"Die Leute müssen die Tiger sehen"


von MatthiasAdler
30.07.2012
9
0
6 P

Sejal Worah, Leiterin des Naturschutzprogrammes beim WWF India war bei uns zu Gast. Anlässlich des "Global Tiger Days", am 29. Juli,  haben wir uns mit ihr unterhalten: über Mensch-Tier-Konflikte, die große Tigerzählung und was Deutschland von Indien lernen kann.

Sejal Worah, was führt Sie zu uns nach Deutschland?

Worah: Ich war einige Tage auf der Insel Vilm in der Ostsee vor Rügen. Das kennt kaum ein Deutscher, aber dort ist eine Außenstelle des Bundesamtes für Naturschutz. Jedes Jahr findet dort ein Kurs über Biodiversität statt - und da habe ich unterrichtet. Da waren 30 Leute von überall auf der Welt, sehr spannend.

Gibt es einen speziellen indischen Ansatz bei den Themen Umweltschutz und Biodiversität?

Natürlich haben wir in einem so dicht besiedelten Land wie Indien starke Mensch-Tiere-Konflikte. Was man lernen kann, ist wie Inder damit umgehen. Im Gegensatz zu anderenLändern in Asien haben wir noch wirklich viele wilde Tiere – das hat auch mit unserer Kultur zu tun. Es kommt recht oft vor, dass ein Tiger eine Kuh reißt oder dass ein Elefant einem Bauer das Feld verwüstet – und das ist meistens existenzieller, als wenn in Europa ein Wolf aus einer Herde von 500 Tieren zwei Schafe frisst. In den Gebieten, die an Tigergebiete grenzen, gehen die Verluste von Vieh teilweise in den vierstelligen Bereich - pro Jahr. Die Betroffenen zeigen aber gerade in Indien meist eine unglaubliche Toleranz gegenüber den Tieren. Sie sind nicht böse auf das Tier, die natürliche Koexistenz zwischen Mensch und Tier wird nicht in Frage gestellt. Elefanten und Tiger müssen ja schließlich auch fressen, sagen die Bauern dann. Von diesem Respekt gegenüber der Natur kann man viel lernen – wobei man sagen muss, dass diese Einstellung sich auch ändert.

Inwiefern?

Vor kurzem war ich in einem Dorf, dort ist ein Elefant durchgegangen. Sechs Menschen sind dabei ums Leben gekommen, und zum ersten Mal war ich dabei, als jemand den Abschuss eines Tieres gefordert hat. Das war mir neu. Die Haltung hat sich schon verändert: Ganz generell wächst in Indien die Bedeutung des Geldes. Wir können diese Entwicklung nicht umdrehen, wir müssen uns ihr stellen. Und das heißt, dass bei Umweltprojekten auch der finanzielle Vorteil betrachtet werden muss, dass es sich für die Menschen lohnt, die Natur zu schützen.

Man schätzt, dass 40 Prozent aller Inder traditionell Vegetarier sind. Gibt es da einen Zusammenhang zwischen dem Respekt gegenüber der Natur und der Ernährung?

Zunächst einmal ist Indien ist so groß und unterschiedlich, da ist es ist wirklich schwer, Generelles zu sagen. Aber ja, die respektvolle Haltung teilen in der Tat viele Inder. Im Nordosten Indiens, wo es weniger Vegetarier gibt, sind die Wälder auch deutlich leerer als im Rest des Landes. Die Tiere werden gejagt und gegessen, also kann man da schon einen Zusammenhang herstellen.

Worin besteht die Arbeit des WWF Indien vorrangig?

Wir haben in Indien 60 Stationen. Dort arbeiten wir überwiegend im Feld, also direkt vor Ort in den Projektgebieten. Wir haben aber auch in fast allen Hauptstädten der indischen Bundesstaaten Regionalbüros, wo wir Aufklärungs- und Bildungsarbeit machen. Wir beraten die Politik und arbeiten mit Unternehmen zusammen – es gibt keine andere NGO, die wie wir in all diesen Feldern engagiert ist. Und dabei haben wir nur 325 Mitarbeiter in Indien – das ist nicht so viel für unser riesiges Land mit 1,1 Milliarden Menschen.

Lange gab es in Indien Diskussionen, wie viele Tiger noch in Indien leben. Es waren verschiedenste Zahlen im Umlauf…

Wir haben vor fünf Jahren damit begonnen, die aufwendigste und zuverlässigste Tigerzählung durchzuführen, die man sich vorstellen kann. Wir haben dabei genau 1711 Tiger gezählt. Diese Zahl wird von allen Tigerfachleuten als Grundlage akzeptiert. Insgesamt betreut der WWF in Indien mehr als 20 Tigerbeobachtungsstationen.

Der WWF musste in Deutschland in einem Film Kritik wegen Tigertourismus einstecken…

Ja, ich habe davon gehört. Ich kenne diesen Film, da werden eine ganze Menge Behauptungen aufgestellt, die einfach nicht stimmen. Ganz allgemein muss man sagen, dass das Thema Tigertourismus in Indien kontrovers diskutiert wird. Ich persönlich finde es in Ordnung, wenn reiche Menschen viel Geld ausgeben, um Tiger zu sehen und ein Teil des Geldes wieder in Tigerprojekte fließt. Die Leute müssen die Tiger sehen, damit sie über Tiger etwas lernen und bereit sind, sich für deren Schutz einzusetzen. Problematisch wird es, wenn der Tourismus die Tiger stört. Tourismus darf nicht außer Kontrolle geraten. Und das tut er nicht, wo der WWF beteiligt ist. In Nagahole beispielsweise arbeiten wir gar nicht, anders als im Film behauptet wird.

In der Amur-Region ist die Tigerpopulation in den letzten Jahren konstant. Vor allem die gute Ausbildung von Rangern macht sich im Tigerschutz bezahlt. Wie ist das in Indien?

Das ist ein großes Thema. Wir nennen sie immer unser Frontkämpfer – und sie sind hier die am wenigsten geschätzten Naturschützer. Sie sind oft überarbeitet, unterbezahlt, schlecht ausgerüstet und wir müssen sie stärken. Wir versuchen stetig Training, Ausrüstung und Motivation anzubieten – und fordern von der Regierung mehr Geld. Aber diese Probleme gibt es ja wirklich nicht nur in Indien.

In Indien wächst die Wirtschaft rasant, auch die Bevölkerung nimmt nach wie vor zu. Welche Konsequenzen hat dies für den Umweltschutz?

Wachstum und Entwicklung sind natürlich ein riesiges Problem für die Umwelt, wenn man das große Bild betrachtet. In der Politik streitet gerade jedes Ministerium in Indien gegen das Umweltministerium, weil sie irgendein Projekt durchsetzen wollen. Umweltschutz wird in den nächsten Jahren eines der größten Probleme Indiens. Derzeit haben in Indien 400 Millionen Menschen keinen Zugang zu Elektrizität und leben in absoluter Armut. Um diese Armut zu bekämpfen, benötigt Indien in den nächsten zwei bis drei Dekaden ein stetiges Wirtschaftswachstum von ungefähr zehn Prozent. Wir können also gar nicht gegen Wachstum sein. Aber es ist eine große Herausforderung, dieses Wachstum nachhaltig zu gestalten. Es heißt immer, Erneuerbare Energien würden nicht ausreichen, Energiesicherheit zu gewährleisten. Aber: Indien besitzt, bis auf Kohle, gar keine fossilen Brennstoffe. Es bleibt sehr spannend, was hier in Indien passieren wird.

Warum Wilderer Tiger jagen, erklären Wilderer am besten selbst. Ein interessantes Video zu diesem Thema: "Confessions of a Poacher".  

 

 

Das Gespräch führten Oliver Samson und Matthias Adler. Veröffentlicht wurde es am 27. Juli 2012 auf der WWF.de

 

Bildcredits: 

© Samir Sinha / TRAFFIC-India
© Vivek R. Sinha / WWF-Canon
Sejal Worah, © Matthias Adler / WWF
Tigertourismus in Indien. © Jörg Edelmann / WWF
Dichter Verkehr in Indien. © Martin Harvey / WWF-Canon

 

 

Weiterempfehlen

Kommentare (9)
Um einen Kommentar zu schreiben einfach registrieren oder einloggen.
Sortieren nach Aktualität:
06.08.2013
smita hat geschrieben:
Danke für diesen Ausführlichen Bericht!
Am besten finde ich wie gut man dem Bericht entnehmen kann dass wir natürlich viel von den Tieren und der Natur lernen können aber es ebenfalls viele Menschen gibt von denen wir lernen können! Genau das sind die Menschen die gehört werden sollten, Menschen die es verstehen wie viel der Natur sich die Menschheit bemächtigt hat, ohne dass es Lebensnotwendig war und daher Verständnis aufbringen dass die Tiere sich nehmen müssen, was sie eben zum Leben brauchen.
Menschen die viel Geld ausgeben um beispielsweise Tiger betrachten zu können, beweisen einzig und allein, dass sie die unvergleichbare Schönheit dieser Tiere erkannt haben. Vor allem da ein Teil des Geldes wiederum dem Tigern zu Gute kommt, finde ich jegliche Unterstellungen nicht gerechtfertigt.
Wie gesagt, vielen Dank für den schönen Bericht!
01.08.2012
Cosima hat geschrieben:
Danke, dass du den Bericht auch in die WWF-Jugend gestellt hast.
Ich finde ihn total schön und bewegend.
Die Vorstellung, dass es für Leute total normal ist wilden Tieren zu tolerieren
und mit ihnen im Einklang zu leben finde ich total toll.
Leider ändert sich dieses Einstellung, was ich umso trauriger finde, da genau diese
Denkweise wichtiger ist als jemals zuvor wahrscheinlich.
30.07.2012
zeemzee hat geschrieben:
@MatthiasAdler: "Ältere" Herrschaften sind hier auch willkommen ;)
30.07.2012
MatthiasAdler hat geschrieben:
Da ich ja schon über 30 bin, dachte ich mir, ich tarne mich mit einem jugendlich wirkenden Bild. der Plan hat offensichtlich funktioniert. ;)
30.07.2012
Marcel hat geschrieben:
:) Vielleicht kommst du mit deinem Profilbild so urlaubsmäßig rüber, dass man einfach nicht auf die Idee kommt, dass du für den WWF Berichte schreibst. :) Ja, Matthias ist Teil unseres Online-Teams hier beim WWF. Er schreibt eigentlich für die wwf.de, aber ich bin sehr froh, dass er seine Artikel nun auch öfter bei uns veröffentlicht. Danke, Mathias, für den interessanten Einblick in unsere Tigerschutzprojekte.
30.07.2012
MatthiasAdler hat geschrieben:
Das ist richtig, liebe Franzi, der Text stammt von der wwf.de.
Unter dem Text steht vor allem deshalb mein Name, weil ich diesen Text im Zuge meiner Tätigkeit als Online-Redakteur geschrieben habe, bzw. das Gespräch geführt habe und auch fotografiert habe.
Ich dachte mir nur, dass ich diesen Text auch der WWF-Jugend zukommen lassen sollte, daher habe ich ihn hier auch eingestellt. Um künftig Missverständnisse zu vermeiden, habe ich noch einmal hinzugefügt, dass das Interview für die Webseite des WWF entstanden ist.
Vielen Dank für den Hinweis.
30.07.2012
Franzichen hat geschrieben:
Ein guter Bericht ja.
Aber wenn du das nächste mal einen Bericht wo abschreibst dann schreibe das bitte noch hin von wo du ihn hast.

Du hast denn Bericht nämlich von der WWF Seite:
http://www.wwf.de/themen-projekte/bedrohte-tier-und-pflanzenarten/tiger/die-leute-muessen-die-tiger-sehen/

Es ist ja schön das du wenigstens die Bildcredits hin geschrieben hast!
30.07.2012
Alexbeppo hat geschrieben:
Interessanter Bericht, danke!
30.07.2012
LSternus hat geschrieben:
Danke für den ausführlichen Bericht ;)
Login
E-Mail


Passwort


Kostenlos registrieren
Mitglied werden
Mitglied des Monats
teaser_221.png


Deine Ansprechpartner
Marcel
Marcel Gluschak
WWF Jugend Community Manager
zum Profil
Luise
Luise Neßler
WWF Jugend Community Moderatorin
zum Profil
MarcelB
Marcel Brüssow
WWF Jugend Redaktion
zum Profil
Ronja96
Ronja Post
WWF Jugend Aktionsteamer
zum Profil
HannahFee
Hannah Fesseler
hilft dir bei technischen Fragen
zum Profil
AndreaRentschler
Andrea Rentschler
hilft dir bei Fragen zur WWF Jugend Mitgliedschaft
zum Profil
NicoleB
Nicole Barth
hilft dir bei Fragen rund um die WWF Jugend Camps
zum Profil
Folgen und mit Freunden teilen