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Ökokratie? Wie sieht unsere Zukunft aus?


von midori
02.01.2011
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Meine Mitbewohnerin besucht im Rahmen ihres Politikwissenschaftsstudiums das Seminar "Theorien der Freiheit". Über die Weihnachtsfeiertage sollte ein zweiseitiger Essay zu Bernhard Pötters Artikel "Ein schmaler Grat" verfasst werden. Meine Mitbewohnerin bat anzumerken, dass aufgrund der Begrenzung keine tiefgründige Analyse möglich war. Dennoch hielt ich es für eine einwandfreie Diskussionsgrundlage und wollte Euch ihren Essay nicht vorenthalten. Viel Spaß! Ich freue mich über zahlreiche Kommentare!

* "Ein schmaler Grat" von Bernhard Pötter

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Bernhard Pötter setzte sich in seinem Artikel „Ein schmaler Grat“ in der Onlineausgabe der Zeitung „der Freitag“ mit der Frage auseinander, „ob es andere Wege gibt, eine ökologische Katastrophe abzuwenden.“ In seinen Augen kann die parlamentarische Demokratie keine Antworten auf ökologische Überlebensfragen geben. Aber welches politisches System ist geeignet, um ökologische Probleme zu lösen?

Demokratien sind zwar flexibler und innovativer bei technischen und sozialen Erfindungen, aber die Fakten sprechen in der Ökologiefrage nicht für sie, so Bernhard Pötter. Die USA als größter Verfechter der Demokratie und der Marktwirtschaft hat den Titel des größten Umweltsünders inne.
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Pötter zieht den Schluss daraus, dass der Naturverbrauch dort am höchsten ist, wo entwickelte Strukturen herrschen: in den Industrieländern. Autoritäre Systeme sind laut Meinung des Autors allerdings auch nicht kompatibel mit einer ökofreundlichen Politik. Sie hindern Menschen an ihrer persönlichen Entwicklung und damit an neuen Erfindungen.

Wie soll unsere ökologische Zukunft aussehen? Ist das Durchsetzen dieser Zukunftsperspektive mithilfe von Zwang überhaupt vertretbar? Pötter ist der Ansicht, dass der Zwang zu einer ökologischen Lebensweise geradezu notwendig ist. Freiwillige Einschränkungen sind nur schwer durchsetzbar. Selbstbeschränkungen sind dagegen
alltäglich, so Pötter und bezieht sich hier auf Beispiele wie das Sammeln privater Daten durch Behörden. Vertreter der positiven Freiheit würden ihm zustimmen. Aufgrund ihrer Theorie eines zweigeteilten Selbst in ein rationales und ein irrationales Selbst und der damit verbundenen Rangordnung zwischen den beiden, müssen Menschen, deren irrationales Selbst immer noch die Oberhand über sie hat und sie die Notwendigkeit einer ökologischen Lebensweise schlichtweg nicht erkennen können, dazu von Menschen, die sich durch eine Höherstellung ihres rationalen Selbst der Gefahr bewusst sind, gezwungen werden.

Auf der anderen Seite ist ein Ziel der positiven Freiheitstheorie die vollständige Selbstentfaltung. Auf einem geschädigten Planeten ist diese nicht mehr möglich. Ausgebeutete Ressourcen und dadurch fehlende Möglichkeiten verhindern eine Entfaltung des Selbst und legitimieren somit den Zwang zu ökologischem Handeln. Andererseits ist eine freie Selbstentwicklung unter Zwang nicht möglich. Wenn die getroffene Entscheidung eines Menschen nicht in die Tat umgesetzt werden kann, so kann auch keine positive Freiheit entwickelt werden.

Doch Pötter argumentiert hier, dass auch in einer Demokratie Zwang üblich und damit in keinster Weise ein Merkmal ökologischer Politik oder einer „Ökokratie“ (Fortsetzung der Demokratie mit ökologischen Mitteln) ist. So entspringt eine Steuerpflicht nicht aus dem guten Gewissen der Menschen (denn dann würde es diese Art „Pflicht“ nicht geben, sondern eine freiwillige Vereinbarung, Steuern zu zahlen), sondern aus dem Zwang des Gesetzes. Anhänger des Utilitarismus würden für Einschränkungen der Freiheit um der Natur Willen plädieren, wenn man dabei das Prinzip der Nützlichkeit anwendete. Das optimale Wohlergehen für alle Betroffenen steht hierbei im Vordergrund. Wenn Naturschutzmaßnahmen dies also schützen und sich der Erhaltung unserer Umwelt widmen, so können diese auch mittels Zwang durchgesetzt werden, da das Resultat hier dem Wohlergehen der Gesellschaft und damit den Betroffenen zugute kommt und es auf lange Sicht gesehen steigert.

Im leichten Widerspruch dazu steht die These von John Stuart Mill, der zwar auch ein Vertreter des Utilitarismus ist, aber der Meinung ist, dass „pleasure“ (also angenehme und positive Gefühle) das einzige Handlungsziel des Menschen darstellen. Natürlich können Menschen durch Umweltschutz angenehme und positive Gefühle erfahren. Aber es ist durchaus vorstellbar, dass durch Maßnahmen und Gesetze der Zugang zu „pleasure“ verweigert wird.

Vertreter der negativen Freiheitstheorie stehen einem gesetzlichen Zwang zur ökologischen
Lebensweise mehr als kritisch gegenüber. Sie lehnen jeglichen staatlichen Eingriff ab, der die Selbstbestimmung gefährden könnte. Sie setzen also auf freiwillige Selbsteinschränkung, auf das „gute Gewissen“ der Menschen. Mit welcher politischen Theorie oder mit welchem politischem Philosophen man dem Problem auch begegnen möchte: Es kommt auf den Weitblick an. Vielleicht sollten wir uns überlegen, ob wir unsere großzügigen, luxuriösen ökonomischen Freiheiten ein wenig beschränken wollen, um
zukünftigen Generationen ein paar wenige zu ermöglichen. Es würde uns an nichts fehlen und auch unsere Entfaltung unseres Selbst wäre sicherlich in keiner allzu schwerwiegenden Weise gefährdet. Allein auf das Erkennen der Gefahr kommt es an. Wäre dies bereits gegeben, so wäre kein Zwang (ich spreche hier von Zwang in einem demokratischen Rahmen) von Nöten, eine umweltfreundlichere Politik durchzusetzen. Doch ehe dies nicht geschieht, muss die Gesellschaft zu ihrem späteren Glück gezwungen werden.
 

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Von Stefanie G.

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Kommentare (6)
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14.01.2011
Xenia hat geschrieben:
Ich denke schon, dass ein Umdenken der breiten Masse zu viel Zeit in Anspruch nehmen würde. Natürlich wäre dies um einiges besser als ein "Zwang", aber die meisten Menschen sind nur "grün", wenn sie bloß davon erzählen, es sie selbst aber nicht direkt einschränkt. Sobal sie selbst Opfer dafür bringen sollen, ist es vorbei mit dem Schutz der Umwelt - aus die Maus. Umweltschutz? Prima! Aber sobald es für mich Aufwand und Einschränkung in irgendeinem Sinne bedeuten würde, lasse ich es doch lieber die anderen machen. Dies ist die weit verbreitete Ansicht. Vor allem die Menschen in Machtpositionen (Woraus besteht denn die Politik??) sind nicht wirklich an einer wirklich grünen eigenen Mitwirkschaft interessiert, da (meiner Ansicht nach) die Welt viel zu sehr auf Geld und Macht und eigenen Profit fixiert ist. Selbstverständlich gibt es auch viele Menschen, die wirklich für die Natur eintreten, aber sind es auch genug? Und wieviele von jenen, die zwar davon reden, aber ihren Worten keine Taten folgen lassen, werden eben dies ändern? Und werden sich die anderen noch rechtzeitig genug aufwecken lassen? Ich kann nicht nachvollziehen, wie Menschen sich vollkommen rücksichtslos gegenüber der Umwelt verhalten, aber es ist nun einmal in vielen vielen vielen Fällen so und ich bezweifle, dass dies sich allzu schnell und damit rechtzeitig ändern wird. Vielleicht ist es gar nicht so verkehrt, solche Anstöße zu geben...
09.01.2011
midori hat geschrieben:
@HannahS: Eben genau das ist der Punkt. Wie (!) soll es in der Gesellschaft ankommen? Auf freiwilliger und langwieriger Basis oder mit Zwang? Und dieses Recht hat der Staat durchaus. Aber wäre nicht ein Umdenken, was von den Menschen selbst kommt, besser als ein aufgezwungenes? Doch wer weiß, ob es dann nicht schon zu spät ist. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich dem Menschen in diesem Fall nicht über den Weg traue. Bevor wir hier in Deutschland kein Hochwasser, keinen Tornado und alle möglichen Wetterkatastrophen auf einmal haben, wird sich in den Köpfen nichts ändern.
09.01.2011
HannaS hat geschrieben:
Super Text, danke. Ich bin mir nicht sicher, ob der Autor so richtig liegt damit, dass in Demokratien nur schwer ökologische Entscheidungen getroffen werden können. Ich denke, es kommt auf die Grundstimmung in der Gesellschaft an, und die wiederum kann ja von den Medien und von Organisationen (wie dem WWF) beeinflusst werden. Die Deutschen scheinen ja langsam zu checken, dass umweltbewusste Polititker und manchmal auch unbequeme Entscheidungen wünschenswert sind - man braucht sich nur die rasant gestiegenen Werte der Grünen anzuschauen. Leider denke ich, dass es 1. lange dauert, bis es genug Menschen, und nicht nur in Deutschland gibt, die Politiker auch nach ihrer Umweltpolitik beurteilen. 2. gibt es noch das Problem des großen Einflusses der Wirtschaft, das ihr ja auch schon diskutiert habt.
Eigentlich finde ich aber Demokratie durchaus geeignet, um Umweltschutz energisch voranzutreiben, es muss nur zuerst in der Bevölkerung ankommen.
05.01.2011
midori hat geschrieben:
@nebelfieber: Nur kurz, denn ich habe nicht viel Zeit. Ich finde, Du pauschalisierst das sehr. Man hat es schließlich an der Klimakonferenz gesehen. Wir können den Entwicklungsländern nicht vorschreiben, wie sie sich zu entwickeln haben. Sie haben genauso das Recht darauf, wie wir es hatten. Aber wir müssen ihnen begreiflich machen, dass es für die Zukunft sinnvoller ist, schon von Anfang an auf umweltfreundliche Produktion zu setzen. Denn im Nachhinein wird sich das mehr rentieren, als den Umbau, den wir jetzt vor uns haben.

Zudem finde ich es nicht fair, wie Du über Politiker urteilst. Und das liegt nicht daran, dass ich Politikwissenschaft studiere. Das Geld regiert die Welt und wenn Du dich in diesen Kreislauf nicht einreihst, wirst Du nichts zu sagen haben. Der Lobbyismus gestaltet viel und es wird immer deutlicher, dass die Wirtschaft die Oberhand hat. Natürlich gibt es auch unter den Politikern schwarze Schafe. Aber es ist heutzutage auch verdammt schwer, als Politiker den eigenen gutgemeinten Weg zu fahren, denn damit erreicht man meist nur wenig.
04.01.2011
midori hat geschrieben:
@nebelfieber > Meine Mitbewohnerin möchte Dir dazu folgendes mitteilen:

Hey :)

Also eine wirkliche Definition des Freiheitsbegriffs gibt es ja nicht. Jeder politische Philosoph, der sich genauer mit dem Thema beschäftigt hat, definiert ihn für sich anders oder entwickelt eine bereits bestehende Theorie so weiter, dass sie seinen Vorstellungen entspricht.
Freiheit ist auch hier auf eine abstraktere Ebene bezogen.

Ich finde es allerdings schwierig «Ökokratie» mit «Freiheit» gleichzusetzen, wie Du es irgendwie vorschlägst, wenn ich mich nicht irre. «Ökokratie» wäre eine Staatsform, eine Regierungsform, die eventuelle Freiheiten enthält oder aber nicht. Aber Freiheit kann niemals eine Staatsform sein (lediglich Anarchie, die aber in keinster Weise der Lösung der Ökologiefrage dienlich ist). Natürlich ist die Freiheit von gesellschaftlichen sowie gesetzlichen Vorlagen abhängig, aber eben deshalb kann es nicht dasselbe sein.

Wieso wird es keine dauerhaften Einschränkungen geben? Es MUSS sie geben. Mit zwei Wochen kein Auto fahren ist die Sache definitiv nicht abgetan. Der «Heilungsprozess» würde Ewigkeiten dauern (und das auch nur dann, wenn ALLE der Natur dienlichen Maßnahmen sofort in die Wege geleitet würden und sich dementsprechend ALLE daran hielten ? dass das aber nicht funktioniert, dürftest Du in deinem eigenen Umfeld erleben).

Natürlich muss man den Menschen erst dazu erziehen, umweltbewusst zu handeln. Allerdings wurde das bei zig Generationen versäumt und hätte viel viel viel viel viel eher geschehen müssen. Nun hat man keine Zeit mehr, alles langsam angehen zu lassen. Entweder man klärt den Menschen vernünftig auf (dem sei hinzugefügt, dass dieser dann auch zuhören und mitdenken muss ? zwei Sachen, die des öfteren zuviel verlangt sind) oder man verpasst es wieder und muss später um so radikaler handeln.

Großkonzerne wie Tassimo dazu zu bewegen, ökologiefreundlich zu handeln klingt zwar einfach (mittels Gesetze), aber das ist es bei weitem nicht. Politik ist lobbyabhängig. (wie du ja schon erkannt hast) und so eine Lobby ist ziemlich stark. Es ist etwas anderes, kleinen Betrieben auf die Füße zu treten, aber bei größeren wird das schwierig. Wenn beispielsweise der deutsche Bundestag ein Gesetz zum Umweltschutz erlassen würde (was ja irgendwie utopisch erscheint) im Sinne vom Gewässerschutz und dieses Gesetz dem Konzern schadet, dann ist es meist nicht schwer für den Konzern zu sagen: «Na gut, dann produzieren wir halt woanders.» Stell dir vor, das würden viele Großkonzerne machen. Die Arbeitslosenzahlen würden explodieren. Pötter (der den Artikel geschrieben hat) meinte, man müsste das EU-weit machen. Noch besser wäre weltweit, aber so Feingeister wie die USA haben die Lage ja immer noch nicht ganz mitgeschnitten.

Die Ökokratie wird schwer durchzusetzen sein. Dazu braucht es, damit sie dauerhaft haltbar ist (und nur so wäre sie hilfreich) die Umerziehung von Menschen. Aber eine Generation muss nun in den sauren Apfel beisen und die Gesetze (die hoffentlich bald mal erlassen werden) akzeptieren. Der nächsten wird es schon nicht mehr so schwer fallen. Natürlich bringt Ökokratie auch eine andere Form von Freiheit mit sich. Und Freiheit heißt dann nicht, den Firmen Vorlagen an die Türen zu nageln, nach denen sie sich nun richten müssen, sondern Freiheit heißt dann, die Natur zu genießen, die man mit neuen Vorlagen und Vorgaben schützt.
Es heißt also Freiheit vs. Zukunft.

In diesem Sinne
Steffi
03.01.2011
Foster hat geschrieben:
cooler text ;D
gesetze zum schutz der umwelt sind gut, aber noch besser ist die aufklärung der bevölkerung über das problem, dass unsere umwelt zerstört wird, denn dann erkennen sie das da was falsch läuft und akzeptieren dann eher die gesetze und bezeichnen diese nicht als öko diktatur
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