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Meine Zeit als "Fresher" - Studium und Umweltschutz in England (5)


von Cookie
19.12.2014
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Wie sieht ein englischer Weihnachtsmarkt aus? Welches ist die grünste Airline? Wie kann mit einer Schüssel Wasser und ein paar Zitronen eine Menge Spenden sammeln? So habe ich die Vorweihnachtszeit in England erlebt:

Jetzt ist schon über ein Monat vergangen, seit ich hier das letzte Mal über mein Leben auf der Insel berichtet habe. Mittlerweile befinde ich mich wieder in Deutschland, wo ich meine vier Wochen Weihnachtsferien verbringen werde. Endlich ein bisschen Zeit, durchzuatmen, zu entspannen und euch zu erzählen, was ich in den letzten fünf Wochen so in England erlebt habe.

Zunächst mal hatte ich großen Grund zur Freude: Mein Freund hat mich Anfang November für ein paar Tage in Essex besucht. Ich muss gestehen, dass ich bei seiner Ankündigung, er habe ein paar Tage frei und könne zu mir fliegen, keinerlei Gedanken an die Klimaauswirkungen des Fluges verschwendet habe, die Wiedersehensfreude war zu groß. Wir verbringen drei sehr schöne, aber viel zu kurze Tage zusammen. Bei dieser Gelegenheit bin ich dann auch zum ersten Mal im Stadtzentrum von Colchester, übrigens die älteste eingetragene Stadt Großbritanniens. Zu meiner großen Begeisterung wimmelt es im Park rund um Colchester Castle von niedlichen Eichhörnchen und in den kleinen Gassen der Innenstadt gibt es eine große Lush-Filiale.


Colchester Castle

Im Park rund um Colchester Castle

Um aber noch mal auf die Sache mit dem Flug zurückzukommen: Bei Ryanair wird man ja immer mit Werbung zugeschüttet. Als ich durch das Magazin blättere, das mein Freund im Flugzeug bekommen hat, stoße ich auf eine Seite, auf der Ryanair seine Vorteile anpreist und zu meiner Überraschung behauptet, die grünste Airline Europas zu sein. Tatsächlich finde ich im Internet eine Studie von Brighter Planet, die Ryanair als effizienteste von 20 Airlines ausweist. Wie seriös diese Studie ist, weiß ich allerdings nicht.



Bei der German Society war neben unserer wöchentlichen Deutschstunde in der letzten Zeit auch ganz schön was los. Im November veranstalten wir einen Filmabend und zeigen in einem der Unterrichtsräume "Goodbye Lenin" mit englischen Untertiteln groß auf der Leinwand. Vom 17. bis zum 21. November ist dann RAG Week an der Uni. RAG steht für Raising and Giving und in dieser Zeit sammeln verschiedene Societies auf dem Campus Spenden für gute Zwecke. Eine Woche lang wird der Campus von Ständen mit selbstgebackenen Muffins und anderen Leckereien bevölkert. Da darf auch die German Society nicht fehlen. Als Joelle uns eröffnet, was sie sich für uns ausgedacht hat, sind wir zunächst ein bisschen skeptisch: Leute sollen Geld auf schwimmenden Zitronen balancieren. Im Nachhinein muss ich sagen, das Spiel Lemon Drop ist eine geniale Idee, wenn es ums Spendensammeln geht. Kann man sich vielleicht auch für die ein oder andere Aktion abgucken. Das Ganze funktioniert folgendermaßen: Man braucht eine Schüssel mit Wasser, in die man dann eine oder mehrere Zitronen legt. Die Vorbeigehenden werden nun aufgefordert, Münzen (aus ihrem eigenen Geldbeutel natürlich) auf den Zitronen zu balancieren. Bleibt die Münze 2-3 Sekunden auf Zitrone liegen, bekommt der Teilnehmer einen Preis, fällt sie ins Wasser, gehört sie uns. Kann ja nicht so schwer sein, denke ich mir, als wir den Stand aufbauen, und versuche selbst mein Glück mit einer 5 Pence Münze. Vorsichtig lege ich sie auf der Zitrone ab, die völlig ruhig im Wasser liegt – und diese dreht sich um die eigene Achse und die Münze fällt ins Wasser. Ich gucke genauso ungläubig wie die meisten, die sich am "Lemon Drop" versuchen. Das Spiel weckt den Ehrgeiz in der Campusbevölkerung, viele sind entschlossen, zu gewinnen, und holen sich sogar Münzennachschub. Am Ende des Tages bleibt lediglich eine sehr leichte kleine litauische Münze auf einer der Zitronen liegen und am Grunde unserer Schüssel befinden sich über 30 Pfund, die wir St. John’s Ambulance spenden.

Aber für uns bedeutet das "G" in Rag Week nicht nur, das gesammelte Geld zu spenden. Wir wollen allen etwas geben und deshalb verteilen wir zusätzlich kostenlose Umarmungen. Das Strahlen in den Gesichtern der Umarmten zu sehen, bringt mich selbst zum Lächeln. Unglaublich, was eine kleine Umarmung manchmal bewirken kann.

Im Dezember gibt es einen kleinen Weihnachtsmarkt auf dem Campus. Am Tag zuvor treffen wir uns mit der German Society und backen einen ganzen Abend lang "German Cookies": Vanillekipferl, Zimtsterne und Lebkuchen, die natürlich allesamt auch ausführlich probiert werden müssen. Allerdings sind es nicht unsere leckeren Plätzchen, die die Leute zu unserem Stand auf der "Winter Fayre" hinziehen, sondern der alkoholfreie Glühwein. Innerhalb kürzester Zeit ist dieser ausverkauft und unser Vorsitzender Sasha muss zu Tesco radeln, um einen Nachschub an Traubensaft zu besorgen. Als der Weihnachtsmarkt zu Ende geht, sind unsere Töpfe erneut leer geworden, dafür befinden sich in unserer Kasse über 160 Pfund. Ein erfolgreicher Abend, auch, wenn die meisten Plätzchen wohl wir selbst gegessen haben. Das einzige, was mich hinterher etwas nachdenklich stimmt, ist, wie viel Müll bei so einem Weihnachtsmarkt produziert wird: All die vielen Pappbecher, Pappteller und Servietten, die hinterher die Mülleimer füllen…


Zimtsterne für den Weihnachtsmarkt


Glühwein und Plätzchen verkaufen auf dem Uni Weihnachtsmarkt

Ich war nicht nur auf dem Uni Weihnachtsmarkt, sondern auch mit der Travel Society in Bury St. Edmunds, wo ein richtig großer Weihnachtsmarkt stattfand. Früh am Morgen versammeln wir uns voller Vorfreude am Treffpunkt, doch dann der Schock: Eine SMS von der Vorsitzenden der Travel Society, der Fahrer des zusätzlichen Minibusses ist urplötzlich krank geworden, wir Spätbucher müssen zu Hause bleiben. Aber wir geben die Hoffnung nicht auf und warten auf den eigentlichen Bus, in der Hoffnung, dass nicht nur der Minibusfahrer krank geworden ist. Und tatsächlich gibt es vier freie Plätze im Bus. Allerdings sind wir zu fünft. Wir haben gerade ausgelost, wer zurückbleiben muss, da vermeldet die Vorsitzende der Travel Society, dass wir doch alle mitkönnen. So steigen wir schließlich gegen halb zehn morgens in Bury St. Edmunds aus dem Bus. Eine ungewöhnliche Zeit, um auf den Weihnachtsmarkt zu gehen. Gespenstisch hängt der Nebel über uns. Unser Weg führt uns zunächst über einen alten Friedhof.

Als wir schließlich den Weihnachtsmarkt erreichen, ist dieser fast menschenleer, viele Stände öffnen gerade erst. Das Angebot ist überwältigend, aber so richtig in Weihnachtsstimmung kommen wir irgendwie nicht. Es ist einfach noch zu früh, zu Weihnachtsmärkten gehören irgendwie einfach die vielen Lichter im Dunkeln. Nichtsdestotrotz ist Bury St. Edmunds eine schöne Stadt und es gibt einiges zu sehen. Wir stoßen auf mehrere Stände die "German Sausages" anpreisen und schließlich sogar einen mit einer Deutschlandflagge geschmückten Stand mit Bratwurst und Glühwein. Den bekommt man in England übrigens erst ab 18 und nicht in den schönen bunten Pfandtassen, wie ich sie von deutschen Weihnachtsmärkten kenne, sondern im Pappbecher. Wieder einmal fällt mir auf, wie viel Müll so ein Weihnachtsmarkt mit sich bringt. Die Abfalleimer quellen über. Was mich besonders traurig macht, ist das viele Essen, das wir im Müll landen sehen, als wir auf einer Bank neben einem Mülleimer sitzen. Zwei volle Schalen mit einem asiatischen Curry, halbaufgegessene Würstchen und Pommesportionen, angebissene Brötchen… Am liebsten möchte ich mich vor den Abfalleimer stellen und stopp schreien, wenn sich jemand mit nicht aufgegessenen Leckereien nähert.



Was es auf dem Weihnachtsmarkt auch in Massen zu kaufen gibt, sind die sogenannten Christmas Jumper, die hier in England scheinbar traditionell zur Weihnachtszeit gehören: Kunterbunte Strickpullover mit Weihnachtsmotiven. Einen Christmas Jumper lege ich mir zwar nicht zu, aber im Andenken-Laden der Uni kaufe ich mir meinen eigenen University of Essex Pullover. Die gibt es dort in allen möglichen Ausfertigungen und fast jeder Student besitzt einen davon. Studenten identifizieren sich hier sehr stark mit ihrer Uni. In unserem Willkommenspaket haben wir zum Beispiel auch einen Anstecker mit der Aufschrift "I am Essex" erhalten und ständig ist die Rede davon, dass die Uni eine große Familie ist, zu der wir nun unser Leben lang gehören. Was mich freut, als ich mir den Pulli genauer ansehe, ist, dass es sich um ein Fair Trade Produkt aus 100% Bio-Baumwolle handelt.

Ich trage den Pulli gerne, aber ganz kann ich mich dem University of Essex Enthusiasmus nicht ganz anschließen. Insgesamt ist mein Studium nicht das, was ich mir davon erhofft hatte. Dadurch, dass ich als Einzige dieses Jahr meine Fächerkombination zu studieren begonnen habe, und diese auch noch zu zwei verschiedenen Departments gehört, habe ich mit jeder Menge Überschneidungen zu kämpfen. Ich kann nur zur Hälfte meiner Italienischstunden gehen, was mit meiner Lehrerin abgesprochen ist, aber ich merke, dass ich deutlich besser sein könnte, wenn ich nicht die Hälfte alleine zu Hause nachholen würde. Dann fühle ich mich in meinem Wohnheim überhaupt nicht wohl. Ich habe ja schon von den ausschweifenden Partys und den Zuständen in der Küche berichtet. Besonders in der Prüfungszeit ging es mir in meinem Wohnheim gar nicht gut. Tagsüber wird laut Musik gehört, Playstation gespielt oder Fernsehen geschaut, sodass es mir schwer fällt, zu lernen, und nachts kann ich nicht schlafen, weil jede Nacht gefeiert wird oder ich aufwache, wenn die anderen morgens um vier lautstark aus dem Club zurückkommen. Die anderen darauf hinweisen, dass man schlafen oder lernen möchte, hilft nicht, man wird nur ausgelacht oder auf die Bibliothek verwiesen. Einmal werde ich morgens um halb sieben davon wach, dass einer meiner Mitbewohner versucht, sein Erbrochenes mit dem Staubsauger zu beseitigen (Den man jetzt natürlich nicht mehr benutzen kann, ohne, dass die gesamte Wohnung stinkt), ein andermal benutzt ein Partygast unsere Dusche als Toilette. Ich merke, dass ich mit diesen Zuständen nicht länger klarkomme und will versuchen, für das nächste Trimester in ein anderes Wohnheim zu tauschen. Was mir auch zu schaffen gemacht hat, sind die vielen Gruppenprüfungen für Drama. Oft ist es ziemlich schwer, die anderen Gruppenmitglieder dazu zu bringen, sich frühzeitig zu treffen und etwas zu arbeiten, weil hier generell die Einstellung gilt, alles in letzter Sekunde zu erledigen. Als ich meinen Essay, dessen Deadline donnerstagsmorgens ist, mittwochsnachmittags abgebe, blickt mich die Lehrerin ungläubig an und fragt: "Schon?" Unsere Technikprüfung geht dann auch leider ganz schön in die Hose, Drama läuft ganz gut. Wir mussten ein eigenes kleines Stück schreiben und einstudieren. An sich eine Aufgabe, die Spaß macht, aber mit meiner Gruppe hatte ich dabei wirklich Schwierigkeiten. Außerdem habe ich manchmal ein wenig das Gefühl, auf dem Campus festzusitzen. Die Uni liegt so abseits von allem, dass der halbstündige Fußmarsch zum nächsten größeren Supermarkt oft mein einzige Gelegenheit ist, mal etwas anderes zu sehen. Natürlich ist nicht alles schlecht. Es gibt tolle Angebote wie eben die Clubs und Societies, den Employability Award und kostenlose Filmvorführungen in allen möglichen Sprachen und die Lehrer sind allesamt sehr freundlich (Man spricht seine Lehrer und die Angestellten an der Uni übrigens mit Vornamen an, woran ich mich erst mal gewöhnen musste), aber alles in allem bin ich froh, jetzt erst einmal wieder zu Hause sein. Ich hoffe, im neuen Trimester ein anderes Wohnheim zu finden. Vielleicht lebe ich mich dann endlich besser ein. Ich wünsche euch allen frohe Weihnachten und einen guten Start ins neue Jahr, in dem ich euch dann auch wieder aus England berichten werde.


Hier könnt ihr nachlesen, wie ich Halloween und die Bonfire Night verbracht und den Bürgermeister von Colchester getroffen habe. 

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Kommentare (5)
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19.12.2014
Ria2000 hat geschrieben:
Dein Bericht ist echt schön, eigentlich alle deine Berichte! Kann mir das dann immer total gut vorstellen! Fröhliche Weihnachten! :D
19.12.2014
Ronja96 hat geschrieben:
Ich finde deine Berichte immer super geschrieben! Schade, dass nicht alles so läuft, wie du dir das vorgestellt hast. Ich drück dir die Daumen, dass das nächste Trimester besser wird.
Ich wünsche dir schöne Weihnachtsfeiertage und einen guten Rutsch ins neue Jahr.
19.12.2014
regentag hat geschrieben:
Wirklich ein toll geschiebener Bericht und auch so ehrlich :) Ich hoffe für dich, dass du schnell eine bessere Unterkunft findest, was du da erzählst klingt wirklich nicht so toll... Wobei es in vielen deutschen Studentenwohnheimen nach allem was ich so mitkriege auch nicht anders zugeht... Jetzt genieß erst mal die Wochen zu Hause! Fröhliche Weihnachten und einen guten Rutsch :)
19.12.2014
pusteblumenstaub hat geschrieben:
Ich werde ganz neidisch ;)
19.12.2014
OekoTiger hat geschrieben:
Schöner Bericht! :-)
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