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Wirbelstürme sind keine Ausnahme mehr. © Des Syafrizal / WWF
Unser Planet, unsere Verantwortung. - Ein Kommentar


von midori
26.09.2015
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Es gibt eine Frage, auf die ich bisher noch keine Antwort gefunden habe. Sie beschäftigt mich schon einige Jahre und manchmal glaubte ich, ich wäre endlich am Ziel, hätte meine Erkenntnis dazu erlangt und meine Meinung gefestigt. Aber dann passiert es wieder, irgendetwas und plötzlich steht alles wieder Kopf und ich kann von vorn beginnen, darüber nachzugrübeln. Worüber? Über das Gute im Menschen...

Schon im Ethikunterricht der Oberstufe haben wir uns damit befasst und auch im Studium schwang diese Frage immer mit. Jeder Philosophie eines Denkers liegt ein eindeutiges Menschenbild zugrunde, auf das sich sein Konstrukt aufbaut. Thomas Hobbes ist ganz klar kein Menschenfreund. Nicht umsonst titelte er "Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf" - im Naturzustand würden sich die Menschen bis auf den letzten gegenseitig zerstören, weil sie ängstlich, raffgierig und egoistisch sind. Ich fande diese Theorie von Hobbes mehr als ansprechend. Immerhin gibt es mehr Krieg und Leid auf dieser Welt, als man eigentlich überschauen kann. Für mich war klar, der Mensch ist von Grund auf schlecht.

Aber dann habe ich die WWF Jugend kennengelernt. Hier war plötzlich alles anders! Diese Kinder und Jugendlichen haben mir den Glauben an das Gute im Menschen zurückgegeben. Es gibt Menschen, die nicht ängstlich, raffgierig und egoistisch sind. Sie sind selbstlos, fürchten eher um die Zukunft der nächsten Generationen als ihre eigene, sie sind nicht neidisch und gehen in die Welt hinaus, um etwas zu verändern! Mein Glaube war wiederhergestellt..

... bis die Flüchtlingskrise begann. Menschen verlassen ihr Zuhause, nehmen einen beschwerlichen und gefährlichen Weg auf sich, um nach Europa zu kommen. Hier liegt ihre einzige Hoffnung. Und kaum sind sie da, tönt es ihnen entgegen: "Geht zurück nach Hause!" Aber welches Zuhause? Es ist nichts mehr übrig. Ihr alle kennt die tagtäglichen Meldungen und Nachrichten, wisst um die Herausforderung, der wir uns nun gemeinsam als Europa stellen müssen. Viele Tausende geben bereits jeden Tag ihr Bestes, um diesen Menschen zu helfen. Andere wiederrum haben zu der derzeitigen Situation eine ganz eigene Meinung...

"Ich bin nicht dafür da, die Weltprobleme zu lösen und auch kein deutscher Arbeiter. Fragen Sie mal einen deutschen Arbeiter, ob er zahlen will für Afrikaner, die an Überbevölkerung leiden, ob er dafür arbeiten gehen will. Er will ja nicht mal für einen HartzIV Empfänger hier arbeiten gehen. Jeder arbeitet für sich selber. Jeder ist für sein eigenes Leben verantwortlich. Ich bin nicht für den Nachbarn verantwortlich. Ich bin erstmal dafür verantwortlich, dass ich mein Leben in den Griff kriege und nicht ein anderes. Und wenn ich eine Familie habe, bin ich dafür verantwortlich. Nicht die Allgemeinheit." (Ausschnitt aus der Bürger-BPK mit Gregor Gysi am 30.August 2015)

Und da ist er wieder, der Mensch im Wolfspelz! Warum denken einige Menschen, Verantwortung reicht nur bis zum Gartenzaun? Weshalb dreht sich ihre Weltanschauung nur um sie? Kann Verantwortung nicht mehr sein, als pure Verantwortung für sich selbst? Oder muss sie das nicht sogar aus sich selbst heraus?

Das Konstrukt der Verantwortung ist ein zumindest dreistelliges Rational. Es gibt zum einen die Verantwortungsinstanz, der gegenüber wir uns verantworten. Früher war es für die meisten Menschen Gott, heute ist es die Gesamtheit aller vernünftigen Wesen in Gegenwart und Zukunft (!). Dazu kommt das Verantwortungsobjekt, für das wir Verantwortung übernehmen. Das bin ich selbst, das sind aber auch andere um mich herum und es kann auch unsere Umwelt sein. Zu guter Letzt noch das Verantwortungssubjekt. Wer kann Verantwortung übernehmen? Natürlich ich selbst, aber auch größere Gruppen oder sogar die Gesellschaft.

Aber Verantwortung hat nicht nur eine Komponente. Verantwortung geht über das Selbst hinaus, es kennt auch andere. Wir tragen Mitverantwortung für das, was auf der Welt geschieht. Auch wenn manche das gern ausblenden...

"In den nächsten 35 Jahren müssen wir weltweit mit weiteren 200 Millionen Flüchtlingen rechnen - wegen des Klimawandels. Menschen, die wegen des Klimawandels, wegen Dürre oder wegen Überschwemmung nicht mehr dort leben können, wo sie jetzt leben. 200 Millionen, schätzt man. Welche Länder, welche Kontinente, betrifft das?

... also 200 Millionen Menschen. Aber sind das überhaupt Flüchtlinge? Jetzt wird es interessant. Für die UNO sind das nämlich im Grunde genommen keine Flüchtlinge, sondern Klimamigranten. Und zwar aus gutem Grund! Nach dem Völkerrecht haben Flüchtlinge nämlich gewisse Rechte. Flüchtlinge darf man aufnehmen, man muss sie nicht abweisen, Migranten dagegen schon. Ein Flüchtling ist jemand, der verfolgt wird. Um ein Flüchtling zu sein, muss ein völkerrechtlicher Verfolgungstatbestand vorliegen. Und wenn jetzt so eine Familie in Pakistan oder in Mali am Verdursten ist, dann ist das völkerrechtlich gesehen kein Verfolgungstatbestand. Und damit sind sie keine Flüchtlinge und damit haben sie nicht nur Durst, sondern auch ziemlich großes Pech. Es wurde mal ausgerechnet, wenn die Welt gerecht wäre und wenn das Flüchtlinge wären, dann müsste man diese 200 Millionen Flüchtlinge im Grunde auf die Länder verteilen, die maßgeblich für den Klimawandel verantwortlich sind, durch ihren CO2 Ausstoß und ihre Lebensweise. Und welche Länder, welche Staaten, welche Kontinente sind das? Wenn man jetzt diese 200 Millionen entsprechend des CO2 Ausstoßes einzelner Staaten verteilen würde, also ihrer CO2 Schuld, dann würde das bedeuten...


(Pelzig hält sich, 8. Sept. 2015, ZDF).

Die Problematik der Klimaflüchtlinge, pardon Klimamigranten, macht offensichtlich, was Mitverantwortung bedeutet. Unsere Welt wird von der Globalisierung überzogen, Güter und Geld sind überall unterwegs, die Wirtschaft kennt keine Grenzen mehr. Aber kann eine Globalisierung ohne Menschen funktionieren? Eine Globalisierung der Wirtschaft muss auch mit einer Globalisierung der Menschheit einhergehen. Wir können nicht Güter und Geld über Grenzen hinweg in alle Welt senden, während die Menschen am Grenzzaun stehenbleiben. Weltoffen zu sein, bedeutet auch, die Menschen aus aller Welt einzubeziehen. Nicht nur ihre Wirtschaft, ihren BIP, ihre Exporte.

Und je mehr sich die Zusammenhänge der Welt verstricken, umso größer wird unsere Mitverantwortung - die eines jeden Menschen auf dieser Welt. Denn alles hängt zusammen. Und deswegen müssen auch die Menschen zusammenhalten.

"Jeder einzelne soll sich sagen: Für mich ist die Welt geschaffen, darum bin ich mitverantwortlich." (Aus dem Talmud)"

Aber mitverantwortlich sein, das heißt nicht nur, Gutes zu denken, sondern auch Gutes zu tun! In den sozialen Netzwerken ein Bild teilen, um seine Solidarität und Meinung zu bekunden? Wem nützt das? Menschenskinder - geht auf die Straße! Werdet aktiv! Es liegt allein in euren Händen, was mit dieser Welt geschieht! Abby hat es euch vorgemacht - ein jeder von euch kann das. Aber nicht, indem er Bilder teilt. Anpacken ist die Devise! Klar, das ist manchmal schwer und aufwändig. Das will auch keiner bestreiten. Aber über Gutes reden allein reicht nicht. Tue Gutes und rede dann darüber! So ist die Reihenfolge!

Schaut euch an, was LucaMiguel geschafft hat! Er hat in zwei Tagen 100 Unterschriften für den Amazonas gesammelt. Das kostet Zeit und es kostet mitunter auch Nerven - aber ES BEWEGT ETWAS!

Wir sind tausende junger Menschen in dieser Community. Stellt euch vor, jeder hätte nur 50 Unterschriften gesammelt! So oft werde ich gefragt: "Was kann ich machen, um der Natur zu helfen?" oder "Ich habe nicht so viel Geld zum Spenden, aber ich möchte euch trotzdem unterstützen!". Leute, das ist eure Chance, eure Gelegenheit, die Welt zu retten! Nutzt diese Möglichkeiten! Faul auf der Haut liegen können wir dann, wenn wir es geschafft haben. Nehmt eure Mitverantwortung ernst. Deswegen seid ihr doch hier! Weil ihr verstanden habt, dass es mehr gibt, als die Verantwortung für sich Selbst. 

Fragt nicht: "Wann findet mal eine Aktion in meiner Nähe statt?", sondern organisiert sie selbst! Motiviert eure Stadt zur Teilnahme an der alljährlichen Earth Hour. Organisiert eine Baumpflanzaktion mit eurer Schule. Bewerbt euch beim 2° Campus! Kommt mit uns nach Paris, denn jeder einzelne von euch zählt. Es gibt so viele Möglichkeiten! Auf dem Sofa liegen und darüber nachsinnen, wie schlimm all die Umweltzerstörung und der Klimawandel ist, wird es nicht aufhalten. Sich selbst zu ändern, ist ein erster Schritt. Aber es ist notwendig, noch darüber hinaus zu gehen. Seid nicht nur ein gutes Vorbild, sondern bewegt etwas!

Also - seid ihr hier, um die Welt zu retten? Dann packt mit an und lasst uns nicht nur darüber reden. Sonst wären wir ja genau wie die Politiker, die wir immer kritisieren... ;o)  Lasst uns das Gute im Menschen wiedererwecken in einer Zeit, in der wir vor schwierigen, aber lösbaren Herausforderungen stehen. Ihr seid dafür verantwortlich...

****************

© iStock / Getty Images

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Kommentare (3)
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19.07.2016
LangerNils hat geschrieben:
Das Klima ist sicherlich ein Problem in diesen Regionen, aber man darf auch nicht unterschlagen, dass es nicht die einzige Ursache für die problematische Situation ist. U.a. kommt auch folgendes "Verhalten" hinzu:

http://www.welt.de/politik/deutschland/article144603847/Afrikas-Bevoelkerung-vervierfacht-sich.html

D.h. man muss schon alle Ursachen ansprechen und darf das Problem nicht auf eine reduzieren.
29.09.2015
Marcel hat geschrieben:
Danke, Uli! Danke für diese starken Zeilen! Du hast sowas von Recht!
26.09.2015
Buchenblatt hat geschrieben:
Super Kommentar und danke für den eindeutigen Appell an uns, uns selbst zu engagieren - etwas zu tun, statt nur darüber zu reden, welche Probleme es gibt.

Nur den Vergleich mit dem Wolf für das Schlechte im Menschen finde ich nicht so toll. Ich denke, dass wir Menschen in Vielerlei Hinsicht sehr viel schlechter und zerstörerischer sind. Nur Märchen wie Rotkäppchen haben unser Bild für den Wolf so negativ werden lassen.

Ich glaube trotz allem noch an das Gute im Menschen. Das Engagement für die Flüchtlinge bei uns vor Ort ist riesig und ich denke auch, dass sich immer mehr Leute mit Umweltschutz befassen und umweltfreundlicher leben werden, wenn wir einmal dazu beigetragen haben, ein Bewusstsein für diese Themen zu schaffen. Bei der Müllsammelaktion heute in Köln haben sich sogar einige bei uns bedankt, dass wir etwas für die Umwelt tun. Ein Anfang ist also gemacht...
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