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© James Frankham / WWF
Yasuní – wie weit reicht internationale Verantwortung?


von Celine2Grad
25.05.2014
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Der ein oder andere, der am Freitagabend die Tagesschau gesehen hat, hat es vielleicht mitbekommen: Das Naturschutzgebiet Yasuní in Ecuador wird der Ölförderung geopfert. Es ist zwar eine traurige Meldung, aber ich finde doch, dass auch solche Misserfolge im Naturschutz nicht verschwiegen werden sollten. Besonders, wenn auch Deutschland einen Anteil am Scheitern des Schutzes des Gebiets zukommt.


Der Nationalpark Yasuní im Amazonas-Gebiet ist mit einer Größe von knapp einer Million Hektar das größte Naturschutzgebiet Ecuadors, das bereits 1979 als Nationalpark unter Schutz gestellt wurde. 1989 wurde der Nationalpark dann von der UNESCO zum Biosphärenreservat erklärt. Er beherbergt in seinen drei verschiedenen Regenwaldzonen eine große Artenvielfalt, die mehr als 50% der Fauna von Ecuador ausmacht. Im Rahmen eines sanften Tourismus können auch Touristen Randgebiete des Parks besuchen, allerdings ist ein großer Teil des Gebiets nicht zugänglich, da er als Rückzugsgebiet für Gruppen der indigenen Indianervölker fungiert, die nicht die westliche Lebensweise übernehmen möchten. Außerdem gibt es dort fünf Indianerstämme, die bis jetzt vollkommen ohne Kontakt zur Außenwelt leben konnten.

Die Lage Ecuadors in der Welt und der Yasuní-Nationalpark (dunkelgrün) sowie das Reservat der Waorani-Indianer (hellgrün). Im schwarz schraffierten Gebiet liegen wertvolle Erdölvorkommen (ITT-Gebiet).

Die Lage Ecuadors in der Welt und der Yasuní-Nationalpark (dunkelgrün) sowie das Reservat der Waorani-Indianer (hellgrün). Im schwarz schraffierten Gebiet liegen wertvolle Erdölvorkommen (ITT-Gebiet).

 

Die Region verfügt neben den Naturschätzen allerdings auch über handfestere Einnahmequellen: Erdölvorkommen in Höhe von geschätzt 900 Millionen Barrel Öl, die etwa 20% der Erdölreserven Ecuadors ausmachen. Der Staatskasse Ecuadors könnten jährlich knapp 42 Millionen Dollar durch die Ausbeutung dieser Reserven zukommen.


Dass die Regierung also sehr an der Nutzung dieser Ressourcen interessiert ist, lässt sich allein schon damit begründen, dass Ecuador eines der ärmsten Länder Südamerikas ist. 2009 hatte es nämlich nur Staatseinnahmen von ca. 10,9 Milliarden € (zum Vergleich: Deutschland hatte 2013 Einnahmen von 1.223,4 Mrd. €). Davon muss aber eine Politik finanziert werden, die soziale Grundrechte auf Ernährung, Gesundheit und Bildung garantiert, wie es die neue Verfassung von 2008 vorschreibt. Alles in allem muss die ecuadorianische Regierung also sehen, wo sie das Geld dafür herbekommt.
Man könnte auch sagen, dass Ecuador es sich unter den gegebenen Umständen gar nicht leisten kann, seine Erdölreserven nicht auszubeuten.


In der Verfassung ist allerdings auch das Leitbild „buen vivir“ (Spanisch für „gutes Leben“) festgeschrieben, was bedeutet, dass die Ausbeutung fossiler Energieträger in geschützten Gebieten verboten ist und allgemein auf nachhaltige Entwicklung geachtet werden muss. Präsident Correa befindet sich also in einem Konflikt: verfassungsmäßig festgeschriebener Umweltschutz oder höhere Staatseinnahmen zum Wohl der Bevölkerung?


2007 versuchte die Regierung also, einen Kompromiss zu finden, um einerseits das Schutzgebiet zu retten und andererseits genug Geld einzunehmen: Sie wollte auf die Hälfte des geschätzten Erlöses verzichten, wenn dafür die andere Hälfte von anderen Staaten und/oder Unternehmen gezahlt wird. Besonders die Industriestaaten wie die EU-Staaten und die USA, also die großen Klimasünder mit hohem Erdölverbrauch, sollten bis 2013 3,5 Milliarden US-Dollar (umgerechnet etwa 2,7 Milliarden €) in einen Treuhandfonds einzahlen. Diese Gelder sollten dann Projekte für regenerative Energien, Bildung, eine alternative Wirtschaftsentwicklung und soziale Programme in Ecuador finanzieren – also direkt dem Umweltschutz und den Menschen zugute kommen.


Allerdings sind laut Informationen der Regierung im Zeitraum des Projekts nur 9,7 Millionen € statt der geforderten 2,7 Milliarden eingegangen. Präsident Rafael Correa verkündete daher im August 2013, die Initiative sei gescheitert. "Mit tiefer Traurigkeit, aber aus Verantwortung gegenüber unserem Volk und unserer Geschichte muss ich eine der härtesten Entscheidungen meiner Amtszeit treffen", sagte Correa dazu, "Die Welt hat uns im Stich gelassen."

In den hellgrau umrandeten Bereichen des Naturschutzgebiets wird schon Öl gefördert. Das ganz rechte Gebiet ist das ITT-Gebiet, in dem die Ölquellen Ishpingo, Tiputini und Tambococha liegen, die jetzt erst erschlossen werden sollen. Das rot umrandete Gebiet ist das Reservat der Waorani, der blaue Bereich ist das Schutzgebiet. Der dunklere Teil davon ist die sogenannte „unantastbare“ Zone, in der die isolierten Völker leben.


Die Bestätigung, dass es sich bei der Förderung des Öls um ein „nationales Interesse“ handele, musste danach noch das Parlament geben, um die Bohrungen zu legalisieren. Schon im Oktober 2013 wurde das Projekt durchgewinkt, allerdings in etwas abgespeckter Form: Nur auf 0,1 Prozent der Fläche des Parks soll nach Öl gebohrt werden dürfen, und auch nur an den zwei Quellen Tiputini und Tambococha, die zusammen etwa die Hälfte des Öls enthalten. Tiputini liegt noch am Rand und außerhalb des Naturschutzgebiets, dort soll der Großteil der Infrastruktur zur Ölförderung angelegt werden. Tambococha liegt dagegen mitten im Schutzgebiet.


Die dritte der ITT-Quellen, Ishpingo, liegt im unantastbaren Bereich des Yasuní und wurde nicht freigegeben. Außerdem sollen die Bohrungen eingestellt werden, sobald Angehörige der Völker ohne bisherigen Kontakt zur Außenwelt in den Ölfeldern gesichtet werden. Etwa ein Elftel des Gewinns soll an die Regionalregierungen im Amazonasgebiet gehen.


Anfang 2016 soll die Förderung beginnen, nachdem umfassende Umweltschutzmaßnahmen getroffen wurden, erklärte die Umweltministerin Lorena Tapia. Damit möchte man vermutlich solch große Schäden im Schutzgebiet verhindern, wie sie 2012 aufgetreten sind. Damals sind etwa 10 Barrel Rohöl (ca. 1600 Liter!) aus einem außerhalb des Yasuní gelegenen Förderfeld über verschiedene Flussläufe ins Naturschutzgebiet gelangt. Das hatte zur Folge, dass einerseits Pflanzungen der Anwohner zerstört wurden und andererseits mehrere Siedlungen der indigenen Bevölkerung betroffen sind. Bei den Völkern, die in Kontakt mit der Außenwelt stehen, hat sich der Schaden in Grenzen gehalten, da die Menschen vor dem Verzehr der getöteten Fische gewarnt werden konnten. Bei den isoliert lebenden Völkern war dies allerdings nicht möglich. Außerdem sind die Flüsse in der Region eine wichtige Wasserquelle, die durch das Öl kontaminiert wurde.


Besondere Kritik wurde an den unzureichenden Maßnahmen der Ölfördergesellschaft geübt, die versucht hatte, die Ausbreitung des Öls zu verhindern. Sie seien ineffizient gewesen und nicht schnell genug eingeleitet worden. Diesen Unfall hat der Staatskonzern Petroecuador zu verantworten, der auch die neuen Förderungen im Yasuní vornehmen wird.
Ein anderer Unfall in einer nahegelegenen Region geht auf das Konto der Firma Petrobell Inc. Dabei flossen etwa 2000 Gallonen (ca. 7600 Liter) Diesel in einen Fluss. Die Auswirkungen dieses Unfalls sind noch nicht einmal richtig zu kalkulieren, da der Ölkonzern die Zugänge zum betroffenen Gebiet kontrolliert. Die Zeugenaussagen sind nur sehr dünn gesät, sodass selbst das Umweltministerium kaum Informationen über den Unfall – geschweige denn die Folgen – hat.
Öllachen in einem Feld

Schmetterling, der vermutlich durch das kontaminierte Wasser verendet ist


Wie konnte es aber dazu kommen, dass dieses Schicksal nun auch ein weit größeres Gebiet des Yaruní-Nationalparks treffen könnte? Und wo liegt hier Deutschlands Verantwortung?


Einerseits gehört Deutschland zu den Industriestaaten, die jährlich Millionen von Litern Erdöl benötigen (wir befinden uns sogar unter den Top Fünf der Staaten, die jährlich den höchsten Verbrauch haben!). Auch wir tragen also Verantwortung dafür, dass es sich überall auf der Welt überhaupt noch lohnt, Erdöl zu fördern. Wenn keiner das Öl kaufen wollte, würde es ja auch niemand fördern.


Dieser Verantwortung wollte Deutschland zunächst auch gerecht werden. Im Jahr 2008 beauftragte der Bundestag mit den Stimmen aller Fraktionen die Bundesregierung, eine Teilnahme an der Yasuní-Initiative zu prüfen. Es sah gut aus für den Yasuní, jährliche Zahlungen von 40 Millionen € waren im Gespräch. Das zuständige Entwicklungshilfeministerium war zu dieser Zeit noch SPD-geführt, doch ein Jahr später wurde Dirk Niebel von der FDP Entwicklungshilfeminister. Dieser stand dem Projekt kritisch gegenüber, da er meinte, es sei nicht richtig, ein Land dafür zu belohnen, dass es etwas nicht tut. Der taz sagte er dazu: “Ich richte auch keinen Fonds als Belohnung dafür ein, dass vor Somalia keine Schiffe mehr von Piraten überfallen werden.”


Im November 2011 wurde dann beschlossen, dass Deutschland sich nicht an dem Projekt beteiligen werde. Trotzdem wollte man das Projekt Yasuní fördern, und zwar mithilfe eines Sonderprogramms zum Schutz des Nationalparks in Höhe von 34,5 Millionen €.
Als 2013 aber die Frist des ecuadorianischen Präsidenten Correa ablief und dieser die Förderung des Öls in Aussicht stellte, bezweifelte das Bundesministerium für Entwicklung, dass Ecuador tatsächlich ein verlässlicher Partner für den Umweltschutz sei. Darum wolle man die Zusammenarbeit prüfen. Den Vertrag kündigte das ecuadorianische Außenministerium 2013 selbst, mit der Ankündigung, man wolle Deutschland das bereits gezahlte Geld „bis zum letzten Cent“ zurückgeben.


Dass Deutschland eine Beteiligung an der Yasuní-Initiative ablehnte, hatte aber neben dem finanziellen Aspekt auch noch die Folge, dass es möglicherweise andere Länder von einer eigenen Beteiligung abhielt. Deutschland ist nun mal ein wichtiges Land in der Welt und andere Staaten orientieren sich an den Entscheidungen unserer Regierung. Wer kann schon sagen, wie viele Staaten dem Vorbild einer deutschen Beteiligung gefolgt wären?


Was meint ihr dazu? Haltet ihr Präsident Correos Konzept für Erpressung – nach dem Motto: „Geld her, oder es werden durch die Verbrennung des Öls weitere 400 Millionen Tonnen CO2 in die Atmosphäre gepumpt und ein einzigartiges Ökosystem zerstört“? Findet ihr, dass es ein guter Kompromiss war, zwar Geld zuzusagen, aber bei der Erpressung nicht mitzumachen? Oder hätte Deutschland trotz allem auf jeden Fall Geld geben müssen?


Ich freue mich auf eure Meinungen!


Diesen Video-Beitrag des Ersten zu dem Thema kann ich noch empfehlen: www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/mittagsmagazin/sendung/ecuador-oelfoerderung-regenwald-umwelt-100.html


Quellen:
http://blog.lateinamerikaspezialist.de/2009/12/30/der-nationalpark-yasuni-in-ecuador/
http://www.ecuador-discover.de/infocenter/infos-zu-ecuador/oriente-amazonas
http://de.wikipedia.org/wiki/Ecuador#Verfassung
http://region-hannover.bund.net/themen_und_projekte/internationales/die_yasuni_initiative/
http://www.saveyasuni.eu/themen/der-yasuni-nationalpark/oelunfaelle-im-und-am-yasuni-nationalpark.html
http://www.zeit.de/politik/ausland/2011-10/yasuni-niebel
http://www.zeit.de/wirtschaft/2013-08/ecuador-nationalpark-oelbohrungen
http://www.fairunterwegs.org/laender/ecuador/aktuelles/article/gebrochene-versprechen.html
http://www.3sat.de/page/?source=/nano/umwelt/172054/index.html
http://latina-press.com/news/116189-ecuador-startet-oelfoerderung-am-nationalpark-yasuni/
http://ddc.arte.tv/karten/36
http://www.lr-online.de/nachrichten/wirtschaft/International-Ecuador-erlaubt-Erdoelfoerderung-in-Unesco-Biosphaerenreservat;art77575,4611727

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Kommentare (3)
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26.05.2014
Lisa18 hat geschrieben:
Vielen Dank für den sehr informativen Bericht! Ich finde, so wie du das Konzept von Präsident Correos ausdrückst, klingt das natürlich nicht gerade fair. Jedoch muss man beachten, dass er nicht wirklich viele Möglichkeiten hatte, denn wie du bereits sagtest, wurde 2008 eine Verfassung festgelegt, die Grundrechte auf Ernährung, Bildung und Gesundheit für die Bevölkerung versicherte. Und wenn solch eine Verfassung festgelegt wird, sollten auch die Länder, die das verabschiedet haben, anderen Ländern, die nicht die finanzielle Mittel dazu haben, unterstützen. Insofern hat Deutschland zwar eine gute Idee gehabt, aber diese nicht bis zum letzten Punkt durchdacht. Und gerade Deutschland, die sich als Vorbild für die Nachhaltigkeit sehen, sollten besonders solche Projekte unterstützen!
26.05.2014
Carinaa hat geschrieben:
Sehr guter Bericht, du hast dich sehr viel informiert :)
25.05.2014
Livy hat geschrieben:
Sehr in formatieren Bericht!
Also ich finde zwar schon dass es in gewisser Maßen Erpressung ist, allerdings ist auch klar dass Ecuador sich irgendwovon finanziere muss... dann aber einfach Geld zu verlangen ohne jegliche Gegenleistung ist auch nicht grade "richtig". Aber aus meiner Sicht hätten Deutschland und andere Länder wenn es denn nun schon so weit gekommen ist vlt doch etwas mehr zahlen sollen da ja wahrscheinlich absehbar war, dass keine andere umweltschonende Lösung in Sicht war...
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