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Viagem louca - verrückte Reise durch Brasilien Teil IV


von regentag
15.11.2014
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Teil 4 der Berichte über meinen Brasilienaufenthalt im August diesen Jahres, hier findet Ihr die Teile eins, zwei und drei.


Stell dir vor es ist Samstag morgen. Du öffnest die Fensterläden. Da es Winter ist, ist es mit rund 20°C noch recht frisch, aber die Sonne scheint schon und auf den Bäumen vor dem Haus turnen kleine Äffchen herum. Willkommen in Brasilien!
Tatsächlich sieht ein typischer Samstag im Leben einer jugendlichen Schülerin in etwa so aus: Ausschlafen, zur Maniküre gehen, sich im Shopping Center mit Freundinnen treffen um durch die Läden zu schlendern, essen gehen, heim fahren, aufdonnern und los zur nächsten Party!
Moment mal, Maniküre? Ja! In Brasilien ist es total normal, sich die Nägel professionell streichen zu lassen. Regelmäßig einmal die Woche setzen sich Frauen und Mädchen jeden Alters deshalb in das nächste Nagelstudio und schwatzen munter über den neusten Klatsch, während der alte Lack entfernt, die Nägel in Form gefeilt und Nagelhaut zurückgeschoben wird, ehe neue Schichten aufgetragen werden. Dort ist es nämlich absolut „legal“ (=cool), die Nägel in der zum Outfit passenden Farbe zu tragen - im Allgemeinen gilt es als sehr schick, sich komplett in einer (für deutsche Verhältnisse oft ziemlich knalligen) Farbe zu kleiden.
Und nach Shoppen sind die Brasilianer sowieso verrückt - auch die Männer! Ähnlich wie in den USA gibt es daher in jeder Stadt mindestens ein, meist aber viele gigantische Shopping Center, in deren weitläufigen Gängen man tagelang flanieren kann, ohne alle Läden gesehen zu haben. Zwar verdienen die Brasilianer im Durchschnitt weniger als wir Deutschen, billiger sind Kleidung und Schmuck dort aber nicht. Um ihrer Leidenschaft trotzdem nachgehen zu können, verschulden sich viele Menschen. Tatsächlich besitzen die meisten Brasilianer gleich eine ganze Hand voll verschiedener Kreditkarten, so dass sie eigentlich jeden Monat mit einer anderen dem Konsum frönen können. Anscheinend läuft die Wirtschaft so… Die brasilianische Währung heißt übrigens Reais (sprich: Real). Etwa drei Reais entsprechen einem Euro.

Deutsche im Maracana-Stadion in Rio ;)

Selbstverständlich bekomme also auch ich während meines Aufenthalts in Bauru die beiden Malls dort mehrmals zu Gesicht. Einigermaßen überrascht bin ich darüber, dass die üblichen europäischen Ketten wie H&M etc. in diesen nicht oder kaum vertreten sind; stattdessen werden sehr viele nationale Marken und Labels angeboten. Meine Austauschschülerin Bruna und ihre Freundinnen wühlen begeistert nach potentiellen Kaufobjekten für mich und probieren mit Elan kurze Röcke an. Man muss wissen: Auch wenn die Brasilianer im Alltag sehr relaxt herumlaufen und ungeschminkt, mit ungewaschenen Haaren in die Schule gehen, für Partys steilen sie sich stundenlang auf. Und feiern können die Brasilianer sehr gut ;)
Populärer als normale Clubs sind dort allerdings öffentliche Hauspartys, die von Gruppen organisiert und je nach Budget teilweise in alten, leerstehenden Häusern oder in richtig schicken Villen abgehalten werden. Was mich dabei besonders erheitert: Alle Brasilianer bringen ihre eigenen Becher mit, je extravaganter, desto besser. Quasi als modisches Accessoire, dass man sich an den provisorisch errichteten Bars immer wieder auffüllen lassen kann.

Ich als Deutsche werde bei diesen Feiern immer wieder eins gefragt: Ob es stimme, dass wir in Deutschland warmes Bier tränken?
Äh, wie bitte? (Vielleicht verwechseln die ja nur ein englisches Wort?)
Na, bei uns sei es doch so kalt. Da würden wir das Bier doch warm machen, bevor wir es trinken würden, oder?
Nein, Glühbier sei bei uns nicht die Regel. (Scheint also ein weit verbreitetes Klischee über uns Deutsche zu sein, wie merkwürdig.)

Bauru bei Sonnenuntergang - aus dem Autofenster

Ebenso bei jungen Leuten im Süden Brasilien sehr beliebt sind die sogenannten Expos (von Exposition, also Ausstellung), die eine Mischung aus dem Wilden Westen, wie man ihn in Texas vermuten würde, und europäischen Volksfesten zu sein scheinen. Ursprünglich dienten diese Expos wohl der Präsentation von Rindern, Pferden und dem Darbieten von landwirtschaftlichen Waren oder sonstigem Zubehör für die Haltung und Nutzung dieser Tiere. Inzwischen befinden sich neben den Hallen mit Tieren noch viele Buden und Fahrgeschäfte, sowie Bühnen mit Livemusik. Dort treten Sertanejo Musiker auf. Sertanejo ist eine Art Country-Musik und die in brasilianischen Radiosendern am häufigsten gespielte Musikart (nicht etwa Samba, wie man denken könnte). Die schnulzigen Texte handeln von Liebe, Herzschmerz und dem Landleben; die Sänger treten - gern in Paaren - in Cowboystiefeln, Hüten und Lederwesten oder Hemden auf. Und ich dachte, so liefe man nur westlich des Mississippi herum! Aber ich werde aufgeklärt: Rodeo kommt eigentlich aus Brasilien! Hier erfand man den Sport, ungezähmte Pferde und Rinder einzufangen und zu reiten. Allerdings ist das in vielen Teilen des Landes inzwischen aus Tierschutzgründen verboten. Abhilfe für das Publikum schaffen Cowboyshows, die ebenfalls fest zum Programm dieser Expos dazugehören.

Ein Sertanejo-Konzert auf einer Expo.

Okay, damit hier nicht der Eindruck entsteht, ich hätte meine Zeit in Brasilien nur mit Feiern verbracht muss ich hier anführen, dass sich natürlich auch meine Gasteltern um ein abwechslungsreiches und angemessenes Wochenendprogramm für die Deutsche bemüht haben. Über die Stadt Bauru selbst lässt sich sonst nicht viel spannendes erzählen, abgesehen von der Tatsache, dass ein Sandwich nach der Stadt benannt ist und der einzige brasilianische Raumfahrer, der bisher ins Weltall geflogen ist, hierher kommt.
Und so spaziere ich mit meiner Austauschschülerin, ihrer besten Freundin, die - Gott sein dank! - sehr gut englisch spricht, und einer befreundeten Familie durch den Zoo in Bauru. Die Einwohner der Stadt finden ihn spitze, allerdings ist er im Vergleich zur Wilhelma oder dem Tierpark Hellabrunn. Langsam schlendern wir an Gehegen mit kleinen Affen vorbei, die hier zum Großteil auch in der Wildbahn vorkommen, an exotisch-bunten Vögeln, Rehen, durch ein kleines Aquarium und ein Reptilienhaus mit Schlangen, Echsen und drei Krokodilen. Die Attraktion schlechthin sind ein paar Adeliepinguine, die in einem gekühlten Raum herumwatscheln. Schnee haben die meisten Brasilianer noch nie gesehen und auch Minustemperaturen kennen sie nur aus Erzählungen. Vorsichtshalber warne ich Bruna, sich viele dicke Pullover und warme Jacken einzupacken, wenn sie im Dezember nach Deutschland kommt.
Auch den Botanischen Garten, der mit seinen Orchideenhäusern, dem Trail durch Sekundärurwald und einer Teichanlage einigen seltenen Tier- und Pflanzenarten Raum zum Gedeihen gibt, bekam ich zu Gesicht. Bei einem Picknick dort fällt mir zum ersten Mal bewusst auf, wie viele Kleinkinder herumtollen. Überhaupt ist die brasilianische Bevölkerung sehr jung: 25% sind jünger als 15! Und auch die Mütter sind viel jünger als hierzulande, nicht selten kommt das erste Kind mit 20 Jahren und die meisten Paare heiraten auch um diesen Zeitpunkt herum. Als ich Bruna darauf aufmerksam mache, meint sie lachend, wir sollten uns auch mal so langsam Männer suchen. Aber ernster ergänzt sie, dass viele dieser schnellen Ehen auch nicht von langer Dauer sind und die jungen Eltern den Unterhalt ihrer Kinder alleine oft nicht stemmen können. Da springen dann oft wiederum deren Eltern ein.

Auch in einem anderen Punkt ist Brasilien schneller als wir Deutschen: Bei der Gleichberechtigung von Homosexuellen. Schwule und Lesben dürfen offiziell heiraten und auch Kinder adoptieren, zumindest der geltenden Rechtsprechung nach. Und in den Teilen der Bevölkerung, zu denen ich Kontakt habe, ist Homosexualität nicht nur geduldet, sondern sogar etwas ganz alltägliches, selbstverständliches. Allein in Brunas engerem Freundeskreis gibt es mehrere Schwule, die auch total offen und natürlich damit umgehen. Sogenannte GayPartys finden auch bei Heterosexuellen großen Anklang. Allerdings sagt mir Brunas beste Freundin, dass die gesellschaftliche Toleranz im Allgemeinen bei Weitem nicht so fortschrittlich sei und es immer noch zahlreiche Gewalttaten und Demonstrationen gegen Homosexuelle gäbe. In diesem Fall ist die Politik wohl mal schneller gewesen, als der Mentalitätswandel der breiten Bevölkerung sich vollzieht.

 

 

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Kommentare (5)
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18.11.2014
LaLoba hat geschrieben:
Dass es dort Mode ist, einen eigenen Becher zur Party mitzubringen, ist doch eine super Sache! Was da an Plastik für Wegwerfbecher vermieden wird ...
Zu dem Bier: Ich bin ja gerade für ein weltwärts-Jahr in der Dominikanischen Republik und hier waren meine deutschen Mitfreiwilligen etwas gefrustet über das eiskalte Bier. Das wird hier nämlich immer bis fast zum Gefrierpunkt heruntergekühlt, so dass es nicht selten tatsächlich teilweise gefroren ist. Damit es dann auch ja nicht warm wird, wenn man es in der Hand hält, wird es noch zusätzlich mit einer Serviette umwickelt oder in eine Papiertüte gesteckt. Bei einem so kalten Getränk bleibt vom Geschmack leider nicht mehr viel hängen ...
16.11.2014
Makanie hat geschrieben:
Oh man, da könnte man glatt neidisch werden! :-)
Die wirkliche Realität bekommt man tatsächlich nur beim Selbsterfahren mit! Und sie kann so schön sein!
16.11.2014
Franzichen hat geschrieben:
Wie immer sehr schöner Bericht und tolle Bilder. :)
16.11.2014
Tamina hat geschrieben:
Wow, echt toll geschrieben - und die schönen Bilder! :D
Jetzt möchte ich auch da hin!
16.11.2014
FranziL hat geschrieben:
Cooler Bericht ;D Und vorallem sehr interressant: Von den meisten Dinge, die du über Brasilien berichtet hast wusste ich noch gar nichts ;D
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