Marterias Bengalische Tiger


von Rex
30.06.2014
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 „In der Politik ist es wie in einem Konzert: Ungeübte Ohren halten schon das Stimmen der Instrumente für Musik“

Diese Beobachtung von Amintore Fanfani lässt sich wohl auch auf die Musik von Marteria übertragen. Man hört: gute Beats. Starke Texte – aber darüber, was sie aussagen sollen und könnten, denken die meisten Rezipienten nicht nach. Dabei ist doch das, was zwischen den Zeile steht, das bedeutendste an der Lyrik – und Rap ist nichts anderes als moderne Poesie der Gegenwart.
Ein Lied von Marteria geht mir – und sicher auch vielen anderen – momentan nicht mehr aus dem Kopf: Bengalische Tiger. So macht der Musiker neben seinem neuen Album auch auf eine Unterart aufmerksam, die zwar noch rund zweidrittel der Gattung panthera tigris ausmacht, aber mit aktuell noch etwa 1700 Tieren auch schon vom Aussterben bedroht ist. Marteria rapt: „[…] und ich stelle mich unter das rote Licht […]“ – für die Bengalischen Tiger bedeutet das konkret einen Platz auf der roten Liste bedrohter Tierarten. Der in Indien beheimatete Königstiger stellte eine begehrte Jagdtrophäe da, sodass es vor allem das Werk des Menschen ist, dass diese schöne Tierart in der Gegenwart ums Überleben kämpft.
„Wenn ein Mensch einen Tiger tötet, spricht man von Sport. Wenn ein Tiger einen Menschen tötet, ist das Grausamkeit (George Bernard Shaw).“ Der Ursprung für solch einen Sport findet sich schon in der Antike. Juvenal verweist mit seiner Rede darüber, dass panem et circenses die Menge im Zaum halten, unter anderem auch auf die für den Princeps sozial-politisch relevanten venationes – zur Unterhaltung der Mengen durchgeführte Tierhetzen. Cassius Dio berichtet in diesem Kontext beispielsweise von 600 Tigern, die bei einer Veranstaltung in der Arena ihr Leben ließen.
Bei Marteria heißt es: „[…] Jetzt wird Goethe zitiert, also Faust hoch […].“ Er formuliert somit indirekt die neue Gretchenfrage: Trägt der Mensch zur Zerstörung seiner eigenen Welt bei? Ja, aber der Umkehrschluss ist bitter, denn letztlich schaden wir uns mit diesem uneinsichtigen Verhalten nur selbst und so kommt auch der Musiker zum logischen Schluss: „Tätowieren wir uns ein Tier, das zu uns passt – Bengalische Tiger!“
Ich danke Marteria für den Scharfsinn in seinen Texten. Musik kann Augen öffnen und auf Probleme aufmerksam machen. Es ist großartig, dass er sogar eine Schule besucht und die Thematik direkt mit Schülerinnen und Schülern besprochen hat. Dank ihm ist die Öffentlichkeit noch einmal mehr auf die Problematik aufmerksam gemacht worden. Darum lasst uns daran arbeiten, dass es heißt „Käfige auf […]“ - für eine Verdopplung des Artenbestandes bis 2022!

 

Text: © by Sarah Steinbeck

Primär- und Sekundärquellen:

Fortuin, Robert W.: Der Sport im augusteischen Rom. Philologische und sporthistorische Untersuchungen, Stuttgart 1996, S.81; zitiert nach: Cassius Dio 54, 25, 1f.

Juvenal: Satire 10, 78-81.

Marteria – Bengalische Tiger (www.magistrix.de/lyrics/Marteria/Bengalische-Tiger-1184201.html)

www.indienheute.de/tiger-in-indien/

www.iucnredlist.org/details/136899/0

www.spiegel.de/schulspiegel/leben/marteria-rapper-gibt-vertretungsstunde-fuer-das-magazin-spiesser-a-956380.html

www.wissen.de/lexikon/tiger

www.wwf.de/fileadmin/fm-wwf/Publikationen-PDF/WWF_Projektinformationsblatt_Tiger.pdf

www.zitate-online.de/stichworte/musik/seite2.html

www. zitate-online.de/autor/shaw-george-bernard/


Bildquellen:

backspin-media.de/de/wp-content/uploads/2013/11/bengalischetieger_cover.jpg

www.wallsave.com/wallpaper/2000x1333/tiger-pics-animals-profile-of-a-bengal-tiger-497051.html
 

 

 

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Kommentare (4)
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01.07.2014
Rex hat geschrieben:
Lieber Rhino,
Du liegst mit deinen Anmerkungen völlig richtig. Möchte dir da auch in keiner Weise widersprechen. Auch ich habe das Lied nicht so eingeschätzt, als wenn es Marteria primär darum ging auf die Tigerproblematik aufmerksam zu machen. Entscheidend ist aber, dass er sich von solchen Themen beeinflussen lässt. Wie bei allen Texten von Marteria finden sich auch hier viele Doppeldeutigkeiten im Text - vor allem im Motiv des Bengalischen Tigers. Die Bilder die ich darüber hinaus von Marteria übernommen hab für meinen Text, kann man aber so ideal aufgreifen, um das ganze weiterzudenken. Interpretationen haben ja den Vorteil, dass sie viel Raum für viele Ansätze und Denkrichtungen eröffnen- vor allem, wenn man von jeglicher Form von Lyrik ausgeht. Natürlich ist es aber kein Lied zum Umweltschutz, dennoch ich halte es trotzdem für positiv auf diesem Weg zumindest unterschwellig auch ein solches Thema kommunizieren zu können. Marteria hat zB auch in einer Schule während der Interpretation mit den Jugendlichen auf die Bedrohung des Tigers hingewiesen. So bekommen auch junge Leute, die sich sonst nicht mit derartigen Themen auseinandersetzen evtl einen Anhaltspunkt, der sie zum Nachforschen anregt.
Kurz: das Lied ist für mich lediglich ein Ausgangspunkt, um in ein Gespräch auch über derartige Probleme zu kommen, obwohl man sie zunächst nicht damit in Verbindung bringen würde. Natürlich lässt sich der Song aber auch in Hinsicht auf andere Konflikte auseinandernehmen. Du hast es mit Sao Paulo schon angerissen, man könnte ebenfalls auch Proteste in Paris thematisieren.
Danke aber für deine ausführlichen Ergänzungen!
01.07.2014
gelöschter User hat geschrieben:
gelöscht
01.07.2014
Rhino hat geschrieben:
Ok .... das ist jetzt aber seeeeeeeeehr wohlwollend interpretiert :D

Ich will dir gar nicht in jedem Punkt widersprechen, aber trotzdem sind paar Sachen anzumerken:

Im Grunde geht's in dem Lied primär um eine Ästhetisierung von Straßenaufständen und zivilem Ungehorsam, eine Art Protestsong nach dem Motto: "die da oben zerstören alles, wir sind die Stimme der Straße und gehen deshalb auf die Barrikaden" - Umweltschutzthemen sind da nicht das Ausschlaggebende ... durch die Erwähnung von Mandela, Martin Luther King etc. rückt eher der Bürgerechts-Aspekt in den Vordergrund ... Menschen sollen für ihre Rechte auf die Straße gehen und auch mit zivilem Ungehorsam Präsenz zeigen ...

Der Tiger ist hier wirklich ein Symbol für eine Kämpfernatur, für ein wildes, starkes und unberechanbares Wesen, eben das Wesen der wütenden Straßenbanden, dei sich nicht von "denen da oben" zähmen lassen, aber ...

Der BENGALISCHE Tiger wurde primär gewählt, um auf Pyrotechnik in Form von Bengalischen Feuern (Bengalos) anzuspielen, ein häufig eingesetztes Werkzeug und Statussymbol von Hooligans, Querulanten und echten Straßen-Rebellen etc. (eine clevere Anspielung, so viel sei gesagt :D), auch das "rote Licht" ist schlicht und einfach das helle Bengalo-Feuer, mit der roten Liste hat das nix zu tun ...

Ich hab grad 'n Interview gesehen, in dem Marteria klarstellt, dass der Titel "Bengalische Tiger" auch durchaus darauf bezogen ist, dass die Art vom Aussterben bedroht ist, genauso wie der Mensch, das stellt somit auch die Rebellen als bedrohte Art dar, die von "denen da oben" ausgerottet werden soll.

Fakt ist: Der Tiger mit seiner Bedrohung spielt sekundär auch eine Rolle, ist aber letztlich nur ein Mittel zum Zweck und keinesfalls das zentrale Thema des Songs, es geht primär darum, den z. T. nicht legalen Straßen-Protest zu legitimieren und Verständnis hierfür zu wecken ... kann man sich drüber streiten, ob man Bengalos und brennende Autos so undifferenziert darstellen sollte (da dadurch oft genug unschuldige Zivilisten verletzt werden und einen pazifistischer Widerstandskämpfer wie den erwähnten Martin Luther King so etwas wohl kaum erfreut hätte), aber grade in Zeiten der WM, wo "die da oben" wieder Geld für bald komplett unnütze Stadien verschleudern, anstatt die Armen zu unterstützen, wird der Song wieder hochaktuell
... wenn die Menschen in Schwellenländern, wie Brasilien, nicht wie in Deutschland häufig aus Langeweile oder Provokation, sondern aus purer Verzweiflung und aus Angst ums Überleben (wie die Bengalsichen Tiger) auf die Straße gehen und nur noch mit Feuer und brennenden Objekten auf sich und ihre Probleme aufmerksam machen können, sollte uns das dringend zu denken geben ... also auch für mich ein durchaus interessanter Song, auch wenn ich finde, dass man hätte stärker zwischen Provokations-Protesten in Deutschland und aus ernstahfter Not resultierenden Protesten in Städten wie Sao Paulo differenzieren sollen.

Ein interessanter Protestsong ist es auf jeden Fall, ein wirklicher "Umweltschutz-Song" aber keinesfalls.
30.06.2014
gelöschter User hat geschrieben:
gelöscht
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