Ist das Licht aus?


Good bye


stand-by.


© WWF
Phytomining – Das Ernten von Schwermetallen


von LaLoba
05.10.2014
13
0
75 P

Stell dir vor, es ist alles zu spät. Das Land ist tot. Braune, rissige Erde. Staub. Die vertrockneten Überreste von Pflanzen. Nichts Lebendiges mehr. Die Landwirtschaft hat den Boden kaputtgemacht, ihm alle wichtigen Stoffe entzogen und nur Gift und Chemie zurückgelassen. Ein weiterer Hektar verloren für den Regenwald. Oder ein anderes Szenarium: Ein Stacheldrahtzaun. Warnschilder: Do not enter. Lebensgefahr. Ein altes Bergwerk. Sich selbst überlassenes Land, verdorben durch giftige, krebserregende Stoffe. Dreckige Tümpel in deren Wasser tote Zugvögel liegen. Wenn man doch bloß … damals …

Aber halt. Damit soll jetzt Schluss sein. Wo andere nur noch Schilder aufstellen, wollen Alan Baker und Rufus Chaney anpflanzen. Aber was pflanzt man in toten Boden? Zum Beispiel Arabidopsis halleri, die Hallersche Schaumkresse. Diese außergewöhnliche Pflanze schafft etwas, was für uns unvorstellbar scheint: Sie wächst auf verseuchtem Boden und holt dabei auch noch ganz nebenbei die Schwermetalle aus der Erde – ein natürlicher Vorgang, der einiges verändern könnte.

Hallersche SchaumkresseDie Idee kam Alan Baker nicht erst gestern. Er ist Professor der Botanik im Ruhestand und hat sein ganzes Leben damit verbracht, metallspeichernde Pflanzen wie die Hallersche Schaumkresse zu erforschen. Das ganze begann mit einem Spaziergang. Damals war Baker noch Student und vertrat sich die Füße auf dem Gelände eines stillgelegten Bergwerkes in England. Trotz der hochgradig verseuchten Erde streckten dort einige Pflanzen ihre Stängel gen Himmel. Ihnen machte das Gift im Boden offensichtlich nichts aus.

Die Pflanze faszinierte ihn. Auf Reisen um die Welt suchte er immer mehr stillgelegte Flächen, von denen er Pflanzenproben mitnahm. Einige waren so vollgepumpt mit Schwermetallen, dass sie pflanzenfressende Tiere umbringen könnten. Und wenn man den Stamm des Strauchgewäches Phyllanthus balgooyi einritzte, sah man den grünen Saft schon vom Metall schimmern. Er enthielt neun Prozent Nickel und das ganz natürlich. Wie wäre es nun, wenn man die Pflanze entsprechend züchtet und sie noch viel mehr Nickel enthält? Ein wahres Geschäft für die Metallindustrie.

So entwickelten Alan Baker und der amerikanische Agrarwissenschaftler Rufus Chaney das Phytomining – den Erzabbau über Pflanzen. Die Idee ist simple aber bahnbrechend: Auf verseuchter, toter Erde werden ihre speziellen Pflanzen angebaut. Die entziehen der Erde die Schwermetalle und speichern sie in ihren Blättern. So wird der Boden nach und nach entgiftet, bis er irgendwann wieder für die normale Landwirtschaft eingesetzt werden kann. Aber damit noch nicht genug. Die Pflanzen werden geerntet und verbrannt. Übrig bleibt eine erzreiche Asche, aus der Metalle gewonnen werden können. Bei einem Feldversuch gelang es Bakers Team so aus 500 Kilo Asche von verbrannten Pflanzen 100 Kilo Nickel zu gewinnen. Damit ist ein Hektar der Pflanzen plötzlich 4500 Euro wert und kostet den Bauern gerade mal 300 Euro zum Anbauen.

Durch das Phytomining ließen sich tote Felder wieder fruchtbar machen und die Abfallprodukte gewinnbringend in Metalle verwandeln. Das Feuer zum Verbrennen der Pflanzen könnte später für die Metallverarbeitung benötigte Maschinen antreiben, wodurch ein geschlossenes, nachhaltiges System entsteht. Phytomining eröffnet so ganz neue Möglichkeiten für die Wiederaufforstung, die Bekämpfung von Armut von Bauern in Entwicklungsländern und ganz allgemein den Kampf gegen Umweltverschmutzung.

Aber warum wird das Verfahren nicht schon auf der ganzen Welt angewendet? Als Baker und Chaney in den 70iger Jahren nach Unterstützung für ihre bahnbrechende Idee suchten, hat sich niemand dafür interessiert. Damals waren Rohstoffe noch billig und Nachhaltigkeit ein Thema für Freaks. Heute sieht das natürlich ganz anders aus. Dank unserer unzähligen Elektronikgeräte schreit die ganze Welt nach Nickel, Cobalt, Thallium und Co. Der heute zweitgrößte Nickellieferant der Welt, Inco, hat sogar schon Interesse an Phytomining gezeigt. Doch daraus wurde nichts. Denn damals, als noch niemand die erzspeichernden Pflanzen haben wollte, haben Baker und Chaney einen Vertag mit der Investmentfirma Viridian in Texas geschlossen, die als einzige den Wert der Idee erkannten. Seitdem hält die Firma das Patent und hüllt sich in Schweigen. Nach dem ersten erfolgreichen Feldversuch brach der Kontakt zwischen Firma und Forschern ab. Baker und Chaney hatten nun ihre Pflanze und ihr geniales Geschäftsmodell, aber durften es nicht umsetzen.

Bis zum 6. Juni 2015. Dann läuft das Patent aus und den Forschern stehen wieder alle Türen offen. Inzwischen sind sie zwar im Ruhestand, eifern aber mit einem Team aus jungen Kollegen dem großen Tag entgegen. Dann steigt eine Party und Phytomining wird endlich an den Weltmarkt gebracht. Die Vorbereitungen laufen schon.

Was haltet ihr von der Idee einer schwermetallspeichernden Pflanze? Zu schön um wahr zu sein? Oder die Lösung zu vielen Problemen?

 


Quelle:
http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/42252/1/1

Bilder:
Titelbild: Abondened Mine Shafts: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Abandoned_mine_shafts_-_Maasmechelen.jpg?uselang=de
Hallersche Schaumkresse: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Arabidopsis_halleri_%28Kriech-Schaumkresse%29_IMG_7443.JPG?uselang=de

 

Weiterempfehlen

Kommentare (13)
Um einen Kommentar zu schreiben einfach registrieren oder einloggen.
Sortieren nach Aktualität:
21.10.2014
LaLoba hat geschrieben:
@Zweitagsfliege: Die Frage ist echt spannend. Ich hab allerdings über dieses Thema nichts gelesen, deswegen kann ich da auch keine richtige Antwort geben.
Ich würde nur sagen, dass Tiere ja im Allgemeinen einen guten Sinn dafür haben, was sie essen können und was nicht. Deswegen nehme ich an, dass sie den giftigen Pflanzen aus dem Weg gehen würden. Und wenn nicht müsste man die Gebiete wohl entsprechend absperren, wenn eine Absperrung nicht eh schon vorhanden ist. Eine richtige Antwort können da aber wohl nur die Forscher geben.
16.10.2014
Zweitagsfliege hat geschrieben:
Ein toller Artikel, danke! :)
Aber wie ist denn das jetzt mit den Pflanzenfressern, das wäre doch dann wirklich ein Bedrohung, oder?
09.10.2014
JuliusS hat geschrieben:
Interessant. Also wenn das klappt, dann wäre das echt super. Aber was mich interessieren würde ist, ob man schon weiß, ob die Pflanzen die Stoffe aktiv aus dem Boden holen und wenn ja ob die bestimmte Stoffe enthalten, die die Schwermetalle aus dem Boden ziehen und ob man die (im Labor) nachbilden kann und separat einsetzten könnte. Denn natürlich ist das praktisch mit den Pflanzen, aber trotzdem bleiben ja die angesprochenen Problem mit der Nachzucht, und dem Verbrennen.
Ansonsten ist das sicherlich eine gute Möglichkeit :)
08.10.2014
LSternus hat geschrieben:
Die Idee ist auf jeden Fall sehr interessant, gerade für mich als angehender Chemiker, Biotechniker, was auch immer (noch Schüler).
Aber ich sehe da ein paar Probleme:
Zum einem was ist wenn Tiere diese Pflanzen fressen, es könnte zu einem Massensterben an Pflanzenfressern kommen
und zum anderem müsste man die Pflanzen systematisch abernten, da wenn man sie einfachen verrotten lassen würde, so würden die Schwermetalle, wieder zurück in den Boden gelangen.
08.10.2014
Morgentau hat geschrieben:
Ah ja, den Artikel im SZ-Magazin habe ich auch gelesen. :) Eine super Zusammenfassung!

Ich kann auch kaum glauben, dass es da gar keinen Haken geben soll... Aber die Idee ist total klasse und ich hoffe, dass da was draus wird.
08.10.2014
Chillkroete hat geschrieben:
Dankeschön :D
08.10.2014
Chillkroete hat geschrieben:
Tolle Idee! Ein echt spannender Bericht! :) Die Pflanzen sind echt faszinierend :D
07.10.2014
AlinaSky hat geschrieben:
Spannender Bericht und super Idee! Wirklich schade, dass sie nicht schon länger umgesetzt wird. Ein Glück, dass das Patent bald ausläuft, sodass diese Pflanzen dann hoffentlich in vielen Gebieten der Umwelt und den Menschen zu Gute kommen können!
06.10.2014
MaRyLoU hat geschrieben:
Ich bin echt begeistert :D das klingt nach einer so einfachen Lösung...da fragt man sich fast wo der Haken ist ;) Das die Firma die ganze Zeit von dem Patent Gebrauch gemacht habe finde ich echt unmöglich...aber wenn dieses Patent bald ausläuft, hat diese Firma eh das Nachsehen. Mal schauen wie sich diese Methode in der Zukunft verbreiten wird...

Der Artikel ist übrigens echt super geschrieben, danke ^^
06.10.2014
Carinaa hat geschrieben:
Genial!! Wenn das wirklich klappt, wäre das schonmal ein großer Schritt!
06.10.2014
Ria2000 hat geschrieben:
Wow, toller Bericht! Das hört sich eigentlich erstmal gut an! Hauptsache nur, das eskaliert dann nicht wieder durch irgendeinen geldwahn!
06.10.2014
Ronja96 hat geschrieben:
Danke für den interessanten Bericht!
Das klingt erstmal nach einer schönen und nachthaltigen Lösung, aber bräuchte man nicht Unmengen von diesen Pflanzen, um eine Fläche zu entgiften? Und wenn diese Pflanzen immer wieder verbrannt werden, werden sie dann speziell gezüchtet? Sonst könnten sie sich ja nicht vermehren...
Aber ich bin auf jeden Fall mal gespannt, wie dieses Verfahren ankommt, und ob es sich auf Dauer durchsetzen kann. Dann wäre es nämlich eine wirklich gute Lösung.
06.10.2014
Squirrel hat geschrieben:
Wow, wenn das mit den Pflanzen so funktioniert wie du es beschrieben hast wäre das echt klasse!
Die Frage ist nur würde die neue Firma auch so ökologisch denken und beispielweise einen geschlossenen Energiekreislauf einrichten, oder wäre sie nur an ihren Gewinnen interressiert?!
Vielen Dank für den spannenden Bericht.
Login
E-Mail


Passwort


Kostenlos registrieren
Mitglied werden
Könnte dir auch gefallen
Handy aus
  Kurzer Hinweis vorab: Das ist mein erster Bericht. :-)   Ich saß gera... weiter lesen
Die WWF Jugend gegen den Abfallwahnsinn – Restlos glücklich
Die WWF Jugend gegen den Ab...
Meist denken wir beim Abfallwahnsinn an Plastik, unnötig gestaltete Verpackungen von Leben... weiter lesen
Deine Ansprechpartner
Marcel
Marcel Gluschak
WWF Jugend Community Manager
zum Profil
Luise
Luise Neßler
WWF Jugend Community Moderatorin
zum Profil
MarcelB
Marcel Brüssow
WWF Jugend Redaktion
zum Profil
Ronja96
Ronja Post
WWF Jugend Aktionsteamer
zum Profil
HannahFee
Hannah Fesseler
hilft dir bei technischen Fragen
zum Profil
AndreaRentschler
Andrea Rentschler
hilft dir bei Fragen zur WWF Jugend Mitgliedschaft
zum Profil
NicoleB
Nicole Barth
hilft dir bei Fragen rund um die WWF Jugend Camps
zum Profil