Tiger in der Literatur


von HannaS
22.11.2010
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Der Tiger in der Literatur

Der Tigergipfel in St.Petersburg ist im vollen Gange! Heute gab es schon gute Nachrichten: Deutschland will vier Millionen Euro für das Schutzprogramm zur Verfügung stellen. Ein gutes Zeichen...

Die letzten Wochen und Monate waren erfüllt vom Tiger: tolle Aktionen, eine sehr erfolgreiche Petition und Artikel, die uns dem Tiger und seiner gefährdeten Zukunft sehr nahe gebracht haben. Als kleine Abwechslung zu den politischen Inhalten habe ich mich einmal aus einer ganz anderen Perspektive mit dem Tiger auseinander gesetzt.

Schließlich beeindruckt der Tiger die Menschheit schon sehr lange. Seine Kraft und Anmut haben nicht nur zahlreiche Werbefachleute inspiriert. (Wie oft kommt der Tiger in der Werbung vor? Achtet einmal darauf - es ist unglaublich, wie viele Produkte mithilfe des besonderen Tiger-Images verkauft werden sollen...). Auch Künstler und Poeten haben den Tiger in ihr Schaffen aufgenommen. Einige davon werde ich euch hier präsentieren.

Tiger in Gefangenschaft

Ein großes Thema ist schon immer der Widerspruch zwischen dem freiheitsliebenden Tiger und seiner Gefangenschaft gewesen. Dichter, die vor über hundert Jahren gelebt haben, konnten Tiger genau wie wir nur im Zoo beobachten. Natürlich sahen die Zoos damals etwas anders aus - großzügige, bepflanzte Freigehege waren Fehlanzeige. Stattdessen vegetierten die majestätischen Raubtiere in engen Gitterkäfigen dahin. Ein trauriger Anblick, den folgendes Gedicht von Alfred Wolfenstein (deutscher Lyriker, geboren 1888) eindrucksvoll wiedergibt:

Tiger

Die große Sonne scheint in seine Zelle

Und zieht auf seinem bunt getreiften Felle -

noch andre Striche: schwarzer Stäbe Schatten.

 

Er blinzt hinauf mit wütendem Verlangen:

Das Licht durchbricht doch die zerbißnen Stangen! -

Es legt sich innen zu ihm auf die Matten!

 

Kann sich die Sonne nicht mit ihm zusammen -

Aufs Gitter werfen? Schmelzen heiße Flammen

Aus ihrer beider Rachen nicht die Platten?

 

Die Sonne ist nicht heiß, wie er sie kannte,

Als sie im fernen freien Himmel brannte -

Auch sie gefangen, malt hier Kerkerschatten.


Ein anderes Gedicht von Rainer Maria Rilke, der 1875 in Prag geboren wurde, handelt ebenfalls vom Erleben eines Raubtieres hinter Gittern. Das bekannte Gedicht heißt zwar "der Panther", aber weil es so schön ist und ebenso gut auf den Tiger passt, will ich es euch nicht vorenthalten:


Der Panther

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.


Der Verfasser des folgenden Gedichtes, William Blake, war ein englischer Dichter, Maler und Naturmystiker und wurde 1757 geboren. Sicher kannte auch er nur gefangene Tiger, in seinem Gedicht konzentriert er sich jedoch auf die mächtige und beeindruckende Erscheinung des Raubtieres. Wahrscheinlich hatte er genug Phantasie, um sich das Tier in Freiheit und somit in voller Pracht vorstellen zu können. Er konzentriert sich in seinem Gedicht eher auf die bedrohlich wirkende Kraft des Tigers und seine mystische Ausstrahlung.

 

Der Tiger

Tiger, Tiger, Feuerspracht

in der Dschungeln dunkler Nacht:

Welches Aug', welch ew'ge Hand

formten Deines Schreckens Brand?


In welch' Himmeln ungeheuer

schmolzen Deiner Augen Feuer

Auf welch' Flügeln, unbenannt,

flog der, der ergriff den Brand?


Welcher Schulter Können wand

Deines Herzens Sehnenstrang

Wer, als Herzens Schlag begann,

furchtbar Hand und Fuß ersann?


Welche Kett' und Hammer fand

in welch' Kessel den Verstand?

Welcher Amboß, welche Welt

Deine Todesschrecken hält?


Als der Sterne Speer herab -

Tränen unserm Himmel gab

Hat vollbracht er's und gelacht,

sowohl Lamm wie Dich gemacht?


Tiger, Tiger, Feuerspracht

in den Dschungeln dunkler Nacht:

Welches Auge, welche Hand

wagten Deines Schreckens Brand?

 

(Deutsche Übersetzung - wer mag, schaut sich die englische Originalfassung an, die klingt noch um einiges besser.)

 

Der Tiger in Büchern

Nicht nur in Gedichten, sondern auch in einigen Büchern spielt der Tiger eine Rolle. Relativ bekannt ist der 2001 erschienene und preisgekrönte Roman "Schiffbruch mit Tiger". Der Sohn eines Zoodirektors, Pi, überlebt zusammen mit einigen Tieren einen Schiffbruch, unter anderem einem Tiger. Dieser bleibt am Ende als einziger von den Tieren am Leben und wird Pi´s Verbündeter und Leidensgenosse. Am Ende der Geschichte stellt sich jedoch heraus, dass nicht alles so gewesen ist, wie es Pi´s abenteuerliche Schilderung zuerst dargestellt hat...

Es gibt noch andere Bücher, die sich mit dem Tiger beschäftigen, ganz zu schweigen von den zahlreichen Motivkalendern, auf denen der Tiger immer wieder gerne abgedruckt wird. Sachbücher für Kinder mit heißen dann zum Beispiel „Tiger. Gestreifte Großkatzen“, „Mein großes Buch der Tiger“ oder „Fressen Tiger Gras?“ Über die Nahrungskette und das Ökosystem“.

Kein Sachbuch, dafür aber sehr bekannt sind die Geschichten von Janosch. „Post für den Tiger“, „Oh wie schön ist Panama“ oder „Ich mach dich gesund, sagte der Bär“ haben hunderttausende Kinderaugen zum leuchten gebracht. Der Tiger wird hier zwar völlig anders dargestellt als er in Wirklichkeit ist (schließlich lebt er mit dem Bären und seiner Tigerente zusammen in einer kleinen Hütte, geht aufrecht und kann sprechen), aber immerhin trägt er dazu bei, dass viele Kinder den Tiger als Tier kennenlernen.

Manchmal wird der Tiger auch mit Ruhe und Gelassenheit in Verbindung gebracht, wie folgendes Kinderbuch nahelegt: "Mutig werden mit Til Tiger. CD mit der Tigergeschichte und Entspannungsübungen". Lustig ist auch folgender Buchtitel: "Tiger Feeling. Das sinnliche Beckenbodentraining für sie und ihn." Was das noch mit Tigern zu tun hat, kann nur gemutmaßt werden...

Ein nicht so rühmliches Kapitel unserer Geschichte wird durch folgenden Buchtitel in Erinnerung gerufen: "Tiger. Die Geschichte einer legendären Waffe 1942-1945". Der Panzer, der im zweiten Weltkrieg von den Deutschen in Massenfertigung hergestellt wurde, trug den Namen des schönen und starken Raubtieres. Nicht erfreulich, aber ein weiteres Anzeichen dafür, wie beeindruckt Menschen schon immer vom Tiger waren.

Doch egal, wie stark, schön und anmutig der Tiger ist: Die Art ist am Rande des Aussterbens. Vielleicht hat gerade seine Bekannt- und Beliebtheit dem Tiger mehr geschadet als genutzt. Am Ende könnte sie ihm aber auch zu einem gemeinsamen Kraftakt vieler Länder verhelfen, die das WWF-Tiger-Programm mit Erfolg umsetzen. Bald werden wir es sehen!

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Kommentare (5)
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25.11.2010
Killari hat geschrieben:
Hm, schöner Artikel. Die Tigergedichte kannte ich noch nicht, aber "Der Panther" von Rilke war schon immer mein Lieblingsgedicht.

Mir ist aber noch ein Buch über Tiger eingefallen: "Der Tiger" von John Vaillant. Ich habe es nicht gelesen, aber es ist mir aufgefallen, weil ich es im Buchladen sah kurz nachdem ich aus Russland wiedergekommen bin. Es geht dabei um einen Amurtiger, der einem Wilderer bei seiner Hütte auflauert und ihn frisst. Der Hintergrund ist jedoch der, dass der Wilderer zuvor das Junge der Tigerin getötet und sie selbst verletzt hat. Dieselbe Geschichte hat uns der Udege Ivan erzählt, denn sie spielt in einem Nachbardorf von seinem.
24.11.2010
Professor hat geschrieben:
Der artikel ist echt toll
23.11.2010
Gluehwuermchen hat geschrieben:
"Tiger Feeling. Das sinnliche Beckenbodentraining für sie und ihn.?
Ich kenne dieses Buch. Der Zusammenhang zum Titel ist folgender: In dem Buch sind Übungen beschrieben, die dem Menschen sein eigentliches, natürlich-leichtes Körpergefühl zurückgeben... sodass man sich eben stark und leicht wie ein Powertiger fühlt...
Ist doch gar nicht so abwegig, wie ihr denkt!
23.11.2010
midori hat geschrieben:
Ein supertoller Artikel! Das erste Gedicht war mir nicht bekannt, aber ich mag es sehr. Dieses Spiel zwischen Tiger und Sonne reisst einen direkt mit! :o)
Das Beckenbodentraining natürlich auch! ;D
22.11.2010
Candle hat geschrieben:
Wunderschöne (traurige) Gedichte!
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