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Steck den Kopf nicht in den Sand.


von Karl
08.01.2010
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Steck den Kopf nicht in den Sand.

22.Dezember, 2009

„We are local activists, but it is a dangerous business here. So we are careful.“, so werde ich in Fort McMurray,Kanada  von meinen Couchsurfing-Gastgebern begrüßt. Janet und Jim, die sich seit Jahrzehnten im Umwelt- und Heimatschutz engagieren, setzen sich auf einem der wohl härtesten Pflaster gegen korrupte Politiker, hochbezahlte Anwälte und millionenschwere Marketingkampagnen der internationalen Petrokonzerne durch. Sie kämpfen, seit vielen Jahren gegen die Umweltzerstörung und die räuberische Einstellung der Menschen in ihrer Heimat. Todesdrohungen, Gerichtsurteile und Abfindungen gehören zu ihrem Geschäft, einem gefährlichen Geschäft, in dem vorsichtiger Umgang und Menschenkenntnis die Regeln des Überlebens darstellen. Sonst kann es einem hier oben auch das Leben kosten.

Wer jetzt an Geheimagenten denkt, ist auf der falschen Fährte.

Janet und Jim engagieren sich seit Jahrzehnten im Umwelt- und Heimatschutz. Beide sind an die 60 Jahre alt, haben mit ihren Schlittenhunden den Norden erkundet, Fallen gestellt, Freunde an die Industrie verloren, Schweigegelder abgelehnt. Die beiden haben den Niedergang ihrer Jagdgründe miterlebt, und den Aufstieg der Gier. Aber sie sind noch da.

Ich habe mit ihnen gesprochen, den unglaublichen Geschichten zugehört, und die Folgen der Entwicklung gesehen.

Ankunft.

Nach mehr als acht Stunden Fahrt auf dem toedlichsten Highway Kanadas und der Suche nach der Huette meiner Hosts, bin ich froh endlich angekommen zu sein, an dem Ort, den viele verächtlich nur Fort McMoney nennen und wenn, dann nur des Geldes wegen in die Heimat von Väterchen Frost fahren. Hier werden es im Winter schon mal -50Grad Celsius.

Ich habe Glück und erwische ein regnerisches Herbstwochende.

Aber, was ist denn nun so besonders?

Fort McMurray, Kanadas jüngste Boomtown und heute das Zentrum des Ölsand-Abbaus, war noch in den 1950er Jahren entlegener Außenposten in der Wildnis. Mit der Energiekrise der 1970er Jahre erfuhr der Ort eine jähe Entwicklung, und heute platzt die Stadt aus allen Nähten, zieht Arbeiter und Glückssuchende, Schuldner ebenso wie Ingenieure in den hohen Norden.

Ich glaube dem Gefuehl des Wilden Westens kann man hier so nah kommen, wie sonst nirgendwo. Und es geht eine Faszination von diesem Ort aus, und Ekel. Geld kann man hier gut und schnell verdienen. Drogen und Kriminalität spielen in diesem Ort die zweite Geige. Die Mounties, die kanadischen Polizisten, kommen mit ihrer Arbeit kaum noch nach.

Dafür gibt es nur einen Grund: Die Ölsandindustrie

Denn der Sand unter der Provinz Alberta birgt die zweitgrößten Ölvorkommen der Welt, nur Saudi-Arabien hat mehr: 174 Milliarden Barrel, verteilt auf einer Fläche doppelt so groß wie Bayern. An dreihundertfünfundsechzig Tagen im Jahr wird rund um die Uhr abgebaut.

Dieses Geschäft hat nichts zu tun mit herkömmlichen Ölquellen, aus denen man das schwarze Gold einfach abpumpt. Zwar entstand auch hier über Jahrmillionen unterirdisch Öl, aber es versickerte im losen Erdreich.

Täglich sind die Trucks der Rodungsfirmen unterwegs. Das schwarze Gold Kanadas liegt nicht direkt an der Erdoberfläche sondern beginnt erst in rund dreißig Meter Tiefe. Eine Schau der Superlative: die weltgrößten Bagger beladen die weltgrößten Muldenkipper. 4 Millionen Euro teuer und dreieinhalbtausend PS stark. Voll beladen mit 400 Tonnen Sand schwerer als ein Jumbojet.

Oft liegt der Ölgehalt im Sand unter zehn Prozent. Extraktion heißt der Prozess, in dem aus zwei Tonnen Sand am Ende ein Barrel Rohöl entsteht, 159 Liter. Insgesamt gewinnen die Firmen aus dem Sand inzwischen täglich 1,3 Millionen Barrel Öl. Und genau darin sehen Umweltexperten ein riesiges Problem. Für jedes Barrel Öl verbraucht die Industrie zwischen drei und sechs Barrel Wasser.

Schon jetzt verschlingen die Raffinerien doppelt so viel Wasser wie die Millionenstadt Calgary. Wächst die Industrie weiter so rasant, droht irgendwann der Wassernotstand. Der Athabasca, einer der längsten Flüsse Kanadas - im Winter meterdick gefroren - dient der Ölsandproduktion als Haupt-Wasserquelle. Rund um die Uhr wird er angezapft.

Von Naturschützern wird der Abbau von Ölsand in Alberta stark kritisiert. Er zerstört Wald, Moore, Flüsse und ganze Landschaften. Außerdem ist die Ölsandindustrie der größte Treibhausgasemittent Kanadas. Sie stößt drei- bis fünfmal mehr CO2 in die Luft als die konventionelle Erdölförderung. Für jedes produzierte Barrel synthetischen Öls werden mehr als 80 Kilogramm Treibhausgase in die Atmosphäre freigegeben.

Doch eine Alternative ist nicht in Sicht. In den Anlagen zerlegen heißes Wasser, Chemikalien und Zentrifugen den Ölsand in seine Bestandteile, und eine zähe, schwarze Masse entsteht: Bitumen. Erst durch weitere chemische Prozesse unter Einsatz von Hitze und hohem Druck wird daraus das, wonach die Welt giert: synthetisches Rohöl.

Täglich 250 Millionen Liter Giftmüll

Was dabei an Rückständen übrig bleibt ist so giftig, dass man es nicht mehr zurück in den Fluss leiten kann. In riesigen Auffangbecken staut sich das tödliche Gemisch aus krebserregenden Kohlenwasserstoffen und Schwermetallen. Die Erdwälle um die Becken bilden heute den größten Staudamm der Erde. Und täglich fließen 250 Millionen Liter Giftmüll dazu. Eine tickende Zeitbombe.

Eine riesige See, ein unheimlich im Nebel versinkendes Gebilde auf dem orangene Gestalten ihr Unwesen treiben. Roboterartige Vogelscheuchen, die Vögel fern halten sollen, von dem toxischen Gesöff, stechen ins Auge. Anhalten kann man hier nicht. Stacheldrahtzäune und Sicherheitsdienst komplettieren das apokalyptische Bild.

Auch im sozialen Gefüge Kanadas hinterließ der jüngste Boom seine Spuren. Das hohe Tempo beim Ausbeuten der Ölsand-Vorkommen führte zu landesweiten Verwerfungen und verschärfte die Ungleichheiten zwischen den Provinzen. Längst kommt es in Alberta und selbst darüber hinaus zu Engpässen auf dem Arbeitsmarkt, insbesondere bei Fachkräften. Man rechnet in Alberta nicht mit Arbeitslosen, sondern mit 400,000 Jobs, die nicht besetzt werden können. Angesichts des Arbeitskräftemangels steuert die Provinzregierung mit einem Spezialprogramm gegen; dieses Programm soll "Rentner, jugendliche Indianer und ausländische Arbeitskräfte" in Lohn und Brot bringen. Auch Janet macht mit fast 60 Jahren noch eine zusätzliche Ausbildung zur staatlichen Hygiene-Kontrolleurin. Unterdessen verzeichnet die fiebrige Ökonomie Albertas Wachstumsraten, die denen Chinas sehr ähnlich sind. Skeptiker der geplanten neuen Ölsand-Förderprojekte machen gerade den Fachkräftemangel als zusätzlichen limitierenden Faktor für deren vollständige Umsetzung aus.

Als Folge der forcierten Deregulierung spiegelt sich das Fehlen jeder Planung auf Provinz- und Landesebene in der Unfähigkeit wieder, eine langfristige und nachhaltige Entwicklung in der Region zu gewährleisten. Stattdessen ist die gesamte Operation von einem Bonanza-Flair wie zum Ausgang des 19. Jahrhunderts umgeben. Ausländische und einheimische Arbeitskräfte, deren Arbeitseifer durch keinerlei gewerkschaftliche Ambitionen getrübt wird, gehören dazu.

Mit den Neuankömmlingen kamen auch die Probleme. Wohnraum ist rar und teuer, der öffentliche Dienst ist kollabiert. Der wohl teuerste und zugleich häßlichste Campingplatz der Welt befindet hier. Mehr als tausend Dollar im Monat kostet ein Stellplatz in einer Art Schlammloch. Kaum jemand kann sich vorstellen hier zu leben. Dennoch machen sich jedes Jahr zehntausende auf den Weg, um Schulden abzuzahlen, wie der Familienvater, den ich treffe, oder junge Menschen aus aller Welt, wie Yassin aus Marokko, der der Kälte trotzt. Es ist nicht nur ein Ort der Vezweiflung, es ist auch ein Ort, an dem Menschen Chancen bekommen und wahrnehmen. Ein Ort, der jeden verändert und den jeder verändert.

Die soziale Kernschmelze im Ort wird mittlerweile durch Crystal Meth, Crack und Kokain befeuert, die Gewaltstatistik weist eine für die Provinz überdurchschnittlich hohe Anzahl von Delikten aus. Die Royal Canadian Mountain Police kann ihren Bediensteten keine finanzielle Unterstützung bei der Bewältigung der hohen Lebenskosten vor Ort bieten. Hier, inmitten des gelobten Landes, ist eine Art Dawson City des 21. Jahrhunderts entstanden.

Die Ausweitung der Ölsand-Industrie trug maßgeblich dazu bei, dass Kanada das Kyoto-Ziel als unrealistisch aufgegeben hat. Eine Studie, die das britische Tyndall-Zentrum im Auftrag des WWF erstellt hat, zeigt, dass sich die Emissionen aus der Ölsand-Förderung bis 2012 verdoppeln werden und das, obwohl sie doch halbiert werden müssten. Als Kanada 2002 das Kyoto-Protokoll ratifizierte, erklärte es, die Treibhausgasemissionen vor 2012 um sechs Prozent zu verringern. Doch im gleichen Jahr nahm die CO2-Emission Kanadas erst einmal um 24 Prozent zu. Umweltschützer fordern einen vorläufigen Ausbaustopp für die Ölsandindustrie. Sie verlangen Strategien zur Senkung der CO2-Emission. Doch die Provinz Alberta setzt auf Expansion und baut dabei weiterhin auf Sand. Allein das CarbonCaptureStorage-Programm ins das die Regierung investiert ist ein Hoffnungsschimmer, am ansonsten kohlrabenschwarzen Himmel Albertas.

Nach drei Tagen an diesem verrückten Ort und dem Besuch im OilsandsDiscovery-Center, einem industriefinanzierten Museum, das die kommenden Generationen über die Förderung des Öls und die hohe Verantwortung der Konzerne auflärt, bin ich froh, wieder Richtung Süden zu fahren.

Peter, der im Öl arbeitet, und jedes Wochenende sechs Stunden fährt, um seine Frau und Kinder zu sehen, nimmt mich mit. Es schneit und es wird rutschig. Als ich früh um drei ins Bett komme, bin ich erschöpft und dankbar, diesen Ort gesehen zu haben und dort nicht leben zu müssen. 

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Kommentare (2)
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Sortieren nach Aktualität:
15.03.2010
Karl hat geschrieben:
Ja, Jim und Janet tun ihr bestes, die Entwicklung zumindest etwas abzumildern.
David gegen Goliath -
16.01.2010
Monaa hat geschrieben:
Wirklich guter Bericht !
Die Frage ist nur, kriegen wir es hin diese ganze Industrie einfach aus zu löschen und gibt es wirklich genug Alternativen dafür? Denn es ist wirklich ein schlimme Sache...
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