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Vom Richtig-und-doch-alles-falsch-machen


von Cookie
23.07.2015
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100 P
Tags: Alltag

Ich bin bei Facebook in der Gruppe Plastikfrei leben Tipps und Tricks und finde dort auch wirklich oft nützliche Tipps und spannende Artikel. Dennoch ärgert mich etwas an der Gruppe: Immer gleiche Diskussionen, die ständig wieder aufkommen. Ein Beispiel hat mich besonders beschäftigt. Eine Frau berichtete überglücklich, dass sie es nach Monaten endlich geschafft hat, die Metzgereiverkäuferin dazu zu bringen, ihr die Wurst in die mitgebrachte Edelstahldose zu packen und was passiert? Die arme Frau wird auf teilweise recht gemeine Weise beschimpft, was ihr denn einfällt, überhaupt Wurst zu kaufen. "die Umwelt und die eigene Gesundheit schönen, aber scheiss auf die unschudligen Tiere (die logischerweise auch Teil deiner Umwelt sind) die versklavt wurden und qualvoll sterben mussten, damit du ein paar Sekunden Gaumenfreude geniessen konntest. Pfui", heißt es zum Beispiel. Sofort mischen sich weitere User in die Diskussion ein, weil sie sich ebenfalls angegriffen fühlen, es kommt zu einer der uns allen vermutlich wohlbekannten Vegetarier-Fleischesser-Diskussionen und der eigentliche Post ist längst vergessen. Nur wenige freuen sich mit der Frau darüber, dass sie es geschafft hat, das Personal hinter der Theke zu überzeugen. Dabei sagt doch schon der Gruppenname, dass es hier um Plastik-, nicht um Fleischverzicht geht. Natürlich, beides hängt mit Umweltschutz zusammen, wie einige in der Diskussion argumentieren, aber muss man die Frau denn deshalb gleich mit Vorwürfen überschütten? Ich glaube nicht, dass sie so zur Vegetarierin wird. Ich finde es bewundernswert, dass sie monatelang ihre Dose mit zum Metzger gebracht und es immer wieder versucht hat. Vielleicht ist es ihr so auch gelungen, die Metzgerei auf das Plastik-Problem aufmerksam zu machen und sie zum Nachdenken über ihre Verpackungen anzuregen. Deshalb finde ich, sollte man sich zunächst mit ihr freuen und sie für ihre Beharrlichkeit loben. Dann kann man immer noch auf das Thema Fleischkonsum eingehen und sie freundlichen darauf hinweisen, wie sich dieser auf die Umwelt auswirkt. Meiner Meinung nach bringt man so viel eher jemanden dazu, den nächsten Schritt zu gehen als mit Kommentaren in die Richtung: "Du isst Fleisch, du bist ein schlechter Mensch!" Wer solche Kommentare zu seinen Bemühungen erhält, macht vielleicht eher einen Schritt zurück und gibt diese auch auf.

(c) www.pixabay.com RyanMcGuire

Solche und ähnliche Diskussionen tauchen in der Gruppe fast täglich auf. Jemand fragt nach Erfahrungen, was das Befüllen lassen von eigenen Kaffeebechern angeht, jemand berichtet, dass es bei Starbucks problemlos funktioniert und man dort sogar Rabatt bekommt, wenn man einen eigenen Becher mitbringt und schon muss sich die Person anhören, was ihr denn einfällt, bei Starbucks und anderen Ketten zu kaufen. Einer macht sich direkt über die gesamte Gruppe her: "ich werde immer wieder dazu auffordern multinationale FastfoodKonzerne (McDonalds und co), Coffeeshops (Starbucks und co) Warenversender(Amazon und co) zu meiden und auch offensiv dafür einzutreten. und "googlen" muss man auch nicht mehr. versucht mal ixquick oder startpage als Suchmachine. es reicht nicht ne Plastikflasche gegen ne Glasflasche auszutauschen, es ist leider komplexer. vieles hier kommt mir wie Augenwischerei vor. wie: he schau, ich bin umweltbewusst (und unbedingt mindestens vegetarier). scheiss auf Glasflaschen wenn ihr sie beiAmazon bestellt! sucht euch nen örtlichen Händler für das was ihr braucht, oder recycled was. manche hier machen mich zwischendurch echt wütend. solange ihr euch wie "brave Konsumenten" verhaltet und kauft und kauft und kauft seid ihr einfach nur Heuchler. sorry, bin euch prinzipiell freund" Da wären wir auch gleich beim Thema Amazon. Viele rechtfertigen sich schon im Voraus, wenn sie einen Amazon-Link posten, um jemandem ein Produkt lediglich zu zeigen, weil er nach einer Plastikalternative gefragt hat, weil sie wissen, dass dann sofort wieder die Amazon-Diskussion losgeht. Generell kommt unter vielen Posts zum Thema Online-Versand direkt mindestens ein Kommentar, dass online zu bestellen alles andere als umweltfreundlich ist, egal wo.

(c) ww.pixabay.com niekverlaan

Das mag ja alles nicht falsch sein, aber warum die Leute immer gleich angreifen, die doch eigentlich nur versuchen, etwas für die Umwelt zu tun? Nicht jeder hat die gleichen Möglichkeiten, an gewisse umweltschonende oder plastikfreie Produkte ranzukommen, davon kann ich, die ich im 300-Einwohner-Dorf Winkel mitten im Nichts aufgewachsen bin, ein Lied singen. Vielleicht ist ein Online-Versand da manchmal einfach die beste Alternative, auch wenn es sicher nicht die optimale Lösung ist. Oder wenn man einfach nicht das Geld für besonders hochwertige Glas- oder Edelstahlartikel hat, ist es dann nicht trotzdem besser, diese beim Discounter oder ähnlichen billigen Alternativen zu kaufen, als weiter bei Plastik zu bleiben, auch, wenn man die Läden vielleicht besser nicht unterstützen sollte? Ich finde es manchmal einfach furchtbar, wie Leute auf andere eindreschen, ohne deren Lebenssituation zu kennen. Warum verbringen diese Menschen so viel Zeit damit, auf anderen herumzuhacken, die sich doch eigentlich um ein umweltbewusstes Leben bemühen? Würden wir nicht mehr erreichen, wenn wir diese Zeit damit verbringen würden, den Ratsuchenden in der Gruppe hilfreiche Tipps zu geben, statt die Lösungsvorschläge der anderen zu kritisieren? Darf man sich nicht umweltbewusst nennen, weil man nicht sofort in allen Lebensbereichen von Null auf Hundert alles umkrempelt, sondern es schrittweise angeht?

(c) www.pixabay.com ashishacoway

Manchmal habe ich das Gefühl, je mehr man sich anstrengt, alles richtig zu machen, umso mehr macht man doch wieder falsch. So stehe ich zum Beispiel in der Obst- und Gemüseabteilung des Supermarktes. Ja ich weiß, ich könnte auch zum Bio-Laden gehen, aber der ist eine halbe Stunde zu Fuß entfernt und die Zeit habe ich einfach nicht immer, ganz zu schweigen von dem Geld, um dort meinen kompletten Einkauf zu tätigen. Ich sehe mich um und sofort wird klar: Die Traumvorstellung, hier regional, saisonal, bio und plastikfrei einzukaufen, kann ich direkt vergessen. Bis auf die Erdbeeren kommt eigentlich gar nichts aus Deutschland und die stecken in einer Plastikschale und tragen kein Bio-Siegel. Regional kann ich also schon mal vergessen, saisonal lässt sich immerhin machen. Nun stehe ich zwischen den Kisten mit losem konventionellem Gemüse und in Plastik verschweißter Bio-Ware und kann mich nicht entscheiden, was ich vorziehen soll. Meist fällt meine Wahl dann schweren Herzens auf die herkömmlichen Produkte, da ich von diesen außerdem nur so viel kaufen kann, wie ich auch brauche. Was bringt mir zum Beispiel eine große Packung Bio-Tomaten, wenn ich nicht nur die Plastikverpackung, sondern auch die Hälfte der Tomaten wieder wegwerfen muss, weil ich sie nicht rechtzeitig aufbrauchen kann? Dies ist nur eine der vielen kleinen Zwickmühlen, denen ich mich im Alltag immer wieder stellen muss.

(c) www.pixabay.com ErikaWittlieb

Außerdem, je mehr man über etwas nachdenkt, was im ersten Moment wie eine tolle ökologische Alternative aussieht, umso mehr "abers" tauchen auf und am Ende weiß man gar nicht mehr, was jetzt eigentlich die beste Lösung ist. Das beschreibt auch Leo Hickman in seinem Buch "Fast nackt – Mein abenteuerlicher Versuch ethisch korrekt zu leben" sehr gut. Da ist es manchmal schwer, nicht zu verzweifeln und den Kopf in den Sand zu stecken. Ich finde, manchmal muss man sich einfach wieder ins Gedächtnis rufen, dass wir alle nicht perfekt sind und auch nicht alle die gleichen Voraussetzungen haben. Manchmal wünsche ich mir einfach ein bisschen mehr Verständnis und Anerkennung dafür, wenn jemand nach seinen Möglichkeiten Schritt für Schritt versucht, unserer Umwelt zu helfen, statt sofort mit dem Finger zu zeigen und zu brüllen: "Aber du hast dies und das nicht gemacht!" Sicher, um den Klimawandel aufzuhalten, sind große, sogar riesige Schritte nötig, aber das macht die vielen kleinen Schritte, die wir alle gehen können, für mich nicht weniger wichtig.

(c) www.pixabay.com geralt 

Titelbild: www.pixabay.com geralt

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Kommentare (6)
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02.08.2015
BlueLikeTheSky hat geschrieben:
Ich finde auch, dass kleine Schritte besser als keine Schritte sind und viele kleine zu großen Schritten werden. Ich würde es auch lieber so machen, wie du beschrieben hast, immer alles plastikfrei, bio, regional, saisonal, etc. kaufen. Leider fehlen einem meistens echt die Möglichkeiten und ich finde es sehr schön, dass du darauf hinweist und auch darauf, dass man deshalb andere Menschen mit "kleinen Schritten" nicht schlecht machen sollte!
Das Buch, das du erwähnt hast, habe ich gerade von meiner Cousine ausgeliehen - muss ich noch lesen :D :)
24.07.2015
midori hat geschrieben:
Es ist egal, in welcher dieser Facebookgruppen man sich aufhält. Es ist überall das gleiche. Wenn man einer Veganer-Gruppe etwas über Attila Hildmann, Oreos oder Alpro schreibt, wird man direkt 'gehatet'. Deswegen entschuldigen sich die Poster auch da schon direkt vorher...

Es gibt eben immer jemanden, der meint, er macht es noch besser, vergisst dabei aber, dass er auch mal klein angefangen hat. Klar kann man noch weitere Möglichkeiten aufzeigen, aber der Ton macht eben die Musik. Mich nervt das auch sehr.

Ich habe jetzt bspw. im Urlaub nicht ausschließlich vegan gegessen, sondern auch vegetarisch. Einfach weil es in dem Moment für mich weniger Stress bedeutet, wenn ich mich in der fremden Stadt nicht auskenne oder es beim Wandern im Kiosk eben nur Milcheis gibt. Trotzdem sehe ich mich als ethisch überzeugten Veganer. Aber irgendwo muss man eben mal einen Kreis ziehen! ;o) Das Leben soll schließlich auch noch Spaß machen und nicht zum Kreuzzug werden.
24.07.2015
lolfs hat geschrieben:
Ich bin auch der Meinung, dass die vielen kleine Schritte genauso wichtig sind wie die großen.

Aber der Typ, der große Versandhäuser, Coffeeshops und Fastfood-Konzerne meidet und dafür offensiv eintritt, ist sicherlich als Heiliger geboren. - Daher kann ich seine Meinung schon verstehen. Und wenn er doch als Sterblicher geboren wurde, kam der Entschluss sicherlich von Heut' auf Morgen im ersten Lebensjahr, dass er sofort auf Plastik, Fleisch, Online-Kauf und was auch immer noch verzichtet.

Aber nun mal ehrlich, man fängt nun mal klein an und das hat ja auch seinen Grund. Erreichbare Ziele motivieren mehr, der entsprechende Zielerfolg motiviert weiter zu machen und die nächsten (vielleicht größeren) Schritte in Angriff zu machen. Unser Gehirn ist nun einfach mal simple gestrickt in der Beziehung: Positive Erlebnisse motivieren, negative Erlebnisse demotivieren. Mit Motivation hängt man sich mehr in eine Sache. Und wenn man dann gleich so runter gemacht wird, ist das einfach so demotivierend, dass ich mit seeeehr hoher Wahrscheinlichkeit gleich die Gruppe verlassen würde, bzw. gleich alles wieder sein lassen würde. - Von daher finde ich solche Diskussionen total fehl am Platz. - Zumal die genannte Gruppe nicht die "Leben-ohne-Fleisch-Gruppe" ist.

Ein anderer Aspekt wurde ja auch genannt, einfach die vorliegenden Verhältnisse. Nicht jeder hat ein eigenes Land/Acker, wo man sein eigenes regionales, saisonales Essen anpflanzen kann. Und ein Bio-Markt gibt es auch nicht überall, und wenn doch, wer sagt, dass jeder so viel Geld hat um dort alles kaufen zu können. - Bio ist nun mal um einiges teurer.

Was ich mich jetzt noch frage, was macht der Typ, der "offensiv eintritt" noch, außer andere runter zu machen? - Und ist er eigentlich Gemüse und Obst? - Wenn ja, was fällt ihn ein. - Das sind doch auch Lebewesen und gehören somit in die lebende Umwelt. Er sollte lieber von Wasser und Steinen leben. - Und, dass das Verb "googln" auch genutzt werden kann um Suchanfragen mit anderen Suchmaschinen auszudrücken, ist wohl von mir ganz weit weggeholt. - Und inwieweit soll ixquick oder startpage besser sein. Bei startpage steht sogar: "... leiten diese [Suchanfragen] anonym an Google weiter." - Sprich, es wird auch da mit Google gegooglt. Der Unterschied: Die Daten werden anonymisiert. - Aber das ist doch schon wieder ein anderes Thema ......
23.07.2015
Johannisbeere1502 hat geschrieben:
In solchen Situationen befinde ich mich auch immer öfter. Da versucht man über lange Zeit seine CO2 Bilanz möglichst gering zu halten und steigt dann einmal ins Flugzeug und schwupps- ist die Bilanz zerstört. Mein Gewissen ist in dieser Hinsicht ziemlich sensibel geworden und ich fühle mich schlecht wenn ich aus Versehen mein Eis in einem Plastikbecher bekomme oder Lebensmittel wegschmeißen muss. Ich denke mir dann, nächstes Mal achtest du noch mehr drauf, aber ich muss schließlich feststellen, dass es so sehr man sich auch bemüht, nie perfekt klappt, umweltverträglich zu leben. Das heißt dann natürlich nicht, dass es sowieso nichts bringt, wenn man nur kleine Dinge tut. Aber ab und zu ist es schon deprimierend. Wir versuchen, unseren Fußabdruck möglichst klein zu halten, aber jeder hinterlässt doch eine Spur.
23.07.2015
Marcel hat geschrieben:
Starkes Thema! Bin gespannt, wie das die anderen hier sehen. Vielen Dank für Deinen tollen Bericht, Anne!
23.07.2015
anni95 hat geschrieben:
Ein sehr nachdenklich stimmender, aber meiner Meinung nach richtiger Beitrag. Mir fällt das ständig auf, besonders während der Plastikfreien Woche im Januar. Egal, was man tut, nichts ist richtg. Aber ich sehe es genau wie du. Mit einer kleinen Veränderung fängt man an. Und wenn das nicht "belohnt" wird, sondern man nur Kritik erntet, wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass man dann noch einen Schritt wagt? Diese negative kritik bringt uns nicht weiter. Immer positiv bleiben, freundliche, kontruktive Kritik ist da besser angebracht.!
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