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Pferdefleischskandal: "Wollen wir das"?


von Marcel
26.02.2013
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Wir sprachen mit Markus Wolter, WWF-Referent für Agrarrohstoffe und Tierhaltung, über den Pferdefleischskandal, was in der Tierhaltung falsch läuft - und dass demnächst auch Hunde- und Katzenfleisch in Lebensmitteln gefunden werden könnte.

WWF Jugend: Döner, Lasagne oder Nudelsoße: In immer mehr Lebensmitteln wird nicht deklariertes Pferdefleisch entdeckt. Haben wir es hier nur mit der Spitze eines Eisbergs zu tun?

Markus: Ja, so könnte man es sagen. Ich vermute, dass dieser Skandal nicht erst gestern begonnen hat. Die Fleischbranche arbeitet mit extrem knappen Margen, und was wir erleben, ist eine klassische Folge davon. Der Preis für Rindfleisch befindet sich derzeit auf einem Allzeithoch, das müsste sich eigentlich in den Preisen niederschlagen - tut es aber nicht. Das ist doch seltsam, vor allem, wenn man weiß, dass Pferdefleisch nur 20 Prozent dessen kostet, was man für Rindfleisch ausgeben muss.

Bei den vielen Kontrollen, die wir haben, hätte das doch längst auffallen müssen, oder?

Der Skandal macht die Schwachstellen der Verflechtungen auf EU-Ebene deutlich. Das Fleisch stammt ja offenbar aus Rumänien, wurde irgendwo anders verarbeitet und verpackt und dann landet es in Deutschland beim Verbraucher. Da haben Sie viele Möglichkeiten, die Herkunft und Fleischart zu verschleiern. Gerade Rumänien ist in dieser Beziehung ein schwieriges Land. Ich habe dort selbst eine Zeitlang gearbeitet. Die Korruption ist dort unglaublich hoch.

Da kann einem ja angst und bange werden. Was blüht dem Verbraucher als nächstes - wird vielleicht noch Fleisch von Hund, Katze oder Ratte in der Fertiglasagne entdeckt?

Ich will so etwas nicht völlig ausschließen, halte es aber für sehr unwahrscheinlich. Hund und Katze werden in der Tat im asiatischen Raum verzehrt, doch gerade für die Einfuhr von Fleisch aus Nicht-EU-Ländern gelten bei uns strenge Restriktionen. Zudem können Katze und Hund relativ leicht am Schlachtkörper erkannt werden. Das Problem beim Pferdefleischskandal ist eben, dass sich alles innerhalb der EU abspielte, und da gibt es offensichtlich noch keine ausreichenden Kontrollen.

Der Fall wirft auch ein Schlaglicht auf Tiertransporte und Massentierhaltung. Muss der Skandal nicht wieder einmal Anlass sein, unseren Umgang mit Nutztieren zu überdenken?

Das sollten wir immer wieder tun. Zwar haben wir in Deutschland die höchsten Tierschutzstandards der Welt, aber auch bei uns gibt es großes Tierleid. Die bunten Bilder aus der Werbung färben die Realität schön. Da suggeriert zum Beispiel Wiesenhof mit einem Fachwerkhaus und Naturbildern, die Hähnchen lebten auf einem schönen Bauernhof und freuten sich ihres Lebens. Doch die allermeisten Hühner und Schweine in Deutschland stehen ihr ganzes Leben lang in Ställen auf ihrer eigenen Scheiße ohne Auslaufmöglichkeit. Dabei sind gerade Schweine extrem reinliche Tiere, die würden sich freiwillig nie in die Nähe ihrer Exkremente begeben. Da müssen wir uns immer wieder fragen: Wollen wir das?

Wie viele dieser Tiere werden unter solchen Bedingungen krank?

Ganz schlimm ist es bei Puten; sie nehmen innerhalb kürzester Zeit das 400-fache ihres Eigengewichts zu. Das führt zu Deformierungen an den Füßen und zu Schäden am Skelettapparat. Stell dir einen extrem adipösen Jugendlichen vor - dann hast du ein Bild von dem, was da passiert. Über 90 Prozent aller Puten, die am Schlachthof angeliefert werden, sind an den Gelenken und Füßen krank. Es gibt Versuche bei Puten, denen ein starkes Schmerzmittel verabreicht wurde und die daraufhin deutlich mehr standen und sich bewegten. Wem Füße und Gelenke weh tun, bewegt sich nur ungern - und genau das geschieht den Puten in der heutigen Haltung.

Und das erlaubt unser Tierschutzgesetz?

Das Gesetz sagt: Jeder schmerzhafte künstliche Eingriff am Tier ist zu vermeiden. So gesehen verstoßen 95 Prozent der Nutztierhalter gegen das Grundgesetz, denn vielen Tieren wird absichtlich wehgetan, damit sie ins Stallsystem passen. Schweinen zum Beispiel wird der Schwanz kupiert und die Zähne geschliffen, weil sie sich sonst vor Langeweile gegenseitig beißen würden. Systematisch werden unsere Nutztiere verstümmelt. In der Schweiz ist das übrigens anders, dort gilt die Würde von Tieren so viel, dass sie ins Grundgesetz aufgenommen wurde. Viele Nutztiere dort werden unter wesentlich besseren Bedingungen gehalten.

Die artgerechte Haltung ist aber nicht das einzige Problem der Massentierhaltung…

Nein, ein weiteres großes Problem ist die Fütterung. 75 Prozent der benötigten Eiweißfuttermittel für Kühe, Schweine und Geflügel werden in die EU importiert, vorwiegend aus Südamerika. Außerhalb Europas werden auf 20 Millionen Hektar Eiweißpflanzen für die europäische Tierproduktion angebaut. Und dieses Futter ist zu einem Großteil gentechnisch verändert, muss aber nicht entsprechend deklariert werden. Wenn ich also konventionelle Milch oder ein konventionelles Schweineschnitzel kaufe, weiß ich nicht, ob das Tier genmanipuliertes Futter erhielt.

Hat die Verwendung des Futters Auswirkungen auf unsere Umwelt?

Ja, das Futter für Geflügel und Schweine zum Beispiel besteht bis zu einem Viertel aus Sojaschrot, denn das ist die entscheidende Komponente für das Muskelwachstum. Dieses Futter wird unter Monokulturbedingungen mit hohem Pestizideinsatz in Südamerika angebaut. Dieses System der Fernfütterung hat zur Folge, dass die Nährstoffe hier wieder als Gülle wieder auf unseren Feldern landen. Die Folge: Das Grundwasser wird durch Nitrat belastet, stickstoffarme Ökosysteme wie Moore, Wälder oder Gewässer werden geschädigt. Die Ostsee ist mittlerweile ein weitgehend totes Meer. Das liegt unter anderem an der Art der Fütterung, dem Import von Futtermitteln und an der deutlich zu großen Menge an Tieren, die in Europa zur Fleisch-, Milch- und Eierproduktion gehalten werden.

Was ist mit Medikamenten, die den Tieren zugeführt werden?

Da passiert dasselbe. Inzwischen ist nachgewiesen, dass Antibiotika aus der Tiermast über die Gülle, die auf Feldern ausgebracht wird, von Pflanzen aufgenommen werden. Das mögen aus medizinischer Sicht noch keine bedenklichen Mengen sein, aber ich habe kein gutes Gefühl, wenn sich in meinem Weizenbrot Spuren von Antibiotika nachweisen lassen.

Was können wir als Verbraucher tun?

Wir essen insgesamt zu viel Fleisch. Um die Vorgaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährung zu erfüllen, würde die Hälfte unseres Fleischkonsums reichen. Das hätte auf jeden Fall einen positiven Effekt für unsere eigene Umwelt, aber auch für Südamerika, wo wertvolle Wälder für die Futtermittelproduktion abgeholzt werden. Dieses Abholzen hat schwerwiegende Folgen für unser Klima, den Wasserhaushalt und die Artenvielfalt.

Zurück zum Pferdefleischskandal: Kann ich mich vor so etwas schützen, auch ohne gleich Vegetarier werden zu müssen?

Eine absolute Garantie gibt es nicht - es sei denn, ich ziehe mein Schwein im Garten groß und baue mein Gemüse selbst an. Allerdings gibt es ein paar Grundsätze, mit denen man ganz gut fährt. Erstens: Generell gibt es bei Bio-Produkten eine größere Sicherheit als bei Fleisch aus konventioneller Landwirtschaft. Zweitens: Wer die Möglichkeit hat, sollte direkt beim Erzeuger kaufen und sich von diesem so gut wie möglich informieren lassen. Drittens: Deutsche Ware ist meistens sicherer, deshalb auf die „4-D-Garantie“ achten - in Deutschland aufgezogen, gemästet, geschlachtet, verpackt. Die Kaufentscheidung sollte auf jeden Fall bewusst fallen - dass das meistens auch etwas mehr kostet, ist klar.

Das Interview erscheint auch in Move36, dem Jugendmagazin der Fuldaer Zeitung.

Fotos: Pferd © photodisc; Markus Wolter, WWF-Referent für Agrarrohstoffe und Tierhaltung © WWF; Schwein © photodisc; Salami © agarfoto

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Kommentare (17)
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05.03.2013
RonjaJanina hat geschrieben:
Ich bin nun auch schon länger Vegetarierin und
ich bereue es echt nicht.
Wie wir mit unseren Nutztieren umgehen ist
echt die Hölle.
Ich könnte es nicht mehr aushalten,
diese Tierquälerei zu unterstützen.
03.03.2013
Fritzi24 hat geschrieben:
Ich bin seit einiger zeit Vegetarier! kann das alles echt langsam nicht mehr hören...
Der Pferdefleischskandal ist für mich persönlich ausschlaggebend Vegetarier zu werden..

alle wollen immer nur billig kaufen aber gute qualität haben.. aber das passt nunmal gar nicht zusammen!

für mich gehören tiere seit einiger zeit nicht mehr auf den teller. !!
es sind auch nur lebewesen, haben gefühle. und haben was besseres verdient, als für uns gezüchtet zu werden, ein qualvolles und schmerzliches leben zu führen, nur damit die menschen mal wieder genung fleisch auf dem teller haben !!!!

PS: mir schmecken auch meine vegetarischen Frikadellen ( aus weizenprotein) sehr lecker!! :)
02.03.2013
Helen1698 hat geschrieben:
Also, wenn ich noch kein Vegetarier wäre, würde ich mich jetzt dafür entscheiden! Ich find das alles so widerlich! Da werden in Rumänien Tiere geschlachtet (ich möcht auch gar nicht wissen, wie's in den rumänischen Schlachthöfen aussieht), die werden dann irgendwie nach Estland oder so gekarrt, dann nach Frankreich, da dann weiterverarbeitet und dann in den deutschen Supermarkt, wo dann der fröhliche Verbraucher sich über seinen billigen Einkauf freuen kann! Toll! Und ab Rumänien entwickeln sich die Keime...
02.03.2013
gelöschter User hat geschrieben:
gelöscht
28.02.2013
gelöschter User hat geschrieben:
gelöscht
28.02.2013
Marcel hat geschrieben:
@Schiefie: Ich kann persönlich Deinen Kommentar vollkommen nachvollziehen und sehe es auch so. Nur gibt es auch Menschen, die aus persönlichen Gründen nicht auf Fleisch und Fisch verzichten wollen oder können. Hier findet es der WWF wichtig, auch bei diesen Menschen etwas zu bewirken und sie nicht schlichtweg zu verurteilen - daher diese Frage im Interview.

Wer leider nicht auf Fleisch verzichten mag, sollte zumindest auf regionale Produkte zurückgreifen, seinen Fleischkonsum möglichst reduzieren und ausschließlich Bio bzw. MSC einkaufen. So können auch Nicht-Vegetarier viel zum Umweltschutz beitragen. Die ethische Frage, ob Tiere aber überhaupt auf den Teller gehören, muss freilich jeder für sich klären.
27.02.2013
Niiura hat geschrieben:
Also generell denke ich auch: Wer Kuh, Schwein, Huhn...isst, soll sich nicht bei Pferd anstellen;D

Das Problem liegt meiner Meinung nach nach wie vor bei dem übermäßigen Fleischkonsum: Würde jeder Mensch seinen Konsum an diesem einschränken, so würde es erst gar nicht zu solchen Skandalen kommen. Die Gesellschaft sollte endlich mal anfangen sich bewusst zu ernähren.
27.02.2013
Carinaa hat geschrieben:
Echt krass... :(
27.02.2013
Schiefie hat geschrieben:
"Kann ich mich vor so etwas schützen, auch ohne gleich Vegetarier werden zu müssen?" Das hört sich so an als ob es so schwer wäre Vegetarier zu sein... Hört doch einfach auf Tiere zu essen. Sie sind Lebewesen und haben nichts auf dem Teller zu suchen.
Zuerst billig Konsumieren wollen und sich dann wundern oder ekeln, dass man Billiges bekommt.
27.02.2013
Sandsturm hat geschrieben:
Ob nun Pferd, Rind, Schwein, Hund , Katze oder das eigene Haustier ist völlig egal. Sie alle sind Tiere und haben Rechte.
Außerdem suchen die Medien doch sowieso nur irgendwas, aus dem sie einen Skandal machen können. Der Skandal bei der Sache ist ganz bestimmt nicht das Pferdefleisch.
27.02.2013
Zerschmetterling hat geschrieben:
Wer billig kauft, darf keine Qualität erwarten!

Diese ganzen Billigprodukte sind nur Gemansche, in denen leider auch Pferdefleisch enthalten ist. Aber um die Schweine (Kühe, Hühner) die dafür leiden und sterben müssen, tut es mir genau so Leid.

Aber vielleicht hat dieser Skandal einige so erschrocken, dass sie bereit sind umzudenken, und, wenn sie Fleisch essen, nur noch Bio-Fleisch zu kaufen.

LG
27.02.2013
Peet hat geschrieben:
Das eigentliche Übel liegt ganz klar beim Verbraucher selber. Sei es der zu hohe Konsum oder eben die "Geiz ist geil"-Mentalität, auf die wir uns ausrichten. "Gut&Günstig" eben. So etwas kann nicht gut gehen aber wehe die Lasagne kostet dann tatsächlich drei oder vier Euro! Da ist der Deutsche aber schnell an der Kasse um sich über die hohen Preise zu beschweren. Im Grunde ist es auch in allen Medien zu lesen. Nicht das Pferdefleisch an sich ist der Skandal, sondern der Verbraucher. Ob Katze, Hund oder Pferd. Völlig egal, es kommt schlussendlich alles auf den Verbraucher an. Sind wir dazu bereit mehr für Essen auszugeben? Nein, das sind die wenigsten unter uns.

Essen hat in unserer Gesellschaft seinen Stellenwert verloren, weil heute alles an jeder Ecke zu haben ist. Das ist auch an sich keine schlechte Entwicklung, doch hat eine solche Entwicklung auch immer einen Preis. Entweder wir entscheiden uns dafür, alles ganz billig zu haben oder wir entscheiden uns alles zu haben aber dafür auch einen angemessenden Preis zu zahlen.

Leider haben wir uns für Ersteres entschieden. Und der Preis für billig ist hoch. Das Problem an einem Skandal ist, dass er irgendwann langweilig für die Medien ist und sich nichts mehr tut. Aber keine Sorge, unsere Ilse hat einen zehn Punkte Plan. Dann kann doch nichts mehr schief gehen, oder?
26.02.2013
Smilex hat geschrieben:
In den ganzen Billiglebensmitteln ist bestimmt sowieso so viel Mist drinne .. Schlachtabfälle und sonstiges .. da wundert mich das Pferdefleisch jetzt ehrlich gesagt nicht soooo der maßen ....
aber ist Pferdefleisch wirklich billiger??? das hätte ich nicht gedacht .. aber beruhigt mich ehrlich gesagt, denn IRGENDEINEN grund für den Skandal muss es ja schließlich geben und wenn es nicht Gewinnsteigerung ist dann .. wuuu .. will ich gar nicht wissen :-C
26.02.2013
Smilex hat geschrieben:
In den ganzen Billiglebensmitteln ist bestimmt sowieso so viel Mist drinne .. Schlachtabfälle und sonstiges .. da wundert mich das Pferdefleisch jetzt ehrlich gesagt nicht soooo der maßen ....
aber ist Pferdefleisch wirklich billiger??? das hätte ich nicht gedacht .. aber beruhigt mich ehrlich gesagt, denn IRGENDEINEN grund für den Skandal muss es ja schließlich geben und wenn es nicht Gewinnsteigerung ist dann .. wuuu .. will ich gar nicht wissen :-C
26.02.2013
Anne95 hat geschrieben:
Der Meinung bin ich auch. Irgendwann musste so etwas ja kommen. Und die Leute sind echt selber schuld, wenn sie so etwas unterstützen. Es gibt aber immer noch so viele Menschen, die sich dessen trotzdem nicht bewusst sind oder bewusst sein wollen. Entweder sie haben keine Ahnung oder sie sind einfach ignorant. Zu dumm um zu verstehen, dass sie sich damit nur selbst schaden... :-(
26.02.2013
Anni09 hat geschrieben:
Und was die Leute betrifft die davon betroffen sind... selber Schuld. Jeder bekommt was er verdient. Wer billig einkauft kann wohl kaum Qualität erwarten- meine Meinung.
26.02.2013
Anni09 hat geschrieben:
Wie blöd kann der Mensch eigentlich sein? Wer nach all den Jahren immer noch nicht kapiert hat welche Konsequenzen unser massiver Fleischkonsum hat, sollte sich echt mal Gedanken machen...Überrascht war ich jedenfalls nicht als das mit dem Pferdefleischskandal publik wurde...Das Schlimme daran: In ein paar Wochen ist wieder Gras über die Sache gewachsen und niemand kümmert sich mehr darum...traurig aber wahr.
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