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© James Frankham / WWF
Viagem louca - verrückte Reise durch Brasilien Teil III


von regentag
01.11.2014
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Teil 3 der Berichte über meinen Brasilienaufenthalt im August diesen Jahres. Hier könnt ihr den ersten und zweiten Bericht lesen.

Es ist etwa acht Uhr morgens, als ich nach einer schlaflosen Nacht im Bus in Bauru aussteige, einer Großstadt im brasilianischen Bundesstaat Sao Paulo. Gleich werde ich meine Gastfamilie treffen! Mit klopfendem Herzen steige ich aus und hoffe inständig, nicht allzu schmuddelig auszusehen nach der Reise.Da stehen sie auch schon! Bruna, meine Gastschwester, ihre Mutter und ihr Stiefvater. Sie haben sogar ein Willkommensplakat gebastelt, auf dem die brasilianische Flagge in die deutsche übergeht. Anders als die eher distanzierten Deutschen sind die Brasilianer unglaublich herzlich und offen. Ich bin etwas überrascht, als die kleingewachsene Frau mich sofort an sich drückt und auf die Wange küsst. Das ist die offizielle Grußformel in Brasilien: Man haucht sich einen Kuss auf die Backe.
Und noch ein Unterschied, die Brasilianer haben ein anderes Schönheitsideal, zumindest was Frauen angeht. Schön ist, was üppige Rundungen hat. So sind auch Models, Moderatorinnen und natürlich die Sambatänzerinnen für unsere Verhältnisse recht kräftig gebaut. Und die Mädchen bzw. Frauen dort sind stolz auf jede Kurve und kleiden sich selbstbewusst gerne knapp und eng um diese zu Betonen. Und fast jeder hat mindestens ein Tattoo.

Straße in Rio de Janeiro

Bruna ist so aufgeregt, dass ihre Hände zittern, wie sie mir lachend zeigt. Zeigt, ja, aber das Sprechen erweist sich als außerordentlich kompliziert. In der Beschreibung des Austausches stand, dass die Austauschsprache Englisch sei, doch nun stellte sich heraus, dass Brunas Eltern kein Wort englisch können, und auch meine Gastschwester selbst kaum mehr als ein paar Wörter beherrscht.
Schon bei der Rundreise war uns Deutschen aufgefallen, dass die Englischkenntnisse der Brasilianer spärlich gesäht sind. Weder in Restaurants noch im Supermarkt verstanden uns die Angestellten. Das liegt an dem Bildungssystem in Brasilien, das trotz des wirtschaftlichen Fortschritts des Landes noch immer auf Entwicklungslandniveau ist.
Bruna ist schon mit der Schule fertig und besuchte zur Zeit einen Universitätsvorbereitungskurs. Das machen dort alle, die studieren wollen. Diese Vorbereitungskurse sollen die Wissenslücken aus der Schule einigermaßen stopfen und finden an Universitäten statt. Der Unterricht wird von Studenten gehalten. Ich begleitete Bruna unter der Woche dorthin und war über die lockere Arbeitsmoral gleichermaßen belustigt wie erschrocken. Die Schüler kommen und gehen wann sie wollen, es gibt zwar Anwesenheitskontrollen, aber Schwänzen hat anscheinend keine Folgen, denn für Bruna, ihre Freunde (und sogar ihre Eltern) war es völlig normal, einmal die Woche einfach dem Unterricht fernzubleiben. Während des Unterrichts gehen die Jugendlichen auch gerne mal raus um zu rauchen oder was zu trinken, gegessen wird die ganze Zeit, man nimmt sein Ladekabel mit, damit man das Handy, dass ja ständig benutzt wird, auch wieder aufladen kann. Manche hören Musik, andere quatschen oder setzen sich mehrmals am Tag um… Und die Lehrer stehen vorne und halten ganz entspannt ihren Unterricht, ob jemand aufpasst oder nicht. Der Stoffe entspricht auch bei weitem nicht dem deutschen Niveau, aber am schlimmsten steht es mit den Sprachen. Der Englischunterricht an den öffentlichen Schulen ist der reinste Witz. Sogar die Lehrer sind teilweise nicht in der Lage, einen korrekten Satz zu bilden. Wer die Sprache wirklich lernen möchte, bringt sie sich entweder im Internet selbst bei oder besucht Kurse an Fremdspracheninstituten, die aber natürlich nicht umsonst sind. Bessere Bildung bekommt man an Privatschulen, doch die sind teuer und für die meisten Familien unerschwinglich.
Überhaupt muss bildungspolitisch einiges getan werden in Brasilien. Aber leider bin ich vielen Jugendlichen begegnet, die schon in ihren jungen Jahren politikverdrossen und resigniert waren. Das komplette System beruhe auf Korruption, die Wahlen würden wahrscheinlich manipuliert und vieles ginge nicht mit rechten Dingen zu, so etwa, dass der wichtigste Gegenkandidat der inzwischen wiedergewählten Präsidentin Dilma Rousseff, Eduardo Campos, kurz vor der Wahl bei einem mysteriösen Flugzeugunglück ums Leben kam.

Zurück zu dem Parkplatz am Rande Baurus: Nach der herzlichen Begrüßung und dem Abschied von den anderen Deutschen, steige ich in den alten Citroen und wir fahren Richtung Zentrum. Hochhäuser und Shoppingmalls ziehen am Fenster vorbei und wir durchqueren die Stadt, um in die Wohngebiete zu kommen. Kleine einstöckige Häuser mit flachen Dächern schmiegen sich aneinander. Teilweise haben sie Gärten, aber alle sind von Metallgittern oder Mauern umgeben, die nachts zugeschlossen werden. Sicher ist sicher. Schließlich halten wir und steigen aus. Meine Gastmutter strahlt mich an und heißt mich in ihrem bescheidenen Heim willkommen (mit Bruna als Dolmetscherin und Google Translator konnte ich mich auch ganz gut mit meinen Gasteltern unterhalten). Obwohl ich nicht weiß, was ich eigentlich erwartet habe, bin ich positiv überrascht. Das Haus ist größer, als es von außen wirkt, und hübsch eingerichtet. Strom, Licht, sogar zwei Bäder - alles da. Was komisch anmutet sind die Fenster, es gibt nämlich kein Fensterglas. Stattdessen sind sie von außen mit Metall vergittert und von innen kann man nachts Fensterläden schließen. Und weil es auch quasi nie wirklich kalt wird in Brasilien, hat man hier auch keine Heizung.
Die Haustür bleibt den ganzen Tag über offen und es herrscht ein Kommen und Gehen. Freunde, Bekannte und Verwandte schauen gerne einfach mal auf eine winzige Tasse starken Kaffee mit Zucker und ein Pläuschchen vorbei. Die Gastfreundschaft der Brasilianer ist berühmt - zurecht wie ich erlebe. Nicht nur, das Bruna ihr eigenes Zimmer für mich geräumt hat und im kleineren Nebenraum schläft während ich da bin, auf dem Bett dort steht auch ein bis zum Bersten gefüllter Geschenkekorb mit brasilianischen Spezialitäten, Flipflops, Gläsern, einem Fußballtrikot der Lieblingsmannschaft meines Gastvaters… Ich bin regelrecht überwältigt und habe ein schlechtes Gewissen, als ich meine kleinen Mitbringsel überreiche…

Straße in Paraty

Brasilianern ist ihre Familie extrem wichtig. Keine Frage, dass das Mädchen vom anderen Ende der Welt sofort allen vorgestellt werden muss! Brunas Großmutter mütterlicherseits wohnt nur zwei Straßen weiter. Zwar verstehe ich kein Wort von dem, was die gute Frau mir lächelnd erzählt, aber sie bietet uns Kaffe und Brigadeiro an (eine Art Schokocreme aus gezuckerter Kondensmilch, Kakaopulver und Butter) und besteht darauf, mich ebenfalls mit Selbstgehäckeltem zu beschenken. Ihr ganzer Stolz ist ein kleiner Gemüsegarten im Hinterhof, in dem auch zwei Hähne herum staksen und ein Papagei seinen Käfig hat. Ich habe noch nie so große Zucchini gesehen!
Später am Tag versammelt sich die gesamte Familie um den Vatertag bei Brunas Onkel zu feiern. Feiern tun die Brasilianer gerne und oft. Die Familientreffen laufen viel ungezwungener und fröhlicher ab, als ich es aus Deutschland kenne: alle lachen, trinken Bier (ohja, Fußball und Bier sind die Leidenschaften, die Brasilien und Deutschland vereinen), reden, essen, man hört Musik und sicherlich fängt irgendwann jemand an, Samba zu tanzen. In Brasilien hört man fast nur brasilianische Musik im Radio und auf Festen, obwohl die aktuellen amerikanischen Charts natürlich auch bekannt sind.


Alle haben etwas zu Essen mitgebracht und während die Männer grillen, richten die Frauen ein Buffet her. Das Essen in Brasilien ist sehr fleischlastig. Eigentlich isst man jeden Mittag Reis mit Bohnen und Fleisch. Das klingt für uns sehr einseitig, aber die Brasilianer lieben ihr Nationalgericht und möchten es keinen Tag missen. Ansonsten mögen sie es süß und fettig. Spezialitäten sind neben dem bereits erwähnten Brigadeiro etwa Dulce de leche, ein Brotaufstrich aus Zucker, Milch und Vanille, oder Churros (Sprich „Schuhos“), eine Art länglicher Krapfen, der in Öl frittiert und in Zucker gewälzt wird und den man mit unzähligen Füllungen an Buden in vielen Straßen kaufen kann. Nicht so gut für die Linie ;) Dass ich weder Fleisch noch Fisch aß, quittierten die meisten Brasilianer mit einer so hilflosen Ratlosigkeit, dass es mich zum Lachen brachte.

Ein anderes Grillen mit den deutschen Austauschteilnehmern auf der Rundreise

Um Maniküre, Botanische Gärten, Homosexualität und warmes Bier geht es im nächsten Teil ;)

 

 

 

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Kommentare (2)
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02.11.2014
Gluehwuermchen hat geschrieben:
Oha, super interessant! Spannend, wie unterschiedlich es doch in anderen Ländern zugeht.
Ich freue mich auf die Fortsetzung!
01.11.2014
Cookie hat geschrieben:
Ich bin mal wieder völlig fasziniert von allem, was du erlebt hast! Meinen Respekt auch dafür, dass du das mit der Verständigung gemeistert hast. Ich freue mich schon auf den nächsten Bericht.
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