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"Konstruieren statt Konsumieren" - Van Bo Le-Mentzel im Interview


von Buchenblatt
01.02.2016
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"Konstruieren statt Konsumieren" - So lautet das Motto van Van Bo Le-Mentzel, einem Berliner Architekten, der die Hartz-IV Möbel erfunden und entworfen hat. In weiteren Projekten hat er mit der "Crowd" faire Schuhe - die Karma-Chakhs - produziert und setzt sich mit seinem Projekt Schooltalks für Chancengleichheit bei der Berufswahl ein. Über eine Art Stipendium, das #dScholarship will er erreichen, dass mehr Leute nicht für Geld, sondern für das Karma, also für eine gute Sache arbeiten können.

Das klingt alles ziemlich beeindruckend. Deshalb habe ich Herrn Le-Mentzel ein paar Fragen per Mail geschickt, die er mir freundlicherweise auch beantwortet hat. Zusätzlich werde ich euch in diesem Artikel seine Projekte kurz vorstellen.

Als allererstes stellt sich natürlich die Frage: Wer ist dieser Mann, der direkt mehrere soziale und ökologische Projekte auf die Beine gestellt hat? - Klar, auf jeden Fall jemand, der daran glaubt, dass aus kleinen Ideen große Veränderungen entstehen können. Aber warum nennt er sich selbst dabei "Karma-Ökonom"?

"Ökonomen Haushalten mit Ressourcen, um Gewinne zu mehren.
Ich haushalte mit Ressourcen (Zeit, Geld, Wissen, Gesundheit), um gutes Karma zu erzeugen. Was gutes Karma ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Für mich fühlt es sich zum Beispiel nicht gut an, andere Menschen für mich arbeiten zu lassen und dann auf Kosten anderer Gewinne zu machen. Damit stehe ich mit meiner Haltung völlig konträr zum Kapitalisten, der möglichst viel Geld machen möchte mit möglichst wenig Körpereinsatz.
Diese Menschen erfinden Systeme, die ihr Reichtum mehren ohne viel zeitlichen und körperlichen und geistigen Einsatz. Der Zinseszins ist eines der genialsten Erfindung dieser Art von Ökonomie. Aber auch Patente, Urheber und Lizensen sind Teil dieses Geschäftssgebaren. Die Idee von Eigentum ist generell in der heutigen Welt, wo Millionen von Menschen nicht mehr Bürger ihres Staates sein wollen, unbedingt zu hinterfragen. Wem gehört Grund und Boden. Gehöre ich einem Staat an? Auch wenn ich nicht will? Darf ich meinen Lebensmittelpunkt wechseln oder verändern? Im BWL Unterricht findest du auf all diese Fragen keine Antwort, da muss man auf sein Bauchgefühl und sein Herz hören."

Das sind klare Statements, die mich selbst zum Nachdenken gebracht haben. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich dabei bis jetzt zu keinem eindeutigen Schluss gekommen bin. Schließlich ist mit Kapitalismus auch ein Stück Freiheit verbunden. Inwieweit diese Freiheit auf Kosten Einzelner geht, kann ich noch nicht beurteilen. Klar ist in jeden Fall, dass der aktuelle „Konsumwahn“ weder nachhaltig, noch angemessen oder befriedigend ist.
Doch wie komme ich nun zum Beispiel an meine Möbel, wenn ich riesige Möbelhausketten mit fraglicher Nachhaltigkeit nicht unterstützen will. Dazu passt das erste Projekt von Van Bo Le-Mentzel. Es startete 2010 mit dem Besuch eines Tischlerkurses der Volkshochschule mit der Idee zu einem Sessel: dem 24 Euro Chair. Dieser Sessel kann in 24 Stunden mit einem Budget aus 24 Euro und dem Holz aus einem einzigen Brett gebaut werden. Anschließend folgten der „Berliner Hocker“, der „Beta Block“, der „Neukoelln Desk“ und sogar ein „One-SQM House“. Alle Pläne zu den Möbeln findet man im Internet kostenlos unter dieser Adresse: http://hartzivmoebel.blogspot.de/
Van Bo Le-Mentzel fordert im Gegenzug zu den Plänen kein Geld. Stattdessen fragt er nach Geschichten. Vielleicht hat man die Möbel in einer besonderen Situation gebaut, mit den besten Freunden zusammen oder als Entspannung in der Klausurphase. Weil die Möbel nicht gekauft werden können, haben sie auch alle ihre ganz eigene persönliche Geschichte.

Wieso haben Sie diese Art des Veröffentlichens gewählt?
"Weil es völlig unmöglich ist als Produktdesigner von Produktdesign zu leben. In den 70ern und 80ern haben wir in Deutschland wir im Rausch Möbel, Autos und allerlei Zeugs gekauft. Doch heute kommt die Ernüchterung - der maßlose Konsum macht unsere Erde kaputt. Wer das weiß, kann eigentlich nicht ohne schlechtes Gewissen anderen Menschen neue Produkte aufdrängen, die nicht notwendig sind für eine schöne Gesellschaft. Die Idee, dass man alles zu einem Produkt machen sollte, ist meines Erachtens ein Auslaufmodell, wir brauchen neue menschenwürdigere Ideen, wie wir Menschen zusammenleben können. Wir verbrennen unsere Lebensgrundlage und verbringen jede freie Minute unseres Lebens damit im Baum der Karriere aufzusteigen, um dann am eigenen Ast zu sägen. Doch je höher der Wohlstand, umso tiefer der Fall."

Vielleicht gibt es wirklich schon neue Wege, bei denen es bei der Produktion von alltäglichen Gegenständen nicht nur um das Geld geht. Ein Projekt aus dem Jahr 2013 ist das der „Karma-Chakhs“.
Karma steht dabei wieder für das Gute, während „Chakh“ mit „sich erheben“ also eine Art protestieren - übersetzt werden kann und ähnlich wie Chuck von den bekannten Chucks klingt. Dieser Name weist schon daraufhin, dass keine neuen Schuhe erfunden wurden und auch keine neue Firma gegründet wurde, sondern Hunderte von unabhängigen Privatpersonen gemeinsam via Crowduction, also einer Produktion der gesamten Crowd - Menschen ,die im Internet von dem Projekt erfahren haben, faire Schuhe produziert haben. Die Schuhe sehen ähnlich aus wie die Chucks von Converse, wurden allerdings aus Biobaumwolle, ohne Plastik und fair - also ohne Kinderarbeit und Ausbeutung - in Zusammenarbeit mit einer pakistanischen Näherei, einer Kautschuk-Firma aus Sri Lanka und einer deutschen Firma hergestellt. Weitere Infos findet ihr hier:
https://www.startnext.com/de/karma-chakhs

Wenn wir selber bei beiden Ideen mitmachen – also unsere Schuhe mit dem Rest der sogenannten „Crowd“ produzieren und uns unsere Möbel selber bauen stellt sich die Frage: Wer sind wir eigentlich? Sind wir nun Produzenten, Innenarchitekten, Investoren oder trotzdem noch Schüler, Azubis oder Studenten? In einem Youtube-Video des Stifterverband fordert Van Bo Le-Mentzel dazu auf, sich vom Schubladendenken zu verabschieden und eigene Wege zu gehen.

Was meinen Sie damit konkret?

"Mich wundert es, dass wir glauben, dass wir als Menschen so stark damit beschäftigt sind jeden Tag im Büro gute Büroarbeiter zu sein, oder in der Familie gute Väter zu sein, oder in der Schule gute Schüler zu sein. Warum kann ich nicht auch im Büro ein guter Vater sein oder ein guter Schüler? Wieso blenden wir alles aus wenn wir eine Rolle einnehmen? Wieso darf ich im Büro nicht mein Baby mitnehmen? Warum darf ich nicht offen zugeben, dass ich als Mitarbeiter auch von den Kunden lernen will, anstatt nur vom Fortbildungslehrer. Ich denke, dass es unserer Natur eher entspricht, wenn wir uns nicht zu zwanghaft in eine Rolle drücken, sondern alles, was uns so besonders macht, zulässt. Natürlich darf dann auch eine Kassiererin bei Edeka mal traurig sein oder sich verlieben und natürlich darf ein Schüler auch mal lachen oder sich langweilen dürfen und dösen, wenn ihm danach ist. Die Systeme, die alle nicht gottgegeben sind, sollten dem Menschen dienen, nicht umgekehrt."

Sie sind dieses Jahr Ihren ganz eigenen Weg gegangen: Sie haben zwar gearbeitet, allerdings nur ehrenamtlich und von Spenden gelebt? Genau nach diesem Prinzip funtioniert auch Ihr Stipendium #dScholarship Weshalb haben Sie das gemacht und was waren Ihre Erfahrungen?

"Das hatte Vor- und Nachteile. ich lebe am Existenzminimum und es gab Tage, da war ich am Flughafen (ich reise viel, weil ich viele Vorträge im Ausland insbesondere in Österreich und der Schweiz halte) und hatte Hunger. Ich fliege dann nach Zürich mit nur 2 Euro in der Tasche. Das sind Momente, wo ich die Bequemlichkeit eines Dispos auf der Bank und Geld im Überfluss vermisse. Ich muss dann immer Pausenbrote vorbereiten, dann hätte ich diese Probleme nicht, aber die Zeit nehme ich mir dann doch nicht.
Der Vorteil ist, dass ich die Menschen nicht mehr als Kunden oder Auftraggeber sehe, denen ich eine bestimmte Leistung erbringen muss. Ich begegne den Menschen als Mensch, nicht als Dienstleister. Ich mag die Idee der Dienstleistung nicht, weil sie so korrupt ist. Für Geld leisten wir offensichtlich jeden Dienst, angefangen mit Amazonlagerarbeiten bis hin zum Gebären von Kindern für reiche Westlerinnen. Ich versuche keine Dienste zu leisten, sondern zu dienen. Der Gesellschaft. Einfach helfen, wo Hilfe benötigt wird. Es ist eigentlich sehr simpel. Meine Marketingfreunde bekommen das natürlich schnell mit, dass sie eine Verantwortung haben, wenn sie mich für ihre Zwecke anfragen und ich Ihnen aushelfe. Kürzlich habe ich einen Freund geholfen für Coca Cola eine Kaffeemarke zu entwickeln. Ich finde das grässlich, was da Coca Cola macht, aber ich habe mich dennoch dazu entschieden meinem Freund zu helfen, weil es ihm in dem Moment gut tut, einen so großen Kunden betreuen zu können. Das war die größte Lehre für mich in diesem Jahr: Zu helfen, auch wenn ich nicht überzeugt bin von der Arbeit. Ich nenne das bedingungsloses Grundarbeiten."


Bei der 2°Campus Schülerakademie hat meine Gruppe versucht, Akkus für Elektroautos nachhaltiger zu gestalten. In ihrem persönlichen Speakout erwähnen sie jedoch, dass Sie nicht an Strom als Ersatz für Benzin glauben. Woran liegt das?

"Wir stecken so viel Geld und Kraft und Energie in Elektromobilität und lassen in China unter großem Aufwand und fragwürdigen Methoden Hardware herstellen, damit wir hier Fahrrad fahren können ohne die Beine zu bewegen. Wenn man einfach die Zeit, Kraft und Energie aufwenden würde, um die Beine zu trainieren, hätte man vermutlich mehr gewonnen und die Menschen und Umwelt weniger belastet.
Manchmal ist es besser und innovativer durchzuatmen und einfach weniger zu erfinden als auf Teufel komm raus die nächste große Neuheit in den Markt zu drücken."

Das leuchtet ein, auch wenn ich persönlich daran glaube, dass mehr Elektroautos ein großer Schritt in Richtung einer nachhaltigen Zukunft wären. Was meint ihr dazu? Seid ihr der Meinung, dass wir uns zu sehr in Rollenprofile quetschen lassen, anstatt gleichzeitig Student, Architekt, Lehrer und Teampartner zu sein? Wie findet ihr die „Karma Chakhs“ und habt ihr vielleicht Lust bekommen, euch auch eure eigenen Möbel zu bauen. Schreibt es mir doch in die Kommentare!

 


Weitere Infos und Quellen:
http://hartzivmoebel.blogspot.de/

https://www.facebook.com/buildmorebuyless/timeline?ref=page_internal
(hier gibt es auch viele interessante Posts zu anderen Projekten)

http://www.hartz-5.org/

https://www.startnext.com/dscholarship

 

Bilder: eigene

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Kommentare (4)
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Sortieren nach Aktualität:
07.02.2016
Affen.Brot.Baum hat geschrieben:
Ich mag die Aussagen Van Bo Le-Mentzels sehr gerne. Sie stimmen nachdenklich und lassen einen darüber nachsinnen, welchen Platz man in der Gesellschaft einnehmen möchte. Wobei ich persönlich sagen muss, dass ich nicht denke, dass Elektroautos nicht sinnvoll sind.
Was stimmt ist, dass wir uns mehr auf das besinnen sollten, was wir haben (unsere Beinkraft) und das nutzen sollten (beim Fahrradfahren), anstatt uns das Leben "unnötig" leichter zu machen.

Danke für den tollen Bericht!
07.02.2016
Hummelelfe hat geschrieben:
Cool, toller Bericht! :)
04.02.2016
opakrieg hat geschrieben:
voll toll
01.02.2016
Cookie hat geschrieben:
Danke für diesen superinteressanten Bericht! :)

Das sind wirklich geniale und kreative Projekte! Ich hab handwerklich aber leider zwei linke Hände, auch wenn wir gut noch ein paar Möbel für unsere Wohnung brauchen könnten. Ich baue da mehr auf gebraucht kaufen bzw. geschenkt bekommen (Es ist echt unglaublich, wie viele Möbel man in der Verwandtschaft oder in Facebook-Gruppen kostenlos bekommen kann!). So ist unsere halbe Einrichtung zustande gekommen.

Herrn Le-Mentzels Antwort zu den Elektro-Autos finde ich etwas ausweichend. Darüber, ob Elektrofahrräder sinnvoll sind, kann man sich sicher streiten, aber manchmal muss man nun mal Strecken bestreiten, für die die Beine nicht reichen. Da bin ich deiner Meinung, dass Elektro-Autos eine bessere Lösung sind als herkömmliche Autos.

Was ich mit den Aussagen zum System und zum Schubladendenken anfangen soll, weiß ich nicht so ganz. Das ist für mich ein bisschen zu abstrakt. Ich stimme definitiv zu, dass mit dem System nicht alles stimmt, aber irgendein System, irgendwelche Richtlinien brauche ich für mich irgendwie doch. Und ich habe nicht das Gefühl, wenn ich an der Uni bin, gerade nur in der Rolle des Studenten zu sein. Ich finde schon, dass sich die Rollen irgendwie vermischen und jeder etwas von seinen anderen Rollen zum Beispiel in die Rolle Student mitreinbringt.
Aber auf jeden Fall interessante Ansätze, die nachdenklich stimmen.
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