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Teersande - schmutziges Öl aus Kanada


von Marcel
08.02.2012
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Im Dezember 2011 erklärte Kanada seinen Austritt aus dem Kyoto-Protokoll. Der Abbau seiner gigantischen Teersandvorkommen verspricht eine lukrative Zukunft als Energieweltmacht. Die Klimaziele sind zweitrangig, das Rohöl ist teuer. Für den WWF jedoch ist die Ölgewinnung aus Kanadas Teersanden schlicht eine Katastrophe!

Glitschig, matschig - eine ökologische Katastrophe. Eigentlich hatte sich Kanada dazu verpflichtet, seinen CO2-Ausstoß um sechs Prozent zu reduzieren, als es im Jahr 1990 das Kyoto-Protokoll mitunterzeichnete. Tatsächlich ist er jedoch bis 2011 um ein ganzes Viertel gestiegen.

Schuld daran ist auch die verheerende Energiebilanz von Teersanden. Das "Colorado Energy Institute" rechnet mit jährlich etwa 350 Millionen Tonnen CO2, die Kanada zusätzlich in die Atmosphäre bläst (WWF, 2008). Das entspricht den Jahres-Emissionswerten der gesamten deutschen Energiewirtschaft (Vgl. 2009: 338,5 Mio t CO2).

Seit 1990 hat sich gleichzeitig der Ölpreis verdoppelt. Die teure Teersandextrahierung wird so für Konzerne immer lukrativer und befördert Kanada zu einer Energieweltmacht. Unter diesen Voraussetzungen verkündete der einstige Vorreiter im internationalen Klimaschutz im Dezember 2011 kurzerhand seinen Austritt aus dem Kyoto-Protokoll.

Was sind Teersande eigentlich? Beim Thema "Teersande“ wird ausschließlich in Superlativen gesprochen. Einfach alles ist gigantisch, kolossal und überdimensional. In der kanadischen Tundra lagern 1,7 Milliarden Barrel (ein Barrel =158,987Liter) Teersande. "In der asphaltartigen Erde stecken geringe Mengen Bitumen, zwischen einem und 20 Prozent", erklärt Viviane Raddatz vom WWF. Große Raffinerien fördern daraus Öl - so genanntes unkonventionelles Öl (WWF "Scraping the bottom of the barrel?", 2008).

Es vergiftet Flüsse und Seen, es zerstört Ökosysteme und bläst Unmengen von Klimagasen in die Atmosphäre. Kanadas Provinz Alberta verfügt über die größten Teersand-Reserven der Erde. In der "Athabasca-Region" lagern auf 140.000 km² unglaubliche 17,4 Giga Tonnen förderbares Rohöl.

Das bedeutet: Auf einer Fläche, doppelt so groß wie Bayern, liegen demnach die drittgrößten Ölreserven der Welt - nur Saudi Arabien und Venezuela haben noch mehr (Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, 2011).

Die Förderung – ein schmutziger Prozess! Der Großteil dieses Öls wird direkt vor Ort gefördert und verarbeitet. In einem Tagebau schaufeln dabei Bagger die bitumenhaltige Erde auf die größten LKW der Welt (Caterpillar 797B) mit Ladeflächen für 400 Tonnen Teersand. Der Kraftstoffverbrauch dieser PS-Monster beträgt schlappe 450 Liter Diesel - in der Stunde. Aus zwei Tonnen dieser Erde wird ein Barrel Öl gewonnen - insgesamt sind es so mehrere Millionen Tonnen, die täglich bewegt werden.

Unter Beigabe von heißem Wasser und Lösungsmittel werden die Ölpartikel in riesigen Depots vom unbrauchbaren Rest getrennt. "Aus den Behältern fließt das Gemisch in einen Absetzkessel. Oben schwimmt das Öl, in der Mitte das Wasser, und unten lagert sich der Sand ab. In der Theorie jedenfalls. In der Praxis bleibt eine riesige Menge öligen Schlicks zurück, der in einen Klärteich gepumpt wird", so beschreibt es der Journalist Reiner Luyken („Die Scheichs aus Kanada“ , ZEIT, 06.11.2008 Nr. 46).

Die Erdölgewinnung aus Teersanden benötigt Unmengen von Wasser zum Aufheizen und Abkühlen des Sandgemischs. Zwischen sechs und 15 Millionen Barrel sind es am Tag - drei Mal mehr, als konventionelle Erdölförderung. Als primäre Wasserquelle dient der 1231 Kilometer lange Athabasca-Fluss. Jährlich werden so bis zu 529 Mio Kubikmeter Wasser entnommen. Nur fünf bis zehn Prozent davon gelangen wieder zurück in den Fluss. Der große Rest lagert als giftige Brühe in bis zu 50 km² großen Bassins und versickert.

Im April 2008 verendeten auf einen Schlag über 1800 Zugvögel auf dem Gelände des auf Teersand spezialisierten Konzerns "Syncrude“. Der Kontakt mit dem kontaminierten Wasser wurde ihnen dabei zum Verhängnis.

Die Folgen für die Menschen, die in der Athabasca-Region leben, sind noch nicht genau bekannt. Kanadische Mediziner verweisen jedoch auf ein sprunghaftes Ansteigen der eher seltenen Krebserkankung der Gallengänge.

Derzeit beträgt der Anteil am weltweiten Rohölmarkt zwei Prozent. Im Jahr 2008 gab es zwölf Ölkonzerne, die in der Athabasca-Region 722.000 Barrel Erdöl am Tag förderten. Bis zum Jahr 2020 sollen es 18 Unternehmen und 2.596.000 Barrel täglich sein. Auch zahlreiche europäische Ölfirmen investieren massiv in Kanadas Teersandförderung. WWF-Expertin Viviane ist sich aber sicher: "Teersande haben in Europa nichts zu suchen. Gelangt dieses Öl ohne Klimaauflagen auf den europäischen Markt, sind die CO2-Einsparziele nicht mehr zu realisieren. Mit Benzin aus Teersanden sind die EU-Klimaziele für Kraftstoffe Makulatur.“

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Kommentare (8)
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20.02.2012
Marcel hat geschrieben:
@Stoffie: Hier gibt es eine gemeinsame Petition von WWF UK und Greenpeace: http://tarnishedearth.co.uk/ Dort kannst du dich auch für einen Newsletter registrieren, der dich auf dem Laufenden hält.
18.02.2012
Stoffie hat geschrieben:
da gibst nicht zufällig iwie ne petition die man unterschreiben kann oder?
18.02.2012
Stoffie hat geschrieben:
mir fällt da nur eins ein was du man dazusagen kann:

ABSOLUTE DUMMHEIT!

echt bekloppt kanada ist so schön und dann machen die so eine SCHEIßE?

traurig.
10.02.2012
Franzi hat geschrieben:
:( Oh man, da kann man sich ja nur schämen... Wenn man von Vancouver aus in die Berge fährt sieht alles so wunderschön und perfekt aus, doch zu wissen, dass es ein paar hundert Kilometer SO aussieht ist der Hammer. Man sollte doch meinen, dass besonders ein Land, welches mit einer so schönen Landschaft gesegnet ist mehr als gut darauf aufpasst, oder?!
Und wie Peter schon sagt, was einmal weg ist, ist meistens für immer weg... Aber: die Hoffnung stirbt zuletzt! Wer einmal hier gewesen ist weiß, wofür es sich zu kämpfen lohnt :)
08.02.2012
Kathrin hat geschrieben:
Ich finde,mit diesem schreiben bringst du es auf den punkt.Kanada ist zwar ein schönes Land doch sehr Umweltschädigent.Viele Tiere und Menschen sterben und werden krank,aber naja was juckt Kanada das schon!?Ich finde es echt sorry aber scheiße!!!Danke,dass du uns das nahe gelegt hast lg:-))
08.02.2012
AkutoNakama hat geschrieben:
Ich finde es sehr traurig das Kanada sich und der Erde so sehr schadet, nur um Profit zu machen. Am schlimmsten ist das sowohl Tiere und Menschen, als auch dem Klima in erheblichen Maße geschadet wird .
Aber trotzdem sehr schön geschrieben. :)
08.02.2012
gelöschter User hat geschrieben:
gelöscht
08.02.2012
Peet hat geschrieben:
Ohje...Kanada ist eines der letzten Länder, die noch sehr naturbelassen sind. Das liegt natürlich an dessen Größe und den im Verhältnis stehenden wenigen Einwohnern (rund 30 Mio.) und nun sowas. Einerseits ist die Politik sehr klug gewählt. Wir warten bis die Rohstoffpreise dermaßen hoch sind (Kanada hat riesige Mengen an Öl, seltenen Erden usw.) und bauen diese dann ab...Das befeuert die Wirtschaft aber ist dies auch nachhaltig gedacht?

Natürlich nicht und so passiert genau das, was in anderen Ländern immer wieder zu sehen ist. Wir beuten das Land aus und müssen dann Alternativen finden. Back to the roots wird dann wohl schwer werden, denn die Natur einfach wieder so aus dem Boden zu stampfen ist faktisch unmöglich. Aber mit Natur kann man nicht so viel Geld verdienen, als mit Öl - und vor allem nicht so schnell!

Der Ausstieg aus dem Kyoto-Protokoll, der verstärkte Abbau von Ölsand und weitere Erschließungen von Ölfeldern im hohen Norden und viele weitere veraltete Industriezweige zeigen einfach - Kanada ist auf dem besten Weg in eine verschmutze Zukunft - herzlichen Glückwunsch!

Was in Kanada gerade im Anfangsstadium ist, passiert schon in Australien. Befeuert vom Rohstoffboom/preis schießen dort Mienen ohne Ende aus dem Boden. Riesige Kohle- Erz- oder Kupferminen, die den größten Teil nach China bzw. Asien verschiffen, entstehen dort bzw. stehen schon. Zudem produziert Australien den größten Teil seines Stroms aus Kohle, obwohl das Land mit Hilfe der Solarenergie locker die Wende schaffen könnte. Aber hey, warum alles umstrukturieren, wenn schon was da ist und womit es sich momentan gut leben lässt? Dann eine Steuer auf die Ausfuhren von Kohle etc. zu erheben und dies dann in erneuerbare Energien zu setzen ist lobenswert aber im Endeffekt wie ein Ablassbrief, ganz nach dem Motto: Auch wenn wir die Schei*e abbauen und schlechtes damit machen, investieren wir in die Zukunft, also moderne Technologien.

Ich bestreite nicht, das moderne Energien Geld benötigen und zu Beginn des Ausbaus bzw. der Forschung der Subvention zugeschrieben sind, um irgendwann marktfähig und selbsttragend zu werden, doch ist es naiv zu glauben, dies mit dem schnellen und schmutzigen Geld zu tun, welches die Landschaft verschandelt und den Menschen weltweit schadet.

Genau das gleiche befürchte ich in Kanada und warum kann man den Kanadiern dies verübeln? Wir sind auch nicht besser bzw. waren es oder andere Länder ebenfalls. Aber dieses Argument darf so nicht mehr gelten, denn so entsteht eine Zwickmühle, die sich auf den Klimakonferenzen ebenfalls sehr schön beobachten lassen: "Wenn die nicht mit dabei sind, machen wir auch nix" -> "Wenn die das so machen, dürfen wir das auch, oder nicht?"

Wann kapieren die Menschen endlich das es mehr gibt als nur Geld? Langsames Wachstum ist nicht schlechtes Wachstum. Langsames Wachstum ist oftmals nachhaltiger und beständig...
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