Entdecke die Natur!


Ein Dorf


namens Erde


© WWF
Vom Todesstreifen zum Grünen Band


von Marcel
08.11.2009
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Wer nicht weit reisen will, findet auch in Deutschland wunderschöne, teilweise richtig spektakuläre Natur. Gerade in Regionen der ehemaligen DDR gibt es noch Lebensräume mit einer Artenvielfalt, von der man im westlichen Deutschland nur träumen kann. Heute, zwei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung, sind die Naturschutzgebiete Ostdeutschlands von der Ostsee bis zur Elbe nicht nur grüne Juwelen in der Industrielandschaft Mitteleuropas. Sie sind auch Publikumsmagneten für fast drei Millionen Besucher jährlich – ohne dass dabei die Natur Schaden nimmt.

Dabei ist die Geschichte dieser grünen Oasen gerade vor dem politischen Hintergrund besonders spannend. Die Wiedervereinigung - eine Sternstunde auch des deutschen Naturschutzes. Wir nehmen das 20-jährige Jubiläum des Mauerfalls zum Anlass, um mit einem richtigen Urgestein des WWF über die Zeit zu sprechen: Thomas Neumann (62) ist Leiter des Fachbereichs Naturschutz-Flächenmanagement beim WWF Deutschland. Als Naturschützer der ersten Stunde in Westdeutschland hatte er maßgeblich Kontakte zu Naturschützern in der DDR geknüpft.

altWWF Jugend: Thomas, wie hat sich der Fall der Mauer am 9. November 1989 auf den Naturschutz ausgewirkt?

Thomas: Wichtige Bereiche des "Grünen Bandes" - hervorgegangen aus dem ehemaligen innerdeutschen "Todesstreifen" - konnten geschützt werden. Der Drömling und der Schaalsee zum Beispiel, deren Vielfalt durch den WWF-Einsatz langfristig erhalten bleiben wird.

Außerdem konnten während der Wiedervereinigung in den neuen Bundesländern große Schutzgebiete geschaffen werden. Es grenzt nahezu an ein Wunder, dass es einer handvoll Enthusiasten in der DDR-Übergangsregierung gelang, diese Erfolge zu erreichen.

WWF Jugend: Auch du hattest dich damals gleich nach dem Mauerfall für den Aufbau neuer, großer Naturschutzgebiete in Deutschland engagiert und am 14. März 1990 mit dem WWF die Naturschutzstelle Ost in Potsdam eröffnet. Wie schwer war es, diese Schutzgebiete "von gesamtstaatlich repräsentativer Bedeutung" zu verwirklichen?

Thomas: Über die Naturschutzstelle Nord in Mölln hatte der WWF schon in den 80er Jahren in den großen Feuchtgebieten Drömling und Schaalsee Schutzmaßnahmen vor den DDR-Sicherheitszäunen und -wachtürmen durchgeführt. Die Wiedervereinigung gab mir aufgrund der guten Kontakte zu DDR-Naturschützern die Möglichkeit, in der mecklenburgischen-schleswig-holsteinischen Kommission Naturschutz mitzuwirken.

Höhepunkt war der Besuch des damaligen Bundesumweltministers Prof. Klaus Töpfer am 18. September 1990, wo er dem WWF unter Führung seines damaligen Präsidenten Carl-Albrecht von Treuenfels versprach, ein grenzübergreifendes Naturschutzprojekt von "gesamtstaatlich repräsentativer Bedeutung" zu fördern.

Der WWF hat sich mit seinen Förderern aber auch in weiteren großen Projekten im Osten engagiert: Im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft, auf Rügen, in der Uckermärkischen Seenlandschaft und durch Soforthilfen für engagierte DDR-Naturschutzgruppen, die dazu beitrugen, dass am 12. September 1990 durch die letzte Volkskammersitzung die Ausweisung von fünf Nationalparks in der ehemaligen DDR beschlossen wurde.

WWF Jugend: Die Staatssicherheit verdächtigte dich in den achtziger Jahren, auf dem Gebiet der damaligen DDR eine staatsgefährdende Umweltbewegung gründen zu wollen.

Thomas: Durch Briefe angekündigt hatte ich ab 1983 die wiederholte Chance, durch Ausnahmeregelungen im so genannten kleinen Grenzverkehr Seeadlerschützer in der DDR persönlich kennen zu lernen. Offizieller Treffpunkt war dann immer Dr. Hans Sieber, der großartige Seeadlerschützer aus Schwerin, der damals schon 80 Jahre alt war und dem "keiner was tat".

altTatsächlich fuhr ich aber mit seinen Kontaktleuten in ganz andere Gebiete. Die Brutergebnisse in der DDR waren damals sehr schlecht und wir diskutierten offen, dass auch das hier immer noch eingesetzte Pflanzenschutzmittel DDT die Hauptursache sein könnte. Was keiner ahnte, alle meine Reisen und Briefe wurden durch die Stasi-Akteure "Horch und Guck" genauestens protokolliert.

Nach der Wiedervereinigung hatte ich Zugriff auf meine "Stasi-Akte". Das Ausspähen von militärischen Anlagen im Kreis Sternberg - dort waren zufällig interessante Adlerhorste - wie der Versuch, eine oppositionelle Umweltschutzbewegung in der DDR zu gründen, waren einige der dort gemachten Verdächtigungen. Nachträglich ist mir besonders klar geworden, wie mutig und gerade dadurch auch erfolgreich die Naturschützer in der DDR waren.

Übrigens: Deutschlands Wappentier, dem Seeadler, geht es auch dank der Wiedervereinigung besser. Denn der seltene Greifvogel ist auf ungestörte und bewaldete Küsten-, Seen- und Flusslandschaften angewiesen. Nach dem Fall der Mauer gelang es vor allem in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg, in diesen Ökosystemen große Schutzgebiete auszuweisen. Wer heute in diese Gebiete reist, kann sich selbst ein Bild davon machen. Und dann bitte den Seeadlern viele Grüße von Thomas ausrichten ;)

Bilder: Schwarze Heidelibelle © Fritz Pölking / WWF-Canon; Thomas Neumann © WWF; Seeadler © Hoyer / WWF

Die Fragen stellte Donné Beyer.

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Kommentare (1)
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10.11.2009
Cata hat geschrieben:
ich habe vorgestern beim ZDF Umwelt einen Bericht drüber gesehen, wie ein Mann der damals ein Kind war in der Nähe der Mauer gewohnt hat. Er ist damals dort oft gewesen um sich die Tiere anzuschauen, und die DDR Soldaten haben ihr auch beobachtet und wie er später erfahren hat eine riesige Akte über ihn geführt, weil sie nicht dachten, dass jemand nur der Tiere wegen dorthin kommt. Er ist dann zum BUND gegangen und setzt sich heute für dieses grüne Band ein. ich finde das total toll. Super schön.
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