Wie zählt man Tiger eigentlich?


von Nivis
12.09.2010
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„Tiger zählst du nicht wie Schafe auf der Weide“, sagt Pavel Fomenko, WWF-Koordinator der Anti-Wilderer-Brigaden in der Amurregion. „Sie verstecken sich, schlagen immer neue Pfade ein und wissen genau, wo es ihnen gefährlich werden könnte. Die Amurtiger zu zählen ist reinste Detektivarbeit: Suchgebiete festlegen, suchen und dann – das Wichtigste – kombinieren!“

 

 

Detektivarbeit ist das Stichwort:
Wer die Spuren der Tiger sucht muss Durchhaltevermögen besitzen. Denn eine Tigerzählung ist langwierig und dauert mehrere Monate. Das weiß Pavel Fomenko nur zu gut, welcher seit Jahren im Namen des WWF zusammen mit anderen Naturschutzorganisationen bedrohte Tierarten zählt, wie den Amurtiger und den Amurleoparden
. Niemand hätte damit gerechnet, dass dieser Mann, der einst selbst ein Jäger war, nun zu den wichtigsten Tierschützern der Welt gehören würde. Vor allem nicht er selbst.
Daher gab er sich den Spitznamen „bekehrter Jäger“.
Und als solcher fungiert er auch: er setzt sein Wissen über diese Wildtiere ein, um Einsätze zur Rettung, wie z.B. eine Tigerzählung, zu koordinieren.
Und diese Arbeit verlangt einiges:
Eine Vielzahl von Forschern und Helfern muss angeleitet werden, Suchgebiete und Routen müssen festgelegt werden, Tagesmärsche geplant, Gruppen gebildet und abgestimmt werden.
Bei einer Tigerzählung im Winter 2004/2005 wurden fast 700 Suchgebiete mit jeweils einer Größe von 20.000 - 60.000 Hektar mit ca. 655 Forschern durchsucht.

 

 © WWF Russia

© WWF Russia
 

Doch wie läuft diese Zählung genau ab?
Bevor die Suchtrupps ausschwärmen wird jeder einzelne Tigerzähler mit einem Tagebuch und einer Landkarte ausgestattet, damit jeweilige Funde exakt registrieren werden können.
Dann geht die Suche los.
Abdrücke im Schnee oder im Boden, erlegte Beutetiere, Kotspuren oder gar tote Tiger.
Jede einzelne dieser Entdeckungen besitzt eine immense Bedeutung und Aussagekraft und wird daher festgehalten.
So sind Abdrücke der Pfoten nicht nur ein Indiz für das Vorhandensein eines Tigers im jeweiligen Suchgebiet, sondern sie verraten auch Größe, Gewicht und sogar das Geschlecht. Sind die Prankenabdrücke 8,5 bis 10 Zentimeter breit, so handelt es sich mit großer Sicherheit um ein Tigerweibchen. Vereinzelte Mini-Tatzenabdrücke manifestieren dann die Wahrheit: ein Weibchen mit seinen Jungen. Ist der Abdruck jedoch breiter als 10,5 Zentimeter und wesentlich tiefer handelt es sich um ein ausgewachsenes Männchen. Kotproben hingegen geben Aufschluss über die Ernährung und einige andere medizinischen Details.

 

© Ola Jennersten / WWF-Canada
 


Die neuste und sicherlich spektakulärste Suchmethode ist die Fotofalle, wie unser WWF-Jugend-Expeditionsteam nun selbst erleben durfte. Denn unsere vier Tigerbotschafter installierten gestern einige dieser infrarotbetriebenen Fallen.
„Das Ganze funktioniert so, dass meist zwei Kameras einander gegenüber an Stellen angebracht werden, wo der Tiger sich gerne bewegt, wie zum Beispiel auf dem Weg (ja, Tiger sind bequem), an einer Mineralienstelle oder bei einem Pfad, der von Wild genutzt wird. Tappt ein Tier in die „Falle“, sprich, löst den Bewegungsmelder aus, werden Fotos gemacht, die der WWF hinterher auswertet.“, schreibt Franka in ihrem ersten Blogeintrag.
Dieses infrarotbetriebene Instrument reagiert auf Körperwärme und wird durch jedes vorbeilaufende Tier ausgelöst. In regelmäßigen Abständen müssen Filme gewechselt und entwickelt werden. Die meisten Schnappschüsse zeigen potenzielle Beutetiere der Tiger, da dieses majestätische Tier bei seinen Streifzügen oft immer neue Wege durchstreift.
Doch mit ganz viel Glück tappt dann doch mal einer in die Falle und wird abgelichtet.

 

© Vivek R. Sinha / WWF-Canon

 

Sind dann alle Daten gesammelt und zusammengetragen kommt es zum Showdown: dem Kombinieren.
In wochenlanger Kleinstarbeit prüft Pavel Fomenko, den unsere vier Botschafter während ihrer Mission ebenfalls treffen werden, die neuen Daten, gleicht sie mit alten Daten ab und wertet sie aus.
Das Endergebnis ist eine Schätzung, die zuletzt von rund 450 bis 500 verbliebenen Amurtigern ausging. Doch die Betonung liegt hier auf Schätzung, da mit großer Wahrscheinlichkeit einige Tiger doppelt oder dreifach registriert wurden.


Eine Tigerzählung ist nicht nur aufwendig und langwierig, sondern auch von großer Wichtigkeit. Die Überprüfung der Bestände zeigt die Wirksamkeit verschiedener „Rettungsversuche“, zeigt Veränderung im Revier- oder Beuteverhalten der Tiger, doch letztendlich verdeutlicht dies wie dringend der Tiger unsere Hilfe brauch.
Und diese Hilfe benötigt er JETZT!

 

 

____________________

Was unsere Tigerbotschafter noch erwarten wird hat Roland schon mal ausgetestet und sich selbst auf den Weg in den fernen Osten Russlands gemacht. Was er dot fand und was dies für unser Expeditionsteam bedeutet seht ihr hier.

 

 

 

 


Quellen:

http://www.wwf.de/regionen/amur-region/artenvielfalt/tigerzaehlung/
http://allpr.de/8905/WWF-beteiligt-sich-an-der-umfassendsten-Tigerzaehlung-im-Russischen-Fernen-Osten-seit-1996.html
http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,234115,00.html
http://www.wwf-jugend.de/durchstarten/tigerkampagne/artikel/privet-ot-tigra;1709
 

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Kommentare (6)
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02.12.2010
lisagruber94 hat geschrieben:
Super Bericht, weiter so (:
13.09.2010
Gamovie hat geschrieben:
Gute Frage mit einer guten Antwort und schönen Fotos.
13.09.2010
Nivis hat geschrieben:
@Pusteblume: So geht es mir auch immer :) Und was ich noch bemerken wollte: das Bild mit den Tigern auf der Weide hab ich unter härtesten Bedingungen selbstgebastelt *lach*
13.09.2010
Pusteblume hat geschrieben:
super erklärt! das hab ich mich nämlich auch schon gefragt. toll - danke jetzt hab ich ne vorstellung davon. wenn man sowas liest will man am liebsten sofort Bio studieren - geht mir jedenfalls so.....
12.09.2010
Bienenkoenigin hat geschrieben:
jepp.. nen toller bericht ;) ne ganze schöne Arbeit... da muss man ja echt auf jeden kleinen Hinweis achten, ich glaub für mich wär das nichts... Respekt an die Detektive ;)
12.09.2010
midori hat geschrieben:
Wirklich toller Bericht Nivis! 1a! ;o)
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