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Klimapolitik am Scheideweg? - Gesellschaftliche Transformation (1)


von Sunlight
06.12.2014
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Gibt es einen Hoffnungsschimmer am Horizont?
Findet die Transformation hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft in der Politik, Wirtschaft, Wissenschaft oder Bevölkerung statt? Oder müssen alle diese Parameter zusammenwirken, um einen zukunftsfähigen Planeten zu gestalten?

Um erste Antworten auf all diese Fragen zu finden, möchte ich mit einem Vortrag von Prof. Dr. Reinhard Loske, Professor für Nachhaltigkeit und Transformationsdynamik an der Universität Witten/Herdecke, welchen ich im Rahmen der Bürgeruniversität Witten zu diesem Thema von ihm gehört habe, beginnen. Mehr zu Hr. Loskes beeindruckenden Werdegang, u.a. seiner Tätigkeit im Deutschen Bundestag, und einige seiner interessanten Veröffentlichungen findet ihr hier.
Zunächst möchte ich noch betonen, dass ich meinen subjektiven Eindruck des Vortrages und meine persönlichen Gedanken dazu mit Euch teilen möchte (nicht alles was ich schreibe, hat Herr Loske auch gesagt).


(1) Reinhard Loske

Uns allen sind die „Planetary boundarys“, also die Grenzen unseres Planeten, und Phänomene wie der Klimawandel und der weltweite Verlust an Biodiversität bekannt. Der Ausstoß an Kohlendioxid müsste weltweit um 60% gesenkt werden, um die Auswirkungen des Klimawandels in handhabbaren Maßen zu halten. All dies wissen wir längst und doch steht es im vollkommenen Gegensatz zur Realität, nämlich zur „Great Acceleration“, der großen Beschleunigung an Bevölkerungswachstum, Papier- und Wasserkonsum, Transport, Tourismus etc. in den letzten Jahren.


(2) Planetary Boundaries

Trotz des Wissens um die Gefahr, in der sich unser Planet befindet, fällt es uns Menschen schwer, langfristig zu denken und neben den rein ethischen Argumenten, die Erde für zukünftige Generationen erhalten zu wollen, werden ökonomische Zusatzargumente geschaffen. Doch kann es bei dem Schutz unseres Planeten nur um eine win-win Situation im ökonomischen Sinne gehen oder muss er nicht eigentlich eine normative Frage bleiben?

Ein großes Problem ist die neoklassische These, dass Staaten und Einzelpersonen Reichtum benötigen, um sich Umweltschutz „leisten“ zu können. Die Realität zeigt aber leider das Gegenteil: je höher das BIP eines Landes, desto größer ist der Ressourcenhunger. Denn obwohl jeder Weltbürger das Recht hätte, 2t klimawirksamer Spurengase pro Jahr auszustoßen, liegt der Ausstoß eines Amerikaners bei 20t/Jahr, eines Europäers bei 10t/Jahr und eines Inders dagegen bei 1t/Jahr. Das bedeutet, in den Industriestaaten muss der Ausstoß klimawirksamer Spurengase in den nächsten 30 Jahren um 90% gesenkt werden!

Aber wie kann uns das gelingen?

Bevor wir zu dieser Frage kommen, hilft vielleicht erst einmal der Blick in die Vergangenheit, um zu sehen , was wir als Menschheit bereits erreicht haben.
Bereits 1896 wurde der menschengemachte Treibhauseffekt von Spante Arrhenius „entdeckt“. 1986 gab es dann erste Warnungen vor dem drohenden Treibhauseffekt von der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (welche allerdings als Argument für den Ausbau der Atomenergie genutzt wurden) und ein Jahr später wurde die Enquete-Komission „Vorsorge zum Schutz der Erdatmosphäre“ eingerichtet.
1990 folgten erste Klimaschutzbeschlüsse der Bundesregierung (-25% CO2-Ausstoß bis 2005), 1992 die „Konferenz über Umwelt und Entwicklung" in Rio und 1995 die Konferenz der UN-Klimarahmenkonvention (COP 1) in Berlin.
Oft als Highlight der Klimaverhandlungen bezeichnet wird die COP 3 in Kyoto und die Unterzeichnung des Kyoto-Protokolls (welches erst 2001 in Kraft trat). Trotz schwacher Ziele (Reduktion der Treibhausgas-Emissionen um 5% bis 2012) und schleppender Umsetzung verhalf es den Industriestaaten zu einer Vorreiterrolle im Klimaschutzprozess.
Umso ernüchternder war dann das Scheitern der Vertragsstaatenkonferenz in Kopenhagen und es kam folgender Ausspruch auf: „Wäre die Erde ein Bank, hättet ihr sie längst gerettet“ (und ich habe mich ehrlich gesagt schon manches Mal gefragt, ob in diesem Satz nicht ein Fünkchen traurige Wahrheit steckt?) Zur Zeit heißt es ja wieder hoffen und bangen, dass in Lima endlich ambitionierte und verbindliche Klimaschutzziele vereinbart werden…

Das Problem bei den Klimaverhandlungen ist ja allerdings immer, dass der „Langsamste“ das Tempo bestimmt, sodass vielleicht Alternativen/Ergänzungen zum völkerrechtlichen Prozess gesucht werden sollten, sogenannte „Coalitions of willing“ und Clublösungen (das heißt, Staaten gehen freiwillige Klimaschutzmaßnahmen ein und räumen sich dafür genseitig Vorteile ein).
Außerdem wir der Klimawandel oft als „burden sharing“ und nicht als Chance, also als „target sharing" angesehen, was ebenfalls problematisch ist.

 

(3) Grüne Zukunft!?


Nun aber zurück zur Frage, wie die oben beschriebenen Klimaschutzziele erreicht werden können.
Es gibt zum Beispiel das Konzept des grünen Wachstums der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung). Hierbei wird davon ausgegangen, dass allein durch den Einsatz neuer Technologien (grüne Energien, grüne Chemie, grüne IT/ Mobilität und Ressourceneffizienz) neue Wachstumseffekte sowie neue Arbeitsplätze geschaffen werden können.
Das Problem dabei ist allerdings der sogenannte „Rebount-Effekt“, d.h. wir nutzen zwar durch neue Technologien sparsamere Geräte/Autos, aber neben der Einsparung nimmt auch die Nutzung und somit wieder der Ausstoß zu, denn wir können die Ressourcennutzung nicht vom Wirtschaftswachstum abkoppeln! Außerdem gilt es zu bedenken, dass unser Ausstoß nicht durch das Vorhandensein der Ressourcen sondern durch den Treibhauseffekt limitiert werden sollte, denn bis alle Ressourcen verbraucht sind, kann es schon zu spät bzw. zu "warm" geworden sein...

Also braucht es einen umfassenderen Wandel in Form einer großen Transformation und vielleicht hilft auch hier wieder der Blick in die Vergangenheit, um uns zu vergegenwärtigen, was wir als Menschheit bereits vollbracht haben und somit vielleicht auch in Zukunft schaffen können:
- vor 10.000 Jahren haben sich die Menschen von Jägern und Sammlern zu Bauern entwickelt
- vor 200 Jahren fand die industrielle Revolution statt (weg von den erneuerbaren Energien)
- heute können wir bei Wahrung der zivilisatorischen Standards auf eine nachhaltige Gesellschaft umstellen, wir brauchen also eine „Efficiency Revolution“
Diese Revolution solllte z.B. eine „Zero Waste Society“ (ohne Abfälle), das „Solar Age“ (Zeitalter der erneuerbaren Energien), einen kulturellen, institutionellen sowie eine Wandel im Lebensstil und in den internationalen Beziehungen beinhalten.

 

(4) Ein Meer voller Möglichkeiten

Gleichzeitig braucht es eine Transformation in Richtung einer Ökonomie der Nachhaltigkeit. Diese könnte sich z.B. aus einer Ökonomie des Teilens, der Langlebigkeit, des Prosumierens (gleichzeitiges Produzieren und Konsumieren), der Subsidiarität (z.B. basierend auf regionalen Energiegemeinschaften), der Resilienz (Reduzierung der Außenabhängigkeit, wie z.B. heutzutage die 100%ige Abhängigkeit von Erdöl) und einer Ökonomie der Gemeinschaftsgüter („Ecommony“) zusammensetzen.
Hieran wird deutlich, dass es neben technischer Innovation auch einer sozialen und kulturellen Innovation bedarf!

Wichtig ist hierbei ein Prozess „out of Nische“ „into mainstream“ und Beispiele gibt es schon heute genügend:
Transition Towns, Urban Gardening-Projekte, Repair-Cafés, collaborative consumption, Upcycling-Projekte und und und…

Dieser Prozess aus der Nische in den Mainstream, lässt sich mit folgendem Diffusionsmuster von Nachhaltigkeitsinnovationen beschreiben:
-Zunächst gibt es Einzelne, die an Bestehendem Kritik üben
-> alternative Pionierpraxis wird entwickelt
-> wechselseitiges Lernen unterstützt den Prozess auf gesellschaftlicher Ebene
-> politische Rahmenförderprogramme unterstützen den Prozess von staatlicher Ebene
-> massenhafte Diffusion
-> veränderte Praxis etabliert sich als neuer „Mainstream“

Dabei ist aber auch zu bedenken, dass sich ein Wandel nach diesem Schema nicht „bewusst“ oder absichtlich vollzieht (und somit stellt sich natürlich die Frage, ob wir selber bei diesem Prozess die Rolle eines Pioniers einnehmen oder lieber erst bei der massenhaften Diffusion aktiv werden wollen...)

Für mich zeigt dieses Schema, dass weder die Zivilgesellschaft noch die Politik allein einen Wandel in Richtung Nachhaltigkeit vollziehen kann, sondern ein konstruktives Zusammenwirken unabdingbar ist!


Aber was wäre eigentlich, wenn von einem Tag auf den anderen die zehn einflussreichsten Menschen diesen Wandel beschließen und umsetzen würden? Wäre er dann doch sofort möglich?
Aber sollten wir darauf hoffen? Oder sollten wir selbst versuchen, in diese einflussreichen Positionen zu kommen?

Auf jeden Fall ist es an der Zeit, den gesellschaftlichen Wandel aktiv zu leben, egal in welcher Position!

 

(5) Perspektivwechsel?

Bilder:
(1) http://www.loske.de
(2) http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Planetary_boundaries_deutsch.svg
(3-5) Eigene Aufnahmen

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Kommentare (6)
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Sortieren nach Aktualität:
07.12.2014
JuliusS hat geschrieben:
Also. lasst uns aus der Nische zum Mainstream werden! Schön, dass es hier schonmal einen Sammelpunkt für die "Nischler" gibt.
07.12.2014
LSternus hat geschrieben:
Interessante Perspektive. Finde ich gut.
07.12.2014
regentag hat geschrieben:
Super Artikel, du reißt spannende Perspektiven an! Du bist auf jeden Fall in der richtigen Position ;)
07.12.2014
pusteblumenstaub hat geschrieben:
Vielen dank für diesen echt total interessanten Bericht.
Leider ist es sehr schwierig, gerade den einflussreichen Leuten das alles klar zu machen, aber allein jeder einzelne kann ja schon viel verändern.
Echt gut geschrieben!
07.12.2014
Ria2000 hat geschrieben:
Der Bericht ist echt interressant, hab ihn mir glech zwimal durchgelesen, um alles Neue zu verstehen! danke! :) Gut geschrieben!
07.12.2014
midori hat geschrieben:
Wow! Vielen Dank für diesen perspektiverweiternden Bericht! Herr Prof. Loske ist auf jeden Fall ein Name, den man sich merken sollte!

Ich selbst denke auch, dass nur ein miteinander von Bottom Up und Top Down den endgültigen Wandel vollziehen kann, aber ich bin auch der Meinung, dass der erste Schritt (möglicherweise auch zwingend) von Top down kommen muss. Es sind einfach noch zu wenige Menschen auf dieser Welt, die verstanden haben, dass wir etwas ändern müssen und wir können nicht darauf warten, dass es auch die anderen noch begreifen, denn dafür haben wir einfach nicht mehr genug Zeit. Unter anderen Umständen wäre ein langsamer Wandel bestimmt möglich, aber nicht in dieser Situation, denn wir können den Klimawandel nicht rückgängig machen. Deshalb bete ich, dass die Klimakonferenz in Lima endlich ein brauchbares und erfolgreiches Ergebnis präsentieren wird! Alles andere wäre eine Schande für die Menschheit und ich würde mich jetzt schon vor meinen ungeborenen Kindern und Enkeln schämen.
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