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© Gunther Kopp / WWF
Sollte der Wolf geschossen werden?


von midori
06.01.2016
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Dezember 2015, die Schweiz ist in Aufruhr. Zwei Jungwölfe wagen sich gefährlich nah an Siedlungen heran, zeigen nur wenig Scheu vor dem Menschen. Eine potentielle Gefahr? Ja, sagen die betroffenen Kantone St.Gallen und Graumünden. Sie fordern den Abschuss der beiden Raubtiere.

Diese Maßnahme soll eine Verhaltensänderung des gesamten Calandarudels erwirken. Das Bundesamt für Umwelt hat den Antrag geprüft und bewilligt - unter Vorbehalt bestimmter Voraussetzungen. Damit das Rudel wieder scheuer wird, sollen nicht beide Jungtiere zugleich geschossen werden, sondern jeweils nur ein Wolf und zwar in Anwesenheit des Rudels. Das Rudel soll sich außerdem zum Zeitpunkt des Abschusses in Siedlungsnähe befinden, außerdem soll der Abschuss während der Aktivitätszeit der Menschen stattfinden. Nachdem ein Wolf geschossen wurde, soll das Verhalten des Rudels beobachtet und dokumentiert werden.

Der WWF Schweiz und auch die führende Umweltschutzorganisation des Landes, Pro Natura, haben diese Entscheidung des Umweltbundesamtes als vorschnell kritisiert. Sie sehen die angesprochenen Tatbestände als nicht erfüllt. Zum einen sei die Interpretation der Gesetzesbestimmung 'Gefährdung des Menschen' sehr unklar. Zum anderen ist es nicht ungewöhnlich, wenn sich Wölfe Siedlungen nähern - ihre Beutetiere machen das schließlich auch.

Aber nicht nur die Schweiz sieht sich mit vermeintlichen Problemwölfen konfrontiert. Auch in Deutschland lebt ein Rudel, das immer wieder die Aufmerksamkeit auf sich zieht - zumeist im negativen Sinne. Der bekannte Hundeprofi Martin Rütter begibt sich auf die Spuren der Wölfe und besucht eine Frau, die den eigentlich scheuen Jägern plötzlich hautnah gegenübersteht. Anja Nowak lebt in der Lüneburger Heide, hat zwei Golden Retriever und geht gern im angrenzenden Wald mit ihren Hunden spazieren.

Bis sie eines Tages von einem Rudel Wölfe überrascht wird. Es ist ein sonniger Wintertag, ihre Hunde stöbern im Schnee, Anja Nowak macht Fotos. In der Ferne entdeckt sie ein Tier, vermutet einen Hund, dessen Herrchen sicher gleich um die Ecke biegen wird. Sie geht weiter auf den Wolf zu. "Plötzlich waren sie da, ich kann nicht mehr sagen, wo sie herkamen", erinnert sich Anja Nowak nur dunkel an das plötzliche Auftauchen des siebenköpfigen Wolfsrudels.

Anja Nowak geht mit ihren Hunden drei Meter beiseite ins Dickicht und hofft, dass die Wölfe sie noch nicht bemerkt haben. Die laufen jedoch schnurstracks den Weg entlang auf sie zu. Dann legt sich einer ihrer Golden Retriever in die Leine und bellt die Tiere an. Sie bleiben stehen, sind neugierig, beobachten. Zehn Meter von Anja Nowak entfernt. Sie überlegt - wegrennen, umdrehen? Sie geht forschen Schrittes zurück nach Hause, die Hunde an der Leine. Die Wölfe folgen ihr, bleiben jedesmal stehen, wenn auch Anja Nowak stehen bleibt und sich umschaut. Sie schreit das Rudel an - das zeigt sich völlig unbeeindruckt.

Nach etwa zehn Minuten wird es den Wölfen langweilig und sie verschwinden im Wald. Glück für Anja Nowak und ihre Hunde und Glück auch für die Wölfe, dass sie ausgerechnet auf diese Frau und nicht auf jemanden anderen gestoßen sind. Denn so beklemmend wie diese Begegnung für Anja Nowak auch war, letztendlich siegt die Faszination für die Wölfe. "Diese Wölfe, die waren einfach toll." Anja Nowak nimmt die Wölfe in Schutz, bekräftigt noch einmal, dass ihr nichts geschehen ist und die Tiere sich friedlich verhalten haben.

Aber es gibt auch andere Begegnungen in Deutschland. Wölfe, die an helllichtem Tage Straßen überqueren und Menschen im Auto zum Spielen auffordern. Wölfe, die trotz Anwesenheit von Schäfern immer wieder an eine Herde gehen und sich nur schwerlich verscheuchen lassen. Wölfe, die völlig ruhig an einem lauten Traktor vorbeimarschieren und noch kurz stehenbleiben, um einen Blick daraufzuwerfen. Was ist mit diesen Tieren? Warum zeigen sie keine Scheu vor dem Menschen? Sind sie eine potentielle Gefahr?

Die auffälligen Tiere lassen sich zwar überall in Norddeutschland blicken, entstammen aber alle einem Rudel aus der Lüneburger Heide. Liegt hier etwa das Geheimnis? Hundeprofi Martin Rütter besucht den Truppenübungsplatz Munster und spricht mit Oberstleutnant Jörg Heimann, dem Kommandanten. Wolfsexperten vermuten, dass die Tiere des Munsterrudels immer wieder von Soldaten der Bundeswehr angefüttert werden und daher die Scheu zum Menschen verloren haben. Der Kommandant schließt das jedoch aus, zumal eindeutig das Verbot der Fütterung besteht - um eben jenes Verhalten der Wölfe zu vermeiden.

Nichtsdestotrotz sind es ausgerechnet die Mitglieder des Munsterrudels, die sich auffällig verhalten, insbesondere die Welpen von 2014. Kommen wir also zurück zur Frage vom Anfang - können gezielte Abschüsse eine Verhaltensänderung des ganzen Rudels bewirken? Prinzipiell sollte eine sogenannte 'Entnahme' aus der Natur immer nur das letzte Mittel sein. Zunächst wird versucht, den Wolf mit verschiedenen Techniken und Maßnahmen der Vergrämung wieder auf Distanz zu bringen, etwa durch Gummigeschosse. Es ist zweifelhaft, ob ein Rudel durch einen gezielten Abschuss eines Rudelmitglieds das erhoffte Verhalten zeigt und sich fortan vom Menschen fernhält. Da die Tiere ihre Erfahrungen an nachkommende Generationen weiterreichen, ist ein Abschuss eher nicht zu empfehlen, denn wirklich lernen können die Wölfe daraus nicht. Im schlimmsten Falle löst dieses Ereignis weiteres negatives Verhalten aus. "Werden Rudel durch Abschüsse dezimiert, wird der Sozial-Verband destabilisiert, und es kann zu mehr Nutztierrissen oder auffälligerem Verhalten kommen. Es ist daher gut möglich, dass Abschüsse von Rudeltieren mutmassliche Probleme nicht lösen, sondern weitere schaffen".

Sollte sich der Verdacht der Wolfsexperten und Tierschützer bestätigen, so wird jedoch vor allem eines klar: wir selbst sind Schuld an der Misere. Wölfe lernen schnell und jegliches positive Entgegenkommen des Menschen lässt den Wolf seine Scheu verlieren und auch die seines Nachwuchses. Seit 15 Jahren gibt es wieder Wölfe in Deutschland, aber wir lernen nach wie vor den richtigen Umgang mit den Raubtieren und machen dabei Fehler. Sollten sie dafür büßen? Wann darf ein Wolf geschossen werden? Oder - wann sollte ein Wolf geschossen werden?

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VOX - Der Hundeprofi Unterwegs - Martin Rütter und die Wölfe - Teil 1

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Wolfsbilder © iStock / Getty Images
Sonstige Bilder © Ausschnitt Sendung VOX - Der Hundeprofi unterwegs

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Kommentare (9)
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Sortieren nach Aktualität:
16.01.2016
Lukas42 hat geschrieben:
Ich finde es sinnlos einen Wolf abzuschießen ich bezweifle einerseits das die Tiere ihr verhalten ändern würden und genau genommen dringt der Mensch in dessen Lebensraum ein, Provoziert durch die Haltung der Beute Tiere des Wolfes ein Interesse für dieses Gebiet aus Sicht des Wolfes. Auch dazu sind wir für die Wölfe etwas neues sie wollen ihren Lebensraum doch nur erkunden warum sollen wir sie daran hindern wir würden das auch machen wenn wir in eine neue Stadt kommen. Die Einwohner dort sollten uns es dann doch auch nicht übel nehmen das wir uns umsehen.
08.01.2016
Buchenblatt hat geschrieben:
Ich denke nicht, dass Abschießen den erhofften Effekt hätte (abgesehen davon, dass ich das moralisch nicht in Ordnung finde). Wenn Gummigeschosse helfen, fände ich das okay. Viel wichtiger ist es vielleicht, um die Akzeptanz gegenüber Wölfen zu erhöhen, positive Nachrichten, aber auch Geschichten in Umlauf zu bringen.
Schließlich kommt der Wolf bei dem allgemein Bekannten Rotkäppchen nicht besonders gut weg.
07.01.2016
FranziL hat geschrieben:
Komplizierte Frage... Ich bin eigentlich gegen das Abschießen von Tieren (vor allem aus den genannten Gründen), kann aber auch die Menschen verstehen, die vor einer solchen Begegnung, wie sie Anja Nowak erlebt hat, Angst haben. Grund dafür ist einfach die Tatsache, dass der Mensch nun mal Angst hat, wenn er anderen Raubtieren gegenübersteht, die ihn mit Leichtigkeit verletzen können, ob das große Hunde, giftige Tiere aller Art, Wölfe, Bären oder was für Tiere auch immer sind, sei mal dahin gestellt. Ich kenne solche Situationen selbst, wenn man einen Bären in freier Wildbahn sieht (auch wenn dieser noch locker 400 Meter entfernt ist) und dieser eben nicht wie erhofft wegrennt (auch wenn man als Gruppe auftritt) hat man eben schon irgendwo ein mulmiges Gefühl, auch wenn man einen Förster mit Waffe für den Notfall neben sich hat. Das ist, denke ich ein ganz natürliches Verhalten und sollte deshalb auch nicht abgewertet werden.
Andererseits stimmt es natürlich, dass dies menschengemachte Probleme sind, die wir eben möglichst anders als mit "Bestrafung" (sprich Abschuss) der entsprechenden Tiere lösen sollten. Ich denke Gummigeschosse und eine striktere Überwachung der Einhaltung des Fütterungsverbotes sind sinnvolle Maßnahmen. Bei Tötung der Tiere im Beisein des Rudels gehe ich auch mal von einer erhöhten Aggressivität aus, was ja, wie im Bericht genannt, nur für neue Probleme sorgt.
06.01.2016
Gangsterhunnie hat geschrieben:
Ich würde die Eölfe auch nicht abschießen. Das ist die letzte aller Möglichkeieten und noch haben wir welche. Bisher haben die Wölfe doch noch gar nichts ernstes getan. Wenn sie sic näher an ein Dorf heranwagen iat das nicht so schlimm. Wildkatzen tun das doch auch ab und zu. Die sind auch keine Gefahr.
@Puma: Ich glaube auch das die anwesenhaeit der friedlichen Soldaten schon ausreichen kann, unm ein solches Verhalten hervor zu rufen.
06.01.2016
Puma hat geschrieben:
Ich bin auch der Meinung, dass der Wolf nicht abgeschossen werden sollte. Dann eher Abschrekungsmaßnahmen wie Gummigeschosse oder Silvesterknaller. Denn bis jetzt wurde ja noch kein Mensch verletzt. Sollte einer verletzt werde, dann kann der Wolf meiner Meinung auch abgeschossen werden. Denn dann ist meiner Meinung nach die Gefahr groß, dass er es nochmal tun würde.
Aber meint der Kommandant den Satz "Es ist verboten, also machen die Soldaten das nicht." wirklich ernst? Es ist auch verboten Cannabis zu rauchen und es tun genügend Leute. Nur weil etwas verboten ist, heißt es nicht, dass es nicht gemacht wird. Wobei ich denke, dass auch die bloße regelmäßige Anwesenheit der Soldaten zu einer Gewöhnung der Wölfe an den Menschen beiträgt. Denn wenn die regelmäßig da sind ohne dass sie ihnen etwas tun, denken die Wölfe wahrscheinlich, dass alle Menschen so sind.
06.01.2016
Ria2000 hat geschrieben:
Ich finde es ehrlich gesagt ziemlich brutal, den Wolf, noch dazu im Beisein seines Rudels, ohne wirklichen Grund zu erschießen! Abschreckung hin oder her, das geht doch auch anders, wie schon LSternus gesagt hat. Ich bin auch der Meinung, dass das erst die aller letzte Maßnahme wäre und nicht nur mal so als Vorsorge!
06.01.2016
LSternus hat geschrieben:
Ich halte eine Abschreckung für sinnvoll, aber nicht durch Abschuss.
Gummigeschosse und Silversterknaller könnten vor allem junge Wölfe abschrecken. Außerdem denke ich, dass auch Wölfe die keine Angst vor dem Menschen haben ungefährlich sind, solange sie den Menschen als Raubtier sehen.
In freier Wildbahn gehen sich etwa gleich große Raubtiere auch in der Regel aus dem Weg um unnötige Verletzungen zu vermeiden. Im Grunde kann man das auch bei Haustieren beobachten, z.B. wenn eine Katze nicht vor einen Hund (auch nicht vor großen Hunden) flieht sondern ruhig bleibt greift der Hund praktisch nie an. Wir hatten auch mal so einen Hund der Katzen gejagt hat, alle bis auf einen Kater der sich nicht hat beeindrucken lassen. Solange Wölfe noch jung sind kann man ihnen einprägen, dass Menschen einfach eine Nummer zu groß sind, also Erfahrungen die die meisten von uns wohl auch machen, sprich lernen wo seine Grenzen sind.
Ein tödlicher Abschuss darf nur die aller letzte Möglichkeit sein und an diesem Punkt sind wir noch nicht.
06.01.2016
Jayfeather hat geschrieben:
Hab die beiden Folgen vom Hundepfrofi unterwegs gesehen - echt interessant. Vor allem dieses auffällige Verhalten vom Munster-Rudel.
Ein Abschuss kommt für mich nur dann in Frage, wenn es einen konkreten Vorfall gab, bei dem Menschen verletzt wurden. Es wäre echt schade, wenn so ein Verhalten durch uns Menschen, also durch unseren falschen Umgang mit Wölfen, entstehen würde...
06.01.2016
B0uld3r hat geschrieben:
Danke für diesen Bericht! Toll geschrieben!
Die neue Ausbreitung des Wolfes ist ein sehr spannendes Thema, weil es unser alltägliches Leben beeinflussen wird. Es wird der Tag kommen an dem Wölfe einen Hund (oder sogar Menschen) tödlich verletzen werden und die Eindämmung des Wolfes gefordert wird...Ich persönlich bin für die Ausbreitung des Wolfes, da er uns Menschen wieder Respekt vor der Natur verschafft. Im Klartext: In ländlichen Regionen ist gefährlich in der Dämmerung in den Wald zu gehen.
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