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© WWF
Berlin wäre neidisch: Neuer Wohnraum auf dem Acker


von Gallina
17.04.2016
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14. August 2015. Ein Eintrag in meinem Kalender verspricht einen spannenden Tag. Wir von der WWF-Jugend, das sind Cosima, Anais und ich werden mit einem Team vom WWF einen landwirtschaftlichen Betrieb besuchen, der bei dem Projekt „Landwirtschaft für Artenvielfalt“ mitmacht. Im Rahmen einer Reportage wollen wir für die Community und im Magazin über das Projekt am Beispiel eines Betriebs aufklären. Der Hof von Herrn Kurth liegt im Naturpark Dahme-Heideseen südlich von Berlin.

Dabei begleitet uns unter anderem Markus Wolter, der Landwirtschaftsexperte beim WWF ist und ehemals selbst als Bio-Landwirt gearbeitet hat. Von ihm haben wir grundlegende Dinge über das Projekt „Landwirtschaft für Artenvielfalt“ erfahren. Es wurde von WWF und Biopark ins Leben 2012 gerufen und im ersten Projektjahr vom Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz unterstützt. Wissenschaftlich begleitet wird es außerdem von ZALF e.V. Seit 2013 ist EDEKA ein weiterer Projektpartner, der auch die Vermarktung der Produkte übernimmt. „Landwirtschaft für Artenvielfalt“ ist ein von der UN-Dekade für Biodiversität ausgezeichnetes Projekt. Die Auszeichnung wird an Projekte verliehen, die sich nachahmenswerter Weise für die Erhaltung der biologischen Vielfalt einsetzen. Es geht also darum, den Konflikt zwischen Landwirtschaft und Naturschutz zu verringern und mit einer großen Auswahl an Maßnahmen mehr Artenvielfalt auf dem Betrieb zu ermöglichen.

Wie das funktioniert? Als Grundlage dient ein Katalog, mit rund 70 Naturschutzmaßnahmen und -leistungen, welcher von Experten aus den Bereichen Naturschutz und Landwirtschaft erarbeitet wurde. Jede Maßnahme gibt eine bestimmte Anzahl an Punkten, beispielsweise 5, wenn man keinen chemischen Dünger auf das Land ausbringt. Um ein Betrieb des Projekts werden zu können und zertifiziert zu werden, muss sich der Landwirt mindestens 120 dieser Punkte erarbeitet haben. Das Naturschutzmodul (der Maßnahmenkatalog) ist dabei eine zusätzliche Qualifikation für Bio-Betriebe für besondere Leistungen zur Förderung der biologischen Vielfalt. Und diese Zusatz-Qualifikation zu erreichen, ist gar nicht so leicht!

Allerdings kann es sein, dass Höfe bereits Auflagen haben, weil sie in FFH-Gebieten (Flora-Fauna Habitat) oder Schutzgebieten liegen und somit schon einen Teil der Maßnahmen ohne Veränderungen erfüllen. So auch bei dem von uns besuchten Hof von Herrn Kurth, der allerdings trotzdem noch zusätzliche Maßnahmen durchführen muss, wie Feldgehölze und Baumhecken als Elemente auf den bewirtschafteten Flächen, um die 120 Punkte zu erreichen.

Bis 2015 haben 11 Pilotbetriebe getestet inwieweit dieser Maßnahmenkatalog angewendet werden kann. Im Mai des vergangenen Jahres endete diese Testphase und das Naturschutzmodul ist veröffentlicht. Mittlerweile nehmen 58 Betriebe an dem Projekt teil. Damit sich die Teilnahme der Betriebe und Umsetzung der Maßnahmen auch finanziell lohnt, zahlt EDEKA Nord einen höheren Abnehmerpreis – dort kann man die Produkte aus dem Projekt derzeit kaufen. Man erkennt diese Lebensmittel am Logo „Landwirtschaft für Artenvielfalt“.

 

Als wir auf den Hof des Ökolandbaubetriebs fahren, erwartet uns bereits Herr Kurth mit seinem Sohn. Gemeinsam stellen sie sich unseren Fragen und erzählen jede Menge über ihre Arbeit und die Teilnahme am Projekt für Artenvielfalt. Insgesamt bewirtschaften sie mit 16 weiteren Mitarbeitern eine Fläche von 1800ha - 900ha Ackerland und etwa 900ha Grünland bzw. Trockenrasen. Der Hof gehört einer eingetragenen Genossenschaft mit anderen Betrieben an. Neben der Viehhaltung haben sie sich auf den Anbau von Getreiden spezialisiert. Roggen, Hafer und Sommergerste wachsen auf den Feldern von Herrn Kurth - auch Sonnenblumen, die Futtermittel für Legehennen sind. Doch zusätzlich sind auch Hanf, Ackergras, Dinkel, Erbsen, Bohnen, Kleegras, Lupine, Luzerne, Kartoffeln und Buchweizen auf den Flächen zu finden. Eine weitere besondere Pflanze, die sie anbauen, ist Soja, die jedoch ein spezielles Klima braucht. Zum Beispiel sind 12-15°C Bodentemperatur notwendig. Das Unkraut gewinnt schnell die Überhand und ein geringer Ertrag ist die Folge. Um Wild für die Jagd anzulocken, wird außerdem Topinambur auf Wildflächen angebaut. Für den Hof ist das allerdings wirtschaftlich nicht relevant. 

Der Anbau alter Sorten und eine vielfältige Fruchtfolge stellen beispielsweise Maßnahmen zum Erhalt und zur Förderung der biologischen Vielfalt dar, welche Herr Kurth auf seinem Hof umsetzt. Dafür wird jährlich ein Anbauplan mit Fruchtfolgen und den verschiedenen Anbauphasen erstellt.

Doch der Anbau biologischer Lebensmittel birgt auch jede Menge Hürden in sich. So sind sie schon in der Produktion einiges teurer. Der Grundpreis für konventionelle Milch beträgt beispielsweise derzeit ca. 25ct/l. Im Gegensatz dazu kostet ein Liter Biomilch mit 48ct fast das Doppelte. Der Preis für ein Kilo konventionelles Schweinefleisch beläuft sich etwa auf 1,30EUR/kg - die biologische Alternative erfordert 3,70EUR/kg. Dieser höhere Preis schreckt viele Kunden ab. Dabei müssten konventionelle Produkte eigentlich viel teurer sein, da bei ihnen nicht das Verschmutzen der Umwelt und der Verlust der Artenvielfalt mit eingepreist sind. Dafür zahlen wir alle. Ökologische Landwirtschaft versucht mit und nicht gegen die Natur zu wirtschaften.

Der jährliche wirtschaftliche Gewinn hält sich stark in Grenzen. Und der Betrieb kann die hohen Preise nur durch Inanspruchnahme aller möglichen Fördermittel kompensieren. Dadurch sind sie jedoch von diesen Geldern abhängig und es gibt regelmäßige und unregelmäßige Kontrollen. Diese kosten immer sehr viel Zeit, sind aber notwendig um zu gewährleisten, dass auch wirklich Ware aus ökologischer Landwirtschaft gemäß der EU Öko Verordnung erzeugt wird.

Trotzdem arbeiten Herr Kurth und seine Mitarbeiter täglich für den Betrieb des ökologischen Landbaus. Ihre Motivation: sie haben eine Verantwortung gegenüber der Natur, wollen ihre Heimat so erhalten, wie sie ihnen gegeben ist und beabsichtigen mit ihrem Handwerk die Flora und Fauna zu schützen, wodurch sie die Vielfalt für die nächste Generation erhalten.

Und deshalb wollten sie uns auch einen Teil ihrer Flächen zeigen. Dazu sollte uns eine kurze Autofahrt zu einem Schäfer bei einer Herde von Schwarzköpfen führen. Jeden Tag und bei jedem Wetter treibt er mit der jungen Hündin Jade die Schafe. Der junge Mann arbeitet erst seit kurzem für Herrn Kurth und seinen Sohn und unterstützt ihn bei der Schafhaltung. Er erklärt uns, dass die Infektionsgefahr geringer ist, wenn man die Schafe treibt. Diese wolligen Vierbeiner sind das ganz Jahr draußen. Im Sommer kommen Schafböcke mit in die Herde, um die Mutterschafe zu decken. Wenn schließlich der erste Schnee fällt, kommen die Tiere in den Stall und werden dort mit Heu und Silo (Gärfutter) gefüttert. In der Zeit von Dezember bis Februar ist Lammzeit. Anschließend kommen die Mutterschafe und die Lämmer wieder auf die Weide. Mutterschafe können bis zu 10 Jahre alt werden.

Doch danach werden auch diese geschlachtet. Das Thema der Fleischpreise kommt auch hier wieder auf. Für ein lebendes Altschaf bekommt Herr Kurth 50-80ct/kg, für ein Lamm 3,50EUR/kg. Das Fleisch wird als Bio verkauft, Knochen und Sonstiges gehen jedoch konventionell vom Hof. Die Wolle der Schafe von Herrn Kurths Betrieb wird nach Magdeburg verkauft, wo sie zur Hausdämmung genutzt wird. Außerdem wird Wolle nach Elsterwerda gegeben, wo aus dem Naturstoff Dünger hergestellt wird.

Neben den Schwarzköpfen gehören auch Heidschnucken zum Hof. Diese werden von einem weiteren Schäfer auf Heideflächen am Tropical Island gehütet. Das bringt aber auch Probleme mit sich. Passanten hetzen Hunde auf die Schafe, setzen Kinder in die Umzäunung, fangen Lämmer oder werfen ihren Müll auf die Weide.

Neben Schafhaltung ist die Mutterkuhhaltung ein wichtiges Standbein des Betriebs. Herr Kurth und seine Mitarbeiter haben 7 Herden mit knapp 400 Mutterkühen zu versorgen. Eine dieser Herden konnten wir besuchen.

Mutterkuhhaltung bedeutet, dass die Kälber neun Monate lang bei der Kuh bleiben und die Rinder teilweise oder sogar ganzjährig auf der Weide gehalten werden. Sie bekommen nur wenig, eigen erzeugtes Kraftfutter und ziehen selbst, brauchen also nicht so etwas wie einen Schäfer, der sie treibt. Dennoch muss mindestens einmal am Tag ein Mensch bei den Herden vorbeischauen, sonst verwildern die Rindern und werden sehr scheu. Das Portionieren des Grasfutters geschieht ausschließlich über eine Umzäunung. Auch wenn es kälter wird und Schnee fällt, fühlen sich die Wiederkäuer draußen wohl. Teils kalben sie sogar zu dieser Zeit. In diesem Fall werden die Kälber aber trockengelegt und mit warmer Milch gefüttert. Wenn die Mutterkühe schließlich zu alt sind, werden sie geschlachtet. Auch wenn sie biologisches Futter bekommen, wirklich komfortabel gehalten werden und ganzjährig auf der Weide sind, werden 80% der Rinder konventionell verkauft.

Als wir auf dem Rückweg zum Hof im Auto sitzen, fragen wir Herrn Kurth, ob er uns wohl Ökolandbau mit wenigen Worten charakterisieren könnte. Doch damit tat er sich schwer. „Das kann man nicht mit wenigen Worten beschreiben.“, entgegnete er. Daraufhin antwortete uns sein Sohn: „Naturnaher kann man Landwirtschaft nicht betreiben“.

Im Rahmen des Modellprojekts „Landwirtschaft für Artenvielfalt“ konnte durch gezielte Maßnahmen die Artenvielfalt in einigen Gebieten bereits entscheidend erhöht werden. Diese Erfolge auf Ebene des Naturschutzes werden vermutlich Gründe für eine breite Einführung und Nutzung des Standards durch Betriebe des Ökologischen Landbaus nach Abschluss der Erbrobungsphase sein. Doch es müssen genügend Betriebe mitmachen und nicht zuletzt spielt die Nachfrage der Verbraucher die entscheidende Rolle. Denn „Du bist, was Du isst“.

 

Fotos: © Rebecca Bräuning 

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Kommentare (2)
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Sortieren nach Aktualität:
02.05.2016
Johannisbeere1502 hat geschrieben:
Klingt nach einem tollen Projekt. Lohnt es sich für den Betrieb mehr, das Rindfleisch konventionell zu verkaufen? Oder stimmen da die Bioauflagen nicht?
21.04.2016
Luke24 hat geschrieben:
Ein sehr informativer Bericht. Ich finde die Sache mit dem Punktesystem besonders interessant.
Zudem trifft deine Feststellung, dass sehr günstig verkaufte Tierprodukte eigentlich viel teurer sein müssten, weil im Rahmen ihrer "Erzeugung" erhebliche Schäden an Umwelt und Fauna entstehen, in meinen Augen voll zu!
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