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Ein Dorf


namens Erde


© WWF
Guatemala und die Umweltverschmutzung


von TaniaTukan
12.06.2013
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Dies ist der Lago Atitlán – er gilt als der schönste See der Welt. Ohne großartig in der Welt herumgekommen zu sein und andere derartige Seen gesehen zu haben, stimme ich dem ohne mit der Wimper zu zucken zu. Der See ist atemberaubend schön!
Bereits Alexander von Humboldt war hingerissen von diesem azurblauschimmernden Bergsee auf 1500m Höhe, der eingerahmt von 3 majestätischen Vulkanen die Menschen ob seiner Schönheit in seinen Bann zieht. Der Naturforscher und Welterkunder war wohl auch der erste, der diesem 130 km² großen und so unglaublich klarem See den Titel des schönsten Sees auf Erden gab.

So idyllisch und heil diese Beschreibung klingt und der Lago Atitlán auch von den vielen hoch über dem See gelegenen Aussichtspunkten aussieht – der Schein trügt. Der See ist so stark von Verschmutzung beeinträchtigt, dass er zu kippen droht.

Der Lago Atitlán ist schon lange ein Magnet für einheimische wie internationale Touristen.
15 malerische Indianerdörfer umgeben den See, in denen sich die noch recht traditionelle Lebensweise der Tzutujil- und Cakchiquel-Maya (2 der 23 Mayavölker Guatemalas) erleben lässt. Die cosas tipicas, also „traditionelle“ Mayaprodukte, reichen von Taschen, Kleidung, Tüchern, Teppichen, Schmuck, Malerei und Holzhandwerk bis hin zu an die modernen Bedürfnisse angepassten Produkten wie Laptoptaschen und Highhills im Mayastil.

Der See ist eine Schlucht im Hochland und dementsprechend von bewaldeten Hängen und wie bereits erwähnt den über 3000m hohen Vulkanen San Pedro, Atitlán und Tolimán umgeben – klasse Wandertouren, Vulkanbesteigungen, Paragliding, Tauchkurse, Kajak, Reiten und und und… Von Naturliebhaber über Actiontourist bis hin Shoppingtourist, ob alt, ob jung, Backpacker oder Stöckelschuhtourist – um den schönsten See der Welt macht niemand einen Bogen wenn er Guatemala besucht.

Für die Einheimischen bringt das Arbeitsplätze in den unzähligen Hotels, Restaurants, als Taxi- und Bootsfahrer, in Tourismus- und Tour-Agenturen und natürlich in den unzähligen Boutiquen und kleinen oder großen Straßenständen sowie in der Herstellung des so begehrlich nachgefragten Kunsthandwerkes.
So essentiell der Tourismus auch ist, er hat natürlich auch eine Schattenseite. Lassen wir mal die Betrachtung der Abhängigkeitsfrage und soziale sowie kulturelle Aspekte aus dem Spiel – zum Umweltproblem des Lago Atitlán hat der Tourismus ganz sicher beigetragen.

Zwei Hauptgründe sind ursächlich für die zunehmende Verschmutzung des Sees: Der direkte, ungeklärte Einfluss von Substanzen auf der einen Seite und die zunehmende Abholzung der Wälder auf der anderen.
Guatemala ist ein Land, in dem die Bevölkerung immer noch stark wächst, wenn auch die Tendenz des Wachstums fallend ist. Die Familie, wo ich während meines Freiwilligendienstes wohne, hat nur 3 Kinder. Eine Generation älter sieht das allerdings noch ganz anders aus: Mein Gastvater hat 8 Geschwister und meine Gastmutter sogar 7 plus 8 Halbgeschwister!
Angesichts solcher Zahlen wird klar: Der Landverbrauch durch den Menschen steigt! Doch das zur Verfügung stehende Land nicht. So haben sich die Dörfer mit der Zeit immer weiter die steilen Hänge um den See hinaufgezogen, wodurch immer mehr Waldstücke weichen mussten. Aber nicht nur für die Wohnhäuser wurde und wird mehr Platz benötigt – es sind vor allem die Felder zum Anbau von Mais, Bohnen etc., die in immer größerer Zahl und Fläche zum Stopfen der vielen Münder gebraucht werden.

Das Problem wird verschärft durch den Tourismus. Auch wenn sich die meisten Touristen keine Luxushotels leisten können sondern in kleine Hostels und Herbergen nächtigen, nehmen die Luxussuiten mit ihren Pools, Gärten, Terrassen, Parkplätzen und riesigen Gebäudekomplexen eine ganze Menge Platz ein, und dass für eine verhältnismäßig sehr geringe Zahl an Touristen. Hinzu kommt, dass reiche Guatemalteken Flächen aufkaufen, um dort ihr privates Wochenendparadies zu errichten.

Die dabei schwindenden Wälder sind, wie wir alle wissen, wichtig für saubere Luft und um den Boden der steilen Hänge vor Erosion zu schützen, aber vor allem auch für den Wasserkreislauf. Der Wald bindet Wasser, so dass weniger verdunstet, kann große Mengen speichern und säubert es.
Genauso wie der Wald verschwindet auch das Uferschilf, ein weiterer natürlicher Schutzfaktor eines intakten Gewässers.

Auf der einen Seite fallen also natürlich Säuberungsmechanismen weg, auf der anderen steigt die Verschmutzung und Müllproduktion. Die 15 Gemeinden im Einzugsgebiet des Atitlán-Sees erzeugen pro Tag 150 Tonnen fester Abfälle, welche seit Jahren ungeklärt in den See fließen! Hinzu kommen Pestizide, die das Regenwasser von den Feldern in den See spülen.
Umweltbewusstsein gleich null. Den Bewohnern kann man das nicht mal über die Maßen verübeln, ihr Handeln wird determiniert von Armut und schlichter Unwissenheit. Doch wo bleiben bitte Eingriffe der Behörden und eine staatliche Aufklärungskampagne?

2009 kam schließlich, was kommen musste: große Teile des Sees waren bedeckt von nach faulen Eiern stinken Algenteppichen. Der Tourismus brach sofort ein und die Fisch(-arten), die noch nicht von dem in den fünfziger Jahren ausgesetzten Raubfisch Black Bass ausgerottet wurden, verendeten jetzt. Ein Bilderbuchbeispiel, dass Wirtschaft empfindlich abhängig von einer intakten Umwelt ist!
Doch wo kam der Algenteppich so plötzlich her? Das Wasser war stark überreichert mit Nährstoffen der ungeklärten Abwässer und Feldabflüssen. Das hatte die Algen am Grund des Sees stark wachsen lassen. In der Trockenzeit nahm der Sauerstoffgehalt des Sees immer weiter ab, und so starben die Algen ab und drifteten an die Oberfläche. Das ideale Milieu für Cyanobakterien, die nicht nur den fauligen Eiergeruch, sondern auch für den Menschen bedrohliche Umweltgifte produzieren.
„Der schönste See der Welt“ wurde von der Umweltstiftung Global Nature Found zum „Bedrohten See des Jahres 2009“ erklärt.

Ganz verschwunden sind die Algen nicht, und selbst durch radikale Änderungen im Abfallsystem wird der See noch sehr lange brauchen, bevor er wieder als halbwegs intakt bezeichnet werden kann. Frank Herrmann, der Autor meines „fair und grün reisen“-Guatemala-Guides beschreibt die Umweltsituation des Sees mit „ Es ist 5 nach 12!“.

Zurzeit ist das Wasser an vielen Stellen wunderbar klar (zum Beispiel am Südufer in der Nähe San Pedros, dort habe ich schon gebadet), doch vor allem dort, wo die Ortschaften ans Ufer grenzen, ist das Algenproblem deutlich sichtbar. Am schlimmsten ist es im Hafen von Santiago Atitlán, der größten Stadt am See:

Aber selbst außerhalb gelegene Luxushotels müssen Leute anstellen, um ihre Strände von Algen abfischen zu lassen.
Der Algenteppich könnte schon bald wieder den See überziehen. Es vergeht keine Woche, in der ich nicht einen Artikel über die Umweltlage des Atitlán-Sees in der Tageszeitung Prensa Libre lese.

Inzwischen gibt es eine Reihe von Umweltorganisationen, die sich vereint unter der Organisation Vivamos Mejor („Leben wir besser“) für den Naturschutz in und um die Region Lago Atitlán engagieren. Ich arbeite während meines dreimonatigen Freiwilligendienstes in einer dieser Assoziationen nur wenige Kilometer Luftlinie vom Lago Atitlán entfernt.
Doch davon geht’s im nächsten Artikel weiter.

 

Hier geht's zum ersten Artikel: Guatemala und der Klimawandel

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Kommentare (11)
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25.06.2013
Baerchen hat geschrieben:
ach so, ich hatte nämlich vor kurzem überlegt, ein Auslandsjahr vom ASF zu machen und hatte da gesehen, dass sie auch Freiwilligendienste anbieten!!!!
Aber Experiment e.V hört sich auch gut an, vor allen Dingen wegen dem Sprachkurs!!! :-)
Ich liebe es fremde Sprachen zu lernen!!!!
Im Moment bin ich aber noch zu Jung für einen Freiwilligendienst!!! :-(
16.06.2013
Volkmar hat geschrieben:
Ja, leider sehe ich auch immer wieder, wie schwer es ist, gerade Menschen in Ländern mit relativ niedrigem Sozialstandart von der Notwendigkeit des Umweltschutzes zu überzeugen. Hier in Rumänien kämpfe ich einen fast aussichtslosen Kampf gegen die Verwendung der Plastikflaschen. Aber was mir immer wieder Mut macht, das sind diese jungen Menschen, wie Du, die sich für unsere Erde einsetzen.
LG von Volkmar
13.06.2013
TaniaTukan hat geschrieben:
@ Baerchen: Nein, kein AFS ;) Meine Organisation heißt Experiment e.V.
Sie bieten Freiwilligendienste in allen Teilen der Welt an, allerdings sind die Programme kostenpflichtig. Ich finde allerdings (nach reichlichem durchstöbern der Angebote), dass die Preise vergleichsweise niedrig sind - trotzdem ist so eine Reise nicht billig. Experiment bietet allerdings Stipendien an. http://www.experiment-ev.de
Weshalb ich mich für diese Organisation entschieden habe, ist, dass sie Programme mit sprachkurs anbieten - sonst hätte ich nicht nach Lateinamerika gehen können, denn ich habe Französisch in der Schule gelernt ;)
13.06.2013
gelöschter User hat geschrieben:
gelöscht
13.06.2013
TaniaTukan hat geschrieben:
@ Morgentau: Gute Frage! Was können wir von hier tun? Ich denke, dass beste ist, ein gutes Vorbild zu sein. Diese Länder orientieren sich an gewissem Maße an uns. Fernseher, Laptop und Smartphone verbreiten sich selbst in Guatemala immer weiter. Das ist im Moment der Stempel, den wir Industrieländer der Welt aufdrücken...
Vor allem wenn wir als Tourist in andere Länder kommen, können wir Einfluss ausüben. Wie bereits beschrieben, haben sich die "typischen Mayaprodukte" mehr als an westliche Bedürfnisse angepasst. Fast alle Restaurants bieten vegetarische Gerichte an, denn inzwischen haben sie begriffen, dass viele Touristen kein Fleisch essen.
Ich habe ein Reisehandbuch von der Marke "Stefan Loose Travel Handbücher". Auf dem Einband steht explizit drauf "fair und grün reisen". Im Buch sind Organisationen, parks, Restaurants und Hotels hervorgehoben, die sich durch Umweltbewusstsein (und soziale Standards) auszeichnen. Auf solche Dinge kann man achten und immer wieder danach fragen. Wenn die Tourismusbranche merkt, dass immer mehr Touristen "grün ticken" werden sie versuchen, dieser Nachfrage nachzukommen. So sind scließlich auch die vegetarischen Gerichte in die Restaurants gekommen ;)
13.06.2013
Baerchen hat geschrieben:
Echt toller Bericht!!!
Darf ich mal fragen, was für ein Freiwilligendienst das ist????
Vom ASF???
13.06.2013
TaniaTukan hat geschrieben:
@ killerwal & Niiura: vielleicht ist das falsch rüber gekommen: Der Tourismus ist nicht die Ursache der Umweltproblemedes Lago Atitlans - die Probleme haben schon angefangen, als sich noch fast kein ausländischer Tourist in Guatemala hat blicken lassen. Der Tourismus trägt "nur" zur Verstärkung bei. Von Massentourismus kann man in Guatemala auch nicht reden. Der Lago Atitlan und der Kolonialstadt Antigua sind zwar touristisch gut erschlossen, trotzdem trägt der Tourismus nur insgesamt 5% zum Landeseinkommen bei.
13.06.2013
Morgentau hat geschrieben:
Klasse Bericht mit wunderschönen Fotos. :o) Ich freu mich schon auf den nächsten Artikel. Gibt es Möglichkeit, wie man von hier aus helfen kann?
13.06.2013
killerwal hat geschrieben:
sehr schöner bericht. ich finde ich schlimm wie wir nicht auf die umwelt aufpassen und das auch die umwelt mit dem tourismus zu tun hat. man sollte besser aufpassen und dann geht es uns allen gut!!! : D
13.06.2013
Niiura hat geschrieben:
Sehr aufschlussreich! Massentourismus ist halt niemals gut und Luxustourismus auch nicht wirklich.
13.06.2013
Nick97 hat geschrieben:
Schöner artikel über ein schlimmes thema
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