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"Ein Super-GAU für die Natur - und für die Erdölindustrie“


von Marcel
07.06.2010
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Nach dem Untergang der Ölbohrplattform „Deepwater Horizon“ im Golf von Mexiko am 20. April treten aus mehreren Lecks inzwischen vermutlich mindestens 800 Tonnen, vielleicht sogar 2.000 Tonnen Erdöl pro Tag aus. Wir sprachen mit dem WWF-Meeresschutzexperten Stephan Lutter über die Folgen und Auswirkungen der Katastrophe.

WWF Jugend: Bis jetzt hat keine technische Maßnahme von BP den Ölfluss am Meeresgrund im Golf von Mexiko stoppen können. Warum nicht?

altStephan: Weil alle diese Techniken, die es im Inventar der Ölindustrie gibt, nur in flacheren Gewässern erprobt sind. Doch das ist keine Gewähr dafür, dass sie auch in Tiefen von mehr als 1.500 Metern funktionieren. Dort muss man Roboter einsetzen und hat daher keinen direkten Zugriff mehr auf die Ölquelle. Somit wird es unkalkulierbar, ob der Einsatz nutzt oder den Schaden sogar noch vergrößert.

WWF Jugend: Möglicherweise, so Carol Browner, Energieberaterin des US-Präsidenten, sprudelt die Ölquelle noch bis August. Das klingt unvorstellbar. Hat es je eine vergleichbare Ölpest gegeben?

Stephan: Die Ölpest hat inzwischen ein Ausmaß, das weit über das hinausgeht, was an Rohöl durch die historisch schlimmsten Tankerunfälle freigesetzt wurde - in Europa zum Beispiel die Torrey Canyon 1967 oder die Amoco Cadiz 1978, beide vor der bretonischen Küste. Es übertrifft auch die Ölmenge, die bei der Havarie der Exxon Valdez vor Alaska 1989 ins Meer austrat. Bei all diesen Fällen trieb das Erdöl an der Oberfläche und wurde an die Küsten gespült – mit den bekannt schlimmen Folgen. Im Golf von Mexiko ist das ganz anders: Das Öl bleibt mit dem Wasserkörper ständig durchmischt. Das wurde kurzfristig durch den Einsatz von Chemikalien sogar noch begünstigt.

WWF Jugend: Was bewirkt die Durchmischung von Öl und Salzwasser?

altStephan: Diese Durchmischung bewirkt einerseits, dass Bakterien das Öl besser abbauen können und dabei viel Sauerstoff verbrauchen. Andererseits werden dadurch die Schadstoffe über das ganze Ökosystem verbreitet. Das betrifft dann im großen Stil vor allem die Larven von Tieren, die im Wasser aufwachsen und sich später an der Küste oder auf dem Meeresboden niederlassen wie zum Beispiel Fische, Muscheln oder Krebse. Und noch viel mehr Kleintiere am Anfang der Nahrungskette.

Der Lebensraum Meer wird im großen Stil durchseucht – bis hin zu den giftigen Stoffen, die auch von Öl abbauenden Bakterien gar nicht geknackt werden können und sich in den Nahrungsketten anreichern. Mit noch ungeahnten Folgen. Die Ölpest ist daher ein Super-GAU für die Natur und die Menschen im Golf von Mexiko - und zugleich für die Erdölindustrie weltweit. Ein "Weiter so“ wie bisher wird es nun nicht mehr geben können.

WWF Jugend: Jetzt beginnt die Hurrikan-Saison im Golf von Mexiko. Auf welche Folgen müssen wir uns jetzt einstellen?

Stephan: Das Öl könnte nun in noch mehr Wasserschichten verteilt werden, es könnte aber auch verstärkt an die Küste geschwemmt werden. Man weiß es nicht. Es könnte auch sein, dass das Öl-Wasser-Gemisch in den Atlantik gelangt, dort in den Golfstrombereich und von dort in die Karibik. Sollte das Öl in den Atlantik gelangen, bestünde das große Risiko, dass es auch in sensible Gewässer wie die Sargassosee gelangt, in der zum Beispiel die europäischen und amerikanischen Aale laichen. Deren Bestände sind bereits heute durch Überfischung dezimiert.

Das hätte dann auch internationale Folgen, denn die Sargassosee ist Hohe See. Das würde bedeuten: Durch ein national verursachtes Desaster wird internationales Naturerbe verseucht. Und niemand wird vermutlich für den Schaden bezahlen.

WWF Jugend: Nach heutigem Kenntnisstand: Wird die Natur je wieder den Stand vor der Ölpest erreichen? Oder wird es bleibende Schäden geben?

Stephan: Das Öl wird in den Küstenablagerungen, den Schlick- und Sumpfflächen, nicht abgebaut werden können, weil der Sauerstoff fehlt, der dazu notwendig wäre. Es wird also dort begraben bleiben. Nach bisherigen Erfahrungen wird es dann mindestens 10 bis 20 Jahre brauchen, bis sich das Ökosystem einigermaßen regeneriert hat. Aber danach wird es auch nicht mehr dasselbe wie vorher sein.

altWWF Jugend: Warum wird das Öl nicht im großen Stil aufgesaugt?

Stephan: Was im Golf von Mexiko auffällt, dass es dort anscheinend keine staatliche, unabhängige Bekämpfungsflotte gibt, sondern alles in der Hand der Ölindustrie selbst liegt. Ursache ist vermutlich ein Filz zwischen der Industrie und den Behörden, der auch schon thematisiert worden ist.

In Deutschland haben wir zum Beispiel ein unabhängiges, staatliches Havariekommando – die allerdings ab bestimmten Windstärken und entsprechenden Wetterbedingungen auch machtlos wäre bei einem solchen Unfall.

WWF Jugend: So ein Unglück könnte demnächst auch in der Arktis, aber auch in Europa westlich von Irland, Schottland und der Barentssee passieren. Können wir das verhindern? Wenn ja, wie?

Stephan: Momentan üben wir als WWF politischen Druck aus, vor allem der WWF Norwegen in der Barentssee im Norden gegen weitere Ölbohrungen dort. Zudem müssen wir jetzt auch gegen die Erschließung tieferer Ölquellen westlich der Nordsee politisch vorgehen. Genau das ist von Irland und Großbritannien geplant und findet vor den Shetland-Inseln längst statt. Auch Dänemark hat vor den Färöer-Inseln Ölbohrpläne, sogar Island – obwohl der Inselstaat eigentlich eine ausreichende eigene Energieversorgung besitzt. Auch dort müssen wir politisch vorbeugen. Im Nordpolarmeer und bei den Lofoten ist der Druck seitens des WWF bereits aufgebaut, aber westlich der Nordsee an der atlantischen Front müssen wir noch mehr tun.
 

Die Fragen stellte Donné Norbert Beyer.

Bilder: Ein verölter Vogel infolge der Ölkatastrophe an der Küste der Bretagne, 1999 © Nigel Dickinson / WWF-Canon; Stephan © WWF; Erdölgewinnung im Meer: Der Einsatz in der Tiefsee ist unkalkulierbar. © U.S. Coast Guard; Die US-Küstenwache beim Ausbringen von Ölbarrieren. © U.S. Coast Guard

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Kommentare (1)
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08.06.2010
KatevomDorf hat geschrieben:
guter artikel und ich könnte mich so über BP aufregen... echt so mieß und dann müssen die nur nen paar milliarden zahlen und schon sind die wieder fein raus aus der sache... hallo!?!? es geht immerhin um die umwelt!!! sie ist kapital allen lebens....
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