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Die Ölpest vor Mexiko - „Ökosysteme drohen zu ersticken“


von Marcel
29.04.2010
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Interview mit dem WWF-Meeresschutzexperten Stephan Lutter zu den Folgen der Umweltkatastrophe:

WWF Jugend: Stephan, nach dem Untergang einer Ölbohrplattform im Golf von Mexiko treten aus mehreren Lecks mittlerweile schätzungsweise bis zu 760 Tonnen Erdöl pro Tag aus. Was bedeutet das Ölunglück für die Region?

altStephan: Wenn wir mit ähnlichen Unfällen vergleichen, die es bereits gegeben hat, zum Beispiel mit jenem letztes Jahr nordwestlich von Australien, wo es zehn Wochen dauerte, das Leck zu schließen, dann kommen wir schnell in Dimensionen wie bei der Havarie des Tankers Exxon Vadez vor Alaska vor über 20 Jahren, bei dem 42.000 Tonnen Rohöl ins Meer flossen. Die Folgen dort sind heute noch zu sehen.

Zwar bauen sich in der arktischen See solche Verschmutzungen noch viel langsamer ab. Doch eines haben beide Gebiete gemeinsam, übrigens auch mit der Nordsee, wo ebenfalls Erdöl gefördert wird: Alle sind biologisch sehr produktive Ökosysteme, in denen zugleich viel Fischerei betrieben wird. Das heißt: Neben einem allgemeinen Schaden für das Ökosystem werden auch kommerzielle Fisch- und Schalentierbestände leiden.

WWF Jugend: Der Ölteppich ist nur noch etwa 30 Kilometer von der Küste Louisianas entfernt. Was passiert, wenn er die Küste erreicht?

altStephan: Dort gibt es Lebensräume, die sehr empfindlich auf Ölverschmutzungen reagieren werden. Während es in der Nordsee das Wattenmeer mit seinen weiten Gezeitenflächen gibt, gibt es dort Lagunen und Mangrovensümpfe als Gezeitengebiete. Beiden gemeinsam ist: Wenn Erdöl auf die Schlickflächen auftritt, schneidet es die gesamte Lebensgemeinschaft darunter von der Sauerstoff- und Wasserzufuhr ab. Sie erstickt langsam. Und wo die Lebensgemeinschaft nicht erstickt, tragen all die Würmer, Muscheln und Schnecken das Öl noch tiefer in den Boden ein. Und dort bleibt es auf Jahre liegen, weil unter Sauerstoffabschluss kein natürlicher Erdölabbau stattfindet. Man rechnet, dass sich Lebensräume wie Schlickflächen und Salzwiesen frühestens nach zehn Jahren erholen.

altHinzu kommen die Gefahren für die Tiere an der Oberfläche. Watvögel etwa stochern typischerweise im Schlick. Dadurch werden sie sich verölen. Dort brüten Braune Pelikane und seltene Weißkopfseeadler. Und ähnlich wie am Atlantik ist auch die Golfküste ein Orientierungsweg für wandernde Zugvögel. Wenn das Ausmaß der Ölpest noch größer werden sollte und auch Florida erreichen würde, dann würde das Öl auch Korallenriffe und Seegraswiesen verschmutzen – unter anderem die Lebensräume der Seekühe.

WWF Jugend: Die US-Küstenwache setzt nun Teile des Ölteppichs kontrolliert in Brand. Ist das eine sinnvolle Maßnahme?

Stephan: Es ist die zweitsinnvollste Maßnahme, wenn man die Ölmenge anders nicht mehr beherrschen kann. Die sinnvollste ist natürlich immer, das Öl abzusammeln. In Europa wird das auch prinzipiell immer zuerst so versucht – mit Ölauffangschiffen und Barrieren.

altDas Abflammen wird helfen, den Ölteppich, der die Küste erreicht, zu verringern – und damit die rein physikalisch-schädliche Wirkung des Öls. Doch die Schadstoffe aus dem Öl bleiben. Rohöl ist nun mal sehr giftig. Da sind Schwermetalle drin, außerdem polyzyklische, aromatische Kohlenwasserstoffe, PAKs genannt – also Krebs erregende Stoffe, ferner Schwefelverbindungen, die alle jetzt durch das Verbrennen als Rückstände im Meer bleiben oder in die Erdatmosphäre und Böden gelangen.

WWF Jugend: Was wäre nach dem Unglück zu tun? Die Küsten reinigen, Schlick abtragen? Oder alles der Natur überlassen?

Stephan: Ölreinigungsmaßnahmen sind eigentlich nur an harten Felsküsten und Sandstränden erprobt. Das gestaltet sich dort schon schwierig. Ganze Schlickflächen zu entnehmen, wäre auch eine Zerstörung des Ökosystems. Vermutlich bleibt nichts anderes übrig, als die Flächen der Natur zu überlassen, bevor man noch mehr Schaden anrichtet.

WWF Jugend: Wie kann man in Zukunft solche Katastrophen verhindern? Durch bessere Technik? Oder durch Verzicht auf Bohrungen in fragilen Ökosystemen?

Stephan: Klar Letzteres. Sowohl dieser Unfall als auch der letztes Jahr in australischen Gewässern geschahen ja nicht auf alten maroden Bohrinseln, sondern auf supermodernen Plattformen auf dem neuesten Stand der Technik. Trotzdem passieren dort Unglücke. Das liegt eben daran, dass in immer größeren Meerestiefen nach Erdöl gebohrt wird – und in immer küstenferneren Gebieten. Dieser Trend ist weltweit zu beobachten, auch in Europa, etwa auf der Westseite der Britischen Inseln oder in der Barentssee. Der WWF engagiert sich massiv dagegen.

Denn mit immer größerer Wassertiefe steigt das Risiko, weil in diesen Tiefen von bis zu 2.000 Metern mit menschlichem Einsatz nicht mehr repariert werden kann, sondern nur noch mit Unterwasserrobotern. Diese Technik jedoch ist sehr schwer beherrschbar.

WWF Jugend: Was sollte die Politik nun tun?

Stephan: Die Obama-Administration sollte ihre gerade erst vor drei Wochen angekündigte Freigabe für weitere Erdölerschließungen vor der Atlantikküste überdenken. Generell fordert der WWF, Zonen ohne Ölförderung in besonders empfindlichen Gebieten unserer Ozeane auszuweisen. Klima- und Meeresschutz müssen an einem Strang ziehen, um den Einsatz fossiler Energieträger und Ölhunger der Förderstaaten und Industrien zu begrenzen.

 

Fotos:
Verschmutzte Vögel: Nur eine der schlimmen Folgen von Ölkatastrophen. © WWF-Deutschland
Stephan Lutter © WWF-Deutschland
Ölplattform vor Texas im Golf von Mexico. © Michael Sutton / WWF-Canon

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Kommentare (5)
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11.05.2010
LeLe hat geschrieben:
Noch sehen und hören wir fast jeden Tag von dieser Katastrophe. Viele starren gerade entsetzt auf die Küste vor Mexiko, aber viele Köpfe werden sich bald wieder stumm abwenden.
Man kann das Alles nicht mehr rückgängig machen-letztendlich ist egal wer genau Schuld ist, wer genau zahlt, denn es geht nicht um Geld. Jetzt muss ertsmal alles daran gesetzt werden um den Ölausstrom einzudämmen, auch wenn von Kuppel bis Beton noch nichts geklappt hat und dann müssen wir weg vom Öl und uns in Richtung Alternativen ausstrecken- und zwar so schnell wie möglich.
Ich wünsche mir echt, dass kein Politker diesen riesigen Ölteppich jemals vergisst und das es in eine andere, grüne nicht braun-schwarze Richtung weitergeht!!!
07.05.2010
LeniKalte hat geschrieben:
interessantes interview! es ist wirklich immer wieder erschütternd von naturkatastrophen in einem solchen ausmaß zu lesen und fast noch erschütternder zu bemerken wie abgebrüht bzw abgehärtet man selbst gerade bei solchen geschehnissen doch auch schon ist ...
07.05.2010
LisaMona hat geschrieben:
oh ja da haben wir es mal wieder richtg verbockt!!!es ist immer das selbe...
und lernen die menschen draus? nein!!!!!
(ach ja toller bericht!!)
02.05.2010
Zerschmetterling hat geschrieben:
Ach, ihr seit putzig! Und wie toll wir sind und hey, Unfälle passieren nunmal. -

Aber wirklich: Ich finde das schlimm, sehr schlimm! Ich kann die Dummheit der Menschen (nicht aller Menschen zum Glück) einfach nicht begreifen. Wir können es einfach nicht. Wir haben verlernt MIT der Natur zu leben. Und ich kann es nicht fassen warum das einige einen Sch***dreck interessiert! Ich könnt kotzen bei sowas!
Und das ist ja nicht das erste Mal.
Menschen scheinen sehr lernfähige Erdenbewohner zu sein.
Immer wollen sie mehr, mehr, mehr und zu viel ist nicht genug und sowieso: Das Universum ist zu klein, es muss schon etwas Großes sein! *würg*
01.05.2010
Janine hat geschrieben:
Unter diesem Link findet ihr einen aktuellen Bericht:
http://www.zdf.de/ZDFmediathek/hauptnavigation/nachrichten/#/beitrag/video/1033900/ZDF-spezial:-%C3%96lpest-vor-der-US-K%C3%BCste

..denn leider passiert meistens nichts..
Wenn ich jetzt darüber nachdenke, dass es eine neue Superpipeline in unseren Meeren gibt.. na prima. Wahrscheinlich wird sie auch niemals rosten und nach den gleichen Sicherheitsstandards gebaut werden, wie alle anderen auch. Ja, sie wird sicherlich ganz sicher sein. Denn wir werden immer besser. Wir bauen und bauen und bauen und bauen und nehmen und nehmen und erproben und probieren und nehmen und nehmen und nehmen dabei Rücksicht, wir berücksichtigen die Vergangenheit unserer Technik. Alte Fehler werden beim Bau von Neuem beseitigt. Wir probieren aus - vielleicht, nein, ganz sicher wird diesmal alles gut gehen. Denn wir haben dazu gelernt. Wir haben gelernt, dass wir unsere Technik verbessern können, wir haben gelernt, dass sie stabiler wird und bleibt und was neu ist bleibt neu und was alt ist bleibt neu und was wir brauchen nehmen wir und wir haben gelernt. Aus Allem. Wir lernen ständig dazu, jeden Tag. Wir haben gelernt, dass wir weitermachen können. Umweltkatastrophen? Ja, das passiert hin und wieder. Ja, manchmal gehen auch Ökosysteme kaputt, ja, manchmal. Ja, das kann man nicht reparieren, weil uns das Werkzeug fehlt. Aber unsere Technik, die bleibt und wird immerzu instand gesetzt! Wir müssen nur wissen, wie wir sie reparieren können! Es ist gut, wenn doch mal was kaputt geht. Denn nur dann können wir lernen, wie wir unsere Schäden reparieren können. Was könnte uns besseres passieren? Nur so können wir uns entwickeln. Wir haben gelernt. Wir haben dazu gelernt und lernen jeden Tag mehr. Wir lernen unsere Technik auf noch raffiniertere Weise einzusetzen. Die Raffinerien werden verbessert. Jedes Leck ist eine neue Herausforderung.
Wie gut, dass wir dazu lernen und unsere Technik immer noch verbessern können und ihren Einsatz ausweiten.
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