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den Wellen


Deutschlands größtes Raubtier kann 20 Minuten tauchen


von Marcel
28.07.2011
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Noch immer sind Deutschlands größte Raubtiere ein seltener Anblick in der südlichen Nord- und Ostsee. Rund um Schottland hingegen bewohnen Kegelrobben fast alle Küsten und zahlreiche Inseln. WWF-Mitarbeiter Hans-Ulrich hat sie dort besucht und eine Reportage für uns geschrieben:

Als ich die Nussschale mit Außenborder sehe, kommen mir Bedenken: Das kleine Boot ist nur knapp größer als eine ausgewachsene Kegelrobbe. Damit sollen wir hinausfahren zu den massigen Meeressäugern, die bis zu 300 Kilogramm schwer werden und unberechenbar sein sollen? Doch Skipper Michael beruhigt mich: Das Boot sei unsinkbar. Und vor uns würden Kegelrobben sowieso rechtzeitig ausweichen.

Also tuckern wir los, hinaus auf den Loch Sunart, einen der große Meeresarme an der Westküste Schottlands. Auf dessen zahlreichen kleinen und größeren Inseln treffen sich die Kegelrobben zum Sonnenbaden nach ihren zahlreichen Tauchgängen im kalten, tangreichen Wasser. Verwöhnt von fischreichen Gewässern und einer felsenreichen Küste leben rings um Großbritannien und vor allem um Schottland rund 120.000 Kegelrobben - das entspricht etwa 40 Prozent des Weltbestandes.

Schwupps! Plötzlich lugt eine von ihnen schon aus dem Wasser. Keine zwei Meter von uns entfernt beobachten uns große, neugierige Augen. Offenbar ein Weibchen, meint Michael. Bei ihnen ist die typische kegelförmige Kopfform nicht so stark ausgeprägt. Außerdem haben Kegelrobbendamen nicht so große Nasen wie die Männchen.

Rasch ist sie wieder verschwunden. Dafür tauchen rings um uns immer mehr Köpfe auf. Unser Kommen scheint sich unter den Kegelrobben herumzusprechen. Wir nähern uns einer ihrer Lieblingsinseln, auf denen sie vor Menschen ungestört sind. Außer vor unserem lautstarken Motorboot, denke ich. Doch Michael sagt, solange wir nicht an Land gehen und auf Distanz zu ihren Lieblingsfelsen bleiben, ist das in Ordnung. Michael ist Naturschützer und Wildlife-Fotograf und seit über 20 Jahren mit den Verhaltensweisen der Kegelrobben vertraut.

Und tatsächlich scheint sie unser Boot zwar zu interessieren, aber nicht zu beunruhigen. Jetzt macht Michael den Motor aus und der Wellengang schwappt uns ganz langsam Richtung Liegeplatz der Tiere. Nur noch das Schmatzen des Wassers im dichten Tang ist zu hören. Und das laute Rufen der Alt-Robben - dumpf trötend wie ein röchelndes Nebelhorn.

Einige von ihnen haben sich beste Plätze auf winzigen runden Felsen im Wasser gesichert: Wie eine Banane nach oben gekrümmt balancieren sie auf dem Gestein, das noch nicht einmal eine halben Meter breit aus dem Wasser ragt. Von weitem sieht es aus, als würde ihr massiger Körper federleicht auf dem Wasser liegen. Was bei uns Menschen allenfalls Olympiateilnehmer können, ist für alle Kegelrobben pure Entspannung. Sie haben einfach den Bogen raus.

Ein großes balancierendes Männchen lässt uns sogar ganz nah herankommen und denkt nicht daran, ins Wasser zu flüchten. Mütter mit ihren rund sechs Monate alten Jungen sind da schon schreckhafter: Sie bleiben lieber auf der Insel oder flutschen bei unserem Herannahen rasch hinab ins dunkle Tangwasser.

An Land wirken alle Kegelrobben etwas unbeholfen. Denn ihre Hinterfüße, die starr nach hinten gerichtet sind, eignen sich nicht wirklich zum Laufen. Im Wasser hingegen sind ihre Beinflossen das Gaspedal und ihr Hinterteil mit den kräftigen Seitwärtsbewegungen der Motor. Und weil ihr Körper schön glatt und stromlinienförmig ist, erreichen Kegelrobben bis zu 35 Stundenkilometer unter Wasser. So flott können sie glatt bis in Tiefen von 150 Metern vorstoßen, wo sie sich auch schon mal einen größeren Tintenfisch schnappen.

In dieser Meerestiefe herrscht ein sehr hoher Wasserdruck, der eine Lunge voller Luft einfach zerquetschen würde. Daher atmen Kegelrobben, anders als wir, vor dem Tauchgang erst einmal tief aus. So wird ihre Lunge leer. Wo aber bekommen sie ihren Sauerstoff her? Erstaunlicherweise aus den Muskeln, die speichern nämlich Sauerstoff. Dank dieser Technik können Kegelrobben bis zu 20 Minuten lang tauchen, ohne ein einziges Mal Luft zu holen.

Und weil es so tief unten im Meer stockfinster ist, setzen sie ihre Barthaare als Antennen ein, um zu jagen. Mit diesen spüren sie die kleinsten Wasserbewegungen und orten genau zappelnde Beutetiere.

Gegen das meist kalte Wasser des Nordostatlantiks schützen sich Kegelrobben durch einen dicken "Tauchanzug" aus Blubber. Das ist eine Fettschicht unter ihrer Haut, die gut isoliert und zusätzlich Energie liefert.

Bis zu zehn Kilogramm Fisch braucht eine erwachsene Kegelrobbe jeden Tag, um satt zu werden. Weil ihnen immer wieder unterstellt wurde, sie würden ganze Fischbestände leer fressen, wurden sie bis vor wenigen Jahrzehnten gejagt. Anders als in Schottland waren sie deshalb aus dem Wattenmeer und der südlichen Ostsee verschwunden.

Tatsächlich ist es jedoch der Mensch, der die Meere immer leerer fischt. Die Erkenntnis hat sich auch bei Politikern durchgesetzt: Kegelrobben dürfen inzwischen nicht mehr gejagt werden. Außerdem wurden Schutzgebiete eingerichtet, vor allem die drei Wattenmeer-Nationalparks und die Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft und Jasmund an der Ostseeküste.

Inzwischen sind die großen Meeressäuger von ihrem Haupt-Rückzugsgebiet rund um die felsige schottische Küste auch in die deutsche Nordsee zurückgekehrt. Mittlerweile gibt es im Wattenmeer wieder vier Kolonien mit mehr als 2.000 Tieren, die dort von November bis Januar ihre Jungen gebären und großziehen: bei den Inseln Terschelling, Juist und Amrum sowie auf der Sandbank Düne vor Helgoland.

Und auch an die deutsche Ostseeküste kehren Kegelrobben mittlerweile zurück. Dort waren die Tiere systematisch ausgerottet worden. Auch dort fürchteten Fischer die Robben als Konkurrenz.

Doch die Fischbestände schrumpften auch ohne Robben weiter. Um 1970 gab es nur noch etwa 2.000 Kegelrobben in schwedischen, finnischen und estnischen Gewässern. Um die letzten Tiere zu schützen, wurden schließlich Schutzgebiete eingerichtet und Robbenjagden verboten. Zugleich wurde die Ostsee durch DDT-Verbot und Sanierung von Industrieanlagen sauberer. Der Erfolg: 2007 wurden in der nördlichen Ostsee 22.000 Kegelrobben gezählt.

Und auch an der deutschen Ostseeküste werden erfreulicherweise mehr und mehr Kegelrobben gesichtet. Dies gibt Anlass zur Hoffnung, dass die Tiere auch diesen Lebensraum dauerhaft zurückerobern und ihn so bevölkern wie die Felsküsten Schottlands.

Je länger wir in unserem Boot still vor uns her schaukeln, desto ungerührter schwimmen die Kegelrobben, auch die jüngeren Tiere, an uns vorbei, ganz mutige sogar unter uns hindurch. Wir sehen, wie sie Wasser ausprusten durch ihre langen Barthaare, die dann, nach ein paar Minuten in der Sonne, salzverkrustet im Licht glitzern.

Irgendwann wirft Michael den Motor an. Das Geräusch reißt mich unsanft aus meiner Idylle - wieso jetzt schon zurück? Die Kegelrobben hingegen bleiben ungerührt, strecken ihre Leiber weiter wohlig in der Sonne oder spielen Wetttauchen rund um die Tanginsel.

Als ich nach ein paar Metern noch einmal zurückschaue, zeigt der balancierende Robbenchef überraschend eine große Geste: Scheinbar lächelnd winkt er mir mit seiner Flosse zu.

Vielleicht war ihm aber auch nur der Arm eingeschlafen.

Erfahre mehr über den einzigartigen Lebensraum der Kegelrobben, das Wattenmeer! Drehscheibe der Zugvögel und Weltnaturerbe direkt vor unserer Haustür! Hier geht's zum Artikel

Fotos: © Hans-Ulrich Rösner / WWF; Laurent Geslin / WWF; die Videos sind nicht während der Reise entstanden, sondern wurden aus YouTube eingebunden.

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Kommentare (5)
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Sortieren nach Aktualität:
05.11.2011
Kaninchen hat geschrieben:
Der Bericht gefällt mir ! Ich find Robben einfach toll :-)
31.07.2011
PaperWing hat geschrieben:
Sehr schöner Bericht Marcel, ich werd im September nach Helgoland fahren und hoffentlich auch ein paar von ihnen sehen : ) nun freue ich mich noch ein bisschen mehr drauf. danke
28.07.2011
LSternus hat geschrieben:
Ein wirklich toller Bericht. Das die Robben Bestände steigen klingt gut. Hoffentlich meinen nicht wieder irgendwelche Spinner die Robben würden die Fischgründe plündern. ;)
28.07.2011
Gluehwuermchen hat geschrieben:
Total schöner Bericht Marcel :) Klingt ja hoffnungsfroh, dass die Bestände wieder steigen! Und ich glaube, er hat wirklich gewunken ;) unterschätz mal die Robben nicht ! ;)
28.07.2011
Lars0220 hat geschrieben:
Hoffentlich kommen noch viel mehr Kegelrobben wieder zurück an die Ostsee.
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