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living utopia - geldfrei.er leben


von Cosima
12.02.2015
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Lieber Tobi, wir haben bereits ein paar Interviews zusammen gemacht und vor einigen Monaten beschlossen, dass wir gerne mehr über das Projekt- und Aktionsnetzwerk living utopia berichten wollen.
Du führst ein geldfreies Leben und betonst dabei immer, dass es nicht ein „Leben ohne Geld“ heißt sondern geldfreies Leben, worin besteht der Unterschied für dich?


"Es gibt da sehr viele Gründe für von „geldfrei“ anstatt von „ohne Geld“ zu reden. Drei mir sehr wichtig erscheinende davon teile ich gerne:

a) In „geldfrei“ steckt der zum einen befreiende Akt, aber auch vor allem die freie Entscheidung drin. Ich bin nicht eines Morgens aufgewacht und hatte weder Geld auf dem Konto oder in dem Portemonnaie, sondern habe mich bewusst und frei dafür entschieden. Ich hatte immer viel zu viel Geld. Dieses verschenkte ich und lebe nun seit 2 Jahren geldfrei, wobei mir bewusst ist, dass das ein Privileg ist so leben zu dürfen. Diese Unabhängigkeit vom Geld ergibt aber spannende Möglichkeiten …
b) Geldfrei geht für mich auch ein wenig einher mit angstfrei, da ich eben keine Angst haben brauche, dass mir irgendwie die Geldbörse aus der Hosentasche genommen werden kann oder ich andere Besitztümer verliere. Wir kennen das alle: Wenn wir auf Bahnhöfen herum laufen, ertönt aus den Lautsprechern die Ansage „Achtung. Achtung. Passt auf euer Gepäck auf.“ Denn – so heißt es in den Zwischenzeilen – der*die Nächste wird es euch wegnehmen. Was ist das für eine Art und Weise in denen unseren Mitmenschen begegnen wird?
c) Vor allem sage ich „geldfrei“ und nicht „ohne Geld“, da mir klar ist, dass wir in einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung leben und es nur direkt möglich ist sich von der Interaktion von Geld frei zu machen, jedoch überall um uns herum in einem Wertschöpfungsprozess immer Geld indirekt eine Rolle spielt."


Was ist deine Philosophie dahinter?

Das alles nun genaustens auszufüren, bedarf sicherlich mehrerer Seiten, jedoch seien im Folgenden ein paar Impulse gegeben:
Geld hat eine Vergleichslogik inne und damit auch das Prinzip von Leistung und Gegenleistung, welches nicht zukunftsfähig ist. Wir wünschen uns den leistungsfreien Selbstwert eines jeden Menschen, damit diese*r sich frei entfalten und das eigene Talent entdecken kann, um dieses dann mit größter Freude und aus innerer Motivation in die Gemeinschaft zu schenken und zu teilen.
Mit dem Geld einhergend, teilt Besitz ein in Besitzende und Besitzlose, was zur Ausgrenzung führt. Wieso sollten Menschen, die aus welchen Gründen auch immer nicht genug an Kapital oder Materiellem besitzen, um ihre Grundbedürfnisse zu decken, beispielsweise nicht ausreichend essen dürfen? Das ergibt doch keinen Sinn. Und wie kommen wir überhaupt darauf, dass irgendwer etwas besitzt? Mit Rousseau gesprochen: “Die Erde gehört niemandem, aber die Früchte uns allen.”
Es wäre noch so viel zu schreiben: Die Frage nach „Haben oder Sein?“, die bereits Fromm `76 aufwarf, eröffnet nur eines der vielen weiteren Spektren zum Begriff des „Besitzes“.

Diese geldfreie Art aktiv zu sein ist somit auch ein gesellschaftliches Experiment: Wie entfalten sich Menschen und wie wirken sie, wenn sie keiner Lohnarbeit nachgehen müssen? Davon unabhängig zu sein bedeutet sehr viel: Keine unnötig zeit- und energieverschwendende Bürokratie, sondern Vollzeitaktivismus. Keine zwanghafte Beschäftigung, sondern selbstbestimmtes und freies Wirken."

Man merkt, dass das für dich eine wahre Lebensphilosophie ist, die du mit Leidenschaft umsetzt. Ich könnte mir jedoch vorstellen, dass es manchmal schwierig ist, das du kommunizieren, wie haben zum Beispiel deine Eltern reagiert, als du ihnen gesagt hast, dass du jetzt geldfrei leben möchtest?
"Zunächst haben sie natürlich besorgt reagiert, jedoch werden sie mit der Zeit immer gelassener, da sie sehen, dass es funktioniert. Menschen haben scheinbar erstmal Angst vor neuen Wegen, die noch nicht erprobt sind. Wenn wir an konventionellen Lebensentwürfen festhalten, gibt das im ersten Moment so etwas wie Sicherheit. Diese vermeintliche Sicherheit zu bekommen, indem ich Selbstbestimmung und Freiheit aufgebe, ergab für mich kein Sinn und so machte ich mich auf den Weg."

Auch für alle Menschen, die dich bei diesem Prozess begleiten, ist es bestimmt sehr spannend und es ist schön zu hören, dass auch deine Eltern eine gewisse Gelassenheit mit der Zeit entwickelt haben. Doch nun ganz praktisch: Wie gestaltet sich ein geldfreier Tag?
Wie bekommst du zum Beispiel deine Lebensmittel oder etwa mal neue Kleidung?

"Wichtig ist, dass es eigentlich nicht darum geht, dass alle von heute auf morgen geldfrei werden, sondern es ein Prozess ist geldfreier und damit (Lohnarbeits-)unabhängiger zu werden, damit du dich als Person frei entfalten kannst, deine Berufung findest und diese dann mit größter Freude und aus innerster Motivation mit der Gemeinschaft einfach so teilst.
Aber kurz skizziert, ist die Frage damit zu beantworten, dass wir hier im unglaublichen Überfluss leben. Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft, in der viele Menschen von dem „Müll“ leben können.
Mir ist bewusst, dass dies momentan systemimmanente Nischen sind, die genutzt werden. Für uns ist es vor allem Mittel zum Zweck ist, um selbstbestimmt 10 Stunden am Tag für das Gemeinwohl zu wirken und utopietaugliche Alternativen zu entwickeln, aufzuzeigen und zu leben. Wir möchten ganz konkret werden lassen, dass wir durch neue Ansätze – beispielsweise der share- und gifteconomy – unser Miteinander nachhaltig gestalten können.
Geldfrei.er leben, bedeutet auch sehr nachhaltig zu leben, da Vorhandenes sinnvoll genutzt wird und damit keine Nachfrage für ein Angebot geschaffen wird, welches sowieso bereits in Hülle und Fülle existiert.
Nur kurz die Zahlen, um einen Eindruck des unglaublichen Überflusses in Deutschland zu bekommen:
• 50 % der Lebensmittel werden weggeworfen.
• Durchschnittlich konsumiert jede*r Bürger*in 40 – 70 Kleidungsstücke. Das sind 12 kg Stoff.
• Es gibt viel ungenutzten Wohnraum – allein 1,7 Millionen Wohnungen stehen leer.
• Wenn sich eines der 52 Millionen Autos bewegt – im Schnitt nur eine Stunde am Tag – sitzen gerade mal 1,3 Personen drin.

 


Die kreativen Projekte oder Möglichkeiten, die versuchen diese vorhandenen Ressourcen zu teilen, werden bekannter und immer mehr. Auch hier möchte ich nur kurz ein paar dieser Initiativen nennen, um einen Überblick über die große Fülle an Potential zu geben.
 



foodsharing: Lebensmittel teilen, anstatt sie wegzuwerfen
• Kleiderschenkpartys, Umsonstläden oder online Gruppen wie „free your stuff“
• gib&nimm Häuser: wenn du leerstehende Räume hast oder deine Räume mit anderen Menschen teilen möchtest
carsharing/trampen: die gemeinschaftliche Nutzung von Autos
Aus jedem Bereich der Grundbedürfnisse wurde nur kurz eine Alternative vorgestellt, jedoch gibt es noch viele mehr."

Das sind tolle Bewegungen und Initiativen, die sich immer mehr Bekanntheit und Beliebtheit erfreuen können und die zeigen, wie sich unsere Gesellschaft langsam verändert.
Doch gibt es auch Dinge, die einfach nicht geldfrei gehen?

"Die Krankenversicherung ist momentan noch nicht geldfrei möglich. Aber ich bin gerade noch jung genug, um im Familienverbund mitversichert zu sein, sodass diese Frage sich für mich noch nicht stellt. Mittlerweile gibt es aber immer mehr Menschen, die ihre Talente frei zur Verfügung stellen und nicht Ärzt*in geworden sind, weil sie damit viel Geld verdienen möchten, sondern Menschen auf ihrem Weg der Gesundung begleiten möchten. Es geht darum Netzwerke aufzubauen und in soziales Miteinander zu treten, um die klassischen Rollen von Konsument*in und Verkäufer*in zu überwinden."



Wie oben schon erwähnt wollen wir auch immer über das Projekt- und Aktionsnetzwerk living utopia berichten. Dieses und alle die Mitmachräume, die geschaffen werden, sind nach euren vier Begleitmotiven vegan, ökologisch, solidarisch und eben auch geldfrei organsiert.
Wie gestaltet sich die Arbeit in eurem Netzwerk living utopia geldfrei?

"Bei living utopia bringen sich die (Vollzeit-)Aktivist*innen bedingungslos mit ihren Talenten ein, um den gesellschaftlichen Wandel zu gestalten, zum Perspektivwechsel einzuladen und neue Wege zu gehen. Wir dürfen experimentelle Räume des bedingungslosen Seins, des freien Entfaltens und des inspirierenden Austausches schaffen, in denen utopietaugliche Alternativen fernab von Geld, Markt und Staat lebendig und erfahrbar werden. Es ist eine großartige Freude unabhängig von Fördergeldgeber*innen wirken zu können, weil die Energie und Motivation, die bei der Planung eines Projektes wie beispielsweise dem Mitmachkongress utopival oder dem alternativen Winterzusammenkommen aufkommt ohne Warten auf Zusagen von Geldern sofort entstehen können. Das Meiste, was wir brauchen ergibt sich wieder aus dem Prinzip, dass wir Vorhandenes sinnvoll nutzen und den sehr kleinen notwendingen Rest bekommen wir dann einfach geschenkt von Pionier*innen des Wandels, die unsere Idee im Herzen tragen und sich mit ihren Dienstleistungen oder Produkten aktiv einbringen. So entsteht auch eine ganz andere Form der sozialen Interaktion, die eine viel intensivere Ebene des Miteinanders ermöglicht. "

Tobi ich bedanke mich sehr herzlich bei dir für das tolle Interview.
Für mehr Informationen zu living utopia schaut gerne auf ihrer Website oder ihrer Facebookseite vorbei.  Mehr zu Tobi findet ihr hier.
Zwei spannende Projekte von living utopia sind einmal das utopival (s. Artikel) und das alwizuko (alternatives Winterzusammenkommen)
Bisherige Artikel über living utopia:
Einleitung
Mitmachkongress utopival

Bilder by living utopia
 

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Kommentare (7)
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Sortieren nach Aktualität:
09.03.2015
Sunlight hat geschrieben:
Endlich habe ich es geschafft, Deine tollen Berichte zu lesen :) Total inspirierend auf jeden Fall!
Vor allem die die Tipps, wie z.B. Umsonstläden (die ich auch noch nicht kannte und es gibt sogar zwei in meiner Nähe ;)) begeistern mich, weil sie zeigen, dass sich eben auch im "ganz normalen Alltag" ein gesellschaftlicher Wandel leben lässt! Ich freu mich auf die nächste Folge! :)
24.02.2015
regentag hat geschrieben:
Wie kommt der Gute denn an Strom, Wärme, Wasser und Licht? Ich finde die Vorstellung, geldfrei zu leben, auch extrem schwer. Im Grunde ist doch fast nichts umsonst.
19.02.2015
Cosima hat geschrieben:
@Peacemeinfreund:
Du hast das schon schön erklärt, wie sich da ein Alltag gestaltet.
Und generell geht es sehr viel darum, einfach mit dem Leuten zu sprechen
und viele sind dankbar, wenn sie nicht mehr so viel wegschmeißen müssen.

Ich denke in den meisten Ländern geht couchsurfing etc., bzw auch da geht es wieder darum mit Leuten zu reden und man wird herzlicher aufgenommen als man das vielleicht erwartet.
Außerdem muss man ja auch bedenken, dass man nicht ständig auf Reisen ist.
Und oft schon Kontakte hat oder zu solidarische Gemeinschaften reist :)

@alle: Danke für eure tollen Kommentare :)
13.02.2015
Taki hat geschrieben:
Ich mache Bookcrossing. Finde ich Klasse das ich Bücher die ich gelesen habe einfach weiter reisen lassen kann. Bücher ohne Geld eine schöne Sache.
13.02.2015
peacemeinfreund hat geschrieben:
Danke für das tolle Interview. Mich interessiert das Thema gerade sehr und sauge dazu förmlich alles auf. Was mich interessieren würde wie er es schafft zu reisen, sprich in Ländern in denen man keine couchsurfing hat und wie bei couchsurfern an essen kommt oder laden sie einen immer ein.

@Schilffeder: Die Lebensmittel sind immer containert oder durch foodsharing organisiert. Er baut es so weit ich weiß mit auf und hat daher sehr gute Kontakte zu Bio Supermärkte. Kleidung wird so lange getragen bis sie kaputt geht und Besitz wird natürlich minimiert. Bei Neuanschaffungen hat ja Cosima gute Beispiele gegeben z.B. Umsonstläden oder free your stuff
12.02.2015
Ria2000 hat geschrieben:
Schöner Bericht und es klingt echt interessant, aber wie Schilffeder schon sagte, ich kanns mir auch nicht wirklich vorstellen, wie so etwas auf Dauer genau funktioniert! Aber interessant ist es auf alle Fälle! :D
12.02.2015
FranziL hat geschrieben:
Sehr schönes Interview, aber schade, dass nicht wirklich auf die Frage, wie sich ein geldfreier Tag so lebt und wie man an neue Lebensmittel und Kleidung kommt geantwortet wurde. Das hätte mich ziemlich interessiert, weil toll klingt das Projekt auf alle Fälle, aber ich kann mir so ein Leben einfach nicht vorstellen.
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