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Wirbelstürme sind keine Ausnahme mehr. © Des Syafrizal / WWF
Jetzt wird's schmerzlich


von Peet
06.12.2015
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Pünktlich zum Start der 21. Klimakonferenz in Paris setzt die ‚Verbotene Stadt’ in Peking ein nicht ganz freiwilliges Zeichen. Sie versinkt im Smog. Ein zur traurigen Routine gewordenes und anthropogen verursachtes Naturereignis, mit verheerenden Folgen für die Menschen vor Ort und dem Klima weltweit. Das alljährliche Trauerspiel steht symbolisch für eine bisher weltweit verfehlte Klimapolitik. Was 1997 mit dem Kyoto-Protokoll als ambitionierter Schritt in eine progressive Klima- und Umweltpolitik begann, scheint spätestens seit der Klimakonferenz 2009 in Kopenhagen traurige Gewissheit zu sein: Realer Klimaschutz geht nicht ohne harte Einschnitte für alle.

Ich bin bei leibe kein großer Freund der Mathematik. Doch hin und wieder ist es die einzige Möglichkeit, die Führungsriege dieser Welt zu überzeugen. Do the math, sagt Bill McKibben, wenn es um das weltweite Klima und die Zukunft dieses Planeten geht. Der Klimaaktivist und Gründer von 350.org veröffentlichte vor drei Jahren einen Artikel im Rolling Stone, der bis heute überzeugt und aktueller denn je erscheint: Global Warming's Terrifying New Math

Ob wir es wollen oder nicht: Wir müssen dekarbonisieren. Das ist seine Nachricht an die Welt. Was Wissenschaftler schon seit geraumer Zeit diskutieren und fordern, ist dieses Jahr zum ersten Mal in einer öffentlichen Erklärung der G7-Staaten aufgetaucht. Bis 2100 soll die Weltwirtschaft dekarbonisiert sein, so die Erklärung der sieben Wirtschaftsnationen. Wie genau, dass steht noch in den Sternen. Es könnte aber als Erfolg der Umweltbewegung verzeichnet werden. Am Ende wird nun alles gut. Wirklich? Denn was müsste getan werden, um das von der Wissenschaft als akzeptabel vorgegebene 2-Grad-Ziel einzuhalten?

Grob gesagt, müssten die fossilen Ressourcen wie Kohle, Öl und Gas im Boden bleiben. Für die nächsten 40 Jahre bedeutet dies, dass etwa ein Drittel der gegenwärtig technisch und wirtschaftlich förderbaren Ölreserven ungenutzt bleiben. Bei Gas wäre es die Hälfte, und bei Kohle sollten mehr als 80 Prozent der Reserven nicht gefördert werden. Das langfristige Ziel wäre somit die Dekarbonisierung unseres Lebensstils.

Genauer gesagt reicht ein Blick auf das weltweite CO2-Budget aus. Das so genannte carbon budget verdeutlicht, wie viel CO2 noch emittiert werden dürfen, um das 2-Grad-Ziel zu halten. 565 Gigatonnen CO2 ist die Antwort. Knapp die Hälfte davon haben wir bereits genutzt. Denn bisher haben wir einen globalen Temperaturanstieg von 0,8 Grad erreicht.

Angesichts der Tatsache, dass wir bereits knapp die Hälfte des carbon budgets erreicht haben, erscheint es weniger beruhigend, dass der weltweite CO2 Anstieg trotz aller Bemühungen jedes Jahr im Schnitt um drei Prozent zunimmt. Und die weltweiten Bemühungen kommen nur schleppend voran. China redet nicht einmal davon, seine Emissionen bis 2030 zu reduzieren. Die USA rechnen sich ihre Reduktion schön. Und die Europäische Union kämpft in den eigenen Reihen um seine selbst gesteckten Ziele. Polen, Dänemark und Ungarn, sowie andere Staaten innerhalb der EU, verringern ihre Ambitionen und torpedieren die europäischen Ziele. Deutschland wird sein Ziel, die Emissionen bis 2020 um 40 Prozent im Vergleich zu 1990 zu reduzieren, verfehlen – die Wirtschaft wächst einfach zu stark.

Studie über Studie zeigt auf, dass die bisherigen Bemühungen nur der Anfang eines langen und beschwerlichen Weges waren. Andrew Jorden und andere Autoren scheinen dies zumindest in ihrer Analyse Understanding the Paradox of Multilevel Governing: Climate Change Policy in the European Union, veröffentlicht in der MIT Press, zu bestätigen. Dort rekonstruieren sie die bisherige EU-Klimapolitik und erkennen, dass die anfänglichen Klimaschutzbemühungen deutlich leichter umzusetzen waren, als die Aktuellen. Sie unterteilen zwischen Bemühungen, die der freie Markt oder der Bürger freiwillig umgesetzt hätte und den Bemühungen, die harte Einschnitte für Wirtschaft und Gesellschaft bedeuten würden. Gerade letzteres führt zu einer Stagnation der globalen Klimaschutzbemühungen, oder sogar wie das Beispiel Dänemark zeigt, zu einer Abkehr der bisherigen Klimaschutzziele.

Bisher scheint der politische Wille für Veränderung zu fehlen. Machen wir weiter wie bisher, wird laut Bill McKibben das CO2-Budget von 565 Gigatonnen CO2 innerhalb der nächsten 12 bis 16 Jahre erreicht werden. Fatih Birol, Chef der International Energy Agency, erklärte schon vor drei Jahren, dass sich angesichts dieser Fakten, das Klimaziel von zwei Grad niemals halten lässt. Es wird sich, ändert sich nicht grundlegend etwas, vermutlich sogar bis auf sechs Grad erhöhen.

"When I look at this data, the trend is perfectly in line with a temperature increase of about six degrees." - Fatih Birol, IEA.

Und was vor drei Jahren gesagt wurde, wurde auch schon vor 15 Jahren vermutet. Und damals wie heute, scheint es zur pathologischen Routine zu kommen, dass der Ruf der Wissenschaft in den blumigen Worten der Politik untergeht. Auf politischer Ebene wird taktiert oder teilweise sogar eine 180 Grad Drehung in Sachen Klimapolitik vollzogen, wie Australien und Kanada in den vergangenen Jahren gezeigt haben. Seit dem verbindlichen Kyoto-Protokoll hat sich nicht viel an eben solchen Verbindlichkeiten getan. Eine Absichtsverklärung jagt die Nächste. Es bleibt bei Worthülsen – bisher auch dieses Jahr.

Bereits 2011 hat der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderung, WBGU, in einem Gutachten für die Bundesregierung festgestellt, dass es von dringlichster Notwendigkeit ist, unter Einfluss von Klimawandel und fehlender Nachhaltigkeit, einen neuen Gesellschaftsvertrag zu etablieren.

Die ‚Transformation zur Nachhaltigkeit’ wäre vergleichbar mit der Neolithischen Revolution (der Verbreitung von Ackerbau und Viehzucht) sowie der Industriellen Revolution (dem Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft). Am Beispiel des Klimawandels heißt dies: Sollen mehr als zwei Grad Erwärmung vermieden werden, müssen die globalen Treibhausgasemissionen noch in diesem Jahrzehnt ihr Maximum überschreiten und danach sehr schnell sinken. Vor allem die Energiesysteme, die Landnutzung und die urbanen Räume sollten so umgebaut werden, dass klimaverträgliche Gesellschaften mit entsprechend angepassten Produktions- und Konsummustern sowie Lebensstilen entstehen können (siehe Grafik).

Quelle Abbildung: WBGU

Die Regierung in Deutschland hätte zumindest laut einer Studie des Umweltbundeamtes aus dem Jahr 2014 den Rückhalt der Bevölkerung. So heißt es in der Studie unteranderem: „Insofern ist in der Bevölkerung inzwischen ein bemerkenswerter Einstellungswandel festzustellen: Umwelt- und Klimaschutz wird immer seltener als isoliertes Einzelproblem betrachtet. Ihm wird vielmehr eine übergeordnete strategische Relevanz zugeschrieben, die in allen anderen Politikfeldern zu berücksichtigen ist. In der Bevölkerung ist angekommen, dass Fragen der Nachhaltigkeit nicht ausgeblendet werden können, wenn es darum geht Zukunftsaufgaben zu bewältigen.“ (siehe Grafik)

Quelle Abbildung: Umweltbundesamt

Doch noch immer scheint ein tatsächlicher Wandel, wie vom WBGU aufgezeigt, zu komplex und politisch nicht durchsetzbar. Die Energiewende in Deutschland, die weltweit mit einer Mischung aus Argwohn und Bewunderung betrachtet wird, ist hier nur ein Schritt von vielen, der gegangen werden muss. Das Gutachten und die Studie zeigen auf, dass es nicht allein bei der Transformation des Energiesystems bleiben kann. Auch Bill McKibben, sowie eine erdrückende Mehrheit weltweiter Wissenschaftler, plädieren für einen echten Wandel.

Es geht um die grundlegende gesellschaftliche Veränderung, die schmerzlich sein wird, die wir aber bisher Jahr für Jahr aufschieben. Es scheint fast wie das jährliche Bestreben eines jeden Menschen, im nächsten Jahr alles besser zu machen. Sich mehr zu bewegen, mehr zu engagieren, mehr Zeit mit der Familie zu verbringen. Und oftmals gehen die Bestrebungen im Alltag des Menschen unter.

Was also schon auf persönlicher Ebene zuhauf scheitert, scheint wohl angesichts der aktuellen Klima- und Umweltpolitik in Deutschland, auch auf nationaler und internationaler Ebene bittere Realität zu sein. Die letzten 20 Klimakonferenzen haben jedenfalls gezeigt, dass wir zu grundlegenden Veränderungen wenig bis gar nicht bereit sind. Zu unbequem scheint der Weg zu sein. Zu abstrakt das Thema.

Bei aller Skepsis und negativen Schlagzeilen rund um die bisherige Klimapolitik, gibt es natürlich auch den ein oder anderen Hoffnungsschimmer. Die Divest-Bewegung entzieht den großen Energieunternehmen, die ihr Geschäft größtenteils mit fossilen Energien befeuern, nach und nach das Geld. Eine neue Studie der Bank of England bestätigt nun, dass dies einen gravierenden Effekt auf die Energieriesen aber auch Finanzwelt weltweit hat.

Anhand des deutschen Energieunternehmen RWE zeigt die Studie auf, wie sich der Übergang von fossilen zu erneuerbaren Energien im Aktienwert einer Firma niederschlagen kann. Es besteht also Hoffnung, dass ein Umdenken stattfindet. Es bleibt lediglich die Frage offen, wie schnell wir bereit sind, dieses Umdenken nachhaltig umzusetzen.

Titelbild: Peter Jelinek
Abbildung 1: WBGU
Abbildung 2: Umweltbundesamt

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Kommentare (3)
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08.12.2015
Buchenblatt hat geschrieben:
Danke für den Artikel. Er verdeutlicht das Problem sehr gut.
Ich hoffe auch noch, dass es nicht nur bei Worthülsen bleiben wird und dass die Politiker endlich auf die Klimawissenschaftler hören und ihre Vorschläge umsetzen. Es kann doch nicht sein, dass alle ihr Handeln immer an das Handeln von anderen koppeln und dann sagen: wir reduzieren unsere Emissionen nicht, die anderen tun das ja auch nicht".
Ich bin gespannt, was nächste Woche das Ergebnis der Klimakonferenz ist. Hoffen wir, dass die Ansteckungseffekte bald wirken...
07.12.2015
Sunlight hat geschrieben:
Super spannend zusammengestellt!
Auch wenn die Message natürlich unschön ist...
Hoffen wir, dass uns das gesellschaftliche und politische Umdenken möglichst schnell gelingt! Immerhin sind ja schon ab 10% die Ansteckungsseffekte so groß, dass der Rest der Gesellschaft mitzieht... :)
07.12.2015
BlueLikeTheSky hat geschrieben:
Danke für den ausführlichen Artikel! Ich hoffe wirklich, dass die Klimakonferenz in Paris nicht nur erneut Worthülsen produzieren wird. Aber traurig ist dass schon, dass Präsident Obama und Präsident Putin ihre schicken gepanzerten Autos extra einfliegen lassen zu einer KLIMAkonferenz ... *hust, Vorbildfunktion* Und dass Deutschland einerseits den Kohleausstieg plant und trotzdem in anderen Ländern in Kohle investiert finde ich auch eher kontraproduktiv. (Obwohl Siegmar Gabriel natürlich bereit ist, auch das schön zu reden, denn es sei natürlich besser, wenn diese Länder beim Kohleabbau deutsche, fortschrittliche Technologien nutzen als ihre älteren.) Allerdings kommt in dem Artikel auch gut rüber, dass die Zeit zu handeln JETZT ist. Ich hoffe, dass die Politiker das nicht verschlafen / der Industrie nachgeben, weil diese Angst vor Einschnitten und wirtschaftlicher Degression haben. Umweltschutz geht vor!! :-)
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