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Leben ohne Geld? - Ein Interview


von Cosima
14.05.2013
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Als ich im Oktober 2012 auf den Jugendkongress für gerechte Welternährung (Burger, Bauern und Banditen) war, durfte ich einen tollen Menschen kennen lernen. Sein Name ist Tobi
Rosswog
. Schon bei dem Kongress hatten wir eine gute Zeit, mit spannenden Diskussionen und Impulsen.
Nun hat er sich entschieden eine Reise ohne Geld anzutreten. Interessant, wie ich finde :)
Dazu wollte ich mehr wissen. Hier ist ein kleines Interview um einen Eindruck zu bekommen, wie eine Reise/ eine Leben ohne Geld aussieht und was die Hintergründe sein können.

 


  

- Wie ist es zu deiner Reise gekommen?
"Eine Woche vor meiner Reise durfte ich von der gemeinnützigen Organisation unique planet e.V. aus einen Projekttag für eine FÖJlerInnengruppe machen. Es brachte mir und auch scheinbar den Teilnehmenden so viel Freude, dass ich sehr motiviert war ab sofort noch mehr solcher Bildungsangebote anzubieten. Innerhalb der einen Woche wurde mir nochmal ganz bewusst, dass ich während meines Studiums diesen Traum nicht leben kann. Damals war meine Motivation zu studieren am Ende eine Bescheinigung zu erhalten, damit ich genau diese Bildungsangebote – die ich bisher nur nebenbei machen konnte – für ein bisschen Geld zum „Überleben“ anbieten darf. Nach 13 Jahren Schulbildung, in der ich nicht frei nachdenken und nachfühlen durfte, hoffte ich mich nun während des Studiums frei entfalten zu können. Dies war nicht der Fall. Dazu kommt, dass ich dem Geld keinerlei Bedeutung zumesse und dieses ganze Geldsystem sowieso nicht sinnvoll finde. Die logische Konsequenz war wohl eine Reise zu beginnen auf der ich einfach ohne Geld vollkommen frei an Unis, auf Kongressen oder wo auch immer Workshops, Vorträge und Seminare zu unterschiedlichen Themen anbieten darf. Nachdem der Entschluss Dienstagnacht im Gespräch mit einer wundervollen Freundin fiel, reiste ich am Montag los. Auf eine Reise von Ort zu Ort. Ohne Geld. Dafür aber in bedingungsloser Liebe und dem Vertrauen, dass in dieser Welt wir alle gerne miteinander leben wollen."

- Hattest du bis jetzt Zweifel an der Entscheidung (, bzw was bestätigt dich)?
"Keine Sekunde. Es ist einfach eine wundervolle Erfahrung. Jeder Augenblick, indem ich Menschen begegne, gibt mir die Energie mit größter Freude weiter zu reisen. Ob bei einem Workshop zum Thema „Wegwerfgesellschaft“ an der Uni in Mainz, aus welchem sich dann eine Initiative zur Rettung von Lebensmitteln ergab oder einfach nur auf der Fahrt von Ort zu Ort mit einem lieben Menschen, der mich mit nimmt und wir uns gemeinsam über eine Welt von Morgen austauschen. Meine innere Motivation wird auch dadurch jeden Tag wieder aufs Neue belebt, weil ich merken darf, dass dieser Austausch neugierig auf mehr macht und diese Themen aktuell sind, da immer wieder neue Anfragen für verschiedene Workshops oder auch Vorträge an mich gemailt werden. Es scheint sich gerade ein Bewusstseinswandel zu ereignen. Viele Menschen fühlen, dass es so in diesem starren System nicht weiter gehen kann. Wenn ich einen Naturerlebnisworkshop anbieten darf, freue ich mich immer sehr darüber, wenn die Teilnehmenden wieder eine stärkere Beziehung zu der uns alle umgebenden Mitwelt aufbauen können. Da merke ich ganz klar, dass die Menschen den Kontakt zu der Natur vermissen und sich über die Möglichkeit freuen, den Wald oder den Park ganz anders wahrnehmen zu dürfen. Das gibt mir Kraft und macht mich überglücklich. Ich bin sehr dankbar, dass ich diesen Weg gerade gehen darf."

 

- Welche Themen beschäftigen dich zur Zeit am meisten?
"Es sind einige Themen, die mich beschäftigen und berühren. Vom Thema „Welternährung“ über „Globalisierung und Konsum“ hin zum „leben ohne Geld“ und vieles andere.
Wir leben in einer Welt in der ungefähr 1 Milliarde Menschen hungern, obwohl es genug zu essen gibt. Der Soziologe, Politologe und UN – Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung von 2000 - 2008 Jean Ziegler konnte einst sagen: „Ein Kind, dass heute an Hunger stirbt, wird ermordet.“ Ziegler ist direkt und provoziert damit. Was mir aber sehr am Herzen liegt und ein Ziel meiner Reise darstellt, ist, dass jedeR die Möglichkeit bekommt, sein eigenes Handeln kritisch zu reflektieren und gemeinsam in einer Gruppe sich über Handlungsmöglichkeiten und Veränderungen auszutauschen. Dazu gehört dann auch unbedingt die Frage, wie wir mit den Tieren umgehen. Nicht nur, dass ich Tiere nicht verletzen oder sogar töten möchte, weil sie lebendige fühlende Wesen sind, hat diese Frage auch große Auswirkungen auf die Umwelt, die Mitmenschen und die eigene Gesundheit. Ich glaube sehr daran, dass kein Mensch aus eigenem Antrieb und mit Freude, Leid verursachen möchte. Das wir – speziell durch unser Konsumverhalten – aber jeden Tag dazu beitragen, ist ein Dilemma. Lasst uns gemeinsam Lösungsvorschläge erdenken und fühlen, was für uns gerade möglich ist. Und dabei ist es mir ein Anliegen auch außerhalb der bisherigen Systeme zu denken. Vllt. ist das 9 – Punkte Problem bekannt. Die Aufgabe besteht darin, 9 quadratisch angeordnete Punkte mit einem Stift durch vier gerade Linien zu verbinden, ohne den Stift abzusetzen. Eine sehr interessante Knobelaufgabe, die aufzeigt, dass wir auch außerhalb der Matrix nach Lösungen suchen sollten, weil sich manche Probleme sonst nicht lösen lassen. Für mich persönlich ist also gerade der Versuch geldfrei zu leben sehr interessant und damit den Menschen in einer ganz anderen Beziehung begegnen zu dürfen. Es ist nicht mehr dieses Dienstleistungsverhältnis nach dem Schema: „Du bekommst 5 Euro und dafür gibst du mir 2,5 kg Äpfel.“ Ich möchte nicht mehr für eine „Leistung“ eine „Gegenleistung“ erwarten oder abliefern. Und allein den Begriff der „Leistung“ finde ich sehr schwierig. Leistung bemisst sich im Allgemeinen wohl danach wie viel ein Mensch zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) beiträgt. Was ist mit der fantastischen „Leistung“, die 20 Millionen ehrenamtlich wirkende Menschen in Deutschland tagtäglich vollbringen? Was ist mit der Malerin oder dem Musiker? Wir sollten den Begriff der „Leistung“ noch einmal stark überdenken. Wo bleibt die Idee Brakelmanns und damit der leistungslose Selbstwert eines jeden Menschen in unserer Gesellschaft, damit sich ein Mensch frei und ohne Zwang entfalten kann? In unserer heutigen Ellenbogengesellschaft ist dafür kein Platz. Wir sollen uns im Konkurrenzkampf durchsetzen, um mächtig und groß zu werden. Nicht zuletzt dann auch mit Gewalt. Das sind Themen, die mich sehr beschäftigen und im ganzheitlichen Kontext unserer pluralen Gesellschaft zusammen zu hängen scheinen. Ich möchte dabei Impulse zur Veränderung anstoßen und mich gemeinsam im Dialog darüber austauschen."

- Was glaubst du fehlt unserer Gesellschaft und bei was haben wir bereits Fortschritte gemacht?
"Bei dieser Frage scheint mir wichtig klar zu machen, dass ich keinen Wahrhaftigkeitsanspruch auf meine Ideen lege oder meine, dass dies der einzige Weg ist.
Außerdem glaube ich, dass unserer Gesellschaft vermutlich nicht so viel fehlt. Es gibt überall gerade auf der Welt Menschen, die die Veränderung sein wollen, die sie sich für die Welt wünschen und im Vertrauen neue Wege suchen, um eine Gesellschaft in Harmonie zu gestalten.
Mir scheint ein wichtiger Schritt in diese Gesellschaft auf jeden Fall ein Bildungssystem, was die Menschen sich frei entfalten lässt, damit sie auf ihr Herz hören dürfen und ihren Lebenstraum verwirklichen können und dann mit größter Freude für das Gemeinwohl – Tiere, Menschen und Natur natürlich zusammen gedacht – wirken.
Gerade darf ich in Bayern mit einem wunderbaren Mitweltpädagogen ein Pilotprojekt starten, wo genau diese Möglichkeit gegeben werden soll. Junge, visionäre und engagierte Menschen dürfen in einer „lebe deine utopie“-WG ein Jahr lang in einer Gemeinschaft ganzheitlich Leben, praxisorientiert Lernen und sich somit wirklich frei entfalten."

- Was möchstest du der WWFJugend noch mit geben?
"Unser gemeinsames Ziel ist es eine Zukunft zu gestalten, in der Mensch, Natur und Tiere in Harmonie leben. Ich danke euch herzlichst und bin sehr froh, dass ihr euch von der WWF Jugend so fantastisch dafür engagiert. Es bleibt nur noch mit Gandhi gesprochen der gemeinsame Aufruf: „Lasst uns die Veränderung sein, die wir uns für die Welt wünschen.“
Und falls ihr Interesse am Austausch habt, schreibt mir gerne auf lebedeineutopie.de/"

Wenn ihr immer informiert bleiben wollt, könnt ihr auch mal auf der Facebook-Seite vorbei schauen!
 

Was habt ihr für einen Eindruck vom Geld?
Ich freu mich auf eure Kommentare :)

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Kommentare (5)
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06.01.2014
Niiura hat geschrieben:
Wirklich sehr schöne Gedanken und Ideen! Ich denke selber zum großen Teil so. Ich studiere momentan im ersten Semester Landschaftsökologie und habe während der Schulzeit auch immer Gedacht, dass ich mich mit dem Studium frei entfalten kann. Sicher, es gefällt mir gut und so, aber ich habe gemerkt, dass dieses System nicht das Wirkliche für mich ist. Mir ist auch die Idee gekommen, einfach alles hinter mir zu lassen und mal ein wenig zu Fuß/Schiff die Welt zu erkunden. Letztendlich fehlt mir leider immer noch ein klein wenig der Mumm dazu;D Aber was noch nicht ist, kann ja noch. Auch dieser Bericht bestärkt mich ein wenig in meiner Idee;) Ein weiterer Grund, warum ich mal ein wenig raus aus diesem starren Alltag ist, ist, dass ich dieses kapitalistische System nicht mag. Alle sehen in vielen Situation einfach nur das Geld und handeln deshalb nicht aus ihrem Herzen, sondern eben zu Gunsten des Geldes. Ich finde es wird einfach überschätzt! Auch finde ich es schrecklich, wie für das Geld die Welt ausgebeutet wird... klar, da ist nicht nur das Geld das Problem, sonder auch der hohe Konsum der Gesellschaft und der Luxus, den ein Großteil einfach nicht einschränken will.

„Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“
16.05.2013
regentag hat geschrieben:
Wirklich tolles Interview! Sehr inspirierend und beeindruckend! Wow :)
15.05.2013
Gluehwuermchen hat geschrieben:
Wow, danke für dieses Interview! Ich finde es großartig, dass es junge Menschen gibt, die nicht nur anders denken, sondern auch anders handeln. So etwas braucht die Welt.
Ich denke ja, ( das habe ich irgendwo an anderer Stelle schon mal ausführlicher geschrieben), dass Geld zum gesellschaftlichen Problem geworden ist und mit Werten besetzt, die weit über "Geld" an sich hinausgehen. Meiner Meinung nach ist eine Lösung sämtlicher Dilemmata - so auch die Abschaffung unserers momentanen Geld-Teufelskreises- nur mit einer generellen Bewusstseinsverschiebung in den Menschen möglich. Man muss sich auf das rückbesinnen, was wirklich "Leben " bedeutet - man hat sich allgemein auf einen Konses geeinigt und das beinhaltet die Gefahr, überhaupt nicht mehr zu sehen, dass es auch anders geht. Wir sind schließlich von Geburt an frei und ein System hat nur Kontrolle über uns, wenn wir das zulassen.
15.05.2013
Cosima hat geschrieben:
Ein sehr passendes Zitat:
,,Das Geld, das man besitzt, ist ein Mittel der Freiheit; das, dem man nachjagt, ein Mittel der Knechtschaft.´´ Jean-Jacques Rousseau
14.05.2013
Nugua hat geschrieben:
Danke für dieses schöne Interview. Ich finde es toll, dass du (Tobi) dich auf diese Reise begeben hast und wünsche dir alles Gute!

Ich denke auch, dass viele Menschen sich zum Beispiel für einen Beruf entscheiden, der ihnen gar nicht so gut gefällt, sie aber wissen, dass man damit gut Geld verdienen kann. Man sollte aber viel lieber seiner Leidenschaft nachgehen, anstatt das ganze Leben damit zu verbringen, sich eine sichere Zukunft aufzubauen. Das macht nicht glücklich...
Jeder weiß ja eigentlich, dass man sich die schönsten Dinge im Leben nicht mit Geld kaufen kann und trotzdem ist es vielen so wichtig.
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