Entdecke die Natur!


Ein Dorf


namens Erde


© WWF
Die stillen Opfer unserer Bauprojekte


von Franzi
13.02.2011
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Stuttgart 21. Das erste was einem zu diesem Schlagwort einfällt ist vermutlich der Bau eines neuen Bahnhofes und jede Menge Proteste. Doch hat auch jemand an den Juchtenkäfer gedacht? Vermutlich nicht, denn er erregt nicht so viel Aufsehen wie eine große Menschenmenge. Dennoch hat er etwas mit dem Bahnhof zu tun: er ist eines seiner stillen Opfer.

Damit ist er nicht allein. Dem Kamm-Molch in Hessen erging es nicht viel besser. Auch auch die Löffelente und die Rotbauchunke mussten weichen. Für wen? Den Menschen natürlich.

Der Juchtenkäfer (Osmoderma eremita) ist ein sehr friedlicher Zeitgenosse. Er lebt bevorzugt in den Wipfeln alter Bäume , in deren Höhlen er seine Eier ablegt. Der Käfer war in Stuttgart auch nicht das Problem, viel eher die Bäume in denen er lebt. Sieben von ihnen mussten im Schlossgarten für den neuen Bahnhof Platz machen, erst im Nachhinein wurde die Deutsche Bahn vom Verwaltungsgericht wegen des Vorgehens gerügt, da Naturschutzbestimmungen ignoriert wurden. Die Bahn hat nun ein Jahr lang Zeit ein Schutzkonzept für den Juchtenkäfer auszuarbeiten. Den Tieren, die auf den gefällten Bäumen gelebt haben, hilft das jedoch wenig.

Die Kamm-Molche im Lichtenauer Hochland hatten da schon etwas mehr Glück. Ihr Lebensraum wäre durch ein etwa drei Kilometer langes Stück der neu geplanten Autobahnstrecke zwischen Kassel und Gießen zerstört worden. Es sollte eine Verbindung zwischen der A 44 und der A 4 entstehen, welches mitten durch ein Schutzgebiet geführt hätte.

Aufgrund der massiven Kritik des BUND in Hessen wurde schließlich ein zusätzliches Tunnelstück gebaut, wodurch die A 49 nun am Rand des Schutzgebietes vorbeiführt. Diese Umplanung führte jedoch zu Mehrkosten von ca. 50 Millionen Euro. Für diese horrende Summe sind der Kamm-Molch und viele weitere bedrohte Pflanzen- und Tierarten in dieser Gegend nun also erstmal wieder sicher.

Hessens Verkehrsminister Dieter Posch verurteilte dieses Vorgehen stark: „Das richtige Augenmaß im Verhältnis zwischen Mensch und Natur ist verloren gegangen.“

Auch unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel war skeptisch: „Bei aller Schutzwürdigkeit kann es nicht sein, dass Juchtekäfer und Kamm-Molche herhalten müssen, um solche Großprojekte zu verhindern.“

Die Liste von Tieren, welche für große Bauprojekte weichen mussten, lässt sich vermutlich unendlich weiterführen.

So wurden 2009 die Lacomaer Teiche in Brandenburg zur Erweiterung des Vattenfall-Braunkohletagebaus zugeschüttet und damit der Lebensraum der streng geschützten Rotbauchunke (Bombina bombina) zerstört. Mit etwa 5000 Exemplaren war es eines der größten Vorkommen dieser Art in Deutschland.

Vattenfall musste für diesen Verlust andere Gebiete renaturieren und die Tiere umsiedeln. Die offizielle Mitteilung der Brandenburger Regierung lautete: „Wegen zwingender Gründe des überwiegenden öffentlichen Interesses gibt es keine zumutbare Alternative.“

Auch in Hamburg zog die Natur den Kürzeren. Für den Ausbau der Airbuswerke wurde das größte Süßwasserwatt Europas, das Mühlenberger Loch, teilweise zugeschüttet. Die Umsiedelung der dort lebenden Löffelenten (Anas clypeata) in ein neu angelegtes Süßwasserwatt misslang, der ursprüngliche Bestand von rund 1000 Tieren ist auf nur noch 100 Tiere geschrumpft.

An diesen Beispielen wird deutlich, dass die Natur den Kamp gegen den Menschen meist verliert. Bei großen Bauprojekten ist leider fast unmöglich nicht auf die ein oder andere Weise in die Natur einzugreifen.

Was meint ihr dazu? Sollte man jeden Preis bezahlen um die Natur und die Tiere zu schützen und gegebenenfalls auch auf ein Projekt verzichten? Oder ist es illusorisch anzunehmen, dass die Menschen so weit gehen würden um die Natur zu bewahren? Gebt ihr Fr. Merkel Recht wenn sie sagt, dass der Naturschutz oft nur ein vorgeschobenes Argument ist, um Projekte zu verhindern? Gibt es also Opfer, die für unseren Fortschritt gebracht werden müssen?

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Kommentare (8)
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19.04.2011
TaniaTukan hat geschrieben:
Der Mensch ist das Lebewesen auf der Erde, was von der Natur mit den größten Kognitiven Fähigkeiten ausgestattet wurde. Da ist doch ganz logisch, dass mit diesem Privileg auch eine Pflicht einhergeht - nämlich die Pflicht, diese Fähigkeit im Sinne der Natur einzusetzen, die Umwelt zu schützen und zu bewahren. Leider scheint einem immer größer werdenen Teil unserer Spezies die solziale Intelligenz abhanden gekommen zu sein. Und wenn dann auch noch genau so ein Mensch an der Spitze unseres Staates steht, muss man sich doch fragen, wie diese Person ein ganzes Volk vertreten soll...
17.02.2011
Jutta hat geschrieben:
Der Schutz einer seltenen Art ist eigentlich schon Grund genug...meist leben solche Arten jedoch in allgemein schutzwürdigen Biotopen. Die alten Bäume waren ebenso wertvoll, nehme ich an.
Die Beachtung solch geschützter Arten ist dringend notwendig. Was ich nur nicht verstehe, wieso es immer wieder passiert, das erst zerstört und mit dem Bau engefangen wird, bevor man feststellt, das dort eine geschützte Art lebt! Das ist doch ein Unding, gerade bei einem Unternehmen wie der Deutschen Bahn, die do angeblich sooo ökologisch ist....
Stuttgart 21 ist echt eines der sinnlosesten Prestige-Objekte!
16.02.2011
Stoffie hat geschrieben:
ich glaube madame merkel hat ihn bio nicht aufgepasst. JEDES tier ist doch wichtig fürs ökosystem. ein tier fehlt ökosystem bricht langsam zusammen.
15.02.2011
NinaLuthien hat geschrieben:
Wäre es bei Stuttgart 21 nur wirklich um den Juchtenkäfer gegangen...
natürlich, einige der Demonstranten dürften wirklich für den Käfer gekämpft haben... aber leider ist es wohl traurige Realität, dass die werten Schwaben, wohl eher ihre eigenen (wohl kaum natur und tierschutz geprägten) Interessen durchsetzen wollten...

Irgendwie schade, dass bedrohte Arten, zum Teil wirklich als "spätes Argument" gezogen werden...
Ich stimme euch allen zu. Auf jeden Fall ist es unerhört, dass die meisten "Großprojekte" ohne Rücksicht auf Verluste geplant werden...
Der (leider zu kapitalistisch geprägte) Mensch des Typus Großunternehmer, scheint leider seine Mitgeschöpfe so gut wie nie im Blick zu haben...
(Obwohl schönes Gegenbeispiel aus meiner Heimat, wo zwei größere Metallwerke, die Reanaturalisierung der Erft antreiben und finazieren...)
Ganz allgemein, finde ich , dass es wichtig ist, dass der Schutz von bedrohten Arten immer ein ernst zu nehmendes ARgument bleiben sollte... Wir Umweltschützer sollten aber immer ein Auge darauf haben, dass "Tierschutzargumente" nicht für völlig andere Ziele missbraucht und so immer unglaubwürdiger werden...
dann werden Bahnhöfe, vielleicht bald wirklich "nur" wegen dem Junkerkäfer verlegt^^
14.02.2011
ilovecats hat geschrieben:
Ich stimme euch allen voll zu! Natürlich denkt jeder erstmal an sich, liegt wohl in der Natur des Menschen. Aber dieser teilweise krasse Egoismus ist schon wirklich extrem. Auch bei uns wurde gerade der Bau einer Umgehungsstraße verhindert, woran ich, ehrlich gesagt, schon gar nicht mehr geglaubt hatte... Die Befürworter hatten nicht wirklich viele Argumente, weswegen sie dann auf Beleidigungen zurückgegriffen haben: Uns seien unsere Nachbarn egal, etc. Nur weil wir die Natur schützen wollen, werden wir als menschenfeindlich dargestellt. Ich finde, man sollte bei all der Macht- und Geldgier eines nicht vergessen: Ohne die Natur wären auch wir Menschen verloren! Doch die meisten scheinen nicht daran zu denken, worunter spätere Generationen dann leiden müssen. Und uns sollen andere Menschen egal sein...?
Ein guter Artikel übrigens, der mal wieder die Augen öffnet für das, was alltäglich passiert...
14.02.2011
midori hat geschrieben:
Unser Wahrnehmungsverlust lässt uns glauben, es gäbe keine anderen Wesen außer uns. Nur, weil wir ihr Sterben nicht miterleben, sind wir der Ansicht, es gibt auch keines. Das ist das Problem. Und weil es uns nicht sonderlich kümmert. Was rein evolutionstechnisch auch nicht abzuwerten wäre. Was interessiert es die Spezies Elefant, ob Weißstörche existieren? Warum sollte es uns also stören, wenn Juchtenkäfer und Co. sterben? Was Merkel und Konsorten von sich geben, finde ich, entschuldigt die Ausdrucksweise, unter aller Sau. Mehr fällt mir dazu nicht ein! Danke für den Bericht Franzi!
14.02.2011
Lynxana hat geschrieben:
Ich denke, es kommt wirklich darauf an, um was vür ein Projekt es geht. Bei uns in der Nähe sollte auch eine neue Umgehungsstraße gebaut werden, die mitten durch ein Nacherholungsgebiet gehen sollte, in dem auch viele Feldhamsternester lagern. Es gab einen Bürgerendscheid und das Projekt wurde von den Bürgern gekippt, aber nicht nur wegen den Hamstern.
13.02.2011
Lele97 hat geschrieben:
Es ist schon erstaunlich, wie so kleine Tiere soo viel Aufregung erzeugen können. Aber das ist auch gut so. Solche kleine unscheinbare Tierchen sind doch soo wichtig für die Umwelt.
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