Fair, sozial, umweltbewusst!


Shop till


you drop


© WWF
Zoo-Report: Streit um's Biodiesel-Schild


von Rhino
09.08.2013
5
0
100 P

Der „Zoo-Report“ diesmal mit einer aufgewühlten Debatte rund um Palmöl, Orang-Utans und ein verhängnisvolles Infoschild!

Schon seit 2008 bewohnen die Menschenaffen im Frankfurter Zoo den aufwendig neu gebauten „Borgori-Wald“, ein moderner Gehegekomplex für Bonobos, Gorillas und Orang-Utans. Die neue Anlage soll jedoch nicht nur ein artgerechtes Domizil für die äußerst beliebten, aber auch enorm bedrohten Regenwaldbewohner aus Afrika und Indonesien darstellen, sondern auch dem Besucher wichtige Informationen über die Verbreitungsgebiete, die Lebensweise und natürlich auch über die Gefahren der einzelnen Affenarten vermitteln, ein ganz besonderes Infoschild sorgt allerdings seit geraumer Zeit für hitzige Diskussionen.

Biodiesel produziert Vollwaisen“ ist darauf zu lesen - der Zoo steht klar und deutlich hinter der umstrittenen Schlagzeile, der Bundesverband Bioenergie (BBE) fordert hingegen eine baldige Entfernung der angeblich trügerischen Informationstafel … 

Die Umwandlung des Regenwaldes in Palmölplantagen raubt den Tieren ihre Lebensgrundlage. Verwaiste Jungtiere verhungern oder landen im illegalen Tierhandel. Sind sie erst einmal ausgewachsen und kräftig, vereinsamen sie meist weggesperrt in dunklen Gitterkäfigen.“, die auf dem Schild abgedruckten Vorwürfe leugnet Helmut Lamp, der Vorsitzende des Bundesverbands Bioenergie, keineswegs.

Er hält es jedoch für äußerst unangemessen, dass der Zoo explizit auf den Biodieselkraftstoff verweist, während unzählige andere, im Alltag verwendete, Produkte, die ebenfalls Palmöl enthalten, welches nur im geringsten Fall auf seine Nachhaltigkeit geprüft wird, völlig außen vor gelassen werden. „Pommes und Shampoo schaffen Vollwaisen“ hält Lamb für eine treffendere Überschrift, da nur etwa 5% des erwirtschafteten Palmöls tatsächlich zur Energieerzeugung verwendet werden. 

Nachdem der Zoo Frankfurt ein Gespräch vor Ort mit Lamp, sowie mit mehreren anderen Vertretern des BBE und dem energiepolitischen Sprecher der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, Hans-Josef Fell, nach langen Absprachen kurzfristig abgesagt hat, wandte sich Lamp mit einem offenen Brief an Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann.

Darin ist u. a. zu lesen: „Sehr geehrter Herr Feldmann, mit der Aussage "Biodiesel produziert Vollwaisen" wird unterstellt, dass Regenwälder der Biotreibstoffproduktion wegen vernichtet werden. Damit werden die realen Verhältnisse auf den Kopf gestellt. Abgesehen davon, dass Biodiesel zu über 50% aus Raps des EU-Binnenmarktes erzeugt wird, sind alle in der EU verwendeten Biotreibstoffe weltweit die einzigen Agrarprodukte, die in einem aufwendigen, sehr bürokratischen, kontrollierten Verfahren nachweisen müssen, dass sie nicht von Agrarflächen stammen, die nach 2008 noch ungenutzte oder extensiv genutzte, ökologisch wertvolle Flächen waren. Man kann eine Optimierung der geltenden, noch jungen Nachhaltigkeitsverordnung vielleicht anregen - aber nicht sie einfach nicht zur Kenntnis nehmen!“

Des Weiteren kritisiert Lamb, dass bei aller Verunglimpfung des Biodieselkraftstoffs die fossilen Kraftstoffe gänzlich unerwähnt bleiben. Diese werden, Lambs Aussagen nach, oft völlig unkontrolliert abgebaut und verursachen bedeutend größere Umweltschäden als die indonesischen Palmölplantagen.
Er verweist dabei auch auf die Regenwälder Afrikas, dort bemühen sich u. a. im Virunga-Nationalpark (Demokratische Republik Kongo) mehrere Ölkonzerne seit Jahren darum, auf dem Territorium des UNESCO-Weltnaturerbe-Gebiets, das für Gorillas, Okapis und zahlreiche andere bedrohte Regenwaldbewohner ein enorm wichtiges Refugium darstellt, großflächige Ölbohrungen durchzuführen (siehe auch: Virunga - Ölkatastrophe im Gorillareich?) – Helmut Lamb und der Grünen-Politiker Hans-Josef Fell sind fest davon überzeugt, dass der Zoo seine Besucher eher über derartige Umweltproblematiken informieren sollte, anstatt gegen „nachhaltige“ Palmölerzeugung zu wettern …

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hält Lambs Argumentation für wenig überzeugend und weißt auf eine aktuelle Untersuchung der Bio-Kraftstoffe hin, bei der sich deutlich zeigte, dass sich der Anteil an Palmöl im Biosprit seit dem Jahre 2011 verdreifacht hat, während der Anteil am lokal produzierten Rapsöl merklich zurückgegangen ist.

Lambs Ausführungen über nachhaltig erwirtschaftetes Palmöl hält Greenpeace, ebenso wie viele andere Umweltschutzorganisationen, für naiv und realitätsfern, da eine genaue Kontrolle über die Herkunft des Palmöls meist nicht erfolgt.
Laut Greenpeace und Rettet den Regenwald e. V. werden stattdessen Hunderttausende Hektar ehemaliger Regenwaldfläche von der EU fälschlicherweise als „nachhaltig“ zertifiziert. Unabhängige Untersuchungen von insgesamt 168 Wissenschaftlern haben zudem ergeben, dass Bio-Kraftstoff keineswegs klimaneutral ist, denn um am enorm lukrativen Palmölgeschäft teilzuhaben, vernichten die Agrarunternehmen in den Waldgebieten Südostasiens stetig neue Flächen durch extrem klimaschädliche Brandrodungen.

Die Welternährungsorganisation (WFP), die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und mehrere andere bedeutende Institutionen haben die G20-Staaten bereits dazu aufgefordert, jegliche Förderung und gesetzliche Verankerung von Biosprit zu unterbinden, da durch den zunehmenden Palmölanbau (zur Verwendung in Lebensmitteln, Kosmetik, Biosprit etc.) nicht nur Naturraum vernichtet wird, sondern auch Anbauflächen für Lebensmittel. Dadurch droht sich, laut der Naturschutzorganisation Rettet den Regenwald e. V., die Hungerproblematik in den stark verarmten Regionen Südostasiens zusätzlich zu verschärfen.

Die Vertrauenswürdigkeit von nachhaltigem Palmöl scheint somit weiterhin zweifelhaft und auch der Zoo Frankfurt traut der Darstellung von Helmut Lamb keineswegs. „Das Schild bleibt, die Aussage stimmt. Um Agro-Sprit zu produzieren, werden Wälder gerodet, allzu oft sind Orang-Utans die Leidtragenden“, sagt Zoodirektor Prof. Dr. Manfred Niekisch.

Befürwortet wird von Niekisch ausschließlich die Gewinnung von Treibstoffen aus Pflanzenteilen, die als Abfallprodukt anfallen. Von der Plantagenwirtschaft in Indonesien hält er gar nichts: „[Für die Energieerzeugung] extra Monokulturen anzubauen, ist nicht sinnvoll. Die Flächen brauchen wir für die Lebensmittelproduktion und für die Biodiversität“.

Der Zoo bleibt also in seiner Position unerschüttert, während Helmut Lamb gespannt auf eine Antwort des Oberbürgermeisters wartet, der sich derzeit im Sommerurlaub befindet …der Konflikt um das umstrittene Infoschild ist somit keineswegs gelöst, ebenso wenig wie der Konflikt um die Sinnhaftigkeit des umstrittenen Biosprits …

Text & Titelbild: Maxim Podobed
Sonstige Bilder: © Achmad Rabin Taim, © Michaël Catanzariti

Zum letzten Zoo-Report, indem es um die bemerkenswerte Geburt einer seltenen Goldkatze geht, gelangt ihr hier!
 

Weiterempfehlen

Kommentare (5)
Um einen Kommentar zu schreiben einfach registrieren oder einloggen.
Sortieren nach Aktualität:
12.08.2013
gelöschter User hat geschrieben:
Ich würde mir schon wünschen, dass vorallem auch die Lebensmittel und Kosmetikprodukte in den Vordergrund gerückt werden.
Die meisten wissen bereits, dass Palmöl in Biodiesel enthalten ist. Aber wer weiß das von seinen Lebensmitteln. Lasst den Biodiesel auf dem Schild. Schreibt die Pommes und Cremes aber dazu!

Ich findes es gut, dass der Zoo ist so klar positioniert und seiner Meinung treu bleibt. Das sieht man mittlerweile viel zu selten.
10.08.2013
Monamona hat geschrieben:
@Carina: Ja, genau das dachte ich auch. Aber insgesamt finde ich das Thema schwierig. Meiner Meinung nach sollten auf jeden Fall auch andere Dinge, die den Regenwald und das Klima schädigen, genannt werden, nur Biosprit finde ich ein bisschen unfair. Außerdem bessert es nicht unbedingt das Image von Bio generell, wenn nur das auf dem Schild steht...
Aber wie gesagt, dass Thema ist voll schwierig.
10.08.2013
Carinaa hat geschrieben:
Interessanter Bericht
10.08.2013
Carina hat geschrieben:
"die auf dem Schild abgedruckten Vorwürfe leugnet Helmut Lamp, der Vorsitzende des Bundesverbands Bioenergie, keineswegs"

schon krass, oder? ich finde das kommt rüber wie: ja, klar holzen wir den regenwald ab, um palmöl herzustellen, ist doch logisch. an dem schild stört mich nur, dass da nicht steht, dass für pommes etc. auch regenwald abgeholzt wird.

mannomann
09.08.2013
LSternus hat geschrieben:
Ich denke, dass der Einfluss von fossilen Brennstoffen und die anderen Verwendungszwecke von Palmöl hätten auf jeden Fall erwähnt werden müssen, letztere gerade weil sie den größten Teil dar stellen.
Genauso dürfen auch die anderen Begleiterscheiungen von Biosprit genannt werden, wie die Verwendung von Ackerflächen in Europa (ob das auf genau DIESE Infotafel gehört ist, meiner Meinung nach, ein anderes Streitthema).

Eine Sache über die ich nur mutmaßen kann ist dass die Überschrift"Biodiesel produziert Vollwaisen" vielleicht mehr Aufmerksamkeit bei den Zoobesuchern hervorrufen sollte. Ich weiß es nicht, ich kann es mir höchstens vorstellen.
Login
E-Mail


Passwort


Kostenlos registrieren
Mitglied werden
Könnte dir auch gefallen
Siegel zertifizierte Naturkosmetik - Eine Garantie für Glaubwürdigkeit? (1)
Siegel zertifizierte Naturk...
Das Thema kennen hier alle. Die ewig währende Diskussion über die Glaubwürd... weiter lesen
Baumfreundlich ins neue Schuljahr starten (und andere Tipps rund ums Papier)
Baumfreundlich ins neue Sch...
Die Schüler in Bremen, Niedersachsen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen müsse... weiter lesen
Fairtrade-Schools Fachtagung in Münster
Fairtrade-Schools Fachtagun...
Leben verändern durch Wandel im Handel In Münster fand am 21.4.2016 eine Facht... weiter lesen
Wasser - Hahn oder Flasche?
Wasser - Hahn oder Flasche?
Wasser, Wasser, Wasser Wasser ist das wohl wichigste Grundnahrungsmittel des Menschen. Erst... weiter lesen
Aktionstag Blauer Engel
Aktionstag Blauer Engel
Letzte Woche wurde ich eingeladen, Teil vom „ Aktionstag Blauer Engel“ zu sein, Einb... weiter lesen
Deine Ansprechpartner
Marcel
Marcel Gluschak
WWF Jugend Community Manager
zum Profil
Luise
Luise Neßler
WWF Jugend Community Moderatorin
zum Profil
MarcelB
Marcel Brüssow
WWF Jugend Redaktion
zum Profil
Ronja96
Ronja Post
WWF Jugend Aktionsteamer
zum Profil
HannahFee
Hannah Fesseler
hilft dir bei technischen Fragen
zum Profil
AndreaRentschler
Andrea Rentschler
hilft dir bei Fragen zur WWF Jugend Mitgliedschaft
zum Profil
NicoleB
Nicole Barth
hilft dir bei Fragen rund um die WWF Jugend Camps
zum Profil