Erfahre mehr!


Neuigkeiten


gibt's hier!


© James Frankham / WWF
Die letzten Naturparadiese der Erde: Die Patagonische Steppe


von FabianN
26.03.2014
5
0
100 P

Über mehr als 900 000 Quadratkilometer dehnt sich Patagonien zwischen Argentinien und Chile aus und erstreckt sich zwischen dem 40. und 55. Grad südlicher Breite.


                                   „Das Ende der Welt ist der Anfang alles Neuen.“
                                   An einem Haus der Stadt Ushuaia in Feuerland


600 Kilometer Pampa, darauf folgen eintönige, endlos wirkende Graslandschaften, in denen man sich schnell verliert. Diese windgefegten Landschaften wecken in einem das Gefühl von Betäubung, ein Zustand, in dem es scheint, als passiere nichts – die Landschaften Patagoniens berühren einen tiefer als man denkt.

Das ist der Petito Moreno. Der abendliche Himmel lässt den Gletscher wie ein unwirkliches türkisfarbenes Meer aus Eis erscheinen. Die unterschiedlichsten Farbreflexe verursachen eine eindrucksvolle Wirkung. ©Javier Etcheverry


Bereits Charles Darwin fragte sich, weshalb die Ebenen Patagoniens mit Mängeln beschrieben werden, mit Unvollkommenheit. Am Ende seiner Berichte in „Reise eines Naturforschers um die Welt“ vermutet er: „Ich glaube es liegt daran, dass die Fantasie vollkommen frei liegen kann“. Blaise Cendrars dagegen vermutet, dass es an der „immensen Tristesse“ liegt, „die eigentlich diese endlosen Weiten durchdringt und der Landschaft eine faszinierende Aura der Sehnsucht verleiht.“                                                                               Das ist das Patagonien, das wir aus Reiseberichten von Darwin, Chatwin und Coloane kennen. Mit den staubtrockenen Steppen und deren spärlichen Bewuchs und niedrigen Sträuchern, mit dichten Dornen versetzten Büschen und der ungleichmäßig verteilten Decke aus Gras, welche an die rauen Bedingungen der Patagonischen Steppe mit seinen starken Winden bestens angepasst sind.

Auch die imposanten Anden mit ihren Gletschern und deren Seen gehören zu Patagonien. ©imagenesygraficos.com


Doch es gibt auch jenes Patagonien, welches in den Reiseberichten keine Erwähnung findet. Ein Patagonien, welches weit weniger gleichförmig, weit weniger bekannt, weit weniger berechenbar ist. Dieses Patagonien besteht nicht aus Steppe, sondern aus Seen, Schnee, Eis und Wäldern. Es gibt nicht viele Plätze auf unserem Planeten, die solch abwechslungsreiche Landschaften auf engem Raum bieten: In den östlichen Andenkordilleren erstrecken sich die Hochebenen der Steppe, doch entlang der Pazifikküste und den Hängen und Tälern der Anden erstrecken sich Wälder, Seen, Schneefelder und Gletscher. Als die Entdecker dieser Regionen Patagoniens erstmals den Anblick dieser Landschaften genossen, wurden sie Zuschauer eines Brauches der Indios, welche in den Wäldern Feuer entzünden. Aus dieser Erfahrung rührt auch der Name, den die Entdecker diesem Land gaben – Feuerland. In dieser Region erstrecken sich die höchsten Gipfel der Anden bis in 1800 Metern Höhe.


Eine einzige Wüste ist die Region um den Rio Santa Cruz. Mit seiner pulsierenden, türkisen Färbung wirkt der Fluss von oben betrachtet sehr unwirklich. Darauf folgen die Hochebenen von Basalt und schließlich wieder eine Wüste, die von Büschen und Steinformationen durchlaufen ist. Diese Formen aus Stein werden von den Einheimischen als „Steine des Teufels“ bezeichnet, da niemand weiß, wie sie an ihren Platz kamen. Nun kommen sie endlich: die Wälder Patagoniens. Ihre Bäume stammen aus den Ordnungen der Buchenartigen und der Lärchen. Das Unterholz aus Farnen, Lianen, Moosen, Bambus und Epiphyten besitzt eine hohe Artenvielfalt. Hierauf folgt das Ende der Vegetation mit einem riesigen weißen Meer aus Eis des Gletschers Perito Moreno, welcher im Jahre 1981 von der UNESCO zum Weltnaturerbe gekürt wurde. In dieser Region findet sich auch die Antwort auf das Rätsel des türkisfarbenen Flusses. Durch Reibung des Gletschers an den Felsen entstehen mikroskopisch kleine mineralische Partikel, die oben im Fluss schwimmen und so die auffällige Farbe verursachen.


Der Küste entlang sind faszinierende Naturschauspiele zu beobachten, wie beispielsweise die riesige Pinguinkolonie von Punta Tombo, die größte Brutkolonie Südamerikas. Nur von den Pinguinkolonien der Antarktis werden sie an Größe übertroffen. Die Männchen und Weibchen der Magellan-Pinguine (Spheniscus magellanicus) wechseln sich beim hungerzehrenden Bebrüten der Eier ab, während der andere seine gesamte Konzentration auf den Fischfang richtet. Verlässt man das Naturschutzgebiet Punta Tombo, so trifft man auf eine weite, mit spärlichen Grasbüschen bewachsene Steppe. Weit und breit ist kein Baum zu entdecken, der einem Schatten spendet, und man trifft nur alle zweihundert Kilometer auf landwirtschaftliche Betriebe oder Tankstellen, welche aus nur zwei oder drei Gebäude bestehen, auf der Karte jedoch als richtige Dörfer eingezeichnet sind.

Eine riesige Kolonie von Magellan-Pinguinen mit über einer Millionen Tieren lebt im Naturreservat von Punta Tombo. Noch bevor die kalte Jahreszeit anbricht, teilen sie sich entlang der brasilianischen Küste und im Meer auf. ©Dani Studler / fotocommunity.de


Die geologische Geschichte prägte die Natur Patagoniens. Aufgrund der Plattentektonik verändert sich mit der Zeit die Oberfläche unseres Planeten, Kontinente und Seen werden geschaffen um Jahrtausende später wieder zu verschwinden. Täler werden gegraben, Gebirge entstehen und Felsen werden abgetragen. Hierbei ist es nicht selten der Fall, dass Ebenen von enormer Größe entstehen, welche sie Hunderte Kilometer weit erstrecken und plötzlich am Meer ändern oder es bleibt nur nackter Fels, ein Zeuge der Vergangenheit zurück, dessen Schichten aus Gestein seine Entstehungsgeschichte erzählen. Offensichtlich ist die Bewegung der Platten (Lithosphäre) in dieser Region besonders aktiv. Ablagerungen von Überschwemmungen, Muscheln und Meeresablagerungen bezeugen die Häufigkeit, in denen Land versunken und wieder aufgetaucht ist. Ebendiese Bewegungen verursachten auch die Isolationen von Tierpopulationen. Charles Darwin lieferte dieses Naturereignis die Bestätigung seiner Theorie zur Evolution.

Im Flusstal des Rio Deseado ist ein enorm großer versteinerter Tropenwald zu entdecken. Das sind 15.000 Hektar Wüste mit 35 Meter hohen Baumstämmen von Proaraukarien gesäumt. Von deren prachtvollen Laubwerk lebten einst Dinosaurier. Von Vulkanausbrüchen begraben und durch Erosion nach und nach wieder befreit, sind heute nur noch Steinsäulen Indizien des einst riesigen Tropenwaldes. Seit 1954 gehört diese Region zum Naturdenkmal Bosque Pietrificado, einem Nationalpark und Schutzgebiet.                              

(Bild: ©landkarte.statt.seekate.de)


Die Tierwelt der Patagonischen Steppe besteht aus einzigartigen endemischen Arten. Das Riesengürteltier (Priodontes maximus) lebt in den trockenen und eher ungemütlicheren Regionen Patagoniens. Auch einer der größten flugfähigen Vögel fliegt mit seiner mächtigen Flügelspannweite von über drei Metern und einem Gewicht von elf bis fünfzehn Kilogramm und damit der größte Raubvogel lässt sich von den Winden Patagoniens durch die Lüfte tragen: der Andenkondor (Vultus Gryphus). Durch sein scharfes Sehen entdeckt er auf weite Entfernungen Kadaver zum Fressen. Der eindrucksvolle Raubvogel ist der einsame Herrscher der Lüfte in den Anden. Der Große Nandu (Rhea darwinii), oder auch Darwin Nandu genannt, ähnelt zwar einem Strauß, ist jedoch nicht verwandt mit ihm. Der lokal auch Petiso oder Choique genannte Laufvogel kann eine Geschwindigkeit von bis zu 45 Kilometern in der Stunde erreichen. Bei den Nandus brüten nach dem Legen die Männchen die Eier aus und begleiten die Jungen in ihren ersten sechs Monaten durch das Leben. Einen anderen Vertreter, ein Stinktier, kann man schon auf vier Kilometer Entfernung riechen: den Patagonischen Skunk (Conepatus hunboldtii). Der Mähnenwolf (Chrysocyon brachyurus) ähnelt einem Fuchs mit langen Beinen, dank denen er sehr gut durch hohes Gras laufen kann. Zu der Familie der Kamele gehört der Guanako, dessen Lebensraum sich von Südbolivien bis in die Patagonische Steppe erstreckt. Mit seinem sehr langen Hals ist der Guanako ein sehr guter Beobachter und kann auch sehr schnell laufen. Noch viele weitere Arten sind hier anzutreffen: der Waldhund (Speothyos venaticus), den Jaguar (Panthera onca), den Puma oder auch Berglöwe genannt (Puma concolor), den Pampashirsch (Ozotoceros bezoarticus) sowie den Pampasfuchs (Pseudoalopex gymnocerus), die patagonische Kelpgans (Cloephaga hybrida) und den Sumpfhirsch (Blastocerus dichotomus), um auch nur einen kleinen Bestandteil zu erwähnen.

Hier sind zwei erwachsene und ein junges Guanako zu sehen. Sie stehen zwar in Chile und Peru unter Schutz, allerdings nicht in Argentinien. Tausende Felle der Guanakos werden dort jedes Jahr exportiert.

©planet-wissen.de


 

 

 

Doch auch etliche invasive Arten, ursprünglich aus Europa, kommen in der Patagonischen Steppe vor. Hierzu gehören beispielsweise der Hirsch, das Pferd, das Rind, die Ziege und der Europäische Hase. Allerdings schaden sie alle dem Ökosystem. Eingeführte Pflanzen, zum Beispiel der Löwenzahn und die Aleppo-Kiefer, sind heute auf vielen Wiesen Patagoniens zu entdecken. Die größte Bedrohung für die Steppe Patagoniens ist jedoch der Mensch. Tiere werden achtlos gejagt und durch die Zerstörung von Lebensräumen wurden einige Arten an den Rand des Aussterbens gebracht. Bis 1880 waren beispielsweise die Guanakos weit verbreitet und auf beinahe jeder Hochebene und jeder weiten Fläche zu entdecken. Durch die Kolonisation, die mit konzentrierter Landwirtschaft, Jagd und Produktion von Weideland in die Steppe Patagoniens einfiel, reduzierte sich der Bestand drastisch bis heute. Mit etwas Glück kann nun nur noch in den Vorläufern der Anden und den entlegensten Winkeln dieses einzigartigen Naturparadieses ein Guanako entdecken…

Die Küsten Patagoniens sind nicht nur Lebensraum von Pinguinen – auch Seeelefanten, Seelöwen und Pelzrobben tummeln sich hier. Sie ernähren sich von 25-50 Kilogramm Fleisch am Tag.

©teachingsalvador. blogspot.com


 

 

Ein Blick in die Zukunft:


15 000 000 Hektar Wald hat Argentinien in den letzten dreißig Jahren verloren – ungefähr zwei Drittel seines Gesamtbestandes. Deshalb ist die Programa Refugios des Vida Silvestre (Wildlife Refuges Programme) eines der wichtigsten Naturschutzprogramme Patagoniens. Sein Vorhaben ist es, ein System von Naturreservaten zu errichten und so zum Erhalt der Biodiversität beizutragen. Außerdem werden Wirtschaftsunternehmen gefördert, welche natürliche Ressourcen in nachhaltiger Art und Weise nutzen, sodass ihnen nichts passiert und der Schutz nachhaltig ist. Seit 1987 wurden zudem sechzehn Naturschutzgebiete mit einer Fläche von insgesamt 117 000 Hektar errichtet. Allerdings wird man noch sehr viel tun müssen, damit das riesige Nichts der Patagonischen Steppe nicht zerstört und man sich auch weiterhin in dieser einzigartigen Wildnis verlieren kann…

Im Norden Patagoniens, in den Vorläufern der Anden, befindet sich die argentinische Prärie. Eine Steppe, die von ungemütlichen Winden und Trockenheit geprägt und nur mit einer kargen Grasschicht bedeckt ist. ©Robert Seitz / naturfotografen-forum.de

___________________________________________________________________________

Hier geht's zu meinem vorigen Naturparadies: Die Prärien Nordamerikas

Text: FabianN (Fabian Nagel)


Bilder: Titelbild: geo.de

           Rio Santa Cruz: ©mw1.google.com

           Andenkondor: ©Jürgen Ley / naturfotografen-forum.de
 

Quelle: Die letzten Naturparadiese der Erde (Buch), spiegel.de, geo.de, patagonautas.com
 

Weiterempfehlen

Kommentare (5)
Um einen Kommentar zu schreiben einfach registrieren oder einloggen.
Sortieren nach Aktualität:
30.03.2014
Johannisbeere1502 hat geschrieben:
Ich bin erst jetzt dazu gekommen, diesen Bericht zu lesen und es hat sich echt gelohnt. So schön umfassend aber leicht zu lesen, kam mir dein toller Bericht wie eine Reportage vor, die schönen Bilder haben das ganze noch unterstrichen...
Ich habe nicht gewusst, wie schön es dort ist :)
Vielen Dank für den Bericht
28.03.2014
LaLoba hat geschrieben:
Das klingt wirklich nach einer wahnsinnig schönen Gegend! Ich wusste gar nicht, dass Argentinien so eine abwechslungsreiche Landschaft hat. Bei deinen tollen Beschreibungen bekomme ich gleich Lust einmal hinzureisen!
Vielen Dank für diesen wieder einmal gelungenen Artikel!
27.03.2014
Gluehwuermchen hat geschrieben:
Wirklich sehr schön geschrieben, es macht immer sehr viel Spaß, diese Artikel zu lesen!
26.03.2014
midori hat geschrieben:
Wow Fabi! Du hast Dich wieder selbst übertroffen. Wie wundervoll Du diese einzigartigen Landschaften beschreibst - in Dir steckt ein kleiner Goethe! ;o) Es ist schön, diese Naturparadiese so umfassend und doch detailreich kennenzulernen. Ich freue mich schon total auf Deinen nächsten Artikel!! ;o)
26.03.2014
somebodywholovesourearth hat geschrieben:
Danke für diesen wirklich tollen Bericht!Warst du schon in Pantagonien? Wegen "600 Kilometer Pampa, darauf folgen eintönige, endlos wirkende Graslandschaften, in denen man sich schnell verliert. Diese windgefegten Landschaften wecken in einem das Gefühl von Betäubung, ein Zustand, in dem es scheint, als passiere nichts – die Landschaften Patagoniens berühren einen tiefer als man denkt." Für mich hört sich das an als ob du schon dort warst und weckt in mir den drang diese Landschaft live zu sehen.
Ich finde du hast die Landschaft sehr gut beschrieben, sodass man sie sich bildlich vorstellen kann. Ich finde es auch super, dass au die Tiere und ihre Lebensarten mit in den Bericht geschrieben hast.
Mit den Bilder kann man sich Pantagonien vorstellen, aber ich denke, es wird noch eins meiner Reiseziele in meinem Leben werden.
Ich freue mich auf den nächsten Bericht deriner Serie!
Login
E-Mail


Passwort


Kostenlos registrieren
Mitglied werden
Mitglied des Monats
teaser_221.png


Deine Ansprechpartner
Marcel
Marcel Gluschak
WWF Jugend Community Manager
zum Profil
Luise
Luise Neßler
WWF Jugend Community Moderatorin
zum Profil
MarcelB
Marcel Brüssow
WWF Jugend Redaktion
zum Profil
Ronja96
Ronja Post
WWF Jugend Aktionsteamer
zum Profil
HannahFee
Hannah Fesseler
hilft dir bei technischen Fragen
zum Profil
AndreaRentschler
Andrea Rentschler
hilft dir bei Fragen zur WWF Jugend Mitgliedschaft
zum Profil
NicoleB
Nicole Barth
hilft dir bei Fragen rund um die WWF Jugend Camps
zum Profil
Folgen und mit Freunden teilen