Von Gewinnstreben und Konkurrenz zu Gemeinwohlstreben und Kooperation
Dass wir nicht weiter wirtschaften können wie bisher ist keine neue Erkenntnis - unsere Erde hat Grenzen. Kapitalismuskritik ist längst salonfähig geworden. Interessant wird es, wenn man beginnt, über tatsächliche Alternativen nachzudenken, ohne sich im ausgeleierten Sozialismus-Kapitalismus-Konflikt zu verheddern. Viele Menschen tun das bereits, nur dass über sie bisher wenig berichtet wird.
Nach dem Artikel über Equilibrismus, einer Vision für ein völlig neues (ökologischeres) Wirtschaftssystem, möchte ich nun ein weiteres Konzept vorstellen: Die Gemeinwohl-Ökonomie.
Kurz gesagt möchte die Gemeinwohl-Ökonomie die Spielregeln der Wirtschaft so verändern, dass diejenigen belohnt werden, die verantwortungsbewusst handeln. Im Moment ist ja oft das Gegenteil der Fall.
Gewisse Eigenschaften lohnen sich im Kapitalismus eben mehr als andere. Egoismus zahlt sich mehr aus als Selbstlosigkeit, Gewinnstreben mehr als Bescheidenheit. Manager fühlen sich zuerst dem Gewinn der Aktionäre oder dem Wachstum der Firma verpflichtet als dem Gemeinwohl. Die Anreize sind also falsch gesetzt.

In unserem bisherigen Wirtschaftssystem kommt es vorrangig auf den Gewinn an, und der geht an wenige Aktionäre. Umwelt oder Soziales werden meist nebensächlich behandelt.
Eine 2010 entstandene Initiative aus Österreich möchte das ändern und hat begonnen, Ideen für einen sozialeren, ökologischeren und demokratischeren Ordnungsrahmen für die Wirtschaft zu sammeln. Dass die Zeit dafür reif ist, zeigt eine Umfrage der Bertelsmann-Stiftung vom Juli 2010: Danach wünschen sich 88 Prozent der Deutschen eine neue Wirtschaftsordnung.
Aber fangen wir vorne an: Was ist eigentlich Gemeinwohl? Etwas, das allen zu Gute kommt, das allen Menschen dient und nicht nur einem kleinen Kreis. Eine intakte Umwelt zum Beispiel, Kultur und Bildung, eine solidarische Gesellschaft, eben alles, was die allgemeine Zufriedenheit steigert. Wäre es nicht schön, wenn alle auf dieses Gemeinwohl hinarbeiten würden anstatt nur ihre eigenen Interessen im Blick zu haben?
Um das zu erreichen müsste man wirtschaftlichen Erfolg anders messen als bisher. Nicht in Gewinnbilanzen oder Aktienkursen. Als erfolgreich sollten Firmen gelten, die das Gemeinwohl im Blick haben, die sozial, ökologisch und transparent handeln.
Genauso sollte ein Staat nicht Wirtschaftswachstum oder Brutto-Inlands-Produkt als Maßstab für wirtschaftlichen Erfolg haben. Stattdessen sollte er hinarbeiten auf eine zufriedene Bevölkerung, einen hohen Bildungsstandard, ein gutes Gesundheitssystem, Chancengleichheit und so weiter... Wir scheinen fast vergessen zu haben, dass die Wirtschaft kein Selbstzweck ist, sondern all diesen Zielen dienen sollte.
Die Idee der Gemeinwohl-Ökonomen: Um Unternehmen vergleichbar zu machen, müsste jedes eine Gemeinwohl-Bilanz erstellen. Nach einem Kriterienkatalog, der unter anderem die Bereiche Soziale Gerechtigkeit, Ökologische Nachhaltigkeit und Menschenwürde beinhaltet, würden Punkte vergeben. Pluspunkte gäbe es zum Beispiel für Umweltschutz oder gute Arbeitsplatzqualität, Minuspunkte für Umweltbelastungen oder Arbeitsplatzabbau.
Die Unternehmen mit den besten Gemeinwohl-Bilanzen würden rechtliche Vorteile bekommen, zum Beispiel weniger Steuern, günstigere Kredite oder Vorrang bei öffentlichem Einkauf. Dadurch würden ethische, ökologische und regionale Produkte billiger und die verantwortungsvollen Unternehmer hätten die Nase vorn. Das Wirtschaftssystem würde endlich die Guten fördern.

Entschuldigt meine Krikkelschrift :) Die Gemeinwohl-Bilanz belohnt Unternehmer, die sozial und ökologisch wirtschaften. Geld ist nicht mehr Zweck der Firma, sondern nur Mittel - es kann investiert, anderen geliehen oder für die Gesellschaft eingesetzt werden.
Die Gemeinwohl-Ökonomie macht ebenfalls Vorschläge, wie die Schere zwischen Arm und Reich wieder mehr geschlossen werden könnte, wie Banken funktionieren sollten, wie Finanzmärkte abgeschafft und eine globale Währungskooperation eingerichtet werden könnte. Dies alles ausführlich zu erläutern, würde den Rahmen sprengen :)
Schön klingt aber zum Beispiel auch, dass die Erwerbsarbeitszeit auf rund 30 Stunden pro Woche reduziert würde und jedes zehnte Arbeitsjahr ein freies Jahr wäre. Damit bliebe Freiraum für andere wichtige Sachen (zum Beispiel Kindererziehung, Pflege von Angehörigen, Ehrenämter, Bildung, Kunst, Kultur oder einfach Erholung). Außerdem würde so die Arbeitslosigkeit gesenkt.
Interessant ist noch der Gedanke, dass Natur kein Privateigentum mehr sein könnte. Die Nutzung von Flächen wäre weiterhin möglich, aber an ökologische Auflagen geknüpft. Das soll Landgrabbing und Großgrundbesitz ein Ende machen. Außerdem wäre nicht mehr Wirtschaftswachstum das allgemeine Ziel, sondern stattdessen die Reduktion des ökologischen Fußabdrucks.
Klingt alles zu abgehoben oder zu schwer durchzusetzen? Stimmt einerseits. Andererseits brauchen wir dringend Alternativvorschläge, denn weiter wie bisher ist wohl die schlechteste aller Lösungen.
Um einen Anfang zu machen, werden 2012 rund 200 Unternehmen freiwillig eine Gemeinwohl-Bilanz erstellen! Ein kleiner Anfang, aber immerhin.
Ich finde, diese Initiative verdient Beachtung und Unterstützung, aber natürlich auch kritische Auseinandersetzung. Wer mehr wissen möchte oder einfach nur neugierig ist, welche Unternehmen mitmachen, kann sich unter www.gemeinwohl-oekonomie.org schlau machen.
Zum Schluss interessiert mich natürlich eure Meinung: Glaubt ihr, dass durch solche Gemeinwohl-Bilanzen etwas erreicht werden kann? Oder kennt ihr andere Vorschläge, wie man unser Wirtschaftsystem verbessern könnte?
Titelbild: Wikipedia Commons, Janusz Reclaw
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Aber, immerhin, es gibt ja schon engagierte Menschen und Unternehmen, die damit anfangen. Wahrscheinlich kann es nur so herum funktionieren.
Wenn Du das jetzt hier nochmal so ausführst, klingt es alles schon ein wenig verlockender! ;o) Wobei es wahrscheinlich trotzdem eine Idee bleiben wird. Versuch mal 81 Millionen Menschen davon zu überzeugen.. Schwierig schwierig.
Da ich das sehr komplexe Thema ja extrem zusammenfassen musste, ist sicher einiges untergegangen - vielleicht habt ihr deshalb das Gefühl, dass das alles sehr unrealistisch ist.
Zum Beispiel @ Midori: Geld würde ja weiterhin zum Beispiel an Mitarbeiter ausgezahlt usw. Durch einige Gesetzesänderungen würde seine Rolle aber auf das reduziert, was es eigentlich ist: Ein Mittel zum Tauschen, investieren usw, aber nicht der einzige Zweck des Unternehmens. es profitieren nicht mehr Aktionäre, die eigentlich gar nichts mit der Firma zu tun haben - stattdessen wird der Gewinn zum Beispiel mehr an die Mitarbeiter ausgeschüttet, dadurch steigt die Motivation.
@Eigen91: Klar muss die ältere Generation versorgt werden, gerade deshalb brauchen wir (meiner Meinung nach) weniger Erwerbsarbeitszeit und mehr Freiraum, um tatsächlich Angehörige pflegen zu können. Die Frage ist ja, welche Gesellschaft wir uns wünschen: Die wo alle voll arbeiten, um Altenheime für die Eltern und Kitas für die Kinder finanzieren zu können, oder wo alle mehr Zeit haben, um solche Aufgaben selbst übernehmen zu können...
@Anni09: Zum Thema kleine Unternehmen: Ein wesentlicher Gedanke der Gemeinwohl-Ökonomie ist ja, dass Konkurrenz sich nicht mehr lohnt, Kooperation aber gefördert und belohnt wird. Davon profitieren vor allem kleine Unternehmen. Das Prinzip "wachsen oder weichen" wird außer Kraft gesetzt.
auch wenn hier in den anderen kommentaren die durchführbarkeit immer wieder bemängelt wurde, sehe ich das genau andersrum. wir können es uns nicht leisten, in nächster zeit NICHT grundlegene änderungen in unserem wirtschaftssystem vorzunehmen, da wir mit all unserem gewinnstreben die natürlichen ressourcen zerstören.
von daher finde ich diesen ansatz zur änderung erstmal eine gute idee. die frage ist dabei nur, ob die bevölkerung bereit ist, ihr denken und handeln grundlegend zu verändern.
Sigmar Gabriel erwähnte mal etwas sinnvolles (ja, auch das kann er!). In seiner Zeit als Umweltminister gab es immer strengere Auflagen für Unternehmen, gerade die CO2-Bilanz sollte verbessert werden. Die Wirtschaft tobte ohne Ende, Arbeitsplätze waren anscheinend in Gefahr. Nachdem er sich trotzdem durchsetzte, passierte, wie so oft, einfach nichts. Keine Arbeitsplätze sind verschwunden, sondern im Gegenteil. Und die Unternehmen haben sich sogar in ihrer Bilanz verbessert - ökologisch sowie ökonomisch. Das Beispiel zeigt einfach sehr gut, wie Nachhaltigkeit ein elementarer Faktor in der Zukunft sein wird.
Danke an Hannah, für diese interessante Sichtweise. Ich finde solche Ideen wichtig und gut, denn sie geben einem die Chance an Fehlern zu arbeiten. Vielleicht ist dieses Modell, wie von meinen Vorgängern hier beschrieben, nicht ideal. Aber es ist ein Anfang. :)
Ich finde diese Theorie von Wirtschaft einfach himmlisch. Könnte das so ablaufen, wäre es echt toll. Aber wahrscheinlich wird es nicht dazu kommen - die Gründe wurden hier ja schon genannt,
.
Ich finde aber auch, dass es sehr wichtig ist, sich mit dem Thema Alternativen auseinanderzusetzen. Und gerade solche extremen Alternativen regen doch erst zum Nachdenken an!
Ich bin der Meinung man kann nicht einfach einen Plan aufstellen und erwarten, dass die Realität sich auch daran hält.
Weniger Arbeitszeiteiten halte ich sogar für noch utopischer. Gerade wenn man das Gesundheitssystem sogar noch weiter verbessert. Ich meine die Menschen der älteren Generationen werden immer zahlreicher und müssen schließlich versorgt werden. D.h. mehr arbeiten scheint da wohl realistischer, da die jungen Generationen ja auch immer weniger werden. Meiner Meinung nach müssen wir akteptieren, dass i-wo Schluss ist und wir den Mensch nicht unsterblich machen können. Gerade hier müsste man das doch wissen oder? Schließlich sollte in der Natur kein Mensch so alt werden.
Leider haben die Menschen die nachlassenden Ressourcen nicht unbedingt zu beachten. Da gibts in der Historie auch zahlreiche Beispiele. So ging die Bevölkerung auf den Osterinseln unter weil die JEDEN Baum gefällt haben, ich meine wenn da nur noch 10 Bäume stehen sollte einem der gesunde Menschenverstand eigentlich sagen, dass man sich ein wenig zurücknehmen sollte. Aber weit gefehlt lieber den eigenen Vorteil suchen, ist wohl doch cleverer und weitsichtiger ;)
In solchen Fragen ist es immer wichtig, dass man den Mensch als solchen sieht und ihn nicht überidealisiert, dann wird man immmer scheitern.
Wie sagte Churchill einmal:
"Die Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen, abgesehen von allen anderen die von Zeit zu Zeit immer mal wieder ausprobiert wurden"
Geht hier zwar nicht um die Demokratie, aber man kann auch fast alles andere dafür einsetzen. Ich hoffe ihr versteht was ich damit meine...
1. Eine gute Wirtschaftslage ist das Allerwichtigste. Wenn das nicht gegeben ist, schwinden Arbeitsplätze, die Arbeitsmoral und auch der Drang ökologisch oder sozial zu wirtschaften. Und was bringt die beste Bildung und die beste Ausbildung ohne Arbeitsplatz?
Unternehmen die du beschreibst, treffen auf Global Player zu, was ist aber mit Einzelunternehmen oder Kleinunternehmen die gerade einmal kostendeckend wirtschaften? Man kann eben nicht immer verhindern das Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren, so traurig das eben ist. Die größten Umweltverschmutzer sind wie gesagt die Global Player und nicht die kleinen Einzelkämpfer ;).
2. Eine globale Währungsunion kann aufgrund von unterschiedlich starken Staaten nicht funktionieren.
3. Bei dem Vorschlag einer 30 Stunden Woche und das jedes10. Jahr frei wäre musste ich wirklich grinsen:D. Menschen können nur nach Leistung bezahlt werden und wie willst du diese Menschen bei einer 30 Stunden Woche bezahlen? Und von welchem Geld soll man während des freien Jahres leben?
Das das ökologische und soziale Bewusstsein in der Wirtschaft noch viel weiter ausgebaut werden muss stimmt. Dort besteht auf jeden Fall noch Nachholbedarf.Jedoch darf man die Betriebe die diese Kriterien erfüllen nicht vergessen. =)
Danke für den Bericht war sehr interessant :)
Ein positiver Aspekt ist auf jeden Fall, dass die "umweltfreundlichen Produkte" billiger werden. Der Grund für meine Eltern beispielsweise, auf Bioprodukte zu verzichten,sind die höheren Preise. Ebenso ist es schön,dass es Dinge wie eine zufriedene Bevölkerung, einen hohen Bildungsstandard, ein gutes Gesundheitssystem und Chancengleichheit berücksichtigt.
Was mich stört ist, dass dieses System sicher nur schwer umzusetzten ist :O Das würde unser Leben irgendwie total auf den Kopf stellen.. midori trifft es mit "abgehoben" ganz gut
Nun meine Kritik/Fragen.
Dieser Ansatz verlangt, dass Unternehmen und auch Privatleute für das Gemeinwohl arbeiten sollten, statt egoistisch nur die eigene Position verbessern zu wollen. Dann bedarf es aber nicht nur einer anderen Wirtschaftsordnung, sondern auch einer anderen politischen Ideologie. Meiner Ansicht nach stecken wir sehr tief in den Werten des Liberalismus und der belohnt nunmal die Arbeit des Einzelnen für sich selbst und nicht für andere. Im Liberalismus steht das Individum über dem Gemeinwohl. Was wir in dem Fall bräuchten, wäre Utilitarismus.
Außerdem frage ich mich, was den Unternehmen dann ihre positive Bilanz bringt. Sie bekommen Vorteile; schön und gut. Aber wenn Geld nicht mehr Zweck, sondern nur noch Mittel der Firma ist, wie sollen die Mitarbeiter sich und ihre Familie dann in Zukunft ernähren? Von einer positiven Bilanz allein füllt sich der Kühlschrank nicht.
Zu guter letzt finde ich die Senkung der Erwerbsarbeitszeit auf 30 Stunden pro Woche total utopisch. Wir haben einen Fachkräftemangel und Demographie in Deutschland zu beklagen. Freilich will jeder so wenig wie möglich arbeiten müssen, aber wie versorgen wir dann die Alten und Kranken?
Das System klingt zwar ganz nett, aber irgendwie scheint es mir doch recht abgehoben zu sein. Wir sind eben nicht das Königreich Bhutan, in dem nicht das Bruttosozialprodukt, sondern das Bruttosozialglück errechnet wird...
Da finde ich eine Ökokratie mit einer Green Economy wesentlich erfolgversprechender.
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Hach.. ich liebe solche Themen. Danke Hannah! :D