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Geisternetze können ewig weiterfischen


von Marcel
09.09.2013
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Geisternetze werden die verloren gegangenen Fischernetze genannt, die noch Jahrzehnte durch die Meere treiben. An Wracks auf dem Meeresgrund verhaken sie sich besonders oft. Deshalb haben 15 Taucher im August 2013 in der Ostsee Wracks rund um Rügen und den Greifswalder Bodden betaucht. Philipp Kanstinger vom WWF Deutschland ist Forschungstaucher und war eine Woche lang mit an Bord und unter Wasser.

WWF Jugend: Philipp, was war das Ziel der Ostsee-Expedition?

Philipp: Aufgabe unserer Expedition war, zu schauen wie viele Netze wir auf dem Meeresgrund finden und ob sich dort Tiere verfangen haben. Wir wollten wissen, ob man die Netze in einer weiteren Expedition bergen kann. Dafür haben wir Netzproben genommen und Material und Maschenweite untersucht. So kann man besser einschätzen, ob die Netzteile bei der Bergung reißen werden, ob sie zum Beispiel biologisch abbaubar sind oder aus Plastik bestehen.

Was ist so schlimm an den Geisternetzen, warum sollen sie geborgen werden?

Als erstes ist es natürlich einfach Müll, der nicht ins Meer gehört. Außerdem fischen einige Netzarten sozusagen ewig weiter: Netze, die nicht biologisch abbaubar sind, fangen für Jahrzehnte unter Wasser einfach weiter Fische und andere Lebewesen, die darin verenden. In Angelleinen oder Schleppnetzen können sich auch größere Tiere verheddern wie Robben oder Seevögel. Wir wollten wissen, inwieweit das alles auf die Ostsee zutrifft und wie viel man dann da unten tatsächlich findet.

Welche Wracks habt ihr in der Ostsee untersucht?

Das ist unterschiedlich. Wir haben Lastkähne betaucht und alte Fischkutter - sowohl relativ neuzeitliche als auch welche aus den 1920er Jahren. Außerdem sind wir an mehreren Geröllfeldern getaucht. Das waren Schiffswracks wie die MS Hamburg, ein großes Passagierschiff, das 1945 auf eine Seemine gelaufen ist und untergegangen. Das Wrack wurde schon nach dem Krieg abgetragen, und auf dem Meeresboden ist nur ein großes Trümmerfeld übrig geblieben.

Und was habt ihr bei den Tauchgängen gefunden?

An den größeren, intakten Wracks hingen tatsächlich ziemlich viele Netze. Der größte Teil davon waren Schleppnetze. Und wir haben Angelleinen gefunden ohne Ende. Ich war überrascht, wie schnell die Schleppnetze an den Wracks von Muscheln überwachsen wurden. Die Netze werden sozusagen in das Wrack inkrustiert. Man konnte teilweise gar nicht mehr erkennen, wo das Wrack aufhört und die Netze anfangen.

Gab es ein besonders beeindruckendes Taucherlebnis?

Unser dritter Tauchgang hat mich sehr beeindruckt: Das Wrack heißt "Fliegender Holländer", liegt auf 25 Meter Tiefe, und man dringt langsam in die Schwärze des Meeres runter. Die Lichtverhältnisse werden sehr schnell sehr schlecht in der Ostsee. In 25 Meter Tiefe ist es extrem dunkel. Da war das relativ gut intakte Schiff, wie man sich ein Wrack vorstellt, wahrscheinlich aus den 1920er Jahren. Und es war über und über mit diesen Netzen bedeckt, die sozusagen ein weißes Spinnennetz um das Wrack gebildet hatten. Links und rechts sind außerdem noch Netze in der Wassersäule gewabert. Das war fast gespenstisch – passend zu dem Begriff Geisternetze.

Welche Schwierigkeiten gibt es bei der Bergung solcher Netze?

Viele der Wracks sind relativ alt. Das ist ja auch Kulturgut, das darf man nicht zerstören oder beschädigen. An einigen Stellen wird es tatsächlich schwierig bis unmöglich, die Netze zu bergen. Die meisten haben sich durch die starke Strömung schnell in den Wracks verheddert. Da muss man tatsächlich nach freischwebenden Netzen schauen, damit man sie abschneiden kann ohne die Wracks zu beschädigen. Außerdem sollte man versuchen, Netze zu lokalisieren, die gar nicht an Wracks hängen. Es gibt sogenannte Kiemen-Netze, die gehen häufig verloren, wir haben sie aber an den Wracks kaum gefunden. Das lässt vermuten, dass sie in anderen Gebieten herumschwimmen. Aber es ist natürlich schwieriger, so ein Netz dann im Meer zu finden.

Wie geht es jetzt weiter?

Es wird eine weitere Expedition geben, höchstwahrscheinlich im Herbst, um noch weitere Netze für eine Bergung zu lokalisieren. Im Frühjahr, wenn die Sichtweite unter Wasser besser ist, müssen die gefundenen Netze noch einmal genau dokumentiert werden. Nächsten Sommer ist dann die Bergung der Netze geplant.

Was müsste sich ändern, damit es gar nicht mehr so weit kommt?

Die Fischer sollten zum Beispiel Fanggeräte nutzen, die nicht mehr fangen können, wenn sie verloren gehen. Bei einer Fischfalle kann man Ausgänge schaffen, die geöffnet werden, wenn die Falle mehrere Wochen unter Wasser ist. Das geht durch oxidierbare Verschlussmechanismen. Es wäre natürlich sowieso besser, biologisch abbaubare Netze zu benutzen. Und man kann die Netze auch kodieren. Wenn jeder Fischer seine eigene Kodierung hat, bekommt man heraus, wer die Netze als Müll über Bord wirft. Insgesamt ist auch einfach eine größere Aufmerksamkeit für das Thema wichtig.

Das Interview führte Stephanie Probst.

Foto: Taucher © Baltic Sea 2020 / WWF; Philipp Kanstinger bei der Analyse der Geisternetz-Proben © Baltic Sea 2020 / WWF

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Kommentare (7)
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12.09.2013
4lexSchneegans hat geschrieben:
Wenn es schon hier so schlimm ist, wie ist es dann in.den anderen Meere ? Macht da auch irgendjemand irgendwas ???
12.09.2013
Niiura hat geschrieben:
@lolfs:das hab ich auch gedacht, sich gibts da noch interessantedinge zu sehen, aber wenn se auf dem meeresboden liegen bringen sie keinem was...da muss man sie schon bergen
11.09.2013
lolfs hat geschrieben:
Kulturgut unter Wasser? - Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Sicherlich an einigen Stellen durchaus angebracht, auch wenn es keine Menschensseele jemals sehen wird. Doch im Bericht klingt es so, als gäbe es davon eine Menge?
11.09.2013
killerwal hat geschrieben:
das ist echt schlimm. die fischer müssste man ja auch aufklären und ein erstes thema daraus machen. sonst wird das nie was. ich finde es super, dass die wwf die netze bergt. : )
11.09.2013
LSternus hat geschrieben:
Danke für den Bericht.
Diese Geisternetze sind ein echtes Problem, dass die sich nichtmal irgendwann auflösen.
10.09.2013
Smilex hat geschrieben:
Ich habe den Bericht schon auf facebook gesehen .. und natürlich sofort geteilt .. ganz schön gruselig mit diesen Geisternetzen. Sie fischen einfach selbstständig weiter .. für immer :/
09.09.2013
screamingeagle hat geschrieben:
allein in der Ostsee scheint es ja massenweise Geisternetze zu geben, wie schlimm!
Der normale Verbraucher denkt sicherlich beim Kauf von Fischprodukten gar nicht daran, dass viele weitere Fische auch durch solche Methoden der Menschen sterben müssen, bloß völlig umsonst!!!
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