Bleib aktuell!


Was gibt's


Neues?


Wirbelstürme sind keine Ausnahme mehr. © Des Syafrizal / WWF
Tauwetter im Himalaja


von Marcel
13.10.2010
2
0
100 P

Die Erderwärmung ist dabei, die Vegetationszonen in der ganzen Welt zu verändern. So wird es langsam möglich, in Grönland mehr Gemüsesorten als früher anzubauen, wie MarcelLecounte kürzlich in seinem  Bericht gezeigt hat. Der Klimawandel lässt dort nun bereits Gurken, Kartoffeln oder sogar Brokkoli gedeihen. Für den hatten die Inuit nicht einmal ein Wort in ihrer Sprache! Bislang hieß er dort schlicht Salat.

Während sich die 57.000 Grönländer auf ihre "Agrarrevolution" vorbereiten, fürchten am anderen Ende der Welt eine halbe Milliarde Menschen Dürre und Wasserknappheit. So verrückt kann der Treibhauseffekt sein - oder "ungerecht", wie wir Menschen gerne fühlen möchten. Wenn wir nicht selbst so sehr schuld daran wären...

Mein Kollege Stefan Ziegler aus dem WWF-Artenschutzteam kennt die Region Himalaya sehr gut. Er hat eine Reportage geschrieben über die dramatischen Veränderungen am "Dach der Welt". Eines der beeindruckendsten Beispiele dafür, wie der Klimawandel sowohl mit Naturschutz als auch mit der Zukunft der Menschheit zusammenhängt:
 

Ob die beiden Erstbesteiger des Mount Everest, Sir Edmund Hillary und Tenzing Norgay, heute noch die gleiche Aufstiegsroute wie vor mehr als 55 Jahren nehmen würden ist fraglich. Denn der Khumbu-Gletscher, über den die beiden Bergsteiger im Jahr 1953 zum Gipfelsturm ansetzten, ist seit damals um mehr als fünf Kilometer zurückgewichen.

Doch nicht nur der Khumbu-Gletscher, sondern zwei Drittel aller Gletscher im
Himalajagebirge schmelzen als Folge des globalen Klimawandels.
Einige Prognosen gehen sogar davon aus, dass die meisten Gletscher der Himalajaregion binnen 40 Jahren ganz verschwinden könnten.

"Dort wo der Schnee wohnt", bedeutet die Bezeichnung Himalaja in Sanskrit, der alten Sprache indischer Brahmanen. Die nächsten Jahre werden entscheiden, ob die Eiswelt des Himalajas überdauert und welchen Einfluss der Klimawandel auf die biologische Vielfalt hat.

Die Gebirgskette des Himalajabogens mit den höchsten Bergen der Welt bildet auf einer Länge von 3.000 Kilometern eine gewaltige Wetterscheide und beeinflusst das Klima Zentral- und Südasiens entscheidend. Südlich des Hauptkammes regnen sich die Wolken der Monsunwinde im jährlichen Turnus sintflutartig ab, während sich das Klima im Regenschatten der Berge, auf dem Hochplateau von Tibet, generell durch geringe Niederschlagsmengen auszeichnet.

Als Wasserschloss Asiens sind die schneebedeckten Gipfel des Himalajas bekannt und formen die größte Konzentration von Gletschern außerhalb der Polkappen. Die Eismassen bilden die Quellgebiete der großen Flüsse Ganges, Indus, Brahmaputra sowie des Yangtse und garantieren die Wasserversorgung mehrerer Millionen Menschen flussabwärts. Über 80 Prozent der Bevölkerung des Himalajas leben in irgendeiner Art und Weise von der Landwirtschaft und sind auf die Gletscher als Wasserspeicher angewiesen.

Geköpfte Gletscher: Seit Mitte der 1970er Jahre hat sich die durchschnittliche Lufttemperatur im Himalaja um ein Grad Celsius erhöht. "Die Gletscher schmelzen so schnell, dass man fast von einer Enthauptung sprechen kann", sagt Shawn Marshall von der Universität im kanadischen Calgary. Die an der Oberfläche liegenden Eismassen des Naimona‘nyi-Gletschers in Tibet stammen aus den 1940er Jahren. "Das Eis der letzten 60 Jahre ist geschmolzen", so die Expertin, die die Auswirkung des Klimawandels auf die Himalajagletscher erforscht. Vor allem der in der Monsunzone gelegene zentrale und östliche Teil des Himalajas ist vom Klimawandel betroffen. Dort sind die Gletscher durch den Anstieg der Schneegrenze sowie vom Rückgang der Niederschläge besonders gefährdet.

Im Sommer fungieren die Gletscher als Wasserspender und liefern Trinkwasser und Wasser für die Landwirtschaft. Das Verschwinden der Eisflächen und Schneefelder bedeutet, dass in der Trockenzeit weniger Wasser zur Verfügung steht. Beispiel Ganges: Während der Sommermonate von Juli bis September rechnen viele Experten mit einem Rückgang der Abflussmenge um zwei Drittel. Dies hat weitreichende Auswirkungen auf die Nahrungssicherung und die Volkswirtschaften in der Region. Bis zu einer halben Milliarde Menschen wären vom Wassermangel betroffen, und die Bewässerung von 37 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche des Subkontinents ist gefährdet.

Die Nutzung von Wasserkraft spielt für die Himalaja-Anrainerländer eine große ökonomische Rolle, denn die vom Gebirge südwärts strömenden Flüsse lassen sich zur Gewinnung von Energie aus Wasserkraft nutzen. Vor allem das energiehungrige Indien hat eine gewaltige Nachfrage nach Strom für seine chemische und metallurgische Industrie. Fällt ein Teil des Wasserkraftpotenzials weg, drohen empfindliche wirtschaftliche Schäden, die das indische Wirtschaftswachstum künftig auf Sparflamme kochen lassen könnten.

Auf dem Hochplateau von Tibet hat der Wassermangel in einigen Gebieten bereits Einzug gehalten. "Der Bach vor unserem Haus ist schon vor einigen Jahren versiegt", berichtet der Viehzüchter Gung Qiu aus der chinesischen Provinz Qinghai. "Mitunter regnet es fast gar nicht mehr, und wir sind gezwungen, Wasser in großen Fässern zu speichern", fährt Gung fort.

Diese Beobachtungen werden von zahlreichen Studien bestätigt. Am Oberlauf des Yangtse ist die ganzjährige Schnee- und Eiskappe der Berge bereits weitgehend verschwunden. Das sommerliche Niederschlagsverhalten ändert sich. Kurze heftige Regenschauer häufen sich und haben den früher oft wochenlang anhaltenden Nieselregen abgelöst. Als Folge sinkt der Grundwasserspiegel, und Quellen und Wasserläufe versiegen - mit drastischen Auswirkungen auf das Ökosystem.

Viele Experten prognostizieren einen unwiederbringlichen Verlust der einzigartigen biologischen Vielfalt der Region mit gravierenden Folgen für den Himalaja. Denn der Klimawandel trifft auf ein Ökosystem, dass in der Vergangenheit durch anthropogene Nutzung stark gestört wurde. Die Übernutzung der Wälder führte zum Verlust und zur Fragmentierung von Waldgebieten.

Die Wassereinzugsgebiete aller großen Flüsse der Region haben durch Rodungen und Holzeinschlag große Teile ihres ursprünglichen Waldbestandes verloren; Indus, Ganges und Yangtse sogar über 80 Prozent. Der einheimischen Fauna und Flora bleiben häufig nur noch kleine und weit auseinander liegende Lebensräume, so dass kaum genetischer Austausch untereinander stattfindet. Wenn sich der Lebensraum der Wildarten verkleinert und vereinheitlicht, nimmt deren Potenzial zur Anpassung ab.

Ökosysteme im Klimawandel können sich zwar verändern, allerdings hängt der Grad der Anpassung von der biologischen Vielfalt und insbesondere vom genetischen Potenzial ab, das im System vorhanden ist und eine Weiterentwicklung möglich macht. Bei der gegenwärtigen Erwärmungsrate könnten sich die Vegetationszonen im Himalaja in den kommenden zehn Jahren um bis zu 200 Höhenmeter verschieben.

Ganze Lebensräume, wie beispielsweise die montanen Feucht- und Nebelwälder und mit ihnen zahlreiche endemische Tier- und Pflanzenarten, sind im Begriff gänzlich zu verschwinden. Für die alpinen Matten der Höhenzone wird das vermehrte Wachstum von ungenießbaren Gräsern vermutet. Dies sind denkbar schlechte Voraussetzungen für die etwa zehn Millionen Viehhalter in der Himalajaregion, die heute teilweise unterhalb der Armutsgrenze leben. Ohne biologische Vielfalt sind die Funktion der Ökosysteme sowie ihre Leistungen, wie die Bereitstellung von Wasser, Holz, Heilpflanzen und Nahrung, für Millionen von Menschen gefährdet.

Die beste Strategie, den Auswirkungen des Klimawandels zu begegnen, ist daher, die Widerstandsfähigkeit des ökologischen Systems zu stärken und gleichzeitig der genetischen Verarmung Einhalt zu gebieten. Ein wichtiger Bestandteil der Naturschutzarbeit des WWF vor Ort konzentriert sich auf die Aufforstung mit einheimischen Baumarten, um isolierte Schutzgebiete miteinander zu verbinden. Dadurch werden wertvolle Ökosysteme vernetzt, die die Landschaft strukturieren und wichtige Lebensräume und Wanderkorridore für Pflanzen und Tiere bilden. Die Vielfalt des Systems nimmt zu. Ein weiterer positiver Effekt ist, dass dies nicht nur Hänge befestigt, die in der Vergangenheit durch unkontrollierten Holzeinschlag entwaldet wurden und nun durch Erdrutsche bedroht sind, sondern zudem Arbeitsplätze in einer strukturschwachen Region schafft.

Durch den vom WWF unterstützten Bau kleinbäuerlicher Biogasanlagen müssen nicht mehr so viele Wälder für Feuerholz eingeschlagen werden. Das Biogas ist ein leicht verfügbarer alternativer Brennstoff und stammt größtenteils aus Rinderdung.

Darüber hinaus setzt sich der WWF gegen Pläne und Entwicklungsvorhaben ein, die durch den Verlust der Artenvielfalt die Anpassungsfähigkeit der Ökosysteme schmälern. Besondere politische Brisanz hat in diesem Zusammenhang der flächenverbrauchende Anbau von Biokraftstoffen in Indien. Zwar ist die Abkehr von fossilen Energieträgern prinzipiell zu befürworten, doch liegt der Teufel bekanntermaßen im Detail, und der Verlust der biologischen Diversität durch Monokulturen könnte letztlich negative Auswirkungen auf den Schutz vor Klimafolgen haben.

 

Text: Stefan Ziegler (WWF)

Bilder: Kinder in Nepal © Peter Prokosch; Himalaya-Gebirge © Axel Gebauer / WWF; Tibet © Axel Gebauer / WWF; Rote Pandas. © Axel Gebauer / WWF; Stefan Ziegler © Ralph Kampwirth, WWF

Weiterempfehlen

Kommentare (2)
Um einen Kommentar zu schreiben einfach registrieren oder einloggen.
Sortieren nach Aktualität:
13.10.2010
Morgan hat geschrieben:
Wenn man früher,als ich noch in der Grundschule oder im Kindergarten war,gefragt hätte,wie ich mir die Welt in 40 Jahren vorstelle,hätte ich etwas von Robotern und neu entdeckten Tierarten erzählt.Jetzt kann ich mir überhaupt nichts mehr vorstellen.
13.10.2010
midori hat geschrieben:
Da sieht mans mal wieder. Das sind unzählige Folgen, die man niemals alle überblicken kann. Und bevor es noch mehr werden, sollten wir etwas dagegen tun..
Login
E-Mail


Passwort


Kostenlos registrieren
Mitglied werden
Könnte dir auch gefallen
"Haste mal Bambus" (162) - ...
Was Sigmar Gabriel beim Jugendblock der TTIP-Demo zu suchen hat, warum bei Rechtspopulisten die... weiter lesen
"Haste mal Bambus" (163) - ...
Wie eine Demo mit schlaffen Ballons und Kartonbrei trotzdem geil werden kann, bei welchen Tiere... weiter lesen
Du musst das Leben tanzen!
Du musst das Leben tanzen!
Pandastisch! Berlin wird wieder eine Silent Climate Parade erleben! Am 27. August zaubern wir ... weiter lesen
Gibt es noch Hoffnung für den kleinsten Wal der Welt?
Gibt es noch Hoffnung für ...
Vaquitas sind sehr selten. Es gibt nur eine einzige Population weltweit. Im Golf von Kali... weiter lesen
Wir haben gewonnen! Riesenerfolg für Europas Natur!
Wir haben gewonnen! Riesene...
Danke! Danke! Danke! Europas Natur und bedrohte Tierarten bleiben weiterhin geschützt! Da... weiter lesen
Deine Ansprechpartner
Marcel
Marcel Gluschak
WWF Jugend Community Manager
zum Profil
Luise
Luise Neßler
WWF Jugend Community Moderatorin
zum Profil
MarcelB
Marcel Brüssow
WWF Jugend Redaktion
zum Profil
Ronja96
Ronja Post
WWF Jugend Aktionsteamer
zum Profil
HannahFee
Hannah Fesseler
hilft dir bei technischen Fragen
zum Profil
AndreaRentschler
Andrea Rentschler
hilft dir bei Fragen zur WWF Jugend Mitgliedschaft
zum Profil
NicoleB
Nicole Barth
hilft dir bei Fragen rund um die WWF Jugend Camps
zum Profil