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„Plaudern aus der Hängematte“: Die Klimaverhandlungen in Bonn


von SimonL
02.06.2016
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Wie wird unser Arbeitsplatz und die Welt, in der wir leben in Zukunft aussehen? 

So wie der Ort, an dem ich gerade diesen Artikel schreibe? Da hätte ich jedenfalls nichts gegen. Und doch wird die Realität für die meisten Menschen auf dieser Erde anders aussehen. Die weltweiten Emissionen an Treibhausgasen steigen weiter an und eine Trendwende ist bislang nicht in Sicht. Diese heizen dem Klimawandel noch mal ordentlich ein und erhöhen gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit von extremen Wetterereignissen. 

Wie so etwas aussehen kann, haben wir jüngst auch in Deutschland erlebt. Ungewöhnlich hohe Niederschläge verwandelten kleine Bäche in reißende Flüsse und forderten Menschenleben. Mit der Idylle auf dem Foto, hat das nichts mehr zu tun. Dennoch möchte ich an dieser Stelle nicht in Prophezeiungen à la "The Day after Tomorrow" abdriften, sondern sachlich über die Bonner Klimaverhandlungen der Vereinten Nationen (genauer: UNFCCC (United Nations Framework on Climate Change Conferences)) berichten. Diese „Intersessionals“ dienen als eine Art „Vorbereitung“ auf die Klimakonferenzen, von denen die letzte 2015 in Paris stattgefunden hat und die nächste im November 2016 in Marrakesh Vertreter aller Nationen der Welt an einen Tisch bringt.

Im Pariser Klimaabkommen steht, dass eine Begrenzung der globalen Durschnittserwärmung auf 1,5 Grad Celsius angestrebt wird. Ein solcher Temperaturanstieg würde zwar den Klimawandel nicht verhindern, allerdings gehen viele Forscher davon aus, dass die Auswirkungen bei dieser Temperatur noch beherrschbar wären. Während der Klimaverhandlungen in Bonn wurde nun neue Berechnungen des IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) vorgestellt, die die nötigen Emissionseinsparungen zur Einhaltung des 1,5°C-Ziels aufdecken. Das Ergebnis: wir hätten den Peak unserer Treibhausgasemissionen schon 2014 erreichen müssen. Ohne sogenannte "negative Emissionen" werden wir dieses Ziel nicht mehr erreichen. Letztere sind zudem hoch umstritten, da sie Technologien wie CCS (Carbon Capture and Storage) voraussetzen.

 

Dass wir das 1,5°C-Ziel noch erreichen, darf daher zu Recht bezweifelt werden. Im Umkehrschluss darf man jedoch nicht dem Trugschluss erliegen, dass die Staaten resignieren. Im Gegenteil: die Stimmung in Bonn war durchaus positiv und die Produktivität in den Arbeitsgruppen hoch.

Werden wir mal konkret: Worüber wurde in Bonn eigentlich geredet und was ist dabei herumgekommen?

Haupt-Gesprächspunkte waren „Finanzierung“ (gemeint ist hier unter anderem ein Fond zur Unterstützung der Länder, die am stärksten von den Folgen des Klimawandels betroffen sind), eine bessere Beteiligung und Aufklärung der Zivil-Bevölkerung und die nationalen Klimaschutzziele der einzelnen Länder.

Haken wir die unerfreulichen Neuigkeiten als erstes ab: Eine Einigung auf die Art der Finanzierung und den Umfang der Ansprüche betroffener Länder auf Ausgleichszahlungen aus dem „Green Climate Fund“ ist auch nach Bonn nicht in Sicht. Insgesamt sollen 100 Milliarden Dollar in den Fond eingezahlt werden.

„Action for Climate Empowerment“ – das hört sich kraftvoll nach Tatendrang an und tatsächlich waren die Veranstaltungen zu diesem Thema sehr gut besucht. Immerhin fanden sich unter den Referenten auch Olympia-Sportler, Künstler und ein Journalist der New York Times. Eine bessere Aufklärung der Zivilbevölkerung sowohl zu inhaltlichen Informationen zum Klimawandel als auch zu der Arbeitsweise des UNFCCC unterstützen fast ausnahmslos alle Staaten. Wie genau diese aussehen soll, ist leider noch unklar und es wird wohl auch in Zukunft nicht so einfach werden an eine der begehrten Akkreditierungen zu kommen, die einem Zutritt zu den Verhandlungen ermöglichen. In Marrakesh soll es, so hat es mir die Präsidentschaft der Klimakonferenz versichert, größere Flächen geben, die auch ohne Akkreditierung für die Zivil-Bevölkerung zugänglich sein werden. Dort werden dann begleitende Events stattfinden und Vertreter von Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs) berichten dort von den Geschehnissen hinter den Kulissen. (Online könnt ihr natürlich auch stets auf dem Laufenden bleiben. Beispielsweise hier)

Zuletzt werfen wir noch einen Blick auf das Thema der nationalen Klimaschutzziele. Eigentlich ist vorgesehen, dass die Länder über ihre Ambitionen, Erfolge und Misserfolge in der Umsetzung des Paris Abkommens transparent und vergleichbar berichten. In der Vergangenheit funktionierte dies nicht. Gründe dafür gibt es viele; über die folgenden solltet ihr Bescheid wissen:

1) Es gibt einen Mechanismus, der es Ländern mit hohen Emissionen erlaubt, Klimaschutzmaßnahmen in fremden Ländern zu finanzieren und sich die dadurch eingesparten Emissionen anrechnen zu lassen. Es kommt dabei (absichtlich und unabsichtlich) des Öfteren zu Doppelzählungen, sodass viel weniger Emissionen in den Statistiken auftauchen, als tatsächlich verursacht.

2) Viele Länder haben ein Jahr als Referenz für ihre Reduktionsziele genommen, in dem sie sehr viel emittiert haben. Auf diese Weise erreicht man Einsparungsziele von 20 oder 40% ohne großen Aufwand, was sich dann natürlich gut in der Außenpolitik macht.

3) Manche Länder haben kein Interesse daran, transparent über ihre Klimaschutzmaßnahme zu berichten und verschachteln diese daher in komplizierten Texten, die juristisch unverbindlich sind. 

In Bonn konnte man sich zumindest darauf einigen, zukünftig einen einheitlichen Referenzmaßstab (für die, die es genau wissen wollen: IPCC 2006 Guidelines for National Greenhouse Gas Inventories) zu verwenden. Letzteres bedeutet hier erst einmal nur, dass es der Vorschlag nach Marrakesh geschafft hat und dort noch einmal diskutiert wird. In dem informellen Event, aus dem wir diese Informationen haben, gab es keine großen Differenzen. Es waren aber auch nicht alle Länder vertreten. Des weiteren soll eine Website erstellt werden, auf der die Fortschritte der Vertragsstaaten übersichtlich dargestellt sind.

 

Abschließend fehlt noch der übliche Satz, der unter fast jedem Artikel zu internationalen Klimakonferenzen steht: Die Verhandlungen sind zäh und wichtige Entscheidungen wurden aufgeschoben. Dennoch bleibt mehr von Bonn, denn man hat deutlich gemerkt, dass sich kaum ein Land vorwerfen lassen möchte, dass das Paris Abkommen nur eine große leere Versprechung war. Und es ist mehr, als nur eine Hoffnung, von der man hier sprechen kann. Dennoch ist das 1,5°C-Ziel vor dem Hintergrund der neuen Forschungsergebnisse in weite Ferne gerückt. Um die Folgen des Klimawandels zu begrenzen, müssen wir den Druck auf die Entscheidungsträger weiter aufrecht erhalten, damit diese gar nicht erst die Möglichkeit haben, in die Hängematte zu steigen und sich auf dem Erfolg der Pariser Konferenz ausruhen.

 

 

Warum schreib ich das hier? Als neues Mitglied in der Klimadelegation des „Jugendbündnisses Zukunftsenergie“ (JBZE) durfte ich für eine Woche mit zu den Verhandlungen nach Bonn fahren. Vor Ort hatten wir Zugang zu den meisten Verhandlungsrunden, Vorträgen und Diskussionen; auf der Seite des JBZE und auf blogs.klimaretter.info halten wir euch auch bei zukünftigen Konferenzen auf dem Laufenden.

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Kommentare (2)
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Sortieren nach Aktualität:
08.06.2016
GreenLulu hat geschrieben:
Danke für den Einlick, den du uns gegeben hast. Der Artikel ist sehr interessant und aufschlussreich.
04.06.2016
Squirrel hat geschrieben:
Sehr interessanter Bericht, Vielen Dank:)
Vorallem die Methoden die Vergleichbarkeit zu beeinflussen sind sehr aufschlussreich.
Aber schön zu hören, dass Paris ernst genommen wird:).
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