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Mit Skateboards die Meere schützen! - Kampf gegen die unsichtbare Gefahr


von fraufuchs
17.05.2016
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Um sich einer ganz speziellen Aufgabe zu widmen, kündigten Ben Kneppers, David Stover und Kevin Ahearn aus den USA ihre Jobs und gründeten ein Unternehmen, das Skateboards zum Schutz der Meere herstellt. Klingt komisch? Funktioniert aber! Ihr Ziel ist es, das ernste Müllproblem unserer Ozeane zu bekämpfen. Die Boards, die unter dem Namen „Bureo“ produziert werden, bestehen aus recycelten Fischernetzen.

Zur Auffrischung: 450 Jahre braucht eine PET Flasche, um zu verrotten. Doch diese Dauer kann überboten werden: Angelschnüre benötigen ganze 600 Jahre. Solche Schnüre und weiteres Fischereigerät machen derzeit 10% des gesamten Meeresmülls aus. 1997 fielen laut der US Academy of Science weltweit 6,4 Mio. Tonnen maritimer Müll pro Jahr an, überwiegend aus Kunststoff. Diese Menge hat sich leider, so viel ist sicher, nicht verringert. Bei einem Anteil von 10% sind es also mindestens 640.000 Tonnen Fischereigerät jährlich.

Man spricht in diesem Kontext von Geisternetzen, verlorengegangenen Netzen, die herrenlos umhertreiben oder an Unterwasserhindernissen festhängen. Sie fischen unkontrolliert weiter -mit schwerwiegenden Folgen für Fische, Meeressäuger und Wasservögel. Global betrachtet finden sich vor allem festhängende Netze an Wracks und Geröll. In der Ostsee konkret sind es überwiegend Stell- und Schleppnetze, 5-10.000 Teile werden vermutet. Viele Wracks am Ostseeboden – Schiffe, Flugzeuge, Munition – stammen aus Kriegszeiten. Allein vor der Küste MVs liegen etwa 2000, um Rügen 150 Wracks.

aus: World Ocean Review 1 (2010)

©Wolf Wichmann/ WWF

Wodurch gehen Fischernetze verloren?

Oft gehen Netze durch Vandalismus, im Zuge illegaler Fischerei oder weil sie kaputt sind über Bord. Viele allerdings landeten in vergangenen Jahrzehnten vor allem unabsichtlich im Meer, beispielsweise durch das Hängenbleiben an Objekten im Wasser, („Hackern“), durch das Losreißen bei Sturm, oder Fragmente lösten sich durch Kollision mit anderen Geräten. Letztendlich „vermüllen“ Netze die Fanggründe. Jeder Verlust bedeutet zudem finanziellen Schaden, ein sofortiger Bergeversuch wäre also naheliegend. Oft aber fehlen technische und finanzielle Mittel dafür.

Nach dem zweiten Weltkrieg mussten die Menschen in den zerstörten Ländern schnell mit Nahrungsmitteln versorgt werden. Man griff auf Protein maritimen Ursprungs zurück und setzte immer mehr Schiffe und Netze ein, wodurch die Menge potenzieller Verluste stieg. Zudem vergrößerte man das Fangvolumen der Netze und es kam zu einer entscheidenden Wendung in der Produktion: Ab 1950 ersetzten Synthetik-Netze (z.B. aus Nylon) die bis dahin aus Naturmaterial gefertigten Netze (z.B. aus Baumwolle, Leinen), da diese biologischen Abbauprozessen gegenüber resistent und somit lange und effizient nutzbar sind.

In der Seefahrt lassen sich heutzutage die geographischen Positionen von Schiffen und eventuellen Hindernissen exakt bestimmen. Nach dem Krieg hatte man in dieser Hinsicht nur wenige Möglichkeiten bzw. die Daten waren eher ungenau. Infolgedessen kollidierte man häufig mit Wracks –oft den gleichen, bereits bekannten - und Netze gingen verloren. Aber auch heute verfügen nicht alle Fischer über das notwendige technische Equipment.

Auswirkungen auf die Umwelt

Durch Geisternetze kommt es langfristig zu viel unnützem und unkontrollierten Fang von Meerestieren. Die Fangeffizienz ist natürlich abhängig vom Profil, der Maschengröße und der materiellen Beschaffenheit des Netzes. Generell ist sie auch niedriger als in der kontrollierten Fischerei und sinkt mit der Zeit auf durchschnittlich 20% nach 3 Monaten, auf 5-6% nach 27 Monaten. Dennoch:

* Fische nutzen Wracks als Verstecke und „Kindergärten“. Einmal in daran hängenden Netzen verfangen, gibt es kein Zurück.

©Philipp Kanstinger / WWF

* Seevögel und Meeressäuger verstricken sich schnell und verenden qualvoll. Ein Beispiel: Basstölpel auf Helgoland, die ihre Nester mit Netzfragmenten bauen und sich dabei häufig strangulieren.

©WWF Deutschland/ Sascha Regmann/ project Blue Sea/ MarinePhotobank

* Die Kunststoffnetze zersetzen sich langfristig in immer kleinere Teile, bis sie Mikroplastik sind. Oft erleiden Tiere innere Verletzungen bzw. verhungern mit vollem Magen, weil sie die Teile mit Nahrung verwechseln. Gelangt Mikroplastik in die Nahrungskette, landet es letztendlich auch auf unseren Tellern, wenn wir Fisch essen. Im Magen eines Anfang 2016 an der dt. Nordseeküste gestrandeten Pottwals wurden große Überbleibsel eines Netzes gefunden.

©Kanna Jones/ Marine Photobank

* Geisternetze sind oft schlecht sichtbar und somit eine Gefahr für Taucher.

* Zuletzt beschädigen die Netze auch Wracks von historischer Bedeutung, wenn sie an deren Planken "scheuern".

 

Was wird gegen Geisternetze unternommen, welche Maßnahmen gibt es generell?

1. Auf politischer Ebene bedarf es geeigneter Vorschriften: Verlorene Netze sollten geborgen oder zumindest inklusive Positionsdaten gemeldet werden. Schiffe benötigen dafür allerdings notwendiges Equipment. Beim Gipfeltreffen der G7 Gruppe 2015 war die Reduzierung des Mülls in Nord- und Ostsee erfreulicherweise Thema.

2. Zur Prävention muss sich die Kommunikation zwischen den Fischern verbessern. So sollten Fangquoten rational gemanagt, das Fischen bei Sturm und die Kollision der Netze unterschiedlicher Schiffe vermieden werden. Zudem muss man in Navigationstechnologien investieren und das Know-How moderner Fischerei schulen. Sogenannte Hackerkarten, in denen Hindernisse eingetragen werden, helfen weiter und wurden bereits vom WWF Polen iniziiert.

3. Um negative Effekte zu minimieren, sollten verlorene Netze schnell geborgen, wenn dies nicht möglich ist gemeldet werden. Eine weitere Idee sind akustische Signalgeber an den Netzen, um sie nach Verlust schneller zu orten. Nachgedacht wird auch über eine Entschädigung für Fischer, die Geisternetze in den Häfen abliefern.

Alles in allem spielt Geld eine wichtige Rolle zur Realisierung der genannten Maßnahmen.

 

Beim Punkt Prävention ist Bureo ein Vorreiter. Die Gründer, allesamt leidenschaftliche Surfer, überlegten sich: Noch bevor Netze möglicherweise ins Meer entsorgt werden, könnte man sie sammeln. Gesagt, getan: Mithilfe von Crowdfunding richtete das neue Unternehmen Sammelstellen für ausrangierte und kaputte Fischernetze an den Küsten Chiles ein. Dazu wurde auch "NetPositiva", Chiles erstes Netzsammlungs- und Recyclingprogramm, durch Bureo ins Leben gerufen. Produziert werden die Boards in Kalifornien. Nach Säuberung und Zerkleinerung werden die Netze geschmolzen und die Masse in eine Form gegossen. Anschließend kommen Achsen plus Rollen dran- fertig ist das Skateboard! Man kann es auch in Deutschland für etwas über 100,- Euro erwerben. Wer eins will, schaut auf der Homepage www.bureoskateboards.com vorbei! :)

Bergungsaktionen und Projekte vom WWF

Seit 2011 gab es mehrere Projekt iniziiert vom WWF Polen. Im Vordergrund steht das Ziel, ein Fördersystem für Fischer zu kreiieren, damit sich diese and der Netzentnahme beteiligen. Mit EU Hilfe wird seit diesem Jahr das ostseeweite Projekt "MARELITT" zur umweltfreundlichen Müllreduzierung und -Verarbeitung umgesetzt.

Professionelle Taucher unterstützen den WWF bei der Bergung. Nach geographischer Lagebestimmung, u.a. durch Hackerkarten, werden ausgewählte Wracks durch Taucher "gesäubert". Sie schneiden Netze frei, die dann an Bord gezogen und untersucht werden können. Das Ergebnis ist stets ähnlich: Tonnenweise Netze, in denen tote oder noch lebende Fische sowie (Plastik!)Müll hängen. Vor Rügen beispielsweise bargen Taucher binnen fünf Tagen unglaubliche vier Tonnen Netze. Zur Bergeaktion mit der "Seefuchs" gibt es bereits diesen Artikel.

©WWF

 Eine alternative Möglichkeit zur Bergung ist die "Netzegge". Sie wird, an einem Fischkutter befestigt, wie ein Rechen über den Grund gezogen und sammelt Netzteile auf. Entwickelt wurde die Egge vom WWF Polen. Zwischen 2011 und 2015 wurden so mit Unterstützung durch 100 Fischer 350 Tonnen Netzmaterial in polnischen und litauischen Gewässern geborgen.

©WWF

Rohstoffe zur Wiederverwertung

Geborgene Netze können an Land gereinigt, in Container verfrachtet, an Recyclingfirmen geschickt und dort untersucht werden: Auf die stoffliche Zusammensetzung, die Größe, den Verschmutzungsgrad und damit die Eignung zum Recycling. So passiert es derzeit auch mit den Netzen von Rügen. Oft lagern sich Stoffe wie Petroleum in den Netzen an. Unter Umständen sind sie dadurch nicht mehr nutzbar.

Der WWF arbeitet auch mit EDEKA und dem Kleidungshersteller VAUDE zusammen. Ein wichtiger Partner im Projekt ist auch das Entsorgungsunternehmen Tönsmeier, das den WWF kompetent in Fragen der umweltverträglichen Wiederverwertung berät.

Aus alten Stellnetzen entstehen z.B. Rucksäcke, Socken und Outdoorbekleidung.

Es befindet sich noch immer eine ungeheure Menge von Geisternetzen in unseren Meeren. Sagen wir ihnen den Kampf an und geben ihnen nicht die Chance, weiterhin Schaden anzurichten! Wachsendes Gefahrenbewusstsein und Projekte wie das des Bureo Teams oder Initiativen des WWF lassen auf eine Trendwende hoffen, die in Zukunft Nachhaltigkeit sowie Fortschritt beim Recycling fördert.

 

PS: Wer interessiert ist, schaut sich die Nordstory über Geisternetze an, erschienen im November 2015 im NDR. http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/die_nordstory/Geisternetze-vor-Ruegen,dienordstory452.html

PPS: Kleidung aka ehemalige Netze shoppen geht hier, hier oder hier.

*********************************************

Quellen

http://www.tauchen.de/news/toedliche-geisternetze/
Final Project Report 2011 WWF Poland http://awsassets.wwfpl.panda.org/downloads/ghostnet_en_1.pdf
Final project Report “Removal Of Derelict Fishing Gear, lost Or Discarded By Fishermen In The Baltic Sea” by WWF Poland, 2015
Ostseebüro-Knowledge
http://www.bravo.de/wie-aus-muell-skateboards-werden-338888.html
http://www.bureoskateboards.com/
https://mpora.de/articles/sustainable-recycling-bureo-skateboards-recycling-fischernetze.html#YzWudxoDh6aVudBE.97

Titelbild
http://assets.inhabitat.com/wp-content/blogs.dir/1/files/2014/05/bureo-skateboards-recycled-fishnet-deck-2.jpg

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Kommentare (4)
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18.05.2016
Buchenblatt hat geschrieben:
Schöne Idee! Wenn ich Skateboardfahren könnte, würde ich sofort zu so einem Board greifen. Auf Helgoland sind die Netze echt ein Problem. Man kann dort super Vögel beobachten. Doch leider sieht man an den Klippen wirklich auch immer strangulierte Vögel oder sogar Küken.
18.05.2016
fraufuchs hat geschrieben:
Danke Anne :)

@Wasserjunge, dir ebenfalls danke! Den Link hatte ich im Artikel, nur leider scheint etwas schief gelaufen zu sein und er wird nicht vollständig angezeigt :o :(
18.05.2016
Wasserjunge hat geschrieben:
Gut geschriebener Artikel, dazu ein sehr wichtiges Thema, top! :)
Etwas wenig Bezug zur Überschrift im Bezug auf das Skateboard. Feier ich selbst schon lang, also pack doch den Link zur Seite in den Artikel! :)
-->http://shop.bureo.co/collections/bureo
17.05.2016
Anne-Sophie hat geschrieben:
Geisternetzte sind wirklich ein ernstzunehmendes Thema geworden. Schön, dass Du so ausführlich darüber berichtest!
Die Skateboards sind umweltschonend, upgecycelt und sehen dazu noch super cool aus. Da loht sich die 100€ teure Investition auf jeden Fall.
Danke für Deinen Bericht! :-)
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