, genau genommen habe ich von diesen bisher noch nicht viel mitbekommen. Man lebt einfach nur nebeneinander her, ohne den Haitianern große Beachtung zu schenken. Und wenn dann mal einer tot im Straßengraben liegt, wird das eben ignoriert. Was allerdings sehr präsent ist, ist das Schönheitsideal des weißen Menschen mit den glatten, blonden Haaren. Hier ist es Gang und Gäbe, dass sich die Frauen einmal in der Woche die Haare glätten lassen und auch gerne mal blond färben. Obwohl hier fast jeder von Natur aus gekräuselte Haare hat, sieht man fast gar keine Frauen mit Locken. Wenn man nun tatsächlich weiß und blond ist, so wie ich, hat man viel häufiger als einem lieb ist die ungeteilte Aufmerksamkeit des jeweiligen anderen Geschlechts. Dabei geht es aber auch nicht nur um das Privileg, einen weißen Freund oder eine weiße Freundin zu haben, sondern so eine Partnerschaft wird gleichzeitig als Ticket in die USA gesehen. Denn als weiße hier bist du sowieso immer eine „americana“ und man hofft durch eine Heirat ein Visum für das „Paradies“ im Norden zu bekommen. Das empfinde ich als sehr nervig, vor allem weil man immerzu als Tourist angesehen wird und nie wirklich dazu gehören kann.

Wenn sie mal nicht damit beschäftigt sind, mit dir zu flirten, können die Dominikaner aber auch sehr nett sein (sind sie dann natürlich auch, aber das zählt nicht ;-) ). Es sind immer alle sehr hilfsbereit. Vor allem wenn sie merken, dass man ein wenig Spanisch spricht, bemühen sie sich nach Kräften, einem weiterzuhelfen. Die meisten Menschen hier sprechen kaum oder gar nicht Englisch, deswegen hat man es ohne Spanischkenntnisse außerhalb der Touristengegenden schwer. Aber selbst mit Spanischkenntnissen ist man manchmal aufgeschmissen. Die Dominikaner sprechen einen extremen Dialekt und je weiter man aufs Land rausfährt, desto schlimmer wird es. Da verstehen selbst eingefleischte Spanischsprecher manchmal nichts mehr. Auch SMS lesen wird zur Herausforderung, da sie häufig genauso schreiben, wie sie sprechen, ob nun aus Unwissenheit oder mit Absicht. Teilweise sicher ersteres, da ich schon einmal so einen Kauderwelschschreibenden dazu aufgefordert habe, doch bitte verständliches Spanisch mit mir zu schreiben. Darauf hat er sich entschuldigt und genau so weitergemacht wie davor … Der Bildungsstand hier ist allgemein eher niedrig. Es ist leider Gang und Gäbe nach der 8. Klasse die Schule abzubrechen. Aber immerhin gibt es Schulen und auf deren Ausbau legt die Regierung im Moment auch viel Wert. Nur leider hilft das nichts, wenn es keine guten Lehrer gibt. Zu meiner Freude legt die Regierung auch genauso viel Wert auf einen Umstieg auf Erneuerbare Energien, was ich für keine Selbstverständlichkeit halte, bei den unzähligen Problemen, die es sonst noch im Land gibt. Aber dazu mehr in einem anderen Bericht.

 

Quelle Karte: von Kmusser [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Caribbean_general_map.png?uselang=de

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Kommentare (8)
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24.02.2015
LaLoba hat geschrieben:
@SarahU: Wenn du mit weltwärts gehst, ist es gar nicht so teuer. Du bekommst alles bezahlt: Flug, Unterkunft, Essen, Taschengeld, ... Dafür sollst du bloß Spenden sammeln, die aber auch nicht zwingend erforderlich sind. Schau mal auf der Website von weltwärts, da kannst du nach verschiedenen Projektplätzen suchen und die Suche auch nach "Umwelt" filtern. Man sollte sich aber rechtzeitig bewerben, manche Organisationen haben schon im September Bewerbungsschluss.
23.02.2015
SarahU hat geschrieben:
Toller Bericht! :)
Freu mich schon auf den Nächsten ;)
Ich möchte auch sehr gerne ein FÖJ nach dem Abi (am liebsten im Regenwald) machen :) (...aber leider ist es so teuer :/)
21.02.2015
Johannisbeere1502 hat geschrieben:
Wirklich spannend, die Erfahrungsberichte aus der Community zu lesen, das war wieder einmal sehr interessant :-) Danke dafür :-)
17.02.2015
EvaUll hat geschrieben:
Sehr schön geschriebener bericht, danke! :)
Ich möchte nach dem abi auch ein auslandsjahr machen, am liebsten im regenwald ♡
17.02.2015
KikiFi hat geschrieben:
Reiseberichte lese ich immer am liebsten...vor allem, wenn sie so toll geschrieben sind. Danke, dass du deine Erlebnisse mit uns teilst!
17.02.2015
Makanie hat geschrieben:
Wirklich cool! Bis eben gerade wusste ich auch nicht, wo die Dominikanische Republik liegt! Und nach der Schule will ich auch für ein Jahr ins Ausland - wohin, weiß ich aber noch nicht ;-)
16.02.2015
Maike11 hat geschrieben:
Danke für den langen, interessanten Bericht :)
Da ich auch noch nicht weis was ich nach der Schule machen will, lese ich solche Berichte immer sehr gerne :)
16.02.2015
Gluehwuermchen hat geschrieben:
Danke dir für diesen wirklich sehr spannenden Bericht! Ich freue mich schon sehr auf die Fortsetzung.
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