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Von der Sinn- und Unsinnigkeit des Wassersparens


von IngoScheuermann
18.06.2012
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Die aufgehitzte Diskussion über das Wassersparen hat in letzter Zeit für viel Furore und vor allem Verwirrung gesorgt. In der Hoffnung, einen Teil dieser Diskussion mit zu beeinflussen und ein paar Dinge wieder in das richtige Licht zu rücken, möchte ich ein paar Takte über die Sinnhaftigkeit des Wassersparens verlieren. Dabei nehme ich insbesondere Bezug auf zwei Artikel, die in letzter Zeit viel Wind gemacht haben und in meinen Augen für kein ganzheitliches Bild sorgen. Ein Artikel erschien 2009 im FOCUS und einer 2012 bei der ZEIT

Ich möchte mich bei meiner Erörterung über die Sinnhaftigkeit des Wassersparens vor allem an ein paar wichtige Punkte halten, die beide Artikel aufgreifen um ihren Standpunkt zu verdeutlichen.

Die Problematiken

1.) Kanalisationen:
Das Kanalisationssystem in Deutschland ist das beliebteste Argument der Kritiker, die den „Wasserspar-Wahn“ verurteilen. Dabei geht es um einen simplen Fakt: Die Kanalisationssysteme in Deutschland sind auf einen steigenden pro-Kopf-Verbrauch und eine wachsende Bevölkerungszahl ausgelegt. Die Architekten der Gemeinden und Kommunen haben darauf geachtet beim Entwurf der Kanalisationssysteme nachhaltig zu arbeiten. Die Kanalisationen sollten auch noch in 20 Jahren den Ansprüchen der stark konsumierenden und schnell wachsenden deutschen Bevölkerung genügen.

Daraus folgte ein direktes technisches Problem: Die Durchflussgeschwindigkeit im Kanal war von Anfang an zu gering, um eine Selbstsäuberung zu garantieren. Das Fazit: Die Kanäle würden ohne Eingriffe der Kanalreinigung letztendlich verstopfen und ein Inkubator für gefährliche Keime werden. Die einfache Lösung: Die Kanäle werden regelmäßig mit sauberem Trinkwasser durchgespült. Dieses Problem sollte sich in Zukunft durch den stetig wachsenden Verbrauch von selber lösen.

Und genau hier offenbart sich der sogenannte Knackpunkt der Diskussion. Die Annahmen der Unternehmen und Experten, die für die Planung der Kanalisationen verantwortlich waren, wurden nicht erfüllt. Die deutsche Bevölkerung wuchs nicht mehr und zusätzlich nach der pro-Kopf-Verbrauch durch ein erhöhtes Umweltbewusstsein ab. Ein Super-GAU für die Versorgungsunternehmen. Die detailgenau geplante Investition in die Kanäle ging nicht auf. Das Durchspülen musste weiter betrieben werden. Der einzige Ausweg: Die Preiserhöhung.

Was ist hier passiert? Betrachten wir die Situation, wie sie ist. Durch die Fehlkalkulation der planenden Akteure haben sich die langfristigen Kosten der Wasserversorgungsunternehmen erhöht. In der ZEIT und auch im FOCUS wird vor allem eine Stimme laut: Der Verbraucher ist mit seinem übertriebenen Sinn für Umweltschutz Schuld an der Preiserhöhung.

Wie sieht es wirklich aus? In Wirklichkeit, wurden die Kanäle schon immer durchgespült. Das ist kein neues Phänomen. Die Preiserhöhung rührt von der langfristigen Planung und der monopolistischen Stellung, die die halb-staatlichen Versorger auf dem Markt innehaben. Die Behauptung wird umso lächerlicher, wenn man bedenkt, dass die Haushalte nur kanppe 15% des Wasserverbauchs in Deutschland ausmachen. Die Preisfluktuation auf den Verbraucher abzuwälzen ist nicht nur sachlich falsch, sondern fast hetzerisch und ein riesengroßer Schritt in die falsche Richtung. Eine Veröffentlichung einer solchen Meinung kann von vielen auch als klares Zeichen für die Hörigkeit der jeweiligen Medien gesehen werden.

2.) Warmwasser und Preise
Das zweite Argument, dass den Verbraucher dazu bringen soll, Trinkwasser einfach zu verschwenden ist die Preisargumentation. Nach oben genanntem Schema argumentieren die Versorger und ihre Sprachrohr-Medien in einem einfach zu verstehenden Konzept:

Je mehr Wasser Du sparst, umso teurer wird der Liter Wasser auch.

Die Argumentation geht sogar so weit, dass in der ZEIT vorgeschlagen wird, es könne am Wasser rein monetär gesehen so rein gar nichts gespart werden. Einsparung und Preiserhöhung heben einander quasi auf. Außerdem wird der Umwelt nicht damit geholfen, wenn eine „im Überfluss vorhandene“ Ressource gespart werden würde.

Ist das wirklich so? Lohnt sich Wassersparen nicht?


Liebe ZEIT. Ich möchte Sie kurz auf zwei unumstößliche Fakten hinweisen:


A) Trinkwasser ist keineswegs „im Überfluss vorhanden“. Die Deutschen müssen sich keine Sorgen um ihre Versorgung machen, das räume ich unaufgefordert ein. Der sparsame Umgang mit einer Ressource, die in anderen Ländern so knapp ist, dass dort jährlich tausende verdursten, ist allerdings kein kaltes, wirtschaftliches Kalkül. Hier geht es um mehr als harte Euros. Das Stichwort ist Solidarität. Ein Konzept, dass viel zu viele noch nicht verstanden haben.


B) 74% der Warmwasserkosten sind Energiekosten, die zur Erhitzung des Wassers benötigt werden. Selbst bei einer 1:1 Abbildung der Ersparnis auf den Preis, würde sich die Einsparung eine beliebigen %-Zahl von verbrauchtem Warmwasser noch rechnen.

Diese Sichtweise auf die Dinge in einem umfassenden Artikel, der einer Stellungsnahme gleich kommt einfach zu unterschlagen, ist fahrlässig und in meinen Augen genau das, was dem Leser hier ohne Umschweife unterstellt wird: Kaltes Kalkül.

Wer ist nun Schuld?


Schuld ist hier nur eine sekundäre Frage. Dem umweltbewussten und solidarischen Verbraucher die Schuld für eine Preiserhöhung in die Schuhe zu schieben ist für die Versorger natürlich die bequemste Lösung. In Wirklichkeit ist das Problem allerdings viel diffiziler. Die einzig faire Lösung wäre eine Verkleinerung der betroffenen Kanäle und zwar mit Hilfe der Regierung, die in diesem Spiel immer gerne die Wohltäterrolle übernimmt, solange alles gut geht. Wird es allerdings ernst, muss der Verbraucher für die Versäumnisse der staatlich geduldeten Monopole auf dem deutschen Markt hinhalten. Ein mittlerweile eingespieltes Vorgehen: Der Staat und die Unternehmen verspielen das Geld, der Verbraucher darf es am Ende ausbaden. Die Argumentation der genannten Medien und Versorger ist der Anfang eines Versuches, höhere Preise und Abgaben im Bereich Wasser und Abwasser zu rechtfertigen. Im Endeffekt wird eine Gesellschaft so erfolgreich gespalten. In das Lager der Menschen, die einfach Glauben ohne nachzufragen und diejenigen verurteilen, die solche Thesen hinterfragen und Solidarität und Umweltbewusstsein als Überzeugung ausleben.

Die Frage ist nur, ob das von den Akteuren im Hintergrund beabsichtigt ist, oder nicht und wie weit sich dieses Szenario noch fortführen lässt.

Über den Gastautor: Ingo Scheuermann, 28, Dipl. Volkswirt, leitet den Bereich Online Marketing der Grünspar GmbH: http://www.gruenspar.de/wasser-sparen.html

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Kommentare (14)
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27.06.2012
LaLoba hat geschrieben:
Sehr gut geschrieben und interessantes Thema! Darüber hab ich mir auch schon oft Gedanken gemacht. Ich denke auch eher, dass es eine Gewissensfrage ist Wasser einzusparen. Wir sollten uns bewusst sein, dass unser Wasserreichtum hier in Deutschland ein Segen ist. In anderen Länder verdursten die Menschen, deswegen werde ich nicht literweise Wasser sinnlos im Abfluss verschwinden lassen. Damit zeigen wir unsere Anteilnahme und auch, dass wir uns bewusst sind, wie wertvoll unser Wasser ist. Wasser bedeutet Leben. Das hat für mich nichts mit Geld und Profit zu tun.
20.06.2012
KatharinaM hat geschrieben:
Wow, super Artikel! Vielen Dank ! :)
20.06.2012
IngoScheuermann hat geschrieben:
@icelandhorse98: Das habe ich im Text nicht erwähnt stimmt. Das Problem der Wasserversorgungsbetriebe ist die Kostenstruktur der "Produktion". Einen Liter Wasser aufzubereiten kostet einen Betrag X. Davon sind 80% Fixkosten und nur ca. 20% variable Kosten. Sinkt nun der Verbrauch, werden weniger Liter Wasser bei gleichen Fixkosten wieder aufbereitet und verteilt. Das führt zu einem Anstieg der relativen Fixkosten im Wasserpreis pro Liter. So argumentieren jedenfalls die Betriebe. Einer dieser fixen Kostenträger ist die Instandhaltung der Kanalisation.

@midori: Ich hoffe, dass ich in Zukunft öfter die Zeit finde mich in dieser Kategorie zu beteiligen, also: ja. ;)

@all: Danke für das positive Feedback!
20.06.2012
LSternus hat geschrieben:
Danke für den hoch interessanten Artikel.
20.06.2012
midori hat geschrieben:
Vielen Dank für diesen außerordentlich tollen Artikel! Lesen wir davon in Zukunft mehr? ;o)
20.06.2012
Killari hat geschrieben:
Das mit dem WaterFootprint ist ja interessant. Das probiere ich nachher direkt mal aus. :)
19.06.2012
icelandhorse98 hat geschrieben:
Man kann doch nicht wirklich den Preis von dem Liter Wasser erhöhen, wenn man spart?!
Kompletter Schwachsinn, jedoch guter Text!!!
19.06.2012
gelöschter User hat geschrieben:
Wirklich gut geschrieben!

Natürlich wird dem (bewussten) Verbraucher die Schuld in die Schuhe geschoben. Dieser wehrt so schön selten.....
19.06.2012
IngoScheuermann hat geschrieben:
Ganz so einfach ist die Sache in meinen Augen nicht. Alles hat in dem System in dem wir leben leider eine Downside.
Du hast vollkommen recht, wenn du sagst, wir sollten deren Wasser sparen, in dem wir keine Produkte kaufen, die mit dem Wasser wasserarmer Länder hergestellt werden.
Was würde allerdings ein klassischer, internationalisierter Nebeneffekt? Die Arbeitsplätze dieser Branchen würden wegbrechen. Was bei uns nach Ausbeutung aussieht, ist für viele dort leider die einzige Möglichkeit überhaupt zu überleben. Werden die "ausbeutenden" Betriebe boykotiert, tust du den Armen keinen Gefallen, im Gegenteil.

Mit Solidarität meine ich das, was ich sage. Wenn ich in einem Land leben würde, in dem ich nichts zu trinken hätte und ich bekomme mit, wie in anderen Ländern das Wasser jeden Tag zu MIllionen Litern in den Abfluss fließt, würde ich schnell echten Hass entwickeln.
Klar, materiell ist den Menschen durch meine Einsparung nicht geholfen, allerdings ist das nicht die einzige Möglichkeit, anderen zu helfen. Und dafür müssen wir nicht nach Afrika gehen, Spanien reicht da völlig.

Daher auch die EU Richtlinie, die die deutschen "zum Wassersparen zwingen" soll (Danke ZEIT für eine weitere sehr schlecht recherchierte Geschichte). Für Deutschland gilt in einer Staatengemeinschaft und auch als Vorbild für den Rest der Welt: Solidarität.
19.06.2012
Jonpackroff hat geschrieben:
Der Artikel ist wirklich gut und sehr ausführlich, der Punkt A) ist allerdings etwas seltsam.
Den Ländern, in denen Wasserknappheit besteht, ist nicht geholfen wenn hier in Deutschland Wasser gespart wird. Auch mit Solidarität hat das wenig zu tun.
Diesen Ländern wäre dann mehr geholfen, wenn von uns mehr darauf geachtet würde, DEREN Wasser zu sparen. Damit meine ich auf Produkte zu verzichten, dessen Produktion in einem solchen Land stattgefunden hat und bei der viel Wasser verbraucht wurde, welches dann als Trinkwasser fehlt.
19.06.2012
IngoScheuermann hat geschrieben:
Danke schonmal für das Feedback! :)
@Cedric: Ich denke auch, dass viele der Argumente der Wasserwirtschaftsbetriebe zählen, wenn man von reinem Kaltwasserverbrauch ausgeht. In den Berichten geht es allerdings um den Verbrauch der Haushalte und da ist der reine "Verbrauch" an Kaltwasser allerdings sehr gering. Es ist auch wichtig zu unterscheiden, was wir als Verbrauch betrachten (auch das wird dort nicht zu Genüge getan): Ist es Verbrauch von Wasser, wenn ich trinke, oder reden wir eher von Verbräuchen, wie Duschen, Händewaschen, Wäsche waschen und co?
Im deutschen Haushalt wird ein Löwenanteil des Wassers pro Kopf beim Duschen und Baden und sonstigen Tätigkeiten zur Körperpflege verbraucht. In meinen Augen gibt es für den deutschen Haushalt kaum Möglichkeiten, reines Kaltwasser einzusparen.
Aber richtig: Es ist wichtig hier nicht beides über einen Kamm zu scheren...

Was den virtuellen Wasserverbrauch angeht: Das ist leider SO komplex, dass es wirklich schwierig ist, das Thema in der Gesellschaft zu verankern.
18.06.2012
Cedric hat geschrieben:
Kleiner Nachtrag noch:
Wichtiger als das Verringern unseres "direkten" (Kalt-)Wasserverbrauches finde ich den Wasserfußabdruck... also die Wassermenge, dir wir indirekt verbrauchen, wenn wir ein Lebensmittel konsumieren oder ein Produkt kaufen. Dazu gibts auch nen schönen Rechner: http://www.waterfootprint.org/?page=cal/WaterFootprintCalculator
18.06.2012
Cedric hat geschrieben:
Ich finds sehr gut, dass du dich mit dem Thema beschäftigt hast. Ich hab auch schon diverse Sachen dazu gehört, die auch teilweise sehr unterschiedlich sind...
Ich bin der Meinung, dass Warmwasser weiterhin möglichst viel eingespart werden sollte, da enorme Mengen an Energie notwendig sind um es zu erwärmen.
Beim kalten Wasser find ich einige Sparmaßnahmen etwas übertrieben. Meiner Meinung nach gibt es hier in Deutschland (in den wasserreichen Regionen) wichtigere Anknüpfungspunkte als den Wasserverbrauch! Das heißt aber nicht, dass man nicht weiter versuchen sollte, Haushaltsmaschinen, Industrievorgänge u. ä. wassereffizienter zu gestalten. Diese Technologien kann man in Regionen einsetzen, die mehr Probleme mit der Wasserknappheit haben.
Zum Schluss würd mich nochmal dein Fazit interessieren ;)
18.06.2012
Marielle hat geschrieben:
Der Bericht ist klasse geschrieben. Leider habe ich davon auch schon gehört und finde es schrecklich wie wir quasi dazu gezwungen werden sollen, wieder mehr Wasser zu verbrauchen.
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