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Ein Dorf


namens Erde


© WWF
Meine Zeit als "Fresher" - Studium und Umweltschutz in England (4)


von Cookie
09.11.2014
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Warum habe ich 0,002% eines Baumes auf dem Gewissen? Was hat es mit dem Feuerwerk am 5. November auf sich? Wie feiert man Halloween in England? Wie helfen Pflanzen Kindern in der Ukraine? Wo lernt man den Bürgermeister kennen? Zwei weitere ereignisreiche Wochen in England.

Meine sechste Woche in Essex geht zu Ende und wie schon im letzten Bericht beschrieben, ist für mich nun der Uni-Alltag eingekehrt. Und der ist ziemlich stressig. Hausaufgaben müssen gemacht, Vokabeln gelernt, Theaterstücke und zugehörige Interpretationen gelesen werden und das Theater-Technik-Tagebuch muss geführt werden. Kein Wunder, dass mein Stundenplan so leer aussieht, bei der Menge an Arbeit, die man täglich zu Hause bewältigen muss! Aber trotz Stress und Alltag ist hier ständig etwas los und ich erlebe unglaublich viel.

Für Aufregung ist immer gesorgt, so sieht man gelegentlich abends sämtliche Bewohner eines Towers in Bademänteln, Schlafanzügen, und Hausschuhen, mit der halben Gesichtsmaske im Gesicht oder mit dem Abendessen in der Hand vorm Eingang stehen und in der Kälte bibbern, weil mal wieder jemand aus Versehen den Feueralarm ausgelöst hat. Das passiert besonders gerne, wenn mein Essen noch auf dem Herd steht oder ich gerade zu essen beginnen will. Wenigstens ist es für mich im zweiten Sock nicht so schlimm, den Lift während das Alarms nicht benutzen zu dürfen, wie für die Leute im fünfzehnten Stock.
Meine Mitbewohner überraschen mich immer wieder, leider meist im negativen Sinne. So werde ich zum Beispiel eines samstagsmorgens um fünf von lautem Geschrei wach, weil es eine Schlägerei in der Küche gibt, die so weit eskaliert, das ein Gast einige meiner Mitbewohner mit einem Küchenmesser bedroht. Verletzt wird zum Glück niemand, nur meinem Schrank fügt der Messerstecher ein paar Löcher zu, aber sicher fühle ich mich in den Tagen danach in unserer Wohnung nicht wirklich. Ein andermal komme ich morgens in die Küche und finde überall Ketchup verteilt, auf dem Boden, an Schränken und sogar an der Decke. Immerhin habe ich Hoffnung für das nächste Jahr. Die Bewerbungen für die Wohnheime starten schon nächste Woche und ich habe ein paar nette Leute gefunden, mit denen ich mich für ein ruhigeres Wohnheim im nächsten Jahr bewerben will. Natürlich gibt es auch fröhliche Überraschungen, zum Beispiel wenn gegen Mittag die Post in die Küche gebracht wird und ich in dem Stapel eine Postkarte aus der Heimat entdecke. Die bekommt dann einen Ehrenplatz an meiner Wand, die dann gleich viel weniger nach Gefängnis aussieht.


Grüße von zu Hause

Kurz vor Halloween organisiert die Wohnung über uns ein gemeinsames Kürbisaushöhlen. Wir stopfen uns mit Süßigkeiten voll und währen einige fleißig schnitzen, rösten andere die Kürbiskerne, von denen ich später gar nicht genug kriegen kann. Leider sehe ich unseren Kürbis nie leuchten, da Kerzen im Wohnheim verboten sind. Jede Menge Spaß haben wir trotzdem, auch beim späteren Zusammensitzen, Kürbiskerne knabbern und Spiele spielen. Halloween ist hier ein wirklich großes Ding. Wochen vorher schon sind die Tickets zur Halloweenparty auf dem Campus ausverkauft und alle planen ihre Kostüme. An Halloween selbst laufen mir einige wirklich gruselige Gestalten über den Weg, als ich zum weiter entfernt gelegenen Wohnheim einer Freundin laufe. Da wir kein Geld in Kostüme investieren wollen, haben drei andere Mädels aus Deutschland und ich dort einen ruhigen Abend. Der ursprüngliche Plan ist, eine Kürbissuppe zu kochen, aber da Kürbisse ausverkauft sind, wird schließlich eine ebenfalls sehr leckere Karotten-Kartoffel-Suppe daraus. Anschließend schauen wir noch einen Film und stopfen uns mit Spekulatius voll, auch wenn der eher zu Weihnachten als zu Halloween passt.


Unser Kunstwerk

Ein weiteres Großereignis kurz nach Halloween ist der 5. November. Ich hatte dieses kleine Gedicht, dass wir in der fünften Klasse in Englisch lernen mussten, tief in meinem Gedächtnis vergraben, aber es wird wieder hervorgeholt, als plötzlich überall "Remember remember, the 5th of November…" zu lesen ist. An diesem Datum, der sogenannten Bonfire Night, feiern die Briten, dass es im Jahr 1605 gelang, einen Anschlag auf das Parlament zu vereiteln. Die ganze Woche über konnte man schon in der Ferne Feuerwerk hören. Am Abend des 5. Novembers gibt es dann auch hier auf dem Campus ein Feuerwerk, anlässlich des 50. Jubiläums der Uni dieses Jahr ein besonders Großes. Massen von Studenten drängen sich auf dem kleinen Hügel aneinander, Essen und warme Getränke werden verkauft, aus Lautsprechern dröhnt Partymusik. Dann ist es so weit, Zeit für das Feuerwerk. Die Musik wechselt nun auf zu auf das Feuerwerk abgestimmter klassischer Musik, was das ganze Erlebnis noch viel beeindruckender macht. Wen stören da noch gefrorene Füße und ein schmerzender Nacken?


 




Feuerwerk zur Bonfire Night

Von der Environmental Society habe ich nun schon länger nichts mehr gehört, aber dafür habe ich neben der German Society noch eine weitere Society gefunden, die ich nun regelmäßig besuche: Die Rotaract Society. Rotaract ist der Name für Gruppen der Organisation Rotary für Leute zwischen 18 und 30 Jahren und in der Society tummeln sich jede Menge internationale Studenten, die auf dem Campus Spenden für wohltätige Zwecke sammeln. Ich habe mittlerweile auch schon bei einer dieser Fundraisingaktionen mitgemacht. Mit dem Verkauf von kleinen Pflanzen bekommen wir etwa 36 Pfund für Kinder in der Ukraine zusammen, die zu schwer verletzt sind, um aus den Bürgerkriegsgebieten wegtransportiert zu werden. Unterstützt wird Rotaract von den Rotariern aus Colchester, die diese Woche einen Empfang für internationale Studenten im Rathaus veranstaltet haben. Wir werden mit einem Bus direkt vom Campus abgeholt und in die Stadt zum Rathaus gefahren, wo uns die Rotarier und der Bürgermeister herzlich empfangen. Wir bekommen alle Namensschilder, auf denen auch die Flagge unseres Heimatlandes abgebildet ist, und während wir über die bereitgestellten Snacks herfallen, sprechen uns nicht selten freundliche Rotarier an, die neugierig auf die vielen verschiedenen Flaggen schauen und mehr über unser zu Hause wissen wollen. Einer von ihnen erzählt mir, dass er jedes Jahr nach Wetzlar zur Weinprobe fährt. Der Bürgermeister, der hier übrigens nur für ein Jahr gewählt wird, schlüpft schließlich in seine traditionelle Uniform und dann heißt es: "Vergesst bloß nicht, ein Foto mit dem Bürgermeister zu machen!" Und tatsächlich steht er lächelnd bereit, um sich mit jedem einzelnen Studenten fotografieren zu lassen. Als dann jeder ein Bild von sich und dem Bürgermeister auf seinem Smartphone hat, geht es zur Führung durchs Rathaus. Sofort werden wieder die Smartphones gezückt, denn es handelt sich um ein wirklich schönes altes Gebäude. Wir sitzen im Sitzungssaal Probe und bewundern ein riesiges Gemälde von der Queen, dann ist es auch schon Zeit, Abschied zu nehmen.


Pamela aus Bolivien, das Bürgermeisterehepaar und ich


Im Rathaus

Aber das nächste spannende Erlebnis lässt nicht lange auf sich warten: Am Wochenende nehme ich an einem Radio-Theater-Workshop teil. Als ich samstagsmorgens im Theater ankomme, bin ich überrascht, dort hauptsächlich erwachsene Frauen vorzufinden. Ich hatte gedacht, es handele sich um einen Studentenworkshop. Während der Vorstellungsrunde stellt sich heraus, die älteren Damen sehr wohl Studentinnen sind. Alle vier studieren kreatives Schreiben und es beeindruckt mich, dass sie in ihrem Alter noch beschlossen haben, sich den Traum vom Studium zu erfüllen. Insgesamt sind wir nur sieben Teilnehmer und warum das so ist, wird schnell klar, als wir uns in das kleine Aufnahmestudio quetschen, in dem wir kaum alle Platz haben. Unsere erste Aufgabe ist es, selbst kleine Dialoge zu schreiben, die wir uns anschließend gegenseitig vorlesen. Die Zuhörer müssen die Augen schließen, um sich ganz auf das Gelesene konzentrieren zu können. Es ist etwas seltsam, Theater fürs Radio zu schreiben, weil man immer im Kopf haben muss, dass das Publikum nichts sehen kann. Schließlich erklärt Workshopleiterin Bethany uns, wie Mikrophone und Mischpult funktionieren und dann nehmen wir unsere selbstgeschriebenen Szenen auf. Bei meinem Dialog handelt es sich um ein Telefonat und nach dem Aufnehmen zeigt uns Bethany, wie man am Computer einen Filter über die Aufnahme legen kann, der sie so klingen lässt, als höre man sie wirklich über ein Telefon. Da wir den Eindruck erwecken wollen, dass eine Person weiter entfernt ist und anruft, man die angerufene Person aber normal verstehen soll, als stünde man neben ihr bzw. erlebe das Gespräch aus ihrer Sicht, müssen wir die Aufnahme mühevoll in Einzelteile zerlegen. Zudem bauen wir noch Soundeffekte wie Telefonklingeln und das Abheben und Auflegen des Hörers ein. Zum Abschluss sitzen wir gemütlich im Theatercafé zusammen, trinken heiße Schokolade mit Marshmallows und hören uns die über den Tag geschaffenen Werke an.

Ich weiß, dieser Bericht hat ziemlich wenig mit Umweltschutz zu tun, aber in dieser Hinsicht habe ich in den letzten Wochen leider kaum neue Entdeckungen gemacht. Nur eine Kleinigkeit: Ich habe nun zum ersten Mal etwas an der Uni ausgedruckt. Logischerweise konnte ich keinen Drucker aus Deutschland mitnehmen, aber hier auf dem Campus gibt es jede Menge öffentliche Drucker, deren Nutzung aber natürlich kostet. Für die Umwelt ist das sicherlich gut, denn wenn man sein Haus verlassen und zur Bibliothek oder zu einem Computerraum laufen muss, wo man dann für jede einzelne Seite zahlen muss, überlegt man sich zwei Mal, ob man Dinge wirklich ausdrucken muss. Mein Druckerkonto lade ich online auf und als ich mich einlogge, stelle ich fest, dass mir nicht nur angezeigt wird, wie viel Geld ich verbraucht habe, sondern auch, wie viele Bäume, wie viel Kohlendioxid und wie viel Strom. Ich bin ziemlich überrascht, wie lange man eine Glühbirne mit den gerade mal zwei Seiten, die ich gedruckt habe, brennen lassen könnte. Darum höre ich jetzt mal auf mit Energieverbrauchen, grüße euch alle ganz lieb aus England und beende meinen Bericht an dieser Stelle.


Die Umweltauswirkungen von zwei gedruckten Seiten 

Wenn ihr wissen wollt, wie in Essex Oktoberfest gefeiert wird, findet ihr hier meinen letzten Bericht.

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Kommentare (4)
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Sortieren nach Aktualität:
11.11.2014
Waldfreund hat geschrieben:
:) Hehe wieder so ein Guter Bericht. Ich bedanke mich dafür, und so kann man immer wieder was neues dazu Lernen :)
11.11.2014
Ronja96 hat geschrieben:
Danke für den schönen, und wie immer super geschriebenen, Bericht! Diese Information beim Druckauftrag finde ich irgendwie recht hilfreich, weil dann manchen vielleicht auch bewusst wird, was es bedeutet so viel auszudrucken. =)
11.11.2014
Gluehwuermchen hat geschrieben:
Danke für den spannenden Bericht!
10.11.2014
Sandsturm hat geschrieben:
Wow, du erlebst wirklich viel. Und auch wenn es nicht so viel mit Umweltschutz zu tun hat, ist es trotzdem sehr spannend. Wieder ein super Bericht!
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