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Nährstoff Müll


von Carina
21.01.2012
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79 P

Wenn Eisverpackungen sich bei Raumtemperatur verflüchtigen, Textilabfälle über Erdbeerfelder gestreut werden oder auf Fabrikdächern Blumenwiesen wachsen, dann stecken sie dahinter: Michael Braungart und William McDonough. Ersterer ist ein deutscher Chemiker, letzterer ein US-amerikanischer Architekt und Designer. Gemeinsam verfolgen sie ein Ziel: Eine industrielle Revolution.

Es war die Schweizer Textilfabrik Rohner, die die beiden erstmals zusammenführte. Ein Gutachten hatte die Abfallprodukte der Firma als gefährlichen chemischen Müll klassifiziert. Daraufhin schaltete die Rohner Textil AG sowohl Braungart als auch McDonough ein und gemeinsam fanden die beiden eine Lösung für das Problem. Heute verwendet Rohner keine giftigen Farbstoffe mehr und aus den Textilabfällen wird Filz produziert, mit dem Landwirte im Winter ihre Erdbeerfelder abdecken. Der Filz löst sich vollständig auf und wird somit zu Nahrung für die Pflanzen. Andere Unternehmen haben daraufhin die Idee kompostierbare Textilien herzustellen bereits aufgegriffen.

Von nun an arbeiteten der Chemiker und der Architekt zusammen, um das unternehmerische Denken zu revolutionieren. Dabei ergänzten sie sich aufgrund ihrer unterschiedlichen Spezialisierung hervorragend. Mittlerweile haben sie sogar eine eigene Firma gegründet, die McDonough Braungart Design Chemistry. „Cradle to Cradle“ nennen sie ihr Konzept: „Von Wiege zu Wiege“. Ihr Wunsch ist es, dass Produkte nicht mühsam entsorgt, verbrannt oder aufbereitet werden müssen, sondern so konzipiert sind, dass sie sich in anderer Form weiterverwenden lassen. Materialien, die nicht kompostierbar sind, sollten ihrer Ansicht nach für die Herstellung von Produkten wiederverwertet werden.

William McDonough erklärt: „Das Problem ist, dass nach üblichem Verfahren „recycelte“ Produkte an Qualität verlieren. So wird wiederverwertetes Plastik zu einer Parkbank oder einem Blumentopf verarbeitet – und landet letztendlich doch auf einer Mülldeponie. (…) Anstatt das recycelte Plastik einfach nur für eine Parkbank wiederzuverwenden, ist es unser Bestreben, das Ausgangsprodukt zu verbessern. (…) Denken Sie nur an Schuhsohlen oder Verpackungen. Sie nutzen sich ab und gehen kaputt. Das macht sie aber nicht automatisch reif für die Müllentsorgung. Sie könnten auch als Nährstoff in einem biologischen Kreislauf dienen. Vorausgesetzt sie sind so konzipiert, dass sie organisch und ohne umweltschädliche Rückstände abgebaut werden können.“

Um dieses Ziel zu erreichen, arbeiten sie mit zahlreichen anderen Unternehmen zusammen. So haben sie in Detroit das direkt neben dem Roten Fluss beheimatete älteste und größte Industriezentrum der Welt saniert, das Ford Rouge Center. Ford investierte zwei Milliarden Dollar, damit Braungart und McDonough ihre Ideen umsetzen konnten. Heute gibt es dort Sumpfgebiete, es wurden Nistplätze für Vögel geschaffen, Dächer mit Blumenwiesen bieten eine Heimat für Bienen und ein Wasserfilter sorgt für einen Wasserkreisauf wie in der Natur.

Timothy O’Brien, der ehemalige Vizepräsident von Ford, gibt zu, dass er dem Ganzen zunächst skeptisch gegenüber stand: „Wenn man William und Michael erst kennen lernt, dann scheinen sie etwas eigenartig. Vor allem ein amerikanischer Geschäftsmann tut sich mit den beiden anfänglich ziemlich schwer. (…) Wir dachten diese Typen würden uns eher Probleme bereiten und konnten nicht nachvollziehen, warum sich die Geschäftsleitung auf dieses waghalsige Projekt einließ.“ Im Nachhinein aber freut er sich über das Ergebnis und sieht ein, dass sich der tiefe Griff in die Tasche gelohnt hat. Er sagt, dass ihn diese beiden Idealisten emotional berührt hätten. Außerdem lässt sich mit den von ihnen bewirkten Veränderungen nun Geld sparen: „Nehmen wir z.B. das begrünte Dach. Dort haben wir ein Vielfaches der Baukosten bereits wieder hereingeholt. Das Dach wird durch das Gras vor UV-bedingtem Zerfall beschützt und bleibt länger dicht. Es muss nicht aufwendig repariert werden. Und Heizkosten werden gespart, weil dieses Dach besser isoliert. Regenwasser, das früher in eine Kläranlage gepumpt wurde, wird jetzt vom Dach absorbiert und gefiltert bevor es in den Fluss zurück geleitet wird. So sparen wir zusätzlich viele Millionen Dollar, die wir vorher in die Reinigung gesteckt haben. Und das ist nur ein Beispiel!“

Zudem arbeiten die beiden mit Ford an der Entwicklung eines neuen Autos, das mit Wasserstoff angetrieben wird. Die Sitze werden mit Sojaschaum gefüllt und die Reifen sind aus Maisplastik. Das Auto wird aus biologisch abbaubaren Materialien hergestellt sowie aus technischem Materialien, die als Rohmaterialien wiederverwendet werden können.

Doch damit ist der Einfallsreichtum von McDonough und Braungart noch längst nicht erschöpft. Die beiden haben beispielsweise mit einem niederländischen Unternehmen zusammengearbeitet, für das sie eine Speiseeisverpackung entwarfen. Michael Braungart erklärt: „Die Verpackung des Speiseeises verflüssigt sich bei Raumtemperatur, der schützende Film für das Eis besteht nur in gefrorenem Zustand. Man nimmt also das Eis aus dem Gefrierfach – normalerweise würde man jetzt die Verpackung wegwerfen – aber in diesem Fall verflüssigt sie sich innerhalb von ein paar Stunden und löst sich somit auf. Es entsteht also kein Abfall. Diese Verpackung ist aber nicht nur biologisch abbaubar, wir verarbeiten auch Pflanzensamen darin. Somit generieren wir neues Leben aus der weggeworfenen Verpackung: Genauso wie die Vögel mit ihren Fäkalien Samen von Beeren verstreuen und neues Leben kreieren.“

Und William McDonough hat noch viel mehr solcher Ideen auf Lager: „Ich träume von Gebäuden, die wie Bäume strukturiert sind, die Sauerstoff abgeben und Kohlenstoff aufnehmen, Wasser destillieren und Luft reinigen.“

Diese Vision klingt vielleicht etwas abgedreht, doch bei allem, was die beiden bereits auf die Beine gestellt haben, scheint sie keineswegs unmöglich. Ihr Ziel haben sie auf jeden Fall genau vor Augen: „Unser Ziel ist es, eine vielfältige, gesündere und gerechtere Welt mit viel sauberer Luft, Erde, Wasser und Energie zu schaffen. Und all das sollte möglichst ökonomisch, gerecht, ökologisch und voll Eleganz gelebt und genossen werden“, sagt William McDonough. In dieser Welt sollen Abfälle dann nicht mehr unsere Müllberge immer weiter anwachsen lassen, sondern in Nährstoffe umgewandelt und in den Kreislauf zurückgeführt werden.

Quellen:
http://www.3sat.de/page/?source=/orf/uebermorgen/158666/index.html
http://www.mbdc.com/

Bild: Wikimedia Commons
 

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Kommentare (11)
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10.02.2012
Marielle hat geschrieben:
Danke für diesen Bericht. Die Ideen sind unglaublich kreativ und ich würde gerne mal so eine Eisverpackung haben.
27.01.2012
anni95 hat geschrieben:
Faszinierend. Auf solche Ideen muss man erstmal kommen. UND dann noch einen Weg finden, sie zu realisieren- genial. Hoffen wir mal, das geht so weiter und wird zum Altag.
26.01.2012
Autumn hat geschrieben:
Toll!!! Dass es technisch möglich ist, sich auflösende Ei*****ungen herzustellen, hat mich echt überrascht. Wieso erfährt man in den Medien nicht viel mehr über solche Innovationen?
24.01.2012
Joslinde hat geschrieben:
Super!! Zum glück gibts solche Menschen wie die zwei... =)
23.01.2012
Jutta hat geschrieben:
cooler Bericht. Gut, dass es Leute gibt, die tolle Ideen und das nötige know how haben..
22.01.2012
midori hat geschrieben:
Wow! Danke Carina! Immer wieder schön zu hören, dass es eben auch solche Menschen wie die beiden gibt! Das macht wirklich Mut! :o)
Einfach nur toll!
22.01.2012
Sarah25 hat geschrieben:
Wow! Das ist super interessant. Man kann nur hoffen, dass weitere Unternehmen auf solche Verpackungen setzen. Aber die Eisverpackung, die sich auflöst ist bestimmt teurer in der Produktion als normale Plastikverpackungen. Oder nicht? Das heißt die meisten Unternehmen würden nur an ihren Profit denken und wahrscheinlich weiterhin auf Plastik setzen...
Aber das Dach ist echt genial und auch das mit den Erdbeeren :)
Super Bericht!
22.01.2012
LaLoba hat geschrieben:
Ich mag auch ein Blumenwiesendach haben ;-)
Super Bericht und spannendes Thema! Die Ideen der zwei sind ja genial. Ich bin mal gespannt, ob sie es schaffen ihre Art von "Baumhaus" zu entwickeln. Das wäre ja mal ein toller Fortschritt!
22.01.2012
HannaS hat geschrieben:
Toll, danke für den super Bericht! Ich hatte schon vorher von dem Prinzip "cradle to cradle" gehört, aber diese Beispiele führen einem richtig vor Augen, was für ein Potenzial es gibt. Hoffentlich stecken die beiden noch viele Leute an!
22.01.2012
gelöschter User hat geschrieben:
Das ist ja mega toll! :)
Danke für den Bericht ;)
21.01.2012
Babbuina hat geschrieben:
Wo, ich bin beeindruckt. :-) Die Beiden sind wirklich Visionäre. Ihre Ideen und Erfolge sind wirklich toll. Danke für die Info. ^^
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